Essen als Bestrafung - wie verändern

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    • Essen als Bestrafung - wie verändern

      Hallo Community ,
      ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher ,dass ich mich mit meinem Essverhalten bestrafen möchte.
      In den letzten 9/10 Monaten habe ich wieder knapp 20 Kilo zugenommen.. ich muss so viel essen bis mein Magen so voll ist ,dass er weh tut und oft auch so ,dass mir übel wird ,sowie das drückende Gefühl weniger wird"stopfe" ich wieder nach . Danach geht's mir immer schlecht ,weil ich gar nicht so essen will ,es aber in dem Moment einfach muss.

      Vielleicht hat ja jemand eine Idee wie ich dieses Verhalten positiv verändern kann .

      Freundliche Grüße
      Charline
    • Mit Verhaltenstherapie.
      An Deiner Stelle würde ich erwägen, mal in eine auf Eßstörungen spezialisierte Klinik zu gehen.

      Und -Selbsterkenntnis ist ja der erste Schritt.

      Was könntest Du alternativ machen, statt essen?
      Hast Du mal ein "Eßtagebuch" geführt?
      Dir aufgeschrieben, was , wie, wann und vor allem warum Du /welche Gefühle dabei- danach , davor- eine Rolle spielen.

      Wie alt bist Du?
    • Hallo Wilmastante,
      Vielen Dank für deine schnelle Antwort .

      Genau da fällt mir eben nichts ein das positiv ist.
      Ein Esstagebuch habe ich noch nicht geführt, ich würde behaupten ,dass ich vor allem fast food in mich hineinstopfe, ich nehme mir dann auch nicht bewusst Zeit zum Essen,weil ich die Geduld nicht habe um kurz zu warten .
      Ganz sicher bin ich mir nicht, wie ich mich vor dem Essen fühle ,darauf werde ich Mal achten . Während und nach dem Essen fühle ich mich schlecht.
      Mit 13 wog ich xx kg bei einer Körpergröße von 1.59 m... Kurz danach begann bei mir Selbstverletzendes verhalten... Mit 14 1/2 Jahren wog ich dann noch xx kg . Mit 16 Jahren hörte ich mit dem Verhalten auf und nahm wieder stetig zu . xxx kg mit 18 Jahren - ich hab es dann durch ziemlich erniedrigende Gedanken geschafft innerhalb von einem guten Jahr mich auf xx kg runter zu hungern . Seit dem schwankte mein Gewicht immer zwischen xx und xx kg . Immer wenn ich zunehme empfinde ich mich als Monster und gehe aus Scham kaum raus .

      Ich bin fast 24 Jahre alt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Martina () aus folgendem Grund: Bitte gemäß Forenregeln Nr. 9 auf Gewichtsdokumentationen verzichten! - Vielen Dank!

    • Hallo Char.line,

      ich schließe mich Wilmas Tante an - das was Du schilderst, hört sich nach Therapie oder Eßstörungs-Klinik an.

      Und gleichzeitig stimmt es aber auch, daß man in die Gefühle "reingehen" kann.
      Es müssen keine positiven Gefühle sein. "Negative" Gefühle sind genau so valide und wollen Dir etwas mitteilen.

      Nur mal als Beispiel - muß nicht stimmen, aber nur mal als Beispiel, wo man überall hinschauen kann - vielleicht WILLST Du aus irgendeinem Grund gar nicht rausgehen, und das Gewicht gibt Dir einen guten Grund daheim zu bleiben: so nach dem Motto, ihr seht doch, daß ich so nicht rausgehen kann!

      Du beschreibst auch, daß Du während und nach des Essens ein "schlechtes" Gefühl hast?
      Du kannst ganz genau da reingehen: ist es nur das Spannungsgefühl, das körperliche Übelsein? Oder sind da andere Gefühle mit drin?

      Das ist ein komplexer Weg, und wäre wirklich gut, wenn Du Dir professionelle Hilfe holen kannst.
      Eines aber können auch wir Laien sagen: Gefühle wollen einfach nur gesehen und gewürdigt werden. Vielleicht ist es eine Sache, die Du schon lange nicht "angeschaut" oder gewürdigt hast. Sie wird so lange auftauchen - und Dich möglicherweise zum Essen oder zu anderen Sachen "zwingen", bis du sie anerkannt und gewürdigt hast.

