Kriegsenkel

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    • Lisa Cortez schrieb:

      Einige Sachen habe ich mitbekommen, ich hatte als Kind Angst vor Sirenen und vor roten Backsteinhäusern.
      Erst viel später erzählte mir meine Mutter, dass sie mit 2 Jahren genau in einem solchen Haus gewohnt hat und ausgebombt wurden.
      Das heißt: Nicht einmal sie hat das bewußt mitbekommen,
      aber es auf mich übertragen.

      ich habe auch gelesen, dass Kriegserlebnisse in Demenz wieder hochkommen, und Pfleger viel damit zu tun haben, in diesem Buch:
      "Wo gehts denn hier nach Königsberg? - Wie Kriegstraumata im Alter wirken" von Udo Baer.
      liebe Grüße Lisa

      Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Das Baby merkt (vielleicht sogar schon im Mutterleib), dass die Mutter Angst hat. Vielleicht spannt die Mutter den Körper an, der Puls geht hoch, sie fasst das Baby fester, sie riecht nach Angst - vielleicht können Babys wie Hunde das Adrenalin auf der Haut riechen. Das Baby merkt: in der und der Situation hat Mama Angst, das muss gefährlich sein. Und ich könnte mir vorstellen, dass solche frühen Angstprägungen eine Eigendynamik entwickeln, gerade weil man sich an keine entsprechende Situation bewusst erinnern kann und sich fragt, "Wo zum Teufel kommt diese Angst her?" Gut, wenn die Mutter eine Erklärung liefern kann. Wenn sie allerdings diese Angst selber auf diese unterschwellige Art eingeprägt bekam, wird es noch rätselhafter.

      Bei Dementen verschwinden vermutlich die am tiefsten eingebrannten Erinnerungen als letztes. Das sind Kindheitserinnerungen, aber auch Traumata. Bei der Generation der jetzt 70-80-Jährigen trifft beides halt oft zusammen. Ich stelle es mir absolut grauenhaft vor, wenn man jeden Morgen sozusagen im Luftschutzkeller oder in Bergen-Belsen wach wird.
      Und ja, die Pfleger/innen haben massiv Probleme damit. Eine Zwanzigjährige kann sich eben nicht vorstellen, warum der alte Mann panische Angst vor dem Treppenhaus hat oder die alte Frau wie um ihr Leben kämpft, wenn sie unter die Dusche gestellt werden soll...
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • ein junger Mann, den ich kenne, ist mit einer Aktion für
      ein Jahr in ein Altersheim gegangen, um dort zu arbeiten.
      Ein sehr alter Shoah-Überlebender hatte dort panische Angst
      vor ihm, weil er Deutsch sprach. Dieser junge Mann hat
      mit der Zeit ihm die Angst genommen, er wollte zum Schluß
      nur von ihm zur Dusche geführt werden, immer wieder waren
      bis dahin die Erinnerungen an die Todesduschen der Gaskammer
      hochgekommen. Und seine Träume davon haben aufgehört.
      Der junge Mann hatte das Gefühl, daß er dort für die alten
      Überlebenden wirklich etwas getan hat. Ein Beispiel dafür, was
      einer erreichen kann. Ich fand ihn etwas ganz Besonderes.
    • Das schlimme ist--man hat in den "Altersruheheimen" gar keine zeit, sich um die Leute dort zu kümmern....wenn die in Schüben ihre Kriegserfahrungen wieder erleben...(Das muss sehr, sehr schlimm sein)

      Teilweise kann ich meine Eltern verstehen (aber nichts entschuldigt sie davon, mich nicht "richtig" erzogen zu haben...eher "dressiert")
      Sie SIND die Generation 0 (meine Mutter Jahrgang 40 , mein Vater 37)
      ER der "Flüchtling" bis in die 70er Jahre hinein beschimpft von der Schwiegermutter (meiner Oma),und meine Mutter Kriegskind. Ihr Vater (also mein Opa) war SChreiner...und als er sich weigerte, für die SS irgendwas zu bauen, wanderte er in den Knast.. Die Amis beschlagnahmten das Haus nach Kriegsende--es wurde eine Funkzentrale draus (sie hatten damals ist höchste SCheune vom Ort).

      Meine Mutter kann heute noch ein paar Brocken Russisch(obwohl ja die Amis kamen)...und sie berichtete EINMAL (da war sie mal vom Sekt angedüdelt), wie sie sich im Kohlekehler unter den Kohlen einen Tunnel gegraben hat...wenn Nachts die Amis kamen...

      Ich (oder wir Kinder) wurden immer erzogen nach "Gehorsam---arbeiten---ruhe halten!"...das wírkt heute noch.. "Kinder hat man nicht zu hören noch zu sehen!" wurde mir als Kind immer gesagt..
      Wenn uns damals -als wir neben der Schule noch jobbten (Regale in nem Supermarkt einräumten), "Streß" mit dem Vertreter der Firma hatten--wurde immer gesagt "Sei ruhig, sag nix...das wird wieder!"...

      Immer das "ruhig--sag nix!"....ist heute noch bei mir präsent.. Auch im Berufsleben....da stünde mir laut Arbeitsplatzbeschreibung vorneweg 300 Euro brutto mehr zu....aber eben dieses berühmte "sag nix" hielt mich 4 Jahre davon ab...jetzt--mithilfe einer Kollegin...hab ich mal ne Lohnüberprüfung machen lassen...mal gespannt, was da rauskommt. Laut Betriebsrat steht mir das auf jeden Fall zu......--Naja , andere Baustelle.

      Ich denke, meine Eltern haben sich "nur nicht auffallen" auf die Fahne geschrieben. --Mein Vater ist nun Pflegefall--er kann nur noch ein paar Meter laufen. Wir haben ZWEI Jahre an ihn drangeredet, dass er sich einen Treppenlifta hat einbauen lassen....nun blüht er auf..(eben: Nur nicht auffallen, nicht um hilfe fragen)
      Teilweise wundere ich dann über mich selber, wieweit ich über mich hinauswachsen kann....Ich traue mich Sachen, die ich früher NIE gewagt hätte... (eben weil: Halt´s Maul und schaffe bis zum umfallen )

      Auf jeden Fall werd ich mir die Bücher besorgen!!!


