Die Waage des Lebens

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    • Die Waage des Lebens

      Hallo,

      Ich bin mir noch nicht sicher, wohin der Beitrag geht, also schreibe ich mal schnell los und schaue, was am Ende bei rauskommt.


      Ihr wisst bereits, dass mein Bruder tödlich verunglückte und meine Familie dieses Unglück nicht als Familie verarbeiten konnte. In diese emotional tote Familie wurde ich dann geboren und dort wuchs ich auf.

      Es hat bei uns kein Feedback gegeben auf Leistungen oder falsches Benehmen. Gute Noten, Gewinne bei Jugend musiziert, Schulsprecherin sein, ein schönes Bild malen oder ein Buch selber als Kind schreiben, schöne Pullis stricken .... alles egal. Es gab keine Reaktion. Es gab kein "Gut gemacht" oder "Das ist aber schön" oder "Ich freue mich" oder sonstwas.

      Eigentlich eher das Gegenteil. Gute Noten wurden mit "Das könnte noch besser sein" kommentiert. Gute musikalische Leistungen mit "Ja, nett, aber du wirst doch eh kein Berufsmusiker, also wozu das Ganze" oder in gestrickten Pullis wurde nach der einen Masche gesucht, die nicht perfekt war, um mir den Pulli dann um die Ohren zu hauen.

      Die Waage mit der man Lob misst, schlug immer nach unten aus.
      Das führte zu 2 Reaktionen: zuerst habe ich immer mehr Dinge verbrochen in der Hoffnung mal eine Reaktion meiner Eltern zu bekommen. Das war mir zu emotionslos abtuend was ich zuhause bekam. Wenn schon negativ, dann sollte es dafür doch einen Grund geben und dann sollten sie mal aus sich rausgehen und richtig schimpfen. Wäre ja auch ne Emotion gewesen.
      Aber auch das kam nicht. Drogen, Dealen, Weglaufen, in der Szene leben, nicht mehr in die Schule gehen ... total egal.

      Daraufhin habe ich meinen Eltern infach nichts mehr erzählt. Nicht, weil ich Angst hatte, sondern weil es keinen Unterschied machte. So wussten meine Eltern nichts über meinen ersten Freund und alle die folgten, nichts ünder den ersten Sex, nichts darüber, dass ich Schulsprecherin und Bezirkssprecherin wurde und vieles mehr.


      Heute lebe ich schon lange nicht mehr bei meinen Eltern und verstehe, dass ich mich immer noch verhalte, als ob meine Eltern da wären.
      Immer wieder habe ich Phasen in denen ich meiner besten Freundin/bestem Freund ganz wichtige Dinge nicht erzähle. Ich begründe das dann immer mit einem "Interessiert doch eh niemanden", weil ich das so kenne aus meiner Kindheit, dass es niemanden interessiert. Und ich denke wirklich "niemand" und mache meine Freundin/Freund damit zu einer anonymen Masse, obwohl ich weiss: da ist die Christina, sie ist nicht meine Eltern und sie hat Interesse an mir. Aber ich tue es ab. So wie meine Eltern alles abtaten.

      Und vor allen Dingen lobe ich mich und alle die ich liebe überschwenglich. Ein einfaches "Gut gemacht" oder "das ist schön" gibt es bei mir fast nicht. Bei mir ist alles fantastisch, extrem toll, wunderbar und einzigartig oder Du bist die Tollste und Ich bin die Tollste.

      Bei der Frage, warum das so ist, stelle ich mir die Waage vor, die nach unten ausschlägt. Wenn ich dann ein "einfaches" Lob ausspreche, dann würde die Waage leicht ansteigen, aber sie wäre noch nicht im Lot. Ich muss so überschwenglich und lobhudelnd durchs Leben laufen um die Waage nach oben ausschlagen zu lassen und damit die Summe dann eine Mitte anzeigt. Eine Mitte, die eigentlich nicht da ist, die ich mir versuche zu schaffen, die aber so nicht klappen wird. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, ist mal ganz nett, aber als dauerndes Lebensmittel extrem anstrengend und eben keine "Mitte".

      Ich muss daran arbeiten, dass ich diese Verhaltensweisen loslasse, die ch nur noch auslebe, weil ich es so gelernt habe, die aber keinen äußeren Anlass mehr haben, da meine Eltern eben nicht bei mir leben.

      loslassende Grüße,
      Teichrose
    • Hallo Teichrose,
      das klingt für mich sehr traurig, sonst weiß ich nicht, was ich dazu schreiben soll. Ich knuddle Dich mal.

      Eines: "Waage des Lebens" klingt total bildhaft und schön.
      :stay:
      lg
      Renate

      Ein Freund ist jemand, der dich mag, obwohl er dich kennt. (Dr. Eckhart von Hirschhausen)
    • teichrose schrieb:

      Es gab kein "Gut gemacht" oder "Das ist aber schön" oder "Ich freue mich" oder sonstwas.

      Eigentlich eher das Gegenteil. Gute Noten wurden mit "Das könnte noch besser sein" kommentiert. Gute musikalische Leistungen mit "Ja, nett, aber du wirst doch eh kein Berufsmusiker, also wozu das Ganze" oder in gestrickten Pullis wurde nach der einen Masche gesucht, die nicht perfekt war, um mir den Pulli dann um die Ohren zu hauen.


      Bei uns zu Hause war es so ähnlich. Es gab zwar keinen toten Bruder oder ein ähnlich traumatisches Ereignis in der Art, dafür eine extreme Fixierung auf Leistung. Eine 2 in Latein war kein Anlass zur Freude, sondern tadelnswert. Für die 1 gab es auch kein Lob, sondern nur "Warum nicht gleich so." Als Erstgeborene (ja, auch als Ersatz für den nicht-vorhandenen Sohn) ruhten alle Karriere- und Erfolgshoffnungen meiner Eltern auf mir. Naja. Dieses Kapitel ist Geschichte.
      Ich habe mir ein Selbstvertrauen selbst erarbeitet, das unabhängig von äußerem Lob aus dem Wissen um meine eigenen Fähigkeiten kommt. Ich vertraue auf mich selbst, auf meine Urteilsfähigkeit, auf meine Gefühle, auf meine Kenntnisse, auf meine Fähigkeit im Notfall um Hilfe bitten zu können. Ich kann mich mal irren, aber das gehört dazu, deswegen mache ich mich nicht selbst runter.

      Es gibt ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, was das Thema "Gelobt-Werden" abgeht. Manche brauchen viel Lob, manche sind schon zufrieden wenn nicht geschimpft wird und werden nur misstrauisch, wenn zuviel Lob kommt. Manche halten sich für supertoll und brauchen auch mal einen Schuss vor den Bug, manche Schüchterne sterben tausend Tode, wenn sie vor anderen gelobt werden.
      Meine Erfahrung im Job hat mir gezeigt: je schwächer das Selbstwertgefühl ist, um so mehr Lob brauchen die Leute, aber je öffentlicher das Lob, um so sachlicher und beiläufiger sollte es sein. Es hilft auch nicht wirklich (außer wenn ein geknicktes Ego getröstet werden soll) pauschal alles super und klasse zu nennen, sondern ich merke, dass es besser ankommt, wenn ganz konkret benannt wird, was gut war und was weniger gut.
      Damit meine ich jetzt allerdings nur Erwachsene. Kinder kann man eigentlich nie zuviel ermuntern und loben - es sei denn, es handelt sich um extrem verwöhnte Gören.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)