      Wenn Dein unangenehm spannender Bauch oder Dein "negatives" Gefühl einen Mund hätte - was würde es Dir sagen wollen.

      Du wirst eine Menge Erkenntnisse finden, die Du in Dein Tagebuch schreiben kannst -
      Wenn du dir vornimmst, alles ganz richtig zu machen - genau das ist der Fehler. Ysolda Dee
    • also..da fällt mir jetzt ganz viel dazu ein.Aber das sprengt den Rahmen hier.
      Da Du so jung bist und ich meine und viele , viele andere Geschichten rund um Essen und Sucht und Verletzung und Seelen die aus dem Lot sind kenne....

      Würde ich Dir raten, mach Therapie.
      Such Dir jemanden-Therapeuten, der sich mit Essstörungen auskennt und der Dir sympathisch ist.

      Ich denke, da hat sich soviel aufgestaut, daß bekommt man alleine schlecht sortiert.

      Ein Esstagebuch kann helfen, weil man oft so richtige AHA-Erlebnisse hat, wenn man mal genau hinschaut.
      Und das kannst Du JETZT anfangen.

      Grundsätzlich geht es darum, daß Du Dich niemals als Monster empfindest- ob Dick, dünn,abes Bein, lila Haut,...grundsätzlich bist Du erwünscht und mußt Dich für nichts bestrafen.

      Fast Food würde ich jetzt mal nicht als Haupternährung nutzen...weil..da kannste viel drüber lesen..Zucker und so weiter...
      Das kann man mal essen, aber grundsätzlich macht es nicht satt und weil Du damit Deinen Zuckerspiegel künstlich hochpusht- der fällt dann aber auch gleich wieder ab....wirst Du mehr essen.

      Den Teufelskreislauf kennen viele .Auch den daß man sich haßt weil man ja doch gegessen hat und dann ißt man wieder...weil jetzt ist auch egal...oder als Bestrafungun ...

      Weites Feld.
      Such Dir professionelle Hilfe.
    • Möglichst schon im Vorfeld, wenn mir klar ist, dass die Portion, die ich verdrücke ungeahnte Dimensionen haben wird, segne ich das Viele ab.


      Die Schmach des Verbotenen, mir kommt oft der Begriff Völlerei in den Sinn, wird so in meinen Augen zu etwas, das ich hinnehme, weil es gerade nicht anders geht.


      Wenigstens schmeckt es mir dann und oft kann ich dann sogar eher aufhören und muss nicht alles vernichten, wie sonst immer . . .

      Läuft es wie jeher, dann weiß ich auch, dass zwei Leute von dieser Mahlzeit satt würden und schäme mich, fast schmeckt es mir nicht mehr, das schlechte Gewissen meldet sich, ich bin verzweifelt.


      Konnte ich mich verständlich machen, Lisa Cortez?
    • Ich kenne dieses Verhalten ebenfalls ( übermäßiges Essen, obwohl man
      keinen Hunger hat und im Gegenteil sogar Völlegefühl).
      Woher das kommt, vermag ich nicht zu sagen...
      Es dürfte aber auf jeden Fall psychologische Ursachen haben, da eine
      körperliche Notwendigkeit zur Überernährung ja nicht besteht.
      Vielleicht ist es aber auch ein Reflex aus uralten Zeiten, der bei uns Menschen
      vererbt wurde und von Zeit zu Zeit durchbricht : Nämlich aus den Zeiten, als
      Nahrung nicht immer verfügbar war und der Mensch oft hungern mußte. Sogar
      einen Kampf ums Überleben führte, um nicht zu verhungern. Logisch, dass
      diese Menschen dann reingehauen haben, was das Zeug hielt, wenn es dann
      Essen gab. Man wußte schließlich nie, wan der Hunger wieder an die Tür klopfte.
    • Klangola schrieb:

      Konnte ich mich verständlich machen, Lisa Cortez?
      Ja. Und da du Völlerei erwähnst. Im Christlichen gehört das zu den Todsünden: Gula
      Jetzt frage ich mich , ob das nur im Christentum so eine Rolle spielt? Wie sehen andere Weltgegenden das?
      Oder das Heidentum?


      dennis94 schrieb:

      Logisch, dass
      diese Menschen dann reingehauen haben, was das Zeug hielt, wenn es dann
      Essen gab.
      ich bin sicher, du hast Recht. Problematisch wird das Ganze nur, wenn es immer Essen und immer verfügbar und auch erschwinglich gibt.
      Allerdings - Hungerperioden möchte ich auch nicht erleben, da lobe ich mir die Jetztzeit. Und man darf nicht vergessen: Obwohl wir mehr reinhauen können als unsere Vorfahren , ist unsere Lebenserwartung viel höher, und mehr als der medizinische Fortschritt hat dazu der gute Ernährungsstand beigetragen,

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • Hallo Lisa und Klangola,

      das sind ja mal interessante Aspekte!

