Zufriedenheit, die einem kein Abnehmprogramm schenken kann

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    • Zufriedenheit, die einem kein Abnehmprogramm schenken kann

      73% der Frauen sind ein Jahr nach einer Diät ebenso schwer wie vorher, manche sogar schwerer.

      Julia Bollwein 33 Jahre ist Ökotrophologin und hat mit ihren Kollegen das „Institut für achtsames Essen“ gegründet. Die Mitbegründerin war selbst schon in Diäten und Jo-Jo-Effekten gefangen und hörte an einem bestimmten Punkt auf gegen sich selbst zu kämpfen, denn sie ist der Meinung, Diäten funktionieren nicht.

      Bollwein hält nichts von Verboten, sondern sie setzt auf Achtsamkeitsübungen. Der Ansatz hier lautet: „Wer sein Gewicht ändern möchte, sollte sich zuerst vom Wunsch nach Veränderung verabschieden“. „Loslassen hilft, Gewicht loszulassen“.

      Ein Gedankenansatz ist, dass wenn jemand Heißhunger auf ein Wiener Schnitzel hat, er dieses essen sollte, denn vermutlich benötigte der Körper gerade eher Eiweiß als Gemüse. Dieses Hineinfühlen, in den Körper, möchte Bollwein stärken, denn sie ist der Meinung, dass gerade Diäten diese Kompetenz verhindern.

      Kritiker beanstanden, dass die Achtsamkeitsübungen nicht vorgeben, was gegessen werden darf – theoretisch kann man auch Fast Food achtsam essen. Einen schönen Gedanken hat Bollwein „Auch wenn Achtsamkeit mir keine Abnehmgarantie liefert - sie gibt eine innere Zufriedenheit, die einem kein Abnehmprogramm schenken kann." :)

      Mir gefällt die Einstellung von Julia Bollwein, denn auch mein Erleben von Diäten und Jo-Jo-Effekten hat nur dazu geführt, dass mein Stresspegel permanent erhöht wurde und ich somit, in diesen Phasen, nie eine innere Zufriedenheit empfinden konnte. Ich mache seit ca. einem halben Jahr Achtsamkeitsübungen (ohne den Hintergrund der Gewichtsabnahme) und daher weiß ich wie entspannend diese sein können. Der gesamten Bericht Klickediklack
    • Neu ist das nicht. Udo Pollmer hat in einem Vortrag auch schon gesagt, dass Stress dick macht wegen dem Cortisol. Und Gunter Frank hat in einem seiner Bücher schon beschrieben, dass manche Menschen bei entspanntem Essen abnehmen, was ihnen bei und nach einer Diät nie so dauerhaft gelungen ist.

      Das achtsam könnte man durch geniessen ersetzen. Bewusst geniessen, was man isst. Gutes Essen schätzen.

      LG Finchen
    • Finchen schrieb:

      Neu ist das nicht. Udo Pollmer hat in einem Vortrag auch schon gesagt, dass Stress dick macht wegen dem Cortisol. Und Gunter Frank hat in einem seiner Bücher schon beschrieben, dass manche Menschen bei entspanntem Essen abnehmen, was ihnen bei und nach einer Diät nie so dauerhaft gelungen ist.

      Das achtsam könnte man durch geniessen ersetzen. Bewusst geniessen, was man isst. Gutes Essen schätzen.

      LG Finchen

      Du hast natürlich Recht - es ist nicht neu, aber ich finde es gut, dass immer "mehr" Menschen auf den Trichter kommen, dass die immer wiederkehrenden Diäten nur noch dicker machen ... Udo Pollmer und Dr. Gunter Frank finde ich gut, aber eine Unterstützung, wie in diesem Bericht von Dr. Julia Bollwein, kann nicht schaden ;)

      Bewusst geniessen, was man isst. Gutes Essen schätzen.
      Genau!
    • Ich halte diesen Ansatz grundsätzlich für genau richtig: in sich hören, nicht mehr gegen sich selbst kämpfen sondern achtsam mit sich sein.
      Meiner Erfahrung nach hat das aber für mich nicht ausgereicht. Wenn ich wirklich achtsam mit mir bin und genau hinspüre, warum ich jetzt unbedingt Schokolade essen möchte, dann erkenne ich meistens, dass es gar kein körperliches, sondern ein emotionales Bedürfnis ist. Z.B. möchte ich innere Spannung loswerden und ich weiß, wenn ich Schokolade esse, dann habe ich ein Gefühl von tiefer Entspannung. An diesem Punkt fehlt mir im Artikel der Hinweis auf Werkzeuge, wie ich anders als mit Essen mit emotionalen Problemen umgehen kann.

