Meine Vorstellung/Berichte (Binge Eating - Achtsamkeit)

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    • Meine Vorstellung/Berichte (Binge Eating - Achtsamkeit)

      Hallo,

      ich bin Jakob, 30 Jahre alt und möchte mich hier mal vorstellen. Ich war in der Vergangenheit immer mal wieder im abnehmen.com-Forum aktiv, auf die Dauer nervt aber dort der Diätwahn, die Pülverchen, Sorgen um halbe Kilos usw. Die Philosophie dieses Forums (auf das ich vor ein paar Tagen per Zufall gestoßen bin) find ich klasse, sodass ich mich hier mal aktiv einbringen möchte.

      Meine Essstörung würde ich am ehesten mit Binge Eating bezeichnen. Ich bin seit der Jugend gewichtstechnisch auf einem aufsteigenden Ast und befinde mich gerade bei einem BMI von etwa 33. Manchmal komme ich damit recht gut zurecht bzw. es stört mich vordergründig nicht wirklich, manchmal könnte ich schier verzweifeln.

      Das Binge Eating hat sich im Laufe der letzten 15 Jahre mal schleichend, mal explosiv verfestigt. Es fing an mit einer Lust auf kalorienreiche Kost (Schokolade, Kekse, Softdrinks usw.) und Abneigung gegenüber Vollkorn und Gemüse. Mit der Zeit bemerkte ich, dass ich mit den Essanfällen alle möglichen negativen Emotionen in den Griff kriegen konnte. Anfangs stand bei mir eher die Lust am Essen im Vordergrund. Dass ich damit so viel auf emotionaler Seite verdränge, habe ich erst im Laufe der Therapie gemerkt, die ich gerade absolviere. Ganz frei von Verblendung bin ich aber sicherlich auch heute noch nicht.

      Meine Lebensumstände und Gewohnheiten begünstigen die emotionale Unausgeglichenheit und damit das Binge Eating mal weniger, mal stärker. Ich habe nie besonders viel von Alkohol gehalten (außer bei Parties usw.), stattdessen kiffe ich recht regelmäßig. Bekifft sinkt die Selbstverantwortung und berüchtigte Fressflashs erhalten Einzug. Außerdem werde ich oft emotionaler und introvertierter, wenn ich breit bin, sodass ich mich da gerne mal in einer emotionalen Sackgasse verirre. Essen eignet sich meist recht gut, um da wieder raus zu kommen (zumindest bis zum nächsten Tag). Hinzufügen muss ich allerdings, dass ich auch in Zeiten, in denen ich über Monate nicht gekifft habe, ebenso Binge Eating-Anfälle hatte. Insofern ist das Gras nicht Auslöser, sondern wenn überhaupt eher Verstärkung. Wenn ich hingegen glücklich bin, kann ich breit sein und keine Lust auf Essen verspüren.
      Seit der Schulzeit bin ich Student und bin die meiste Zeit meines Lebens Single und Einzelgänger. Meine Freizeit verbringe ich erst seit einigen Monaten wieder auf anregende Weise; früher habe ich von morgens bis abends fast ausschließlich vor'm PC gehangen, wenn ich nicht in der Uni war. Solche Phasen gibt's auch heute immer mal wieder. Mit meiner Familie und meinen Freunden hab ich oftmals ein eher oberflächliches Verhältnis. Letztes Jahr ist außerdem mein Vater an Krebs gestorben. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass er die einzige Person auf Erden war, zu der ich volles Vertrauen hatte und mit der ich über alles reden konnte, ohne in gegenseitigen Anschuldigungen und/oder Schutzmechanismen/Oberflächlichkeiten stecken zu bleiben. Kurz vor Ende des Studiums bin ich mir recht unsicher, was ich da eigentlich studiert habe, und ob das alles so das Richtige war.

      Kurzum, es gibt einiges an Potential, hin und wieder mal unausgeglichen zu sein.

      Was meine Ernährung und Lebensweise an geht, wirkt sich das dementsprechend aus: Es landet sehr viel Fastfood, Bestell-Pizza, Tiefkühlkost, Süßkram, Chips usw. auf dem Teller; oft setze ich die Binge Eating Attacken regelrecht bewusst ein, um mich für den Rest des Tages 'auszuknocken'. Nach dem Motto: Gerade geht's mir scheiße, bin traurig, frustriert, genervt wegen XYZ. Aber wenn ich mir jetzt zwei Pizzen und ne Tafel Schoki rein fahre, dann hab ich nicht mehr die Kraft, darüber nachzudenken... Und tatsächlich klappt das kurzfristig immer recht gut: Ich hab dann Herzklopfen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, ein getrübtes Sichtfeld, kann nicht mehr wirklich klar denken und kann nur noch halb-wach dem Fernseher oder Streams folgen. So geht das von Tag zu Tag aufs Neue. In den letzten 10 Jahren würde ich schätzen, dass ich regelmäßig 2-7 Binge-Eating-Anfälle pro Woche hatte; im letzten Jahr waren es im Schnitt bestimmt 5 pro Woche.

      Ganz so pessimistisch möchte ich die Sache auch nicht stehen lassen, denn hin und wieder schöpfe ich neuen Mut; manchmal sogar kriege ich es hin, über Wochen hinweg 'gut' zu leben. Meine beste Zeit im Leben war ein Auslandssemester in Australien, wo ich frei jeder alten Gewohnheit gewissermaßen meine 'Wunschpersönlichkeit' aufgebaut habe, war aktiv, hatte einen super Tagesrhythmus usw. Zurück in Deutschland ging's leider wieder bergab.
      Aber auch heutzutage bin ich nicht total frustriert, sondern versuche einiges, um ein würdiges Leben zu führen. Inzwischen gönne ich mir zumindest meistens ein gutes Frühstück mit Obst, trinke fast nur noch Wasser usw... Tagsüber versuche ich öfters mal, sinnvolle Tätigkeiten dem Rumhängen vor'm PC vorzuziehen. Gegen Abend hin lässt aber dann oft die Motivation nach. Oder ich bin wegen Ereignissen und nicht geschafften Aufgaben frustriert und dann geht die Leier von vorne los.