      Als Hobby-Mythologin kann ich hier folgende Aspekte beisteuern:
      Heidentum: am Apollo-Tempel in Delphi soll gestanden haben: nichts im Übermaß.
      Aus östlichen Lehren - wie beispielsweise Taoismus - kennt man die Idee, daß man vom Tisch aufstehen soll bevor man vollständig gesättigt ist. ABER nicht weil mehr essen eine Sünde oder gar eine Todsünde wäre, sondern weil das Essen eh noch aufquillt, und weil man etwas Platz lassen will, damit der Magen seine Verdauungsbewegungen ausführen kann. Also rein "natürliche" Gründe. Für die Gesundheit sozusagen, und für das Wohlbefinden.

      Den alten heidnischen Kulturen des Nordens stellte sich möglicherweise das Problem nicht, weil einfach nicht genügend Essen vorhanden war, damit man sich gewohnheitsmäßig überessen konnte. So weit wir aber hören, hat man zu besonderen Anlässen IN DER GEMEINSCHAFT gerne aufgetischt, was Küche und Keller hergaben. Nie gehört, daß Überessen eine "Sünde" gewesen wäre.

      Man darf nicht vergessen, daß der Eingott - wenngleich er sich aus mehreren Aspekten zusammensetzt - im Grunde Saturn ist. Das gilt für jede der drei monotheistischen Religionen.

      Saturn war ein alter Ackerbaugott - in seinem Namen steckt das lateinische Wort saturare sättigen.
      Vor allem aber ist er ein Gott der Not und der Notwendigkeit, der alles aufs Knappste zumisst. "Nur gerade das Lebensnotwendige". Eine typische Saturn-Mahlzeit wäre z.B. schwarzer Tee ohne Zucker, und dazu eine halbe Scheibe trockener Toast, oder ein Scheibchen trockenes Knäckebrot. "Bei Wasser und Brot!"
      KARG geht es her mit Saturn, und am Ende bleibt nur noch das übrig, was übrig bleibt: das Skelett.

      So kennen eben alle drei Religionen das Fasten, und jeder, der der ackerbauenden, immer von Hungersnöten bedrohten bäuerlichen Gesellschaft mehr wegisst als ihm kärglich zugemessen ist, begeht eine schlimme Sünde.

      Saturn beschneidet alle körperlichen Genüsse aufs absolut Notwendige. Es soll angeblich eine Religion geben, bei der man sich ausschließlich zum Zweck der Fortpflanzung sexuell betätigen darf. Das ist das eigentlich Schlimme: daß noch mehr Sachen Sünden und Todsünden sind, und daß man sich in keiner Hinsicht "das Viele erlauben darf".
      Saturn könnte an seinen Tempel schreiben: nichts im Überfluss! Nichts zur reinen Freude! Nichts zum Sinnengenuss!
      Überfluss, Freude und Genuss sind definitiv KEINE Saturn-Energien.

      Ich finde den Satz von Klangola toll: "ich erlaube mir das Viele!"
      Kann man auf jeden Lebensbereich anwenden. Dann muß man sich die Freude nicht mehr schamvoll "stehlen", sondern kann sie schmecken und geniessen ...
      Wenn du dir vornimmst, alles ganz richtig zu machen - genau das ist der Fehler. Ysolda Dee
    • Ach es ist so vielfältig, die Gründe für das Essen.
      Gibt es eigentlich in unseren Breiten noch jemand , der einfach isst, weil er Hunger hat, es ihm schmeckt und aufhört wenn er satt ist.

      Essen ist so überladen mit "mußt-sollst- darfst-sollst nicht".