      Ich kenne auch die Übung mit dem Besteck weglegen. Wenn ich sie praktiziere, geht sozusagen die Post in mir ab. Da kommen ungeheuer starke Gefühle hoch. Großer Widerstand, Druck es möglichst perfekt machen zu müssen, usw. Ich habe die Erfahrung gemacht dass hinter dem Bedürfnis (ohne Hunger) zu essen ein ganzes Bündel von Gefühlen steckt, und ohne professionelle therapeutische Hilfe bin ich in der Vergangenheit schon nach kurzer Zeit mit einem solchen Konzept gescheitert.
      Ich habe sogar eine CD bei der eine solches Essensübung angeleitet wird. Ich musste sie abstellen, weil ich den Druck den sie ausgelöst hat, nicht ertragen konnte.

      Also: den Ansatz halte ich für richtig, ich bin aber der Meinung dass es nicht so einfach ist. Unter Umständen wird er jemandem, der damit scheitert, nur noch einmal mehr das Gefühl geben „versagt“ zu haben. Zumindest bei mir war das so. Dabei hatte ich gar nichts falsch gemacht. Sondern die Annahme, dass ich dieses Problem allein damit, ohne weitere Hilfe lösen könnte, war falsch.

      Deshalb fände ich es gut, wenn in dem Artikel darauf hingewiesen würde, dass diese Vorgehensweise nicht bei jedem zum Erfolg führen muß und man sich ggf. therapeutische Unterstützung holen soll.

      Ansonsten kann ich bestätigen, dass Achtsamkeitsübungen und Beschäftigung mit sich selbst zu einem viel tieferen Glücksgefühl führen als es ein Abnahmeprogramm dauerhaft (!) je könnte.

      Viele Grüße

      Claudia
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]
    • claudiathomas schrieb:

      [...] Ich habe sogar eine CD bei der eine solches Essensübung angeleitet wird. Ich musste sie abstellen, weil ich den Druck den sie ausgelöst hat, nicht ertragen konnte.

      Ich kenne diese Erlebnisse nicht von denen du berichtest, aber ich kann mir nun sehr gut vorstellen, dass solch eine Essensübung auch schaden kann.

      Deshalb fände ich es gut, wenn in dem Artikel darauf hingewiesen würde, dass diese Vorgehensweise nicht bei jedem zum Erfolg führen muß und man sich ggf. therapeutische Unterstützung holen soll.

      Für mich war die Aussage „Auch wenn Achtsamkeit mir keine Abnehmgarantie liefert - sie gibt eine innere Zufriedenheit, die einem kein Abnehmprogramm schenken kann“ schon ausrechend dafür, dass diese Art der Übungen nicht zum Erfolg führen müssen - trotzdem kann ich nachvollziehen warum dir ein weiterer Hinweis wichtig gewesen wäre :)
    • Vielleicht bin ich da auch echt ein besonders schwieriger Fall: ich habe mir bestimmt das erste halbe Jahr, in dem ich mit einem solchen Konzept gearbeitet habe, dermassen Druck gemacht, dass ich mich dadurch total blockiert habe.
      Eigentlich war es so gedacht, dass man sich selbst und sein Verhalten liebevoll beobachten sollte. Ich wollte es aber unbedingt so gut wie möglich machen! Das hat mich bereits so gestresst dass es neuen Eßdruck ausgelöst hat. Es hat ziemlich lange gedauert um das 1. zu erkennen und 2. ändern zu können.

      Ohne Hilfe hätte ich vermutlich aufgegeben. Dabei bin ich heute so dankbar für die Achtsamkeits-Technik, es geht ja weit über das Thema Essen hinaus.