      Nach so vielen Jahren der Selbstschädigung habe ich nicht das beste Selbstbild und mag mich oft nicht besonders leiden. Das geht hin bis zu autoaggressiven Gedanken, Zähneknirschen nachts, Tinnitus, vielleicht sogar einer immer wieder aufflammenden Depression/Dysthymie. Mit einem oft so angespannten inneren Dialog ist es recht schwer, eine gesunde Art der Motivation zurück zu erlangen und nicht direkt wieder in Selbstverurteilung, Schuldgefühle, Scham, Regeln/Perfektionismus usw. zu rutschen.

      Seit etwa einem Jahr übe ich mich nun - mal intensiver, mal weniger intensiv - in Achtsamkeitspraxis, bzw. genauer gesagt in Shamatha-/Vipassana-Meditation. Das Grundelement sind möglichst tägliche Sitzungen Sitzmeditation mit einer Dauer von 20 Minuten oder mehr. Und auch sonst versuche ich, öfters mal den Autopilot und das ständige Gedanken-Wirr-Warr auszuschalten und mich einfach nur in aufmerksamer Wahrnehmung meiner Umgebung zu schulen. Dafür nehme ich mir bewusst Zeit, besuche Konzerte mit klassischer Musik, setze mich hin und wieder mal auf ne Parkbank, versuche mehr zu lesen und weniger TV/Streams zu konsumieren, spiele inzwischen wieder recht regelmäßig Klavier. Grundsätzlich soll das alles mir helfen, Frieden mit mir zu schließen, und mich öfters mal einfach so auszuhalten (ohne Berieselung durch TV/PC, ohne Rausch durch Essen und Gras, etc.). Die Beschäftigung mit Meditation und Buddhismus im weitesten Sinn hilft mir außerdem recht gut, um über den Tod meines Vaters hinweg zu kommen.

      Insgesamt bin ich recht zuversichtlich, dass ich im Großen und Ganzen auf einem ganz guten Weg bin. Inzwischen hab ich einiges an Irrglauben aufgegeben; mir schwebt nicht mehr vor, mich zu einem Adonis herunter zu hungern (was nur in Enttäuschung enden kann); ich versuche sogar, mich fast garnicht mehr zu wiegen; vielleicht höchstens mal einmal im Monat. Insgesamt möchte ich nicht mehr 'schlank, sexy, attraktiv und topfit' sein (wie ich es mir früher oft vorgenommen habe). Mein vorderstes Bestreben wäre erstmal, innere Ausgeglichenheit zu erreichen und nicht mehr alles vor mir her zu schieben (Aufgaben, emotionale Spannungen, Träume, ...). Ich möchte endlich mal wieder aufstehen und mich gut fühlen; mich auf den Tag freuen. Und möchte gerne abends zu normaler Zeit schlafen gehen und in Harmonie und Frieden einschlafen.

      Wenn ich mich aber im Spiegel angucke (oder sonst auch mal an mir herunter blicke oder in mich hinein spüre), wird mir aber immer wieder schmerzlich bewusst, wie sehr ich meinem Körper und Geist, aber auch meinem Umfeld und meinen Mitmenschen bisher Schaden zugefügt habe und dass ich diese 'Narben' mein Leben lang behalten werde.
      Es wird definitv ein recht langer und herausfordernder Weg, damit langfristig umzugehen, mich immer wieder neu zu motivieren und schließlich Frieden mit mir und der Welt zu schließen.

      In diesem Sinn freue ich mich, einen Teil dieses Wegs mit Euch hier im Forum zu gehen.

      Viele Grüße und auf gute Nachbarschaft! Jakob
    • Hallo Jakob,

      Cooler Text. Vor allem lang und ziemlich ausführlich.

      Ich kann mich daran erinnern, als auch viele meiner Tage gleich lang, aber unterschiedlich breit waren. Da bin ich aber schon so Mitte 20 rausgewachsen. War zwar lustig, hat mir aber nix gebracht, nur Lethargie.

      Wie auch immer.

      Willkommen Jakob!

      :hallo:
    • Jakob schrieb:



      Insgesamt möchte ich nicht mehr sein (wie ich es mir früher oft vorgenommen habe). Mein vorderstes Bestreben wäre erstmal, innere Ausgeglichenheit zu erreichen und nicht mehr alles vor mir her zu schieben (Aufgaben, emotionale Spannungen, Träume, ...). Ich möchte endlich mal wieder aufstehen und mich gut fühlen; mich auf den Tag freuen. Und möchte gerne abends zu normaler Zeit schlafen gehen und in Harmonie und Frieden einschlafen.

      Wenn ich mich aber im Spiegel angucke (oder sonst auch mal an mir herunter blicke oder in mich hinein spüre), wird mir aber immer wieder schmerzlich bewusst, wie sehr ich meinem Körper und Geist, aber auch meinem Umfeld und meinen Mitmenschen bisher Schaden zugefügt habe und dass ich diese 'Narben' mein Leben lang behalten werde.



      :welcome: Jakob :)

      Ich habe diese beiden oberen Absätze von Dir stehen gelassen, wie ich dazu spontan etwas sagen möchte.

      Vielleicht bin ich voreingenommen oder meine Erfahrungen sind außergewöhnlich, aber unter den Menschen die ich kennenlernte und die in die Kategorie 'schlank, sexy, attraktiv und topfit' gehörten, waren die meisten oberflächlich, oft sehr selbstverliebt (im negativen Sinne) und mir in ihrer Art unsympathisch. In Gegensatz dazu zeigt mir jedes Deiner Worte einen Menschen, der - so glaube ich - sehr sympathisch ist, weil er reflektiert, sich in Frage stellt, nachdenkt, fühlt und lernbereit ist.
      So viel dazu.