      Pesi
    • ich habe gerade das Vorgängerbuch "Kriegskinder - die vergessene Generation" zu Ende gelesen und denke, ja, das ist sie, das ist die Generation, die zwischen 1935 und 1945 geboren ist.
      Gleichzeitig tun sie mir so schrecklich Leid. Für Nazis habe ich wenig Sympathien,
      und die Szene im Sportpalast, als Göbbels fragt: "Wollt ihr den totalen krieg?!", und alle stehen auf und brüllen: "Ja!", das hat sich mir eingebrannt.
      Wen ic h ganz vergessen habe, sind diese kleinen Kinder, die wimmernd und zitternd im Luftschutzbunker sitzen, die Hunger haben, die Angst haben.
      Die würde ich am liebsten umarmen und wie gesagt, sie tun mir schrecklich Leid.
      Vielleicht hilft es mir, in manch kaltherzigem, sturköpfigen Alten so ein Kind zu sehen.

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • Ich möchte mich auch zu Wort melden. Ich bin zwar erst 21 (also Jahrgang 1992), aber meine Großeltern wurden in den Jahren 1936 (m.) + 1939 (w.) väterlicherseits, mütterlicherseits 1939 (m.) und 1948 (w.) geboren. Darum gab es auch hier viel aufzuarbeiten - und gibt es noch immer. Sie leben alle vier noch und sind relativ gesund.

      Ich bin ja bekanntlich aus Österreich, und meine Heimat ist dort, wo die Russen besetzt haben.

      Mein Großvater (1936) hat mir erzählt, dass einer seiner Onkel eingesperrt und später erschossen wurde, weil er öffentlich sagte, dass Hitler ein A....loch sei. Außerdem hat er 9 Geschwister, davon 2x Zwillinge (alles Mädchen). Seine Mutter starb sehr früh (das belastet ihn bis heute sehr stark), sein Vater war mit den Kindern überfordert. Mit 17 wurde er dann von einem kinderlosen Ehepaar adoptiert. Kurz, bevor er adoptiert wurde (mit 15 oder 16), wurde er Zeuge von etwas ganz, ganz Furchtbarem: Eine seiner ältesten Schwestern wurde von einem russischen Soldaten vergewaltigt. Sie hatte Blutungen und hätte um ein Haar nicht überlebt. Er hat den russischen Soldaten gemeinsam mit einem älteren Bruder die Seele aus dem Leib geprügelt. Seither hat er einen Hass auf alle kommunistisch orientierten Menschen. Er hasst auch Nazis, aber unterm Strich ist er jetzt eher rechts orientiert. Er ist jetzt ein sehr dominanter Mensch, seine Frau hat nichts zu melden und sie leidet sehr darunter. Das beginnt damit, welche Farbe das neue Auto haben soll, und endet damit, dass er ihr sagt, wie sie etwas kochen soll, obwohl er selbst NIE einen Kochlöffel in die Hand genommen hat.

      Mein anderer Großvater hat das, was er alles erlebt hat, mit Arbeit kompensiert. Beim Arbeiten war und ist er immer hochkonzentriert, er will den ganzen Tag arbeiten. Er teilt es sich so ein, dass er immer genau den ganzen Tag braucht. Er hat unseren Weinkeller restauriert, er malt das Haus und das Wirtschaftsgebäude neu aus, er macht Beschäftigungstherapie. Er war noch jünger, als in Österreich die Besatzungszeit begann, die Soldaten haben ihm Russisch gelernt und sie lebten nebeneinander. Zumindest dann später. Zuerst haben sie natürlich alle Pferde gestohlen (beim trächtigen haben sie gewartet, bis das Fohlen da war, dann haben sie auch das geholt, und das Fohlen starb natürlich) und alles, was für sie nützlich war, aber dann waren sie ganz OK zu den Kindern.

      Die jüngere Oma hingegen ist nicht auszuhalten, besonders für meinen Opa. Meine Uroma (* 1917 + 2011) aber hat MINDESTENS ein Trauma aus dem Krieg. Meine Uroma und der Onkel unseres betagten Gegenüber-Onkels waren drauf und dran, zu heiraten, doch da musste er in den Krieg ziehen und kam nie wieder zurück. Das hat ihr das Herz gebrochen. Sie ist dann eine Zweckehe mit einem Freund von ihm eingegangen, der aus dem Krieg verwundet wieder zurückkam. Mit ihm hat sie dann zuerst meine Oma und dann meine Großtante bekommen. Sie hat aber nie akzeptiert, dass der Vater ihrer Kinder nicht ihre große Liebe war. Als meine Oma sich dann mit 17 Hals über Kopf in meinen fast 10 Jahre älteren Opa verliebt hat, war das ganz furchtbar für meine Uroma. Sie ließ sie erst nach 7 Jahren Beziehung und "mit was im Ofen" (meine Tante) heiraten. So wurde dann im September geheiratet und im Jänner war die unbefleckt Verheiratete schon Mutter. Das hört sich jetzt vielleicht lustig an, aber ich habe bei beiden Seiten ganz furchtbare Geschichten dahinter, auch wenn es schöne Geschichten aus der Kindheit meiner Großeltern gab.

      Ich lasse mir alles recht gerne erzählen, ich habe mir vorgenommen, mir im Februar alles noch einmal erzählen zu lassen und alles aufzuschreiben.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Malinki ()

    • Bei mir gab und gibt es nach wie vor ungeklärte Ereignisse. Meine Oma mütterlicherseits hat viel erzählt, auch von ihrer Vertreibung aus Pommern, sie war Jahrgang 1925. Meine Opas habe ich nie kennengelernt. Der eine ist drei Jahre vor meiner Geburt gestorben, der väterlicherseits aht meine Oma geschwängert und ist aus irgend einem Grund verschwunden, mein Vater ist also unehelich zur Welt gekommen. Sie stammt aus der Gegend um Breslau (das Detail habe ich heute erst erfahren) und ist nach Niedersachsen rüber. Sie hat anschließend geheiratet, allerdings war der Stiefvater nicht so die optimale Wahl, weshalb mein Vater einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in Heimen verbracht hat. Das hat ihn ziemlich geprägt, mit der "Zucht und Ordnung", den Strafen und der Arbeit, die er leisten musste. Sein Stiefvater hat seine Mutter geschlagen, bis er selbst, als er älter war, ihn mal verprügelt hat. Er war wohl früher sehr jähzornig.
      Auf jeden Fall ist er dominant, hat keine Freunde und hängt an meiner Mutter. Die wiederum ist sehr nachgiebig, flüchtet sich in ihre Hobbies, ist aber ansonsten freundlich und umgänglich. Mein Vater kann mit Worten sehr einfach und zielgenau verletzen, ist rechthaberisch und kann schlecht zuhören. An psychologischer Hilfe hat er kein Interesse und er nimmt nicht wahr, wie negativ er von anderen eigentlich wahrgenommen wird.