      Viele Grüße
      Claudia
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]
    • Bircan schrieb:

      73% der Frauen sind ein Jahr nach einer Diät ebenso schwer wie vorher, manche sogar schwerer.
      Woher kommt diese Zahl, Bircan?
      Rein aus dem Bauch heraus scheint mir das nämlich sehr vorsichtig geschätzt zu sein, ich denke eher, 73 % werden nach der Diät schwerer und manche erreichen nur wieder ihr Ausgangsgewicht. Aber das ist nur mein Eindruck. ;)
    • Pandora schrieb:

      Woher kommt diese Zahl, Bircan?

      Ich hatte sie aus dem Bericht genommen ...
      So kam etwa eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung 2012 zum Schluss, dass 73 Prozent der Frauen ein Jahr nach einer Diät genauso schwer sind wie vorher, manche sogar schwerer.

      Zu deinem Eindruck - das Wort "manche" kommt mir auch untertrieben vor.
    • Hallo ClaudiaThomas,

      denke auch, dass so übungen wie "Besteck weglegen nach jedem Bissen"
      wirklich nur bei ganz leichten Fällen eine Wirkung haben. Bei den meisten Menschen, die mit ihrem Gewicht hadern, gibt es aber eine Menge Faktoren gleichzeitig - und bei Essstörungen ist das ohne Therapeutenhilfe oft nicht zu lösen.
      Der "Trick" bei Achtsamkeit könnte folgender sein: Nach ca. 20 Minuten Essen tritt oft das Sättigungsgefühl ein. Wenn ich in den 20 Minuten auf Grund der ganzen Übungen weniger esse, esse ich tatsächlich weniger.
      Das hilft aber dann nur dem Typ Übergewichtigem " Isst sehr viel in kurzer Zeit und ist eher gestresst beim Essen." Da es aber tausend verschiedene Typen gibt, ist es eben kein Generalrezept.

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • Hallo Lisa!
      Das mit dem Besteck weglegen sehe ich ähnlich. Für mich persönlich ist es ein kleines Puzzlesteinchen im ganzen Prozeß. Es hilft das Essen zu entschleunigen, so dass ich eine Chance habe „aufzuwachen“ bevor es zu spät ist. Aber wenn ich es nicht schaffe, das Besteck zwischendrin wegzulegen, dann wird es ja erst richtig spannend. Warum kann ich das Besteck nicht weglegen? Was für Gefühle kommen dann hoch die ich nicht spüren will? Und dann bin ich bereits mittendrin in der therapeutischen Arbeit.

      Oder wie in meinem Fall: was macht mir so einen unglaublichen Druck das so gut wie möglich zu machen? Bevor ich das nicht bearbeitet habe, kann ich gar nichts von den Übungen profitieren.

      Ich gehöre auch zu den Menschen, bei denen das Problem nicht daran liegt, dass ich nicht merken würden wenn ich satt bin. Ich nehme das recht gut wahr. Das Problem besteht darin, dass ich es nicht aushalten kann mit dem Essen aufzuhören wenn sich sie Sättigung einstellt. Und da ist dann wieder die Achtsamkeit gefragt: was ist da gerade los in mir? Und dann kommt die Komponente, die die Achtsamkeit allein nicht leisten kann: wie gehe ich mit diesen unangenehmen Gefühlen um.

      Ich bin jetzt gut 3 Jahre in Therapie und hatte vor kurzem ein absolutes Höchstgewicht erreicht (das lag allerdings an einem extrem belastenden Jahr 2013). Dabei nehme ich heute schon extrem fein wahr welche Gefühle da sind und mich zum Essen treiben, aber es braucht einfach noch eine gewisse weitere therapeutische Arbeit.

      Ganz liebe Grüße

      Claudia
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]
    • Lisa Cortez schrieb:

      [...] Bei den meisten Menschen, die mit ihrem Gewicht hadern, gibt es aber eine Menge Faktoren gleichzeitig - und bei Essstörungen ist das ohne Therapeutenhilfe oft nicht zu lösen. [...]

      Stimmt - in der Hinsicht war der Bericht wirklich nicht das Gelbe vom Ei, denn es fehlen ihm doch einige wichtige Hinweise.
    • Hallo Lucia!

      Ich schreibe mal ein paar konkrete Beispiele.