      Was die Narben anbelangt:
      Narben waren ehemals Verletzungen die geheilt sind.
      Durch die Narben wird man sicherlich immer an sie erinnert, aber sie sind die Schutzschicht die die Schmerzen mildern oder sogar schwinden lassen.
      Hat man sich diese Verletzungen selber zugefügt, so sind die Narben ein gutes Mahnmal, sich solche Verletzungen niemals wieder zuzufügen.
      Narben gehören zum Leben, denn ohne Blessuren geht wohl niemand hindurch. Und Blessuren sind die Erfahrungen, die uns - wenn wir denken und fühlen wie Du - reifen und stark werden lassen.
      Narben haben also insgesamt eine durchaus wichtige und sehr positive Seite. :)
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • Hi,
      ja, der Text ist etwas lang geworden. Schreibe ab und zu Tagebuch in Word, da fließt dann einiges automatisch aus den Fingern ;)

      Schön, dass Ihr antwortet und danke für die einfühlsamen Worte, Itsme. Ja... reflektieren und in Frage stellen tu ich durchaus mal gerne. Einerseits schätze ich diese Eigenschaft an mir selbst, andererseits macht's einem auch das Leben manchmal mühseliger. Naja, möcht's nicht missen.

      An Deinen Worten zu Narben ist was dran. Ich hab körperlich die ein oder andere von Stürzen oder so, auf die ich fast stolz bin... Als Teil meiner Lebensgeschichte. Wär schön, wenn sich das auf's Seelische so übertragen ließe. Ich arbeite dran ;)
    • Jakob schrieb:



      Ja... reflektieren und in Frage stellen tu ich durchaus mal gerne. Einerseits schätze ich diese Eigenschaft an mir selbst, andererseits macht's einem auch das Leben manchmal mühseliger. Naja, möcht's nicht missen.



      Hallo Jakob,

      dieses Thema habe ich immer mal wieder mit meiner Tochter. Wir haben festgestellt, dass wir uns in vielem sehr ähnlich sind und dazu gehört der Punkt, dass wir vieles sehr an uns heran lassen, überdenken, reflektieren, abwägen, etc. pp.
      Wer das tut ist (leichter / leicht) verletzbar.
      Wie Du, merken wir, dass dies das Leben oftmals mühseliger macht. Und auch schmerzhafter, denn Dinge die andere einfach mal so wegstecken sind für uns verletzend. Das ist die eine Seite dieser Eigenschaft.
      Die andere, die untrennbar dazu gehört, ist, dass auch die schönen Dinge - selbst was für andere Menschen vielleicht unerhebliche Kleinigkeiten sind, tiefer gehen und die Freude darüber größer ist.

      Fazit:
      Oberflächlichere oder weniger gefühlsbetonte Menschen haben es leichter, weil sie nicht so leicht zu verletzen sind. Aber sie haben eben dafür auch die Kehrseite nicht, die so tiefe Freude.

      Du schreibst, Du möchtest das nicht missen. Genauso geht es uns auch, denn die Freuden die wir empfinden können, wiegen das andere leicht wieder auf.:)
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • Liebe Itsme,

      ich wollte Dir schon lange einmal sagen, wie sehr Du mir manchmal so richtig ins Herz triffst mit dem, was Du so schreibst. Ich hab Dich richtig gern.

      Nur möchte ich Dir in diesem Punkt

      Vielleicht bin ich voreingenommen oder meine Erfahrungen sind außergewöhnlich, aber unter den Menschen die ich kennenlernte und die in die Kategorie 'schlank, sexy, attraktiv und topfit' gehörten, waren die meisten oberflächlich, oft sehr selbstverliebt (im negativen Sinne) und mir in ihrer Art unsympathisch.
      dann doch vielleicht widersprechen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich, vielleicht aus Unsicherheit genau mit dieser Einstellung, ungerecht gegenüber denen war, denen ich das Label 'sexy, attraktiv und oberflächlich' angeheftet hatte. Auf den ersten Blick hatte ich viele, die man (auch ich) in diese Schublade gepackt hatte, bereits aussortiert. Und erst, als jemand, den ich deswegen schon abgeschrieben hatte, das bemerkte und mich auf mein unfaires Verhalten angesprochen hat, habe ich begonnen, diese Einstellung zu überdenken. Heute bin ich der Meinung, dass man niemals aufgrund von Äusserlichkeiten über jemanden urteilen sollte. Alle haben eine Chance verdient. Und auch eine zweite.

      Ich gebe Dir darin Recht, dass wir alle, die wir uns hier über die Intoleranz unserer Zeitgenossen zurecht beklagen, mit den Jahren zwangsweise ein sehr feines und ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit und Toleranz entwickelt haben und deswegen eine äusserst treffsichere Menschenkenntnis besitzen und ein ziemlich präzises Gespür für Vorurteile und Ausgrenzung, für Menschlichkeit. Das haben wir uns erworben, weil wir alle die tiefsten und hässlichsten Abgründe menschlichen Zusammenlebens ertragen haben. Und das nur aufgrund unserer äusseren Erscheinung.

      Aber ich denke, wir sollten doch trotz allem nicht den selben Fehler machen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Balou ()

    • Hallo Jakob,
      beindruckend, wie klar du dich sehen kannst. Im Grunde hast du dir schon die Antworten auf deine Fragen schon selbst gegeben.