      Mich persönlich hat dies natürlich auch geprägt. Grundsätzlich habe ich das Ziel, meine zukünftigen Kinder "normaler" zu erziehen als mein Vater. Mal gucken, wie er sich als Großvater macht...

      Gruß
      Dani
      Fat people have the right to exist in fat bodies regardless of how we got fat, what being fat means, or if we could be thin through some means – however easy or difficult. There are no other valid opinions on this. We have the right to exist without [...] stigmatization, period. (Ragen Chastain)
    • Das Traurige ist, dass heute, jetzt, in diesem Moment, Menschen immer noch so schreckliche Dinge erleben müssen. Da baut sich wieder eine Hypothek an deformierten Seelen auf, mit Auswirkungen noch in den folgenden Generationen...
      Wir hatten in der Firma eine Zeitlang einen Kollegen aus Afghanistan, der war schon mit 10 als Frontsoldat im Krieg. Der war so gestört, dass er gefeuert werden musste, der war gar nicht mehr fähig zu normalem Sozialverhalten. Und es gab den Balkankrieg und die Golfkriege. Auch schon wieder vergessen, aber nicht von den Menschen, die damals alles verloren haben, oder gefoltert wurden oder vergewaltigt. Oder aktuell die Flüchtlinge aus Syrien, denen Haus und Job überm Kopf weggebombt wurden, oder Menschen aus irgendwelchen bürgerkriegsgebeutelten afrikanischen Ländern. Wenn man da mal erfährt, was die Gesetzlosen da besonders mit Frauen anstellen, kriegt man Brechreiz. Aber wenn die dort wegkommen wollen, sind das ja alles "Sozialschmarotzer", wie gewisse Steuerhinterzieherbonzen so gern schwadronieren.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Letzthin kam ein sehr guter Film. "Brothers" mit Jack Gyllenhaal. Es war sehr eindrücklich, was die Folter mit einem Menschen macht. Dabei ging es um den Krieg in Afghanistan. Aber so sind Männer und Frauen aus allen Kriegen heim gekommen.

      LG Finchen
    • Sophie schrieb:

      Das Traurige ist, dass heute, jetzt, in diesem Moment, Menschen immer noch so schreckliche Dinge erleben müssen.
      Das ist leider so was von wahr. Als ich in den letzten Wochen den einen oder anderen Jahresrückblick gesehen habe, habe ich mich selbst mal intensiv zur Ordnung gerufen und infolgedessen meinen in letzter Zeit leicht hysterischen Aktivismus hinsichtlich einer Änderung meiner Lebens-/Gesundheitssituation komplett eingestellt.

      Ich habe eigentlich nur ein Problem: 'nen toten Hüftkopf. Ansonsten: Ich lebe in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen, habe ein Dach über dem Kopf, einen Wasserhahn, aus dem sauberes, bei Bedarf auch warmes Wasser kommt, lebe in einem freien Land, in dem Frieden herrscht und in dem meine Erkrankung geheilt werden kann, und mich begleiten tolle Menschen, die mich lieben, wie ich bin.

      Ich will jetzt mal wieder dankbar und zufrieden sein.
      Aus organisatorischen Gründen bevorzuge ich die Kommunikation per eMail.
      Ihr erreicht mich daher ausschließlich über die eMail-Adresse im Impressum.
    • Das Buch Kriegsenkel habe ich auch gelesen. Im Bücherladen hatte ich mich förmlich angesprungen... Zuerst dachte ich mir, naja als Jahrgang 1971... hm weiß nicht... Aber es kamen immer wieder Sätze darin vor, mit denen ich mich voll und ganz und meine Familie/Eltern identifizieren konnte.
    • ...und es kommt immer wieder hoch...

      Hallo an alle,

      mit großem Interesse habe ich Eure Beiträge in diesem Thread gelesen.

      Auch wenn der Begriff "Redeverbot" unangenehm aufstoßen kann, so kann ich ihn doch nachvollziehen: vor Kurzem habe ich mit meiner Tochter zusammen gesessen und ihr Geschichten über ihre Großeltern, meine Eltern, erzählt (einiges weniges über den Krieg, mehr über die Nachkriegszeit). Sie hat mich reden lassen, aber von ihrem Bruder befragt, gab sie zu, sich genervt zu fühlen. Ich lebe zu sehr in der Vergangenheit, warf sie mir vor. Ich war betroffen. Meine Absicht war gewesen, ihr die deutschen Großeltern (ich bin mit 23 nach Spanien ausgewandert, habe dort meine Familie geschaffen, und die Beziehung zu Deutschland im Allgemeinen und den deutschen, mittlerweile verstorbenen Großeltern im Besonderen war eher dürftig) näher zu bringen. Aber ich finde, meine Tochter tut recht daran, für sich zu entscheiden, welche Kenntnisse und welche Beziehung sie haben möchte. Es ist ihr Leben, und wenn sie rechtzeitig potenzielle Fremdbelastungen erkennt, dann Hut ab!!

      Meine Aufgabe erkenne ich darin, in meinem eigenen Leben aufzuräumen; das ist ja schließlich auch das einzige Leben, in dem ich das tun kann. Fremdbelastungen zu erkennen und mit einem mitfühlenden "danke für dein Vertrauen, aber ich übernehme diese Last nicht" abzuwehren.

      Ich bin relativ neu im Aufarbeiten von Kriegs- und Nachkriegserlebnissen, aber besser spät als gar nicht. Ich fühle: jetzt ist der Moment gekommen, und ich möchte den Auftrieb nutzen. Als 1957 Geborene gehöre ich zwar weder zu den Kriegskindern, noch zu den Kriegsenkeln, aber Krieg und Nachkriegszeit gehörten zu meinem Alltag wie die Luft zum Atmen, auch wenn sie vorwiegend schweigend vorhanden waren.

      Worum es mir hier speziell geht, ist die Beziehung zwischen ererbter Kriegsnot und dem Essverhalten. Meine Mutter erreichte am Ende ihres Lebens ein Gewicht von über 100 kg bei einer Körpergröße von ca. 160cms, litt unter ihrem Aussehen; sie teilte das Essen immer peinlich genau ein, sorgsam rationiert, es gab einen Wochenspeiseplan, der kategorisch eingehalten werden musste. Außerhalb der vorgesehenen Essenszeiten durften wir Kinder keinen Hunger melden. Gegessen wurde, was auf dem Teller lag. Mäkeleien oder gar Proteste wurden als Respektlosigkeit geächtet und mit Liebesentzug bestraft. Auf der anderen Seite trainierte mich meine Mutter von früh an, Süßes als Belohnung oder willkommene Begleitung für Ungeliebtes zu verstehen. So z.B. konnte sie mich nur dazu bringen, den verhassten Blumenkohl zu essen, wenn er mit Himbeersyrup übergossen wurde: wenn ich heute daran denke, laufen mir kalte Schauder den Rücken herunter; das muss doch abscheulich geschmeckt haben!!!!