      Lage habe ich gedacht, ich esse zuviel wenn mir sonst etwas fehlt.Also emotional.Als Trost, als haptisches Erlebnis....
      Stimmt das mache ich.
      Ich esse aber auch zuviel wenn es mir besonders gut geht.
      Und "Landungsessen" habe ich diesen Hunger-High getauft, der mich überkommt, wenn der Tag besonders gut war und ich dann daheim runter kommen "muß".

      Daß wir uns aber überesssen können, hat schlicht mit der einfachen Verfügbarkeit zu tun.
      Und daß es dann so an uns pappt , mit dem schlichten Umstand, daß unser Körper sehr effektiv arbeitet.Es ist nicht nötig , ihn mit solchen Mengen zu füttern.
      Wer bewegt sich noch soviel, daß das Verhältnis stimmt?

      Da ist einfach sowas natürliches wie das Essen zum Stimmungsregulator entglitten.
      Vielleicht , weil es einzige Suchtmittel ist, an das schon kleine Kinder kommen, das jeder erstmal ungestraft gebrauchen kann und dem man nicht aus dem Weg gehen kann.

      Das Essen- das Nichtessen.....

      Und nicht zu vergessen die Macht des Zuckers.Bevor der so leicht für alle verfügbar war, war Fettsucht eher etwas für die Mächtigen und Reichen.

      All die anderen künstlichen Stoffe in unserer Nahrung die Einfluß haben auf unser Gewicht.

      Ich glaube der Körper kann ganz gut mit Völlerei umgehen.Ich habe noch nach keinem Fest, bei dem geschlemmt wurde, hinterher mehr gewogen.
      Auch wenn ich mich definitiv überessen habe.
      Das machen alle Tiere, wenn gerade was da ist, dann hauen sie rein.
      Ich denke ,das ist ein Urinstinkt.Es war ja nicht immer was da.

      Ich hab mal probiert, wann mein Hundekind satt ist.Junge Hunde haben ja so einen Hunger....also habe ich sie fressen lassen...bis ich ihr es dann doch wegnahm, weil sie sicher geplatzt wäre oder einen Magendurchbruch bekommen hätte.
      Hinterher war es ihr schlecht, aber langfristigen Schaden hatte es keinen.

      Das sind nur so meine Gedanken,die zu dem Thema so vorbei kommen.

      Wenn ich binge eating Anfälle hätte, so ordne ich das ein , was Klangola da beschreibt, dann würde ich Therapie machen um mal zu hinter fragen, warum ich das habe und ob ich nichtt das, was mir wirklich fehlt in dem Moment anders sättigen kann.

      Aber ,daß man sich die Völlerei dann erlaubt, weil man es eh nicht stoppen kann, sich also nicht auch noch fertig macht dafür, kann ich gut nach vollziehen.
    • Hallo Issi,

      was du über die Mythologien schreibst , ist sooo interessant.
      Und das sind Dinge, die stecken durchaus in uns drin - selbst wenn wir es nicht wissen. So wie das Christentum unsere Sexualität dominiert - egal, ob wir christllch sind oder es ablehnen.
      Auch für griechische Philosophien wie die Stoa war temperanza , die Mäßigung, ein wichtiger Aspekt, aber nicht unter dem Aspekt der Sünde - wer sich nicht mäßigte, dem passierte nichts - sondern als Bedingung für ein glückliches Leben.

      Hallo wilmastante

      wilmastante schrieb:

      Daß wir uns aber überesssen können, hat schlicht mit der einfachen Verfügbarkeit zu tun.
      Die Völlerei ist schon seit dem frühen Mittelalter eine Sünde, als sie sich eigentlich fast keiner leisten konnte.
      (ich denke aber, damit wollte man sich auch von den doch sehr genussfreudigen Römern distanzieren)


      Issi schrieb:

      Vor allem aber ist er ein Gott der Not und der Notwendigkeit, der alles aufs Knappste zumisst. "Nur gerade das Lebensnotwendige". Eine typische Saturn-Mahlzeit wäre z.B. schwarzer Tee ohne Zucker, und dazu eine halbe Scheibe trockener Toast, oder ein Scheibchen trockenes Knäckebrot. "Bei Wasser und Brot!"
      KARG geht es her mit Saturn, und am Ende bleibt nur noch das übrig, was übrig bleibt: das Skelett.
      Die bäuerliche Not, die hat sich dann mit dem Christentum und auch mit dem Islam zusammengetan, die aus Weltgegenden kommen, in der es nicht viel gibt und in der der Gehorsam eine wichtige Tugend ist - sonst geht eventuell der Stamm drauf.