      Der passive, konsumierende Lebensstil: Manchmal ist man einfach zu erschöpft oder depressiv, um etwas Fordernderes zu machen als vor der Glotze abzuhängen. Dann ist es vielleicht die einzige Möglichkeit, den leeren Akku aufzuladen oder wenigstens nicht noch weiter zu entleeren. Das darf sein, und ist manchmal überlebenswichtig. Aber manchmal gewöhnt man sich den scheinbar einfacheren Weg des passiven Zeittotschlagens an, und verlernt nach und nach, welches aktive Potential man besitzt. (Es ist übrigens deine Lebenszeit, die du da totschlägst.) Wenn aber das Gefühl, etwas vollbracht zu haben, zu lange fehlt, fängt man unterbewusst an zu empfinden, dass man nichts vollbringen kann. Und geht dann den "leichten" Weg, oder den noch leichteren, nämlich sich mit Alkohol oder Cannabis "abzuschießen".
      Jeder Mensch hat das Potential zu aktivem Handeln. Sogar schwer körperlich und geistig behinderte Kinder können mit der richtigen Unterstützung malen, singen, spielen, glücklich sein. Wichtig für ein gutes Selbstwertgefühl ist das Wissen tief in einem drin, dass man etwas bewirken kann, etwas schaffen kann, etwas selbst vollbringen kann (und nicht nur vorverdaute Kost konsumieren). Das Wissen um die eigene Stärke bewirkt, dass Probleme nicht mehr ganz so unlösbar vor einem stehen. Was genau das ist, ist individuell. Du scheinst ein analytischer Geist zu sein. Das bringt einem zwar manchmal Frust, wenn man auch die Schwierigkeiten in allen Details sieht, aber es hilft einem auch bei der Suche nach einer optimalen Lösung.

      Ich würde dir vorschlagen, basierend auf meinen eigenen Erfahrungen, auch mehr aktive/kreative Freizeitbeschäftigungen zu versuchen. Was macht dir Spaß, was würdest du mal gern versuchen, was interessiert dich und du hast dich nur nie getraut? Malen, ein Instrument lernen, Kochen lernen, Bildhauerei, Tiffany, einen Roman schreiben, mit dem Joggen anfangen (die Dusche danach ist besser als Sex, und ich hab mehr als BMI 33!), einer Theatergruppe beitreten, Fallschirmspringen, Tauchen lernen, sich ehrenamtlich engagieren von Flüchtlingshilfe bis zur freiwilligen Feuerwehr, es gibt so vieles. An den Unis bzw. in Unistädten gibt es dermaßen Auswahl, dass einem schwindlig wird. Manchmal hat man nur sozial bedingte Blockaden im Kopf: Dicke dürfen in der Öffentlichkeit keinen Sport treiben. Männer dürfen nicht nähen. Frauen dürfen nicht schweißen. Was denken die anderen, wenn ich nicht gut genug bin? - Gar nix denken die. Und Versuch macht kluch.

      Du schreibst, dass in Australien alles besser war. Warum war es besser? Kannst du es nicht in Deutschland genauso machen? Wenn nicht, warum nicht? Kannst du da überhaupt nichts ändern? Auch nicht ein klitzekleines bisschen?

      Sinnkrise & Studiumsfrust: Tja, da kommt es darauf an. Ist dir das Fach zuwider, und du hast es nur gewählt, weil irgendjemand (die Eltern?) das von dir erwartete? Oder war da mal ein Interesse, ein Traum, der sich damit verbunden hat?
      Ist es nur noch kurz bis zum Abschluss, oder steht der Abschluss in utopischen Fernen?
      Falls du das Studium hinschmeißen willst: Du hast schon soviel Jahre deines Lebens damit verbracht, es wäre schade, wenn das für lau gewesen wäre. Aber falls doch: Könntest du an die bereits gelernten Inhalte anknüpfen und in ein verwandtes Fach wechseln mit Anrechnungsmöglichkeiten, oder vielleicht eine verkürzte Berufsausbildung machen? - die IHK ist flexibler als man meint, dem Fachkräftemangel sei Dank.
      Falls du fast fertig bist: Schönheit vergeht, Diplom besteht. In Deutschland braucht man in der Regel einen formalen Abschluss als Eintrittskarte. Danach kann man sich über alternative Wege an seinen Wunschjob heranarbeiten. Gerade in großen Firmen landet man recht häufig in völlig fachfremden Jobs.

      Und ehrlich: mit BMI 33 gehörst du nicht zur Dicken-Oberliga. Wenn du Positivheit ausstrahlst, Lebenslust, Zuversicht, inneres Gleichgewicht, bist du auch mit Bäuchlein attraktiv. Ich habe mich (damals selber BMI 18) als junge Frau in einen kuschligen Moppel verliebt, weil der Mann wie ein Barockfürst voller Freude gelebt hat. Lass das Kiffen, und fang an zu leben.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Balou schrieb:



      Heute bin ich der Meinung, dass man niemals aufgrund von Äusserlichkeiten über jemanden urteilen sollte. Alle haben eine Chance verdient. Und auch eine zweite.



      Ich bin ganz sicher nicht frei davon, aber in dem von mir angesprochenen Punkt schrieb ich bewusst "unter den Menschen die ich kennenlernte".
      Das war also kein Urteil nur aufgrund von Äußerlichkeiten.

      Aber wie gesagt, ich bin natürlich nicht frei davon, so manches mal aufgrund von Äußerlichkeiten anzunehmen, dieser Mensch wäre so oder so.
      Ich bemühe mich jedoch, diesen Fehler nicht zu oft oder wenn möglich, gar nicht zu begehen. Gar nicht ist jedoch schwer. Für mich.;)
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • Vielen Dank für die Antworten, Fragen, Tipps!

      Itsme:
      Wow! Ich bin bisher garnicht so auf die Idee gekommen, den negativen Seiten meiner Emotionalität die positiven gegenüber zu stellen. Aber wie Recht Du hast... Bisher habe ich das Mich-In-Frage-Stellen, Reflektieren, An-Mich-Heranlassen usw. eher als meine Aufgabe als Mensch angesehen, oder als Aufgabe als Buddhist oder wie auch immer. Das allein aber kann eine ziemliche Bürde sein und selten erntet man Früchte, weil stets neue Baustellen warten. Die positiven Seiten dessen mehr wertzuschätzen ist ein soo wertvoller Tipp, danke! Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir viel auf: Beispielsweise, wie sehr ich manchmal von Musik, Natur, Idylle, Kunst usw. bewegt bin... es ist definitiv wert, das zu würdigen und dankbar dafür zu sein.