      Mein Vater hat, seit ich denken kann, kommentarlos alles gegessen, was meine Mutter ihm vorsetzte. Sie konnte ihn nie dazu bringen, eine besondere Vorliebe für das eine oder andere Gericht oder Zubereitungsweise zu äußern. Auf insistenteres Drängen hin war sein abschließender Kommentar immer: "ein gesundes Schwein frisst alles". Wer kann da schon widersprechen??

      Davon abgesehen, war Mehl ein wichtiger Bestandteil der Ernährung: mit Mehl gedickte Soßen, Eierkuchen, Mehlschwitze, sogar gekochtes Kraut wurde mit Mehl eingedickt. Der besondere Renner waren allerdings Backwaren, besonders süße. Schokolade und Pralinen waren ein seltener Luxus und stellten eine Erinnerung an vergangene Zeiten dar. Meine Eltern stammten aus Thüringen. Nach Entlassung meines Vaters aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Niedersachsen, holte er seine Frau "über die grüne Grenze". Dann wurde die Grenze dicht gemacht, und die Familienbande weitgehend zerschniten.

      Wenn ich aus meiner frühen Kindheit noch den Spruch kenne: "Weißbrot: heute rot, morgen tot", so zog doch das verpönte Gebäck zusehends in den Speiseplan ein. Die Vorliebe für's Süße habe ich behalten: Kuchen, Kekse, Eis, Schokolade.....Wie schon in der Vorstellung gesagt: nächste Haltestelle 90 kg. Von nix kommt halt nix.

      Beim Durchlesen des gerade Geschriebenen klingt mir das alles ziemlich konfus. Vielleicht kommt ja im Gespräch mit Euch etwas Licht in diese Geschichte? Vielen Dank schon mal im voraus für Eure freundliche Beteiligung.
    • @Flunder

      Für mich - geboren 1958 - klingt Dein Beitrag überhaupt nicht konfus.
      Im Gegenteil: da ist so vieles drin, was ich wiederkenne.

      Zum Beispiel das mit dem Süßen und dem Mehl - bzw. der Stärke - kenne ich auch. Vanillepudding mit selbst eingekochtem Schwarzjohannisbeersaft obendrüber war das Mittagessen. Oder Schokoladenpudding mit eingekochten Birnen. Oder Dampfnudeln. Oder Waffeln. Oder, zur Abwechslung mal, Grießbrei mit Zucker und Zimt. Oder Reisbrei. Nichts dahinter, nichts davor. Das war das Mittagessen.
      Zum Abendessen wollte sie gerne, daß mein Vater Marmeladenbrot ißt. Besser gesagt: Marmeladenbrot als Abendessen.
      Weil selbst eingekocht, und weil sparsam.
      Hat er aber abgelehnt. Wollte Wurst oder Käse aufs Brot. So ein "Verschwender"!

      Dieses Sparen bei der Ernährung!
      Für mich ist das - aus heutiger Sicht - aus zwei Quellen gespeist: erstens die Sparmaßnahmen während der Kriegs- und Hungerjahre. Zweitens, Sparen à la Kapitalismus, der ja damals nach dem Krieg richtig heraufzukommen begann.

      Zum Zucker habe ich noch was Interessantes in der Geschichte gefunden.
      England war das erste Land in der Geschichte, in dem sich die ärmsten Schichten mit Zucker und Brot zu ernähren begannen. Ebenfalls zu einer Zeit, als der Kapitalismus richtig heraufzukommen begann. Damals war Zucker so billig geworden, daß er "die billigste Kalorie" überhaupt war.
      Und die Menschen arbeiteten sechzehn Stunden Schichten. Für einen Hungerlohn. Kein Geld und keine Zeit zum richtig Kochen.
      Der Zucker kam aus "Westindien", und der Tee aus "Ostindien".
      "Tea and two slices" - zwei Scheiben Brot mit Marmelade oder Zucker, und heißen Tee dazu, ergaben die Illusion einer warmen und nahrhaften Mahlzeit.
      Davon haben sich die Ärmsten ernährt.
      Mir kommt es immer so vor, als sei es die Nahrung für die Industriesklaven gewesen. Und heute - ... ???

      Fleisch und Fett vor allem, wurden durch Kohlenhydrate "ersetzt".

      Schön daß Du dieses Thema wiederbelebt hast, Flunder!

      Liebe Grüße
      Issi
    • Hier habe ich noch einen Artikel aus dem ERSTEN Krieg gefunden, im "Badischen Kriegskochbüchlein" von 1915:
      (in Auszügen)

      "An die Hausfrauen! Die deutsche Familie ist jetzt vor die Aufgabe gestellt, mit allem Ernst und Pflichtgefühl den Kampf gegen den englischen Aushungerungsplan aufnehmen zu müssen. England will die deutschen Familien dem Hunger preisgeben ...

      So völkerrechtswidrig diese Art der Kriegführung gegen Wehrlose, gegen Frauen und Kinder ist, wir müssen leider bitter ernst damit rechnen; denn England hat die Zufuhr von Nahrungsmitteln nach Deutschland unterbunden, wir sind genötigt, ohne diese Zufuhren unsere Ernährung durchzuführen, indem wir die Nahrungsmittel, die unser Land selbst hervorbringt, haushälterisch und sparsam verwenden.

      ... Die Hausfrau ist die Hüterin des Herdes, in ihrer Hand liegt es, den Haushalt so zu führen, daß der Plan unserer Feinde zunichte gemacht wird.

      Jeder Bissen, der gespart wird, jedes haushälterische Vorgehen bei der Bereitung der Speisen trägt dazu bei, die Wehrkraft unseres Vaterlandes zu stärken. Die Kriegssparsamkeit im Haushalte ist das beste Rüstzeug, das wir in diesem volkswirtschaftlichen Kampf zur Verfügung haben.

      ...

      Die Friedenszeit mit dem ungeahnten Aufschwung Deutschlands, mit der Zunahme des Wohlstandes hat das Gefühl für die Kostbarkeit der Nahrungsmittel vielfach verloren gehen lassen, man war sich nicht mehr bewußt, was es bedeutet, wenn wir im "Vaterunser" beten: Unser täglich Brot gib uns heute".

      ......