      Gestern hatte ich eine Situation in der ich mich absolut schrecklich gefühlt habe. Ich muß dazu sagen dass meine Therapie körperorientiert ist. Ich bin schon sehr vertraut damit, unangenehme Gefühle bereits im Körper wahrzunehmen, bevor sie sich als Essdruck bemerkbar machen. Gestern habe ich mich zurückgezogen als ich mich so mies gefühlt habe und habe dort meinem Körper die Führung überlassen. Es kamen Impulse zu husten, mich zusammen zu krümmen (dieses „den-Impulsen-folgen“ ist etwas dass ich in der Therapie gelernt habe und in den letzten 3 Jahren auch viel zu Hause geübt habe). Ich bin den körperlichen Impulsen gefolgt und habe gemerkt wie sehr dadurch die Spannung nachlässt.
      Anschließend hatte ich einen Impuls mir Musik anzumachen und mich dazu zu bewegen. Dazu muß ich sagen, dass ich das sehr selten mache, überhaupt bewege ich mich zur Zeit sehr wenig. Beim Thema Sport empfinde ich ähnlichen Druck wie schon oben geschildert. Umso mehr hat es mich gefreut dass ich gestern nur schöne Gefühle gespürt habe als ich mich ausgelassen zur Musik bewegt habe. Ich war total im Flow, habe mich so lebendig gefühlt, und da brauchte ich das Essen einfach nicht mehr.
      Das war ein Beispiel rein auf der Körperebene mit den Gefühlen zu arbeiten.

      Anderes Beispiel. Gestern früh habe ich wahrgenommen, dass ich an diesem Tag extrem selbstkritisch mir gegenüber bin. Fast jede Wahrnehmung führte zu einem Gedanken „ich mache es nicht gut genug, ich bin nicht gut genug“. Ich habe das bewusst wahrgenommen, habe mir meine Beobachtungen aufgeschrieben. Dadurch verloren diese Gedanken etwas von ihrer Macht. Ich war ihnen nicht mehr ausgeliefert, sondern ich war nun der Beobachter. Ich konnte Mitgefühl mit mir empfinden. Der Druck ließ nach, und auch das konnte ich dann wieder körperlich wahrnehmen: über meine Arme liefen leichter Schauer, die ich inzwischen als Entladung von Anspannung kenne, und ich hatte das Gefühl dass mein Körper wieder im Fluß ist. Der gefühlte „Knoten“ den ich vorher im bauch hatte, war verschwunden. Das war ein Beispiel in dem Achtsamkeit bereits ausgereicht hat und ich mit der Verstandesebene gearbeitet habe.

      Noch ein Beispiel. Ein Teil meiner Therapie ist Traumatherapie, die ich aber auch auf vermeintlich „läppische“ Alltagssituationen anwenden kann. In dem konkreten Fall fühlte ich mich komplett erschlagen vom Chaos hier im Haushalt und den anstehenden Aufgaben. Ich habe schon länger das Problem dass ich ziemlich am Rande der Erschöpfung unterwegs bin, und oft merke ich dass ich eigentlich ausruhen müsste, aber dann sehe ich das Chaos und fühle mich einfach nur überwältigt. Es ist mir dann nicht möglich, mich mit gutem Gewissen auszuruhen, mir macht das viel Essdruck. Oft esse ich dann obwohl ich keinen Hunger habe, das gibt mir dann die Energie mich zu den Aufgaben zu quälen oder „entschädigt“ mich dafür.
      Vor kurzem habe ich hier das in der Therapie gelernte angewandt. Ich habe mir erlaubt erstmal nichts zu tun sondern ganz fein wahr zunehmen was in meinem Körper passiert angesichts der Konfrontation mit dem unüberwindbaren Berg an Aufgaben. Ich stellte fest, dass ich absolut im Ausnahmezustand war, ich fühlte mich hilflos wie ein kleines Kind, in Schockstarre. Normalerweise nehme ich das gar nicht wahr, sondern drücke das weg, funktioniere und esse früher oder später. Ich habe es dann so gemacht wie in der Therapie gelernt, bin ganz ahctsam mit mir umgegangen und habe mir erstmal einen „sicheren Ort“ gesucht an dem mein in Höchstspannung hochgefahrenes Nervensystem sich langsam beruhigen konnte. Von diesem Punkt aus setzte ich mich dann wieder ganz kurz dem Trauma aus, um dann wieder zurück zu schwingen an das Gefühl der Sicherheit. Auf diese Weise kann sich Traumaenergie im Körper lösen. Und ich muß sagen, seither macht mir der Haushalt nicht mehr so viel Streß, ich stehe dem gelassener gegenüber.