      Sophie:
      Ja, es ist ziemlich beänstigend, wenn mir manchmal klar wird, dass ich mich über Tage oder Wochen hinweg so sehr an Passivität gewöhnt habe, dass es mir normal vor kommt. Deine Beschreibung dazu passt absolut.
      In der Tat ergreife ich inzwischen wieder recht viel Initiative, um mein Leben zu bereichern: Ich spiele Trompete in ner Band, gehe 3-4 Mal pro Woche Klavier spielen, mache unregelmäßig, aber konstant Krafttraining, gehe seit einem halben Jahr autodidaktisch Turmspringen, bin seit nen paar Wochen in nem Jazz-Chor, versuche mich ein wenig an Zimmerpflanzen usw.
      Allerdings ist es echt krass, wie hartnäckig sich eine Passivität halten kann. Obwohl ich viele der Hobbies jetzt seit einem Jahr vermehrt betreibe, muss ich mich doch immer wieder jedes Mal aufs Neue aufraffen, daran erinnern, dazu durchringen. Manches geht mir schon leichter von der Hand, aber generell ist es so, dass ich öfters mal alle Optionen erst 5x gegeneinander abwäge, statt einfach aus einer Selbstverständlichkeit heraus etwas zu tun. Und obwohl das schon einige Dinge waren, die ich erwähnt habe, bleibt doch noch erschreckend viel Zeit über, um sich wieder in Berieselungs-Aktivitäten zu verlieren. Das läuft also noch nicht alles total automatisch, aber insgesamt werde ich auf jeden Fall aktiver.
      Inzwischen finde ich es schockierend, dass ich früher sehr viele Tätigkeiten ausgeschlossen habe, eben genau wegen der von Dir erwähnten Befürchtungen: "Man hält mich für nen Softie, wenn ich Ambient-Klavier spiele"; "Man lacht mich aus, wenn ich mit meiner Figur Turmspringen gehe"; "Wenn ich xy einmal ausprobiere und dann wieder sein lasse, ist das ne Niederlage", "Ich brauche Freunde, mit denen ich dies und jenes zusammen machen kann; wenn ich's allein machen müsste, lass ich's lieber sein" usw. Inzwischen bin ich aber immer öfter in der Lage, mich von solchen scheinbaren Hindernissen weitestgehend frei zu machen.

      Zu Australien:
      Ich hab viel darüber nachgedacht und bin mir immer noch nicht ganz im Klaren darüber. Da kamen ganz viele Sachen zusammen, die man so 1:1 garnicht adaptieren kann: Andere Supermärkte (Einkaufsgewohnheiten zerstört und somit Luft für neue Lebensmittel); Neugier an Land und Leuten (im Gegensatz zu einer gewissen Einstellung hier, sein eigenes Land eh schon zu kennen); Zielgerichtetheit (ich werde vermutlich nie wieder hier her zurück kommen, also hole ich das Beste aus dem halben Jahr raus); kein schlechtes Gewissen, Einzelgänger zu sein, da ich dort ja niemanden kennen konnte. Dementsprechend besseres Selbstwertgefühl; ne allgemeine Euphorie: "Ich habs geschafft, um die halbe Welt zu reisen, da ist es jetzt nur noch ein kleiner Schritt, dies oder jenes Sinnvolles/Interessantes zu tun; Interesse meiner Freunde in Deutschland an meinem Leben, alles hörte sich aufregend an usw., statt in Deutschland so im Trott nebeneinander her zu leben...
      Sicher könnte ich mir einige Aspekte davon auch hier wieder aneignen; dennoch ist es halt was anderes, als wenn man tatsächlich am anderen Ende der Welt befindet. Aber ich werde auf jeden Fall nochmal darüber nachdenken, was sich übertragen oder reaktivieren lässt.

      Was das Gras angeht... Ich möchte eigentlich vermeiden, dass dieses Klischee-Kiffer-Bild immer angeheizt wird. Denn im Grunde trifft es nicht uneingeschränkt zu. Ja, es besteht auf jeden Fall die Gefahr, sich mit einer Droge "abzuschießen", sei es Alkohol, Gras, Essen, Sport, Sex, was auch immer. Auch mir passiert das öfters mal. Allerdings ist es zu kurz gegriffen, es nur darauf zu reduzieren. Ich möchte nicht behaupten, dass ich breit Dinge erreichen würde, die ich sonst nicht schaffen würde. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen -- für mich subjektiv -- der Rausch es wert ist, die verklebten Synapsen dafür in Kauf zu nehmen. Beim Musikmachen und Improvisieren beispielsweise, beim Musikhören, bei der einen oder anderen guten Unterhaltung, beim Wahrnehmen der Umgebung, auch beim Reflektieren... es ist nicht so, dass man zwangsweise in Lethargie und schlechter Stimmung landet. So, wie man nicht zwangsweise durch Alkohol ausgelassen und gut gelaunt wird.
      Natürlich möchte ich die Droge nicht glorifizieren oder die Gefahren und Schäden ignorieren. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, einen verantwortungsvollen und nicht-schädlichen Konsum lebenslang zu betreiben. Insofern -- auf die Gefahr hin, dass es verblendet und ignorant klingt (vielleicht auch ist) -- denke ich garnicht, dass ich mich zwischen Leben einerseits und Kiffen andererseits entscheiden muss, sondern beides nebeneinander oder miteinander klappen kann. Danke dennoch für die mahnenden/motivierend gemeinten Worte!