      Dies Büchlein soll den Hausfrauen ein Ratgeber dafür sein, wie sie die Küche den Anforderungen, die der Krieg hervorgebracht hat, anpassen können. Es zeigt, daß es möglich ist, einem Mangel an Mehl, Fett und Fleisch Rechnung zu tragen und doch Speisen zu bereiten, die uns kräftig und gesund erhalten ...

      Nach Aussprache bekannter Nationalökonomen müssen wir, um mit den vorhandenen Vorräten bis zur nächsten Ernte haushalten zu können, an Stelle von einem Teil Mehl, Fleisch und Fett täglich 400 gr Kartoffeln pro Kopf treten lassen.

      ....

      So wird auch auf diesem Gebiet, durch die notwendige erzieherische Sparsamkeit, aus dieser ernsten Zeit Segen ersprießen zum Wohle unseres teuren Vaterlandes."



      aus:
      Badisches Kriegskochbüchlein, Winke für die Hausfrauen während der Kriegszeit
      herausgegeben vom Badischen Frauenverein
      Karlsruhe i.B.
      C.F. Müllersche Hofbuchhandlung m.b.H., 1915

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Issi () aus folgendem Grund: Buchstabendreher in der Quellenangabe berichtigt

    • wir hatten in England bis 1954 Lebensmittelkarten.
      Und viele waren sauer, weil es 1948 in Deutschland
      alles gab und bei uns nicht.

      Tea and two slices (siehe George Orwell) war das billigste
      an einem Stand für Arme, aber nicht mit Zucker, eher mit Schmalz.

      Wir hatten bis 1954 wenig Zucker. Für uns Kinder gab es pro Woche
      vom Staat eine Flasche Lebertran und eine Flasche Vitamin C
      Orangenextrakt, wurde uns täglich eingeflößt, ich hab den Geschmack noch im Mund. Und pro Kind pro Tag ein Pint Milch. Wir hatten wenig ernährungsbedingte Krankheiten.
    • Ich bin Jahrgang 63 und komme aus Südwestdeutschland , was ja eine große Affinität zu Mehlspeisen schon impliziert ;)
      unsere Essen waren sehr einfach und nahrhaft. Obst und Gemüse gab es je nach Jahreszeit, und an Fleisch - wenn überhaupt - Würstchen.
      . Meine Vorstellung von Luxus war es, mit einem Marmeladenbrot oder mit einem Zuckerbrot ( Brot mit Zucker bestreut)in der Hand auf die Straße laufen zu dürfen, denn gegessen wurde am Tisch und zu den drei Mahlzeiten und "street food" gab es nicht.
      Im Schwimmbad verkaufte das Kiosk trockene(!) Brote mit Senf bestrichen für 20 Pfennig, die holte ich mir dann.
      Süßigkeiten gab es selten und wenn, dann eher nix hochwertiges, sondern der ganze bunte "Schleckerkram" wie Brausepulver, Lutscher und diese Zuckerhalsketten oder Liebesperlen. Scholkolade war bei uns zu Hause selten, da recht teuer.
      Auch dass man ständig mit einer Wasserflasche bewaffnet war, gab es nicht. Kinder hatten öfter Durst und auch öfter Hunger ( besonders in der Schule).
      Wenn ich heute die Mütter sehe mit Flaschen, Keksen, Tupperschüsseln mit kleingeschnittenem Obst etc, finde ich das komisch, ich finde durchaus, dass eine Stunde Bedürfnisaufschiebung nicht schadet.
      Ich hatte keine Gewichtsprobleme und meine Eltern auch nicht, meine Großeltern, die voll von der "Fresswelle" der Fünfziger ergriffen gewesen waren, allerdings schon.
      Weil ich als Kind ja krank gewesen und zu dünn war, musste ich Kakao (aus Vollmilch, mit Haut, grausig) trinken und Sahnequark essen - ich fands scheußlich.

      Ich habe eher das Gefühl, seit die Leute zu sehr aufs Essen achten und heute dieses , morgen jenes verteufeln, haben die ganzen Gewichtspobleme angefangen. Dabei ist die einzige Tatsache, dass wir ein Überangebot an Nahrung haben und das nicht nur zuhause, sondern an jeder Ecke wird "gesnackt". . Und das Essen im Verhältnis zum Einkommen billig ist. Und dass man nicht weiß, wie die ganzen Zusatzstoffe in Wechselwirkung wirken. Früher machte meine Mutter mit Mehl, Eier, Wasser Pfannenkuchen, heute gibt es diese halbfertigen Backmischungen mit vielen E- Stoffen.

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • Ich bin ja definitiv kein Kriegsenkel oder so, aber trotzdem finde ich diverse Dinge wieder, die wiederum meine Eltern (Jahrgang '51) an mich weitergegeben haben. Wir haben auch manche Mahlzeiten komplett süß gegessen, beliebt waren Pfannkuchen, Arme Ritter, Kartoffelpuffer oder auch Milchreis mit Zimt, Zucker und Apfelmus. Meine Mutter hat irgendwann halbtags gearbeitet und war nicht zum Mittagessen zuhause, da wurde dann morgens der heiße Topf mit Milchreis angesetzt in einer Decke und wir haben ihn mittags gegessen.
      Auch so eine Sache: Mein Vater hat sich dann und wann etwas "gegönnt", was dann nur für ihn war, eine spezielle Käsesorte zum Beispiel, und wir Kinder durften dann ein kleines Stück zum Naschen haben, aber nicht wirklich was davon essen. Die Brotscheiben wurden vorher abgezählt, die Margarine durfte nicht zu dick sein, man durfte nur eine Scheibe Käse aufs Brot haben und es gab den billigen Käse aus der Mischpackung, wo wir uns immer um die besten Scheiben gestritten haben. Und das Zuckerbrot gab es auch ab und an, aber das war schon was Besonderes, weil purer Zucker ja eigentlich "ungesund" ist. Eine Scheibe Graubrot mit dünn Margarine und einmal mit Zucker rundum bestreut. Süßigkeiten waren auch rationiert, auch die günstige Variante immer.
      Eigentlich wundert es mich im Nachhinein gar nicht so, dass ich irgendwann anfing, beim Abräumen des Abendbrottisches heimlich Käse und Wurst abzuzweigen. Oder dass ich einen Großteil meines Taschengeldes für Leckereien aufwandte. Oder dass ich noch immer weder Margarine noch Halbfettmilch (schon gar nicht die billige H-Milch) ausstehen kann. Letztere gab es auch, weil sie 6 Pfennig günstiger war als die Vollmilch. Und das günstigste Mineralwasser, den 50%igen Apfelsaft etc.