      Weiteres Beispiel: wenn ich merke, dass konkrete Glaubenssätze mich belasten, hinterfrage ich sie in einem Dialog. Z.B. „ich darf das restliche Essen nicht wegwerfen“. Ich hinterfrage das dann, das ist im Grunde eine Fortführung der reinen Beobachtung (Achtsamkeit). Durch das Hinterfragen der Glaubenssätze verlieren sie ihre Macht über mich. Es ist für mich ein Problem wenn ich Essen koche, evtl. ein neues Rezept ausprobiere, und dann schmeckt es nicht. Da ist ein Eßanfall oft vorprogrammiert. Durch das Hinterfragen, warum ich das nicht einfach wegwerfen darf, kann ich mich im optimalen Fall davon lösen und kann es ohne schlechtes Gewissen wegwerfen.

      Letztes Beispiel: ich fühle mich gerade bei Alltagstätigkeiten sehr unter Druck es möglichst schnell und effizient zu machen. Manchmal entschleunige ich dann bewusst, hänge z.B. die Wäsche im Zeitlupentempo über die Leine. Das ist ein Fall indem ich durch Handlung ein Muster durchbreche, einen inneren Antreiber ins Leere laufen lasse. Ich spüre in dem Fall dann auch körperlich wie die Spannung nachlässt.

      Das war jetzt mal ein Ausschnitt aus den Werkzeugen die ich mir in den letzten 3 Jahren angeeignet habe. Leider gelingt es mir (noch) oft genug nicht sie anzuwenden sondern ich esse einfach.

      In der Traumatherapie arbeite ich zudem an ganz tiefsitzenden Ängsten und Verletzungen, die ja letztendlich irgendwo die Ursache der Essstörung sind.


      Liebe Grüße


      Claudia
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]
    • Hallo Claudia!

      Vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Bei machem dachte ich spontan, dass ich das auch machen könnte, bei anderen Aktionen hatte ich mehr Schwierigkeiten mich darin zu sehen. Nicht weil ich die Handlung an sich nicht gut fände, sondern weil ich so ganz anders handeln würde als im Alltag. Vermutlich ist das aber Sinn der Sache. Dennoch sträubte sich da irgendwie etwas in mir. Aufgabe der Kontrolle, Verlassen der comfort zone? Ich weiß es nicht.

      Ich muss das nun erst einmal auf mich wirken lassen und später erneut lesen.

      Nochmals ganz herzlichen Dank!

      LG
      Lucia
    • Bitteschön, Lucia.

      Laß dich nicht davon irritieren, wenn manches dir seltsam o.ä. vorkommt. Es ist mein Stand nach 3 Jahren intensiver Therapiearbeit. Ich kann nur von mir selbst sprechen, aber ich hätte vor 3 Jahren z.B. nicht viel mit meinen aktuellen Beschreibungen der Körpererfahrungen anfangen können.

      Angefangen habe ich ganz anders, mit ein paar wenigen Techniken, die ich nicht intuitiv, sondern nach vorgegebenem Schema durchgeführt habe. Oder es versucht habe (damals stand mit mein selbstgemachter Druck noch sehr im Weg).

      LG
      Claudia
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]
    • aber eine Unterstützung, wie in diesem Bericht von Dr. Julia Bollwein, kann nicht schaden


      Stimmt.

      Die Slow Food Bewegung geht ja auch in die Richtung geniessen.

      denke auch, dass so übungen wie "Besteck weglegen nach jedem Bissen"
      wirklich nur bei ganz leichten Fällen eine Wirkung haben. Bei den meisten Menschen, die mit ihrem Gewicht hadern, gibt es aber eine Menge Faktoren gleichzeitig - und bei Essstörungen ist das ohne Therapeutenhilfe oft nicht zu lösen.