      Zum Studium/Beruf:
      Ich habe "nur" noch die Masterthesis vor mir (6 Monate). Von außen betrachtet liegt es recht nah, anzuraten, das durchzuziehen. Ich denke auch, dass ich das tun werde -- ich habe mein Studium zeitweise in der Zeit der Krankheit und Tod meines Vaters pausiert. Gewisse Unsicherheiten sind vermutlich ganz normal in solchen "Übergangsphasen". Und grundsätzlich gefällt mir das Fach nach wie vor. Dennoch erwäge ich auch manchmal, mich einfach mit meinem Bachelor zu bewerben. Meine Kommilitonen damals haben alle nach dem Bachelor angefangen zu arbeiten und stehen jetzt schon seit einigen Jahren mit qualifiziertem Abschluss im Berufsleben. Und eigentlich sehe ich mich garnicht unbedingt in einer Führungsposition, sodass ich den Master nicht zwingendermaßen brauche. Klar, des Geldes wegen kann man immer dazu raten, aber ganz ehrlich... das Geld ist bei mir nicht das entscheidende Kriterium.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Jakob () aus folgendem Grund: mir ist noch was eingefallen ;)

    • Jakob schrieb:




      Zu Australien:
      Ich hab viel darüber nachgedacht und bin mir immer noch nicht ganz im Klaren darüber. Da kamen ganz viele Sachen zusammen, die man so 1:1 garnicht adaptieren kann: Andere Supermärkte (Einkaufsgewohnheiten zerstört und somit Luft für neue Lebensmittel); Neugier an Land und Leuten (im Gegensatz zu einer gewissen Einstellung hier, sein eigenes Land eh schon zu kennen); Zielgerichtetheit (ich werde vermutlich nie wieder hier her zurück kommen, also hole ich das Beste aus dem halben Jahr raus); kein schlechtes Gewissen, Einzelgänger zu sein, da ich dort ja niemanden kennen konnte. Dementsprechend besseres Selbstwertgefühl; ne allgemeine Euphorie: "Ich habs geschafft, um die halbe Welt zu reisen, da ist es jetzt nur noch ein kleiner Schritt, dies oder jenes Sinnvolles/Interessantes zu tun; Interesse meiner Freunde in Deutschland an meinem Leben, alles hörte sich aufregend an usw., statt in Deutschland so im Trott nebeneinander her zu leben...
      Sicher könnte ich mir einige Aspekte davon auch hier wieder aneignen; dennoch ist es halt was anderes, als wenn man tatsächlich am anderen Ende der Welt befindet. Aber ich werde auf jeden Fall nochmal darüber nachdenken, was sich übertragen oder reaktivieren lässt.



      Hallo Jakob,

      die obige Beschreibung hat mich an ähnliche Gefühle erinnert die ich in meinen Urlauben habe.
      Tatsächlich ist ein bisschen so als wäre man dort ein anderer Mensch auch wenn ich z.B. "nur" an die türkische Riviera reise.
      Da es immer wieder eine andere Ecke ist, gibt es immer neue Eindrücke. Die Mentalität ist anders, die Landschaft unglaublich vielseitig (unten liegt man am Meer in der Sonne und schaut dabei auf einen Berggipfel der weiß vom Schnee ist) die Flora und die Fauna bieten immer neue Überraschungen, die kulinarischen Genüsse sind in vieler Hinsicht neu und bei all dem ist man völlig ohne Verpflichtungen, frei und ungebunden und kann seine Zeit nach Lust und Laune einteilen.
      Im Gegensatz dazu kennt man zu Hause ja schon alles...

      Oder???

      Ich habe im letzten dreiviertel Jahr ganz andere Erfahrungen gemacht! Und das habe ich meiner kleinen, neuen Mitbewohnrein zu verdanken, einem kleinen Hundemädchen.
      Mit ihr muss man raus. Und das nicht nur mal eben um die Ecke, damit sie schnell Pipi machen kann, sondern auch für zusätzlich mindestens 2-3 Stunden am Stück.
      So kam es, dass ich in unmittelbarer Nähe anfing schöne Spazierwege auszukundschaften und diese brachten immer mehr neue Eindrücke für mich.
      Allein die vielen Parks die wir hier in der Umgebung haben und die ich nie auch nur annähernd so bewusst wahr genommen habe. Nie habe ich den Wechsel der Jahreszeiten so hautnah erlebt!
      So viele Pflanzen die ich vorher nie wirklich gesehen habe. Deren Wachsen ich nie so beobachtet habe. Die Geräuschkulisse, der ich nie vorher so bewusst gelauscht habe. Und bei all dem ich so viele unglaubliche Schönheiten zu Gesicht bekam!

      Ich dachte ich kenne hier ja schon alles. Da lag ich gründlich falsch.
      Allein nur eine (vermeintlich) unscheinbare Pflanze die ich vorher gar nicht hätte benennen können: Bärlauch.
      Plötzlich sah ich Leute am Boden hocken und irgendwelche kleinen Blätter anschneiden und in Tütchen tun. Was machten die da??? Was sammelten die da???
      Ich fragte und erfuhr es.
      Später bildeten diese Bärlauchflächen riesige, zauberhafte Blumenteppiche, denn Bärlauch blüht ganz wunderschön....

      Schöner weiterer "Nebeneffekt" unserer Spaziergänge:
      Unglaublich viel Kontakt zu anderen Hundebesitzern. Ich lerne viele neue Menschen kennen, habe zum Teil tolle Gespräche, mit der Zeit nicht nur über unsere Hunde sondern über "Gott und die Welt".
      Außerdem hat sich mein Interesse an schönen Steinen erneuert, denn es liegt einfach in der Natur der Dinge, dass man, wenn man täglich draußen ist, Steine sieht. Mittlerweile mache ich was mit Ihnen, sie werden zu "Glückssteinen" die ich auf bestimmte Art bemale und verschenke.

      So viele neue Bereiche in die ich vorher nie kam... so viele schöne Ecken die ich nicht kannte, ganz einfach, weil es keinen Grund gab sie aufzusuchen. Und ich habe erst einen winzigen Bruchteil meiner Stadt auf diese Weise ausgekundschaftet.
      Während dieser Zeiten kann ich abschalten - wie im Urlaub! Und ich darf dies alles haben - umsonst und täglich!