      Meine Eltern haben damals nicht viel Geld übrig gehabt, insofern sind so einige Dinge aus jetziger SIcht schon nachvollziehbar, allerdings haben sie ihre Gewohnheiten nicht übermäßig verändert... einziger Unterschied: Statt Nudeln mit Tütensauce gibt es jetzt mehr Convenience-Produkte aus dem Kühlschrank bzw. Tiefkühler.
      Und ich denke noch, dass es für mich plausibler gewesen wäre, wenn öfter mit "wir haben kein Geld" als mit "wir wollen das billiger kaufen, weil es Verschwendung ist, teuer zu kaufen" argumentiert worden wäre. Aber das ist wohl zuviel verlangt. :cool:

      Grüße
      Dani
      Fat people have the right to exist in fat bodies regardless of how we got fat, what being fat means, or if we could be thin through some means – however easy or difficult. There are no other valid opinions on this. We have the right to exist without [...] stigmatization, period. (Ragen Chastain)
    • Ich bin Jahrgang 62, und auch in unserer Familie waren die "Kriegsfolgen" noch spürbar. Meine Eltern hatten als Teenager Hunger erfahren, mein Vater (Jahrgang 32) war unter den Vertriebenen aus Schlesien, und meine Mutter (Jahrgang 31) hat in den Ruinen im zerbombten Ruhrgebiet überlebt, verbrannte Lebensmittel aus den Trümmern gegraben. (Was für Lebenserfahrungen kommen mit den vielen Flüchtlingen her? Werden diese Menschen mit ähnlichen Lebensläufen ein ähnliches Essverhalten entwickeln?)

      Die eine Oma war als "Halbzigeunerin" und Bergmannswitwe in Zwangsarbeit - nur gute Beziehungen und die Tatsache, dass zwei ihrer Söhne für den Führer gefallen waren, retteten sie vor dem KZ, ihre Geschwister und meine Uroma nicht - die Kinder mussten sich allein durchwursteln. Der andere Opa war ein paar Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Zu Essen gab es für beide fast nichts. Über das Erlebte wurde geschwiegen, es gab keine Traumatherapie. Aber aus Filmen und Romanen kann man sich in etwa vorstellen, was die zwischen 1900 und 1940 geborenen Generationen erlebt haben, und manchmal kam der eine oder andere Satz ans Tageslicht. Wenn ich beim Opa die Schwarte vom Eisbein nicht essen wollte, gab es Schläge mit dem Argument "wir haben tote Ratten mit dem Fell gegessen". Lebensmittel wegzuwerfen oder freiwillig weniger zu essen war für diese Menschen unvorstellbar nach so vielen Jahren, in der "Unterschicht" oder bei den Sinti sogar nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten des Hungers.

      In der Armee, in Gefangenschaft oder in Flüchtlingslagern gab es, wenn überhaupt etwas, irgendwelche Gemüseabfälle, Brotrinden und Steckrüben in meistens mehr, seltener weniger Wasser gekocht. Klar dass mein Opa und mein Vater nichts mehr davon wissen wollten und so richtig bei Fleisch und Fett und weißem Brot zulangen wollten. Meine Oma hat erst mit Mitte 40 das erste Mal in ihrem Leben Kuchen gegessen (kein eingeweichtes Brot mit Zucker, sondern richtigen Kuchen), danach war sie kuchensüchtig. Auch meine Mutter verband Glücklichsein mit Kuchen, und wir als Kinder haben das auch gespürt. Kuchen macht glücklich. Heute bin ich nicht mehr so der Kuchenfan, aber der Geruch beschwört immer noch Bilder von Frieden und Familie herauf.

      Wenn man sich den Speiseplan von damals anschaut: trockenes Graubrot (manchmal mit Butter oder Apfelscheiben, und das Senfbrot kenne ich auch noch, oder Brot mit Maggi getränkt) Erbsen, Bohnen, Linsen, Sauerkraut, Steckrüben, Pellkartoffeln, Brotsuppe, Resteeintopf, Fleisch nur am Sonntag für den Vater in Form stark brötchenhaltiger Frikadellen oder als Suppenfleisch, das dreimal ausgekocht wurde. Statt Limo oder Mineralwasser haben wir einfach Leitungswasser direkt aus dem Hahn getrunken. Später die erste Cola, das war etwas Neues, Einzigartiges, Köstliches, bitte mehr davon...

      Essen, was über das blanke Sattwerden hinausging, war etwas Besonderes, und galt als Belohnung, Anreiz, Lustgewinn. Und je mehr desto besser. Diese Überzeugung ist in dem unserer Generation vermittelten Wertesystem eigentlich immer noch enthalten.

      Im Gutenberg-Projekt gibt es übrigens ein altes Kochbuch von 1905:
      gutenberg.org/cache/epub/13921/pg13921-images.html
      Da kann man einen guten Eindruck von der üblichen Ernährung in der Vorkriegszeit bekommen. Wer des Englischen mächtig ist, findet im Project noch eine ganze Reihe alter Kochbücher aus dem englischsprachigen Raum (suchen nach cookery). Dort sind auch alte Zubereitungs- und Haltbarmachungs-Techniken angegeben. Für uns mag das exotisch und interessant sein, aber wer so aufgewachsen ist, musste die moderne "Industrie"küche mit den starken, neuen Aromen und der einfachen Zubereitung für eine Offenbarung halten.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Ich Jahrgang 64, meine Mutter 31 und mein Vater 28.
      Als dritte Tochter von Eltern die beide den Krieg erlebt haben. Mein Vater als Soldat der im Krieg die Nase verloren hat und dem mit 40 Operationen eine neue gemacht wurde. Er hat die Jahre nach dem Krieg überlebt , weil er einer Bauerstochter Haut für Transplantationen spenden konnte. So hatte er viele Narben am Körper. Meine Mutter erzählte sie hätten den Schweinen das Essen weggegessen und ihre Mutter(eigentlich sehr pingelig ) hätte es gut geheißen.