      Wie war das sonst so in der Antike, als keiner Not leiden musste?
      Wie ist das in Gegenden, in denen man nicht der Natur sein Essen mühesam abringen muss, sondern in denen einen die Fülle förmlich anspringt? So wie im traditionellen Leben in der Südsee?

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • Hi liebe Lisa,

      über die Situation in der Südsee habe ich wenig Erkenntnisse. Hans-Ulrich Grimm geht in "Die Kalorienlüge" davon aus, daß die Leute in der Südsee deshalb rundlich waren, weil sie nie sicher sein konnten, ob und wann der nächste Sturm die Nahrung auf der Insel vernichtet.
      Das heißt also, auch sie wurden nicht von der Fülle angesprungen - jedenfalls nicht immer. Es bedeutet dann auch, sie haben ein wenig "auf Vorrat" gegessen, wenn genug da war. Wenn man dieser Argumentation folgt.

      Über die Antike kann ich nur sagen, was ich in der Schule und im Studium gelernt habe - auch wieder nur "Puzzleteilchen", die man dann versucht zusammenzubekommen.
      Ich weiß nicht ob in der Antike "keiner Not leiden mußte". Um das Mittelmeer herum wuchs bestimmt alles in Fülle - aber an dieser Fülle dürften nur relativ wenige Leute Anteil gehabt haben. Nämlich die, denen das Land gehörte.
      Von Rom wissen wir es sowieso, daß an die Armen Getreide verteil werden mußte. Wir wissen auch, daß mit Nahrungsmitteln, insbesondere mit Getreide und Öl, spekuliert wurde.

      Sicher gab es auch kleine Bäuerchen - aber die dürften eher bescheiden gelebt haben. Sie werden vielleicht genug gehabt haben, in guten Jahren auch mal mehr. Aber die richtige "Fülle" hatten sicher nur Leute, die andere für sich arbeiten ließen. Sprich, entweder die Eigentümer der Latifundien, oder eben die Händler und Spekulanten und Finanzleute und Mächtigen.

      Wenn Essen als Bestrafung eingesetzt wurde, dürfte es sich fast immer um einen Nahrungsentzug gehandelt haben. Das Eigentum an den Nahrungsmitteln dürfte streng geregelt gewesen sein - und sich mehr zu nehmen als man "durfte", wurde sicher nicht nur mit Entzug von Essen bestraft.

      Ich denke z.B. daran, daß in jener ersten Mythe, die wir alle lernen - die Paradiesgeschichte - eine Menschheitserinnerung enthalten ist, bei der es um eine Bestrafung ging für das "fürchterliche Verbrechen", daß sich jemand eine Frucht nahm.
      Die Menschen sollten den Garten zwar "bebauen und pflegen", aber sie durften nicht einfach etwas in den Mund stecken. Für mich sagt diese Mythe unter anderem, die Menschheit hat auf einem fremden Landbesitz gearbeitet, und der Eigentümer bestimmte, was und wieviel gegessen werden durfte. Und es wurde ihnen die Todesstrafe angedroht, falls sie doch aßen!

      Aus Ägypten hört man anderes - das war erstens die Kornkammer der damaligen Welt, also wenn es Fülle gab, dann in Ägypten. Sie sollten nach dem Gesetz der Maat leben - nach der Gerechtigkeit. Das bedeutete, kein einziger Mensch in Ägypten, selbst der letzte ärmste Fellache nicht, durfte hungern oder dürsten. Alles mußte so gerecht wie möglich verteilt werden.
      Natürlich haben sich nicht alle Pharaonen an das Gesetz der Maat gehalten. Es gibt Ägyptologen, die behaupten, Ägypten sei wiederholt "an einem Fehlen von Maat" zu Grunde gegangen.
      Tatsache ist aber, daß "eigentlich" für Alle gesorgt werden mußte, selbst für die Tiere.
      Gesetze, die später in die Bibel aufgenommen wurden, etwa "du sollst dem Ochsen, während er drischt, das Maul nicht verbinden", dürften ursprünglich aus Ägypten stammen.