      Man kennt also Land und Leute?
      Ich jedenfalls kannte nur die leicht sichtbare Oberfläche. Darunter verbirgt sich jedoch so unendlich viel, dass man nicht erst viele Kilometer zurück legen muss um neue, wunderbare Eindrücke zu sammeln. ;)
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • Ja, Du hast auf jeden Fall recht... Viel von dem Eindruck, hier nichts erleben, nichts entdecken zu können, ist eigentlich eher ein Ausdruck mangelnder Inspiration oder Voreingenommenheit.

      Beispielsweise habe ich in den letzten Monaten in meiner Heimatstadt mal geguckt, was es so an preiswerten oder kostenlosen Kulturangeboten gibt, und siehe da, ich könnte fast jeden Abend zu nem Konzert, auf ne Vernissage, ein Kulturfest usw. Sehr oft nutze ich inzwischen das Angebot der Musikhochschule, wo Studenten ihre Semesterarbeiten präsentieren. Das ist total genial. Nicht immer genau mein Ding, aber eigentlich fast immer besser, als den ganzen Abend zuhause rum zu hängen.
      Ich setze mich inzwischen auch öfters mal an den Rhein und betrachte einfach das Panorama, die vorbei laufenden Leute, höre mir Schiffe, Vögel, Stadtgeräusche an.
      Was ich mir noch nicht habe angewöhnen können, ist das Spazierengehen... Ohne Partnerin (oder auch Hund -- ohne das auf die gleiche Stufe stellen zu wollen ;) ) komme ich nicht so auf die Idee, einfach mal Bummeln zu gehen. Oder wenn, dann sind es doch immer wieder ähnliche Routen, die ich ablaufe... Und wenn ich irgendwo hin möchte, dann lass ich mir meist nicht genug Zeit, sodass ich meist nur zügig mit dem Fahrrad oder mit der Bahn von A nach B reise. Da ist auf jeden Fall noch einiges raus zu holen :)
    • Hallo Jakob,

      dass Du Dich allein zu Spaziergängen schwer aufraffen kannst, kann ich gut verstehen, denn wie gesagt, bevor ich meine Kleine hatte, habe ich das auch nie in dem Maß getan.
      Davon abgesehen finde ich, wenn ich Deine Aufzählung lese, dass Du ganz schön viel unternimmst!:)

      Wichtig wäre für Dich zurzeit vielleicht, dass Du Dir bestimmte Strukturen "auferlegst". Das kann man ja auch mit Hobbys oder sonstigen Freizeitbeschäftigungen so halten, so dass man genau festlegt, wann man was an welchen Tagen macht.
      Für mein Gefühl braucht die Seele* Ordnung um zur Ruhe zu kommen und dazu gehören für mich bestimmte Strukturen. Selbst wenn diese anstrengen.
      Hört sich paradox an, oder?

      So weit ich verstanden habe, befindest Du Dich noch in der Studienpause?
      Da fällt dann natürlich ein wichtiger Punkt der genau in diese Art von Struktur passt, weg.
      Du schreibst, Du weißt noch nicht wie es in diesem Punkt weiter gehen soll. Wie wäre es, wenn Du Dir Für-und-Wider-Listen machen würdest? Mir haben solche Listen schon oft bei Entscheidungen geholfen. Wichtig ist, sich für sie Zeit zu lassen. Manchmal habe ich die Listen in Sichtweise über eine Woche bearbeitet, bis ich mir ganz sicher war, dass sie gut ist so wie sie ist.

      *Seele
      Ich glaube, dass eine ruhige / beruhigte Seele, dazu beitragen kann ein Ess-Problem zu lösen, denn oft ist ja die Seele in Unruhe / Unordnung geraten, wenn man ein solches Problem hat.
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • Strukturen... ja das ist in der Tat eine große Baustelle bei mir.

      Ich hab schon seit frühester Kindheit dagegen gewehrt, mir Listen und Zeitpläne aufzuerlegen, geschweige denn, mich daran zu halten.
      Vor einem guten Jahr hab ich mal das Buch "Getting Things Done" von David Allen durchgearbeitet; es ist/war ein Dauerrenner im Bereich Produktivität usw.
      Das ganze basiert darauf, alles aus dem Hirn heraus zu verfrachten und auf Listen zu organisieren. Im Grunde das typische ToDo-Listen-System, aber ziemlich umfassend und entsprechend ausgereift. Das find ich total wertvoll, weil ich mir seitdem alle möglichen Einfälle, Pläne, Träume, potentielle Projekte usw. notiere, wenn sie mir in den Kopf kommen und so kaum noch was vergesse. In (möglichst) regelmäßigen Abständen gehe ich dann alle Notizen durch und hake Erledigtes ab und nehme neue Aufgaben und Projekte auf. Und alle utopischen/träumerischen/langfristigen Ziele kommen auf eine separate "Someday/Maybe"-Liste. Unter anderem dadurch hab ich inzwischen auch so ein üppiges Arsenal an Freizeitaktivitäten.

      Durch das Buch bzw. die eigene Reflektion darüber hab ich einiges in mir entdeckt oder auch mal greifbar gemacht. Deshalb will ich mich davon nicht mehr lösen. Allerdings erwähnt der Autor relativ wenig zu Zeitplänen oder zu der eigentlichen Ausführung der Aufgaben. Deshalb kommt's oft vor, dass ich auch mal tagelang nichts von all dem, was auf den Listen festgehalten ist, abarbeite. Oder dass ich mich an allen möglichen Klein-Aufgaben aufhalte und die großen Brocken immer weiter vor mir her schiebe.
      Hin und wieder suche ich mir morgens von der großen Liste (da sind manchmal bis zu 100 Dinge drauf -- von Einkäufen über Lesestoff, Finanzielles, bis hin zu Hobbies, zu schreibende Karten, zu erledigende Telefonate usw.) 3-5 Aufgaben raus, die ich am jeweiligen Tag schaffen möchte. Und das klappt oft sogar ziemlich gut.