      Meine Mutter hat manchmal verstanden wenn ich etwas nicht essen wollte, wie Speck oder Eisbein, mein Vater war viel zu lieb um darüber böse zu sein.
    • Hallo an alle,

      Kürzlich habe ich mit einer Psychologin die Sätze und Konzepte durchforstet, die mich als Kind geprägt haben, und da sind auch einige über's Essen dabei, wie z.B. "es wird gegessen, was auf den Tisch kommt", "wer seinen Teller nicht leer ist, hat Schuld,wenn's dann regnet", "Am Essen herummeckern ist Respektlosigkeit der Mutter gegenüber", "Auf dem Teller darf weder das Nicht-gemochte zur Seite geschoben noch das Bevorzugte bis zum Schluss reserviert werden"...Das sind ja alles nun ganz nachvollziehbare Sätze, wenn ich die Lebensmittelknappheit während des Krieges und danach in Betracht ziehe. Aber der Krieg ist nun seit über 70 Jahren vorbei, und ich beginne, mich zu fragen, ob es nicht langsam an der Zeit ist, solche Sätze einer Aktualisierung zu unterziehen und ihnen einen neuen Bezugsrahmen zu geben.
      Dieses Gefühl von "iss jetzt, du weißt nicht, ob es morgen noch genug gibt" gehört nicht in mein derzeitiges Leben: ich lebe allein, verdiene meinen Lebensunterhalt und leide keinen Mangel. Soweit der Kopf.
      Schwieriger wird es, wenn Essen mit Selbstwertgefühl gepaart ist, z.B. in dem Konzept "Süßigkeiten als Trostplaster", das gleichermaßen für aufgeschlagene Knie und für Enttäuschungen und sämtliche Art von seelischem Schmerz galt. Wann und wie werden Extras wie z.B. die in einem vorigen Beitrag erwähnte Coca Cola oder auch Schokolade, Kuchen und jegliche Art von "Schnökerzeug" zur Routine? Letztendlich sind sie doch nur ein Placebo, das kurzfristig über das Leid hinwegtäuscht, denn eine Lösung bieten sie nicht. Wiederum ist es dem Kopf vollkommen klar, was da läuft.

      So. Und wie setze ich das jetzt alles um? Ich sehe, wie die benötigte Selbstdisziplin immer wieder an meinem psychischem Widerstand, altbekannte Pfade zu verlassen, scheitert. Was natürlich nicht gerade zu meinem Selbstwertgefühl beiträgt.

      Ich weiß nicht, ob die Maximen meiner Eltern in anderen Themen (sozial: "was andere tun, geht uns nichts an", emotional: "Gefühle darf man nicht zeigen", professionell: "Erfülle die beruflichen Träume deiner Eltern, da sie sie nicht umsetzen konnten, werde aber ja nicht so richtig erfolgreich" usw.) Kriegsfolgen waren oder bereits selbst Ererbtes darstellen; manchmal habe ich das Gefühl, als ob Jahrhunderte auf meinen Schultern liegen.

      Jedenfalls freu ich mich, dieses Forum gefunden zu haben. Ein kleiner Schritt aus der Isolierung heraus.

      Vielen Dank für Euer Verständnis.
    • Flunder schrieb:


      Wann und wie werden Extras wie z.B. die in einem vorigen Beitrag erwähnte Coca Cola oder auch Schokolade, Kuchen und jegliche Art von "Schnökerzeug" zur Routine? Letztendlich sind sie doch nur ein Placebo, das kurzfristig über das Leid hinwegtäuscht, denn eine Lösung bieten sie nicht. Wiederum ist es dem Kopf vollkommen klar, was da läuft.

      So. Und wie setze ich das jetzt alles um? Ich sehe, wie die benötigte Selbstdisziplin immer wieder an meinem psychischem Widerstand, altbekannte Pfade zu verlassen, scheitert. Was natürlich nicht gerade zu meinem Selbstwertgefühl beiträgt.


      Hallo, liebe Flunder,

      da sagst Du was ...

      Weil gerade Süßigkeiten sind, wie ich finde, ein sehr gutes Beispiel dafür, wie alte "Erbsachen" sich höchst unvorteilhaft mit neueren Gegebenheiten vermischen.

      Viele heutige Menschen - überall, wo modern-westliche Lebensbedingungen herrschen - ganz egal, ob Kriegsenkel oder nicht - sind in einem Teufelskreis aus süßem Essen gefangen.
      Der schnelle Zuckersnack zwischendurch, weil man gar keine Zeit hat, sich was zu kochen.
      Schnell was Fertiges in die Hand, neben dem nächsten Telefonat her, neben der nächsten Seite, die geschrieben werden muß, schnell zwischen zwei Kunden oder Klienten, schnell ...
      Zwei drei Kekse, ein süßes Teilchen, ein Riegel ...
      Schnelle Energie, die man nicht erst zubereiten muß.

      Mag sein, daß es manchmal auch ein Trost ist.
      Sehr oft aber, ist es einfach "praktisch". Ein kurzfristiger Nutzen, energetisch gesprochen.

      Ich denke, Du solltest das nicht an Dein Selbstwertgefühl lassen.
      Ich habe z.B. beste Erfahrungen damit gemacht, die Sache einfach nur zu "beobachten". Manche würden es vielleicht "Achtsamkeit" nennen. So hoch will ich die Sache moralisch gar nicht hängen.
      Einfach nur beobachten was geschieht - aha, jetzt habe ich Lust auf was Süßes ... schmeckt es mir denn ... kann ich es geniessen ... wie geht es mir während des Essens ... und wie geht es mir hinterher ... - so in der Art.

      Es ist alles in Ordnung. Es ist auch in Ordnung Süßigkeiten zu essen. Wir alle haben sie so viele Jahre hindurch gegessen, da macht es keinen Unterschied, ob wir jetzt noch ein paar Wochen weiteressen.
      Egal ob es wegen einer Kriegsprägung ist oder wegen einer "modernen Bequemlichkeit".

      Kann nur empfehlen, da gar keine Verbindung zu Selbstwert usw. aufkommen zu lassen. Hat mit Selbstwert gar nichts zu tun. Es sind nur Süßigkeiten.

      Liebe Grüße
      Issi
    • Issi schrieb:


      Einfach nur beobachten was geschieht - aha, jetzt habe ich Lust auf was Süßes ... schmeckt es mir denn ... kann ich es geniessen ... wie geht es mir während des Essens ... und wie geht es mir hinterher ... - so in der Art."