      Denk ich auch. Mir ist erst durch Claudias Bericht bewusst geworden, dass das sehr schwierig sein kann.

      LG Finchen
    • Bircan schrieb:


      Kritiker beanstanden, dass die Achtsamkeitsübungen nicht vorgeben, was gegessen werden darf – theoretisch kann man auch Fast Food achtsam essen.

      Warum auch nicht? Fast Food als solches ist ja nicht verwerflich oder "böse", sondern nur wenn man sich über lange Zeit überwiegend davon ernährt oder einige der vielen undurchschaubaren Inhaltsstoffe nicht verträgt, kann es ungesund werden.
      Essen ist ja nicht nur banale Brennstoffzufuhr - auch etwas, das zu oft vergessen wird - sondern es gehört auch immer das Drumherum dazu. Lust ist ja nicht immer mit festlich gedeckter Tafel pipapo verbunden. Es kann auch mal riesigen Spaß machen, spontan zum Mäckes zu gehen, sich einen Veggieburger zu kaufen, und dann mit den Händen zu essen und die Soße quillt an der Seite raus, und man hockt auf der Treppe und kichert wie ein Teenager - eine lustbringende Regression in ein frühkindliches Stadium. Das ist etwas ganz anderes als sich den gleichen Burger gehetzt und mit schlechtem Gewissen reinzustopfen.

      Achtsam auf sich selbst hören (Körper und Seele) ist nur ein Puzzlestein von vielen, aber ein sehr wichtiger. Nur wenn ich spüre, dass etwas aus der Balance ist, kann ich dagegen ansteuern. Das wären dann zum Beispiel die anderen Schritte, von denen ClaudiaThomas geschrieben hat.

      Achtsamkeit und Genuss bedeutet für mich auch: ich tue etwas um seinetwillen, nicht "um zu". Ich jogge nicht, um schlank/fit/leistungsfähig zu werden, sondern weil es sich gut anfühlt. Auch die Anstrengung, das Schnaufen und Schwitzen und der Muskelkater fühlen sich gut an, weil ich dann spüre, dass ich das alles kann, und dafür bin ich dankbar. Ich esse nicht das Gemüse, um abzunehmen, sondern weil es mir jetzt und in dieser Situation Freude bereitet. Diesen Flow hat Claudia beim Tanzen erlebt.

      Achtsamkeit: sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. In den asiatischen Kampfkünsten ist das ein Hauptthema: wer in Gedanken beim "um zu" oder "um nicht" ist, ist nicht bei der Sache und macht Fehler. Wenn du überlegst, welchen Schlag der Gegner ausführen könnte oder jetzt ausführen müsste, ist dein Geist gebunden, und du kannst nicht schnell genug reagieren und unterliegst.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • claudiathomas schrieb:

      Für mich persönlich ist es ein kleines Puzzlesteinchen im ganzen Prozeß. Es hilft das Essen zu entschleunigen, so dass ich eine Chance habe „aufzuwachen“ bevor es zu spät ist. Aber wenn ich es nicht schaffe, das Besteck zwischendrin wegzulegen, dann wird es ja erst richtig spannend. Warum kann ich das Besteck nicht weglegen?

      Beim Besteck-Weglegen als Achtsamkeitsübung geht es im Ansatz nicht darum, langsamer zu essen (also weniger essen in der gleichen Zeit - Thema Sättigungsgefühl blabla). Der Ansatz ist vielmehr, das Essen als solches besser wahrzunehmen, also Geruch, Geschmack, Beschaffenheit, Auswirkungen auf Gefühle, körperliche Reaktionen...

      Wenn ich zum Beispiel im Restaurant herausfinden will, welche Gewürze verwendet wurden, kann ich sehr wohl das Besteck weglegen und "hinschmecken".

      Wenn ich aber diese Übung mache mit dem Ticker im Hinterkopf "langsamer essen = weniger essen", schaffe ich es nicht. Irgendetwas in mir wehrt sich vehement gegen diese neue Art von Zwang und Kontrolle. Das war ja auch so ein alter Trick, den ich als Magersüchtige gerne eingesetzt habe und der von daher für mich psychisch "vergiftet" ist.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Der Gedanke "ich bin nicht gut genug" taucht ziemlich oft auf, wenn es um Esstörungen geht, oder täusche ich mich da?