      Hätte der Saturn-Gott diese Gesetze schon vorher gewußt bzw. anwenden wollen, hätte es im Paradies geheißen: "du sollst dem Mann, der in deinem Garten schuftet, nicht verbieten, einen von deinen Äpfeln zu essen - zumal wenn's ein wurmiger Apfel ist!"

      Kurzum, ich glaube es ging fast immer in der Geschichte um Knappheit und wenn Bestrafung, dann durch Essens-Entzug.
      Die Situation, die wir heute haben, dürfte historisch "einmalig" sein. Ständig "alles" vorhanden.

      Es ist aber eben nur potentiell vorhanden - vielen Menschen wird Vieles vorenthalten.
      Es liegt etwas Kränkendes darin, wenn man vor einem vollgeladenen Tisch sitzt und gesagt bekommt, jahaa, aber das ist alles für andere, nicht für dich! Du sollst dich kasteien, du sollst entbehren, du sollst verzichten, du sollst dich einschränken!
      Oder wenn man die Kochsendungen und die Werbung sieht und dann aber die Stimme hört: jahaa, aber nicht für dich, denn weil du nicht gut genug bist, kannst du dir das nicht leisten!

      In diesem Sinne sagte Susie Orbach, "viel zu essen könne eine Rebellion sein gegen die verordnete Anspruchslosigkeit und den verordneten Verzicht".

      Wenn sich jemand mit "viel essen" BESTRAFT, oder das so empfindet, dann denke ich daß es in dieser Situation viel zu entdecken gibt. Da gilt es auf jeden Fall, ganz tief hineinzuspüren und hinzuhören.

      Liebe Grüße!
      Wenn du dir vornimmst, alles ganz richtig zu machen - genau das ist der Fehler. Ysolda Dee
    • Hallo Issi,

      das ist für mich so viel zum Nachdenken, was du schreibst. Ich weiss, dass die Ägypter so etwas wie einen Staatssozialismus hatten, selbst das Werkzeug des Handwerkers gehörte nicht ihm sondern dem Pharao,
      und die Vorstellung der Maat ist sehr interessant. Die Perser hatten übrigens die Angewohnheit, alle sieben Jahre quasi von vorne zu beginnen, das Geld zu entwerten und den Besitz, das biblische Jubeljahr ist eine Erinnerung daran.
      Die Geschichte in der Bibel mit dem Apfel habe ich nie verstanden. Mir erschien es immer unlogisch, dass ein Gott, der alles weiss, Leuten eine Falle stellt , denn wenn er allwissend ist, musste er doch auch wissen , dass sie den Apfel essen werden etc....so wie du es erzählst, macht es Sinn. Ich halte aber die Regel des absoluten Gehorsams als wichtig für alle Wüstenvölker.


      Issi schrieb:

      In diesem Sinne sagte Susie Orbach, "viel zu essen könne eine Rebellion sein gegen die verordnete Anspruchslosigkeit und den verordneten Verzicht".

      Wenn sich jemand mit "viel essen" BESTRAFT, oder das so empfinde
      So gesehen fast ein revolutionärer Akt. Gerade eine Frau , die dick ist = die sich Raum nimmt und eventuell MEHR als ihren Anteil - die ist eine Bedrohung.

      Um auch aufs Thema zurück zu kommen , kann es sein, dass sie sich wehrt und aufbegehrt gegen eine Beschränkung in ihrem Leben?
      Also gar nicht sich bestraft, sondern nur das Gefühl hat - weil sie für ihren Aufstand den falschen Weg wählt , denn sich zu überessen ist ja sehr unangenehm ....
      in Wirklichkeit versucht sie, sich zu befreien?

      DAS wäre doch das Thema für eine Therapie, nicht Diäten oder Ernährungspläne.

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • Hallo liebe Lisa,

      wie spannend! Das mit den Persern wußte ich nicht. Das so genannte Jubeljahr war mir bekannt - das fand aber nur alle 50 Jahre statt. Da wurden meiner Info nach auch alle Sklaven freigelassen, und alle Schulden erlassen, und so.
      Alle sieben Jahre so etwas Ähnliches zu machen, ist natürlich noch viel klüger im Sinne der Bewohnbarkeit einer Gesellschaft. Es verhindert, daß Leute in einer Falle landen, aus der sie nie mehr herauskommen.