      Liebe Issi,

      Vielen Dank, dass Du das Gespräch darauf gebracht hast. Dieses "eben-mal-so-schnell-zwischendurch" empfinde ich als unbefriedigend; ja, ich gebe meinem Magen etwas zu tun, während die Zeit der "richtigen" Mahlzeit näher rückt, aber ich registriere gar nicht so richtig, was und dass ich esse: es kommt gar nicht so richtig in meinem Kopf an, dass ich etwas Essbares zu mir genommen habe, da ich während des Kekse Knabberns weiterhin den Stapel unerledigter Angelegenheiten auf meinem Schreibtisch "kleinkaue". Auch jetzt, zuhause, während ich diese Mail schreibe, frühstücke ich. Diese Mahlzeit ist nun umfangreich genug, um in meinem Bewusstsein die Nachricht ankommen zu lassen "Magen voll=satt". Hiingegen, wenn ich auf der Arbeit - ich arbeite als Sekretärin - snacke, dann registrier ich gar nicht so richtig, was da so zwischen Mail und Mail oder zwei Anrufen durch meinen Mund in meinen Magen wandert, da meine Konzentration auf der Arbeit liegt. Ich nehme mir ein Schälchen kleingeschnittenes Obst und ein paar Haferkekse mit auf die Arbeit, da ich in Sommer durchgehend von 9 bis 16 Uhr arbeite und dann erst zuhause (ca 45 Min. später) eine warme Mahlzeit zu mir nehme, die dann meist auch gleichzeitig das Abendessen ist.
      Auf einem gaaanz anderen Blatt steht, dass es mir unangenehm ist zu essen, während die Chefin im Büro ist, denn in jedem Augenblick ist es möglich, dass sie mich zu sich ruft oder aus ihrem Büro herausplatzt und neue Aufgaben auf meinem Schreibtisch deponiert, wobei dann die Anweisungen in Maschinengewehrfeuergeschwindigkeit auf mich hereinprasseln. "Einen Moment bitte, ich muss erst zuende kauen"??? Ich werde unter anderem für meine Verfügbarkeit bezahlt, und da die Chefin total auf Impulskurs läuft, muss ich dem halt entsprechen, empfinde jede "unberechtigte" Entfernung von meinem Arbeitsplatz als Arbeitsplatz gefährdend, wobei ein kurzer Snack in der Büro eigenen Küche für mich als "unberechtigte Entfernung" gilt. Ich erlaube mir allerdings, die Toilette aufzusuchen, da "berechtigt". Eine weitere Maxime, die der Aktualisierung bedarf.

      Ich bin kein Vertreter des "bloß nix Süßes", ich möchte nur versuchen, den Anteil der süßen Nahrungsmittel oder "Schnökereien" in eine für mich gesunde Beziehung zu den Bedürfnissen meines Körpers und meiner Psyche zu bewegen: einen Apfel zu essen, ist gesund; auf einen Rutsch ein Kilo Äpfel zu essen, verursacht wahrscheinlich eher Verdauungsstörungen.

      Wie immer: es ist eine Frage des richtigen Maßes.

      Liebe Grüße
    • Eines der sehr wenigen Dinge, die mein Vater aus dem Krieg berichtet hat:

      natürlich hatten sie damals "allzeit bereit" zu sein. Es war ein Frage von Leben und Tod. Undenkbar, sich vom Kampfplatz oder aus dem Schützengraben zu entfernen. "Muß mal kurz auf Toilette" war nicht.
      Selbst schlafen war oft tagelang nicht. Sie hatten gelernt, sagt er, egal wo für ein paar Minuten "auf Vorrat" zu schlafen. Wenn man wo auf etwas warten mußte, wenn auf dem Transport kurz gehalten wurde, wo immer sich die Gelegenheit ergab. Schnell zehn Minuten schlafen ... dann wieder weiterkämpfen, wach wach wach.

      Ich sage immer, wir führen heute eine andere Art von "Krieg".
      Trotzdem gibt es in der modernen "Kriegführung" noch immer das Recht auf eine Mittagspause ... :holy: - und die sollte man sich dann auch nehmen, und sich zum Mittagessen "von der Front entfernen".

      Vor kurzem hat mir jemand einen netten Spruch gesagt:
      Wir, die Geber, die immer alles geben, müssen unbedingt lernen Grenzen zu setzen. Weil die Nehmer, die immer nur verlangen und erwarten - die kennen keine Grenzen mehr. Deshalb müssen wir lernen unsere Grenzen zu setzen.

      Gut also, das soll jetzt keine Predigt sein, bitte.
      Aber eine kleine Rückenstärkung für Dich vielleicht schon ...

      Liebe Grüße
      Issi
    • Ich bin weit davon entfernt, Deinen Beitrag als Predigt zu sehen; im Gegenteil, dafür sind ja solche Foren wie dieses hier da: nämlich um Standpunkte und Erfahrungen auszutauschen; meine ich jedenfalls.

      Und ja, solche Geschichten ließ mein Vater auch durchblicken, obwohl er äußerst sparsam war mit dem Preisgeben seiner Kriegserlebnisse; wenn er vom Krieg erzählte, dann entweder Neutrales, wie z.B. dass sie sich im russischen Winter in den Schnee eingruben, um nicht zu erfrieren, oder Begebenheiten, die ihn in gutes Licht stellten wie z.B. seine Bemühungen, beim Zug seiner Truppe durch russische Dörfer darür zu sorgen, dass die Plünderung nicht total war, sondern a) auf Lebensmittel beschränkt und b) dass nur ein Teil der Lebensmittel zu enteignen war, um den Dorfbewohnern eine Überlebenschance zu geben. Das erzählte er jedenfalls; ich weiß nicht, ob's wahr ist. Ich ziehe derzeit in Erwägung, bei der Militärabteilung des Deutschen Bundesarchivs anzufragen, ob es eine Akte über meinen Vater gibt. Eigentlich kenne ich meinen Vater kaum, obwohl er physisch präsent war. Meine Kinder werfen mir vor, dass ich zu stark in der Vergangenheit lebe; glücklicherweise ist ihr Kriegserbe durch das mediterrane Erbe, das sie von ihres Vater's Familie bekommen haben, stark geschwächt.
      In Ibiza, wo ich seit 36 Jahren lebe, nennt man die Deutschen "Quadratköpfe", weil sie nach Ansicht der Insulaner alles in quadrikulierte Unterteilungen einordnen. Nun, da werde ich mich wohl dranmachen müssen, meiner ererbten, aber nicht erlebten Vergangenheit ein kleines quadratisches Fach zuzuweisen.
    • Wenn Väter Geschichten erzählen, die sie im gutem Licht da stehen lassen, ist höchste Vorsicht geboten. Solche Geschichten habe ich auch gehört. Prüf es nach. Ich hab's nicht getan, so kamen die Lügen erst nach seinem Tod heraus.


      Wir, die Geber, die immer alles geben, müssen unbedingt lernen Grenzen zu setzen. Weil die Nehmer, die immer nur verlangen und erwarten - die kennen keine Grenzen mehr. Deshalb müssen wir lernen unsere Grenzen zu setzen.


      Guter Spruch und passt wie auf's Auge zur Politischen Situation im heutigen Europa.


      Aber der Krieg ist nun seit über 70 Jahren vorbei


      Die Geschichte lehrt uns, nach dem Krieg ist vor dem Krieg.

      LG Finchen