      Wenn ich an meine Nächsten denke, die mit dem Essen ein Problem haben, fällt mir diese Sichtweise auch auf. Das gibt mir echt Stoff zum Nachdenken.
      Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden
      ******Rosa Luxemburg******
    • claudiathomas schrieb:

      In dem konkreten Fall fühlte ich mich komplett erschlagen vom Chaos hier im Haushalt und den anstehenden Aufgaben. Ich habe schon länger das Problem dass ich ziemlich am Rande der Erschöpfung unterwegs bin, und oft merke ich dass ich eigentlich ausruhen müsste, aber dann sehe ich das Chaos und fühle mich einfach nur überwältigt. Es ist mir dann nicht möglich, mich mit gutem Gewissen auszuruhen, mir macht das viel Essdruck. Oft esse ich dann obwohl ich keinen Hunger habe, das gibt mir dann die Energie mich zu den Aufgaben zu quälen oder „entschädigt“ mich dafür.


      Ach ja, in solchen Situationen esse ich auch verstärkt. Ich habe den Eindruck, dass mein Unterbewusstsein mich dazu bringt, die eigentlich erforderliche Auszeit durch Essen zu legitimieren. Sich einfach nur ausruhen, nix tun, faul sein, die Arbeit liegenlassen macht ein schlechtes Gewissen - ich will doch ein braves Mädchen sein. Aber essen muss ich ja. Also habe ich einen triftigen Grund, jetzt doch nicht xy zu tun, aber vielleicht später, wenn ich gegessen habe...
      Nach dem Essen tut der Ranzen weh und an xy ist jetzt erst mal gar nicht zu denken. Erst mal warten, bis mir nicht mehr so schlecht ist, dann fang ich an mit xy.
      Gut, in der Zwischenzeit hat sich der Berg unerledigter Aufgaben noch etwas vergrößert, und wegen des Essanfalls habe ich zusätzlich schlechtes Gewissen und der Ranzen tut weh - aber bevor ich darüber nachdenken kann, muss ich schnell etwas essen.

      Bis ich eines Tages weinend im Büro auf den Knien lag und nichts mehr konnte. Burnout.

      Ich habe eines gelernt: vieles ist wünschenswert (von wem? warum?), weniges ist machbar, das Notwendige (was ist das?) muss getan werden.

      Viele Anforderungen werden oft nur gestellt, damit andere es bequem haben - sollen die doch den eigenen Arsch bewegen!
      Oder um klischeehafte Rollenmuster zu füllen: ist es notwendig, dass die Fenster jede Woche geputzt werden müssen? Nein.

      Wir sind so gründlich gebimst worden, was ein braves Mädchen, eine gute Hausfrau/Mutter/Schwiegertochter, eine fürsorgliche Gattin, eine leistungswillige Mitarbeiterin blablabla alles zu tun und zu lassen hat - und das möglichst in perfekter Qualität bitteschön -, dass wir uns selber abhanden kommen.

      Achtsamkeit ist der erste notwendige Schritt.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Sophie schrieb:

      Warum auch nicht? Fast Food als solches ist ja nicht verwerflich oder "böse", sondern nur wenn man sich über lange Zeit überwiegend davon ernährt oder einige der vielen undurchschaubaren Inhaltsstoffe nicht verträgt, kann es ungesund werden.

      Absolut richtig, ich glaube auch, dass der Körper einem Signale geben kann was und wieviel er braucht und das man Fast Food, Zucker, Fett … per se als ungesund bezeichnet kann ich nicht nachvollziehen. Wie hatte Paracelsus schon gesagt "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“.
      Achtsam auf sich selbst hören (Körper und Seele) ist nur ein Puzzlestein von vielen, aber ein sehr wichtiger. Nur wenn ich spüre, dass etwas aus der Balance ist, kann ich dagegen ansteuern.
      So habe ich es auch erlebt und nur dadurch wurde ich offen für meine Problematik im Zusammenspiel mit dem Essen. Dieses Fühlen, dass man aus der Balance ist, hat bei mir dazu geführt, dass ich weiter suchte und somit heraus fand, dass ich eine Histamin-Unverträglichkeit habe.