      Lisa Cortez schrieb:

      Um auch aufs Thema zurück zu kommen , kann es sein, dass sie sich wehrt und aufbegehrt gegen eine Beschränkung in ihrem Leben?
      Also gar nicht sich bestraft, sondern nur das Gefühl hat - weil sie für ihren Aufstand den falschen Weg wählt , denn sich zu überessen ist ja sehr unangenehm ....
      in Wirklichkeit versucht sie, sich zu befreien?
      Da kann ich Dir nur zustimmen.
      Je älter ich werde, desto klarer wird mir, daß Handlungen, die selbstzerstörerisch zu sein scheinen, sehr oft ein Versuch sind, mit einer unguten Situation zurecht zu kommen - oder sich aus dieser Situation zu befreien.

      Mir scheint, es ist eine archaische Weisheit in uns, das jahrtausendealte Wissen der Existenz, und diese Existenz, dieses Wissen weiß eigentlich auf alle "normalen" Situationen bzw. Bedrohungen eine Antwort.
      Nur wir haben es heutzutage geschafft, Situationen entstehen zu lassen, die die Existenz offenbar als bedrohlich einstuft - aber keine Antwort darauf weiß.
      Dann versucht sie aber, um dem Menschen zu helfen, um ihn zu schützen, um ihn zu befreien, sich eine Antwort quasi "auszudenken" - und das geht dann manchmal daneben.

      Dann machen wir Sachen, die wir Jahre später nicht mehr begreifen können - oder die uns sogar zu schaden scheinen.
      In Wirklichkeit ist es sehr oft ein Versuch unserer (Über-)Lebenskräfte, uns zu helfen.

      Ja, ich denke das hast Du treffend formuliert: in Wirklichkeit könnte es durchaus sein, daß die bedrohte / unterdrückte / zu sehr eingeschränkte Person versucht, sich zu befreien.
      Manchmal mit Methoden, die total untauglich sind - ihr vordergründig schaden - manchmal mit Methoden, die ihr gleich oder später schlechte Gefühle verursachen können.

      Wenn ich bei mir wieder mal etwas feststelle, was mir "schadet", was ich aber trotzdem tue, dann frage ich mich, was dieses Verhalten mir "nützt". Wogegen es mich schützt, wo für mich der "Gewinn" liegt. Das bringt mich manchmal zu ganz überraschenden Einsichten.

      Liebe Grüße!
      Wenn du dir vornimmst, alles ganz richtig zu machen - genau das ist der Fehler. Ysolda Dee
    • Hallo liebe Issi....


      Issi schrieb:

      Ja, ich denke das hast Du treffend formuliert: in Wirklichkeit könnte es durchaus sein, daß die bedrohte / unterdrückte / zu sehr eingeschränkte Person versucht, sich zu befreien.
      Manchmal mit Methoden, die total untauglich sind - ihr vordergründig schaden - manchmal mit Methoden, die ihr gleich oder später schlechte Gefühle verursachen können.
      Die deutsche Sprache hat gerade im psychiatrischen Bereich so treffende Wörter:

      wie irre sein = sich verirren, einen Irrweg gehen .....

      oder verrückt - ver- rücken .....

      Störungen sind der untaugliche Versuch einer Lösung einer unerträglichen Situation.


      Issi schrieb:

      Wenn ich bei mir wieder mal etwas feststelle, was mir "schadet", was ich aber trotzdem tue, dann frage ich mich, was dieses Verhalten mir "nützt". Wogegen es mich schützt, wo für mich der "Gewinn" liegt. Das bringt mich manchmal zu ganz überraschenden Einsichten.
      Ja. Welche unangenehmen Gefühle drücke ich weg, wenn ich etwas kauen, lutschen, beissen, nuckeln darf? Und gibt es bessere Wege, mit diesen Gefühlen umzugehen?



      Issi schrieb:

      wie spannend! Das mit den Persern wußte ich nicht. Das so genannte Jubeljahr war mir bekannt - das fand aber nur alle 50 Jahre statt. Da wurden meiner Info nach auch alle Sklaven freigelassen, und alle Schulden erlassen, und so.
      Du hast Recht - ich habe mich geirrt. Ich glaube, dass persische Jubeljahr war auch nur alle 50 Jahre - damit verhinderte man effektiv Vermögensbildung bei den Eliten - wäre auch heute noch eine gute Idee.....

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


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