      Allerdings ist nach wie vor so, dass ich ne ziemliche Allergie gegen strikte Zeitpläne und wirklich unangenehme/unsichere Aufgaben hab. Wenn ich mir selbst nen Termin setze, um unangenehme Tätigkeiten zu erledigen, ist mein Kopf im Nullkommanichts voll mit Gedanken darum, was alles schief gehen kann, warum das vielleicht doch garnichts für mich ist, wie ich den Termin irgendwie doch noch verstreichen, verschieben, verdrängen kann etc... Nicht selten kommt dann auch mal ein Essanfall "dazwischen". Das passiert so bei allem möglichen Uni-/Karrierebezogenen, aber auch manchmal bei allem anderen, wo ich Unsicherheiten hab, ob das gut ausgehen wird (Finanzielles, brisante Gespräche mit Familie und Freunden, Arzttermine, ...). Deshalb hab ich z.B. während meines kompletten Studiums nie früher als ne Woche vor Klausuren angefangen zu lernen (bis der Druck so unerträglich groß war, dass es keinen anderen Ausweg gab, als durchzustarten). Oder hab mal bestimmt 5 Jahre lang keine einzige Karte geschrieben. Oder hab wochenlang keine Mails gecheckt aus Angst, dass eine zu erwartende Unangenehme dabei ist. Nach dem Motto "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" (unterbewusst schwelt(e) alles natürlich weiter...).

      Im Grunde ist mir klar, dass das einzige Mittel zur "Heilung" dieses Verhaltens ist, mich immer wieder neu zu verpflichten und das Unbehagen vor und während der Ausführung auszuhalten. Und mich bei Nicht-Einhalten immer wieder neu zu verpflichten. Irgendwie hab ich's bisher aber noch nicht geschafft; sei es, weil die Aufgaben zu unangenehm waren, oder weil ich meine eigenen Verpflichtungen nicht ernst genug genommen habe. Oder weil meine Verdrängungsmechanismen so effektiv waren, dass Aufgaben solange verdrängt wurden, bis sie sich von allein erledigt hatten. Oder schlicht und ergreifend, weil ich damit bisher immer noch irgendwie durchgekommen bin.

      Und mich vor anderen Menschen verpflichten oder mich von ihnen erinnern zu lassen, geht mir absolut gegen den Strich. Irgendwo hab ich auch den (vielleicht nicht ganz nützlichen) Stolz, das allein hinzubekommen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Jakob ()

    • Jakob schrieb:

      Strukturen... ja das ist in der Tat eine große Baustelle bei mir.

      Ich hab schon seit frühester Kindheit dagegen gewehrt, mir Listen und Zeitpläne aufzuerlegen, geschweige denn, mich daran zu halten.
      ...
      Und mich vor anderen Menschen verpflichten oder mich von ihnen erinnern zu lassen, geht mir absolut gegen den Strich. Irgendwo hab ich auch den (vielleicht nicht ganz nützlichen) Stolz, das allein hinzubekommen.

      Dat jibt sisch mit dem ersten Job, minge Jung....
      Ich habe keine Ahnung, was du studierst, aber wenn du nicht als selbstständiger Schriftsteller auf einem Leuchtturm wohnst, wirst du zwangsläufig in irgendwelchen Projekten, Forschungsaufträgen, Timelines, Drehplänen, Redaktionsschlüssen, was-auch-immer eingebunden sein. Gerade in der Arbeitswelt der Zukunft wird es eine große Freiheit geben (Stichworte Ortsungebundenes Arbeiten, Telearbeit, Flexible Arbeitszeiten), die eine Chance zur besseren Vereinbarkeit Beruf/Familie sein kann, aber auch eine Riesen-Verantwortung mit sich bringt. Wer sich da nicht selbst strukturieren kann, wird untergehen, und mit Mitte 40 in der Burnout-Klinik landen - oder als sogenannter Minderleister die Karriereleiter herabgereicht werden.
      Mir tun immer die Jungingenieure leid, die von der Hochschule kommen und von der großen Freiheit träumen - und dann in durchgetakteten Projekten oder "agiler" Entwicklung mitstrampeln müssen. Wenn da ein Zieltermin verkackt wird, oder ein anderes Team dringend auf Ergebnisse wartet, oder Ergebnisse auf den letzten Drücker rausgehauen werden mit Fehlern, für deren Korrektur keine Zeit mehr bleibt, dann ist es bald Essig mit dem Job. Eine Weile kann man vielleicht durch Überstunden, (illegale) 12-Stunden-Tage oder Quick-and-Dirty überleben, aber der Körper macht irgendwann bei jedem schlapp. Der Herzinfarkt mit 50 ist dann nicht die Folge von ein paar Pfunden, sondern vom Stress. Nicht umsonst wächst die Zahl psychischer Erkrankungen.

      Der Skill "Selbstmanagement" wird in Zukunft der überlebenswichtigste Skill sein, ganz egal, welchen Job jemand machen wird. Das auf privatem, "sicheren" Terrain zu trainieren, anstatt beim ersten Job ins kalte Wasser zu plumpsen und nicht schwimmen zu können, ist mein definitiver Tipp an dich fürs Berufsleben. Du wirst 36+ Jahre deine Arbeitskraft verkaufen müssen. Und für Selbstständige gilt noch viel mehr, sich mit Selbstdisziplin und Selbstmanagement steuern zu können.

      Sich verzetteln, Zusagen nicht einhalten können, zu wenig Zeitpuffer einplanen, wird unvermeidbar zu noch mehr Stress, und bei geeigneter psychischer Veranlagung zu noch mehr Essanfällen und Verzweiflung führen.
      Ich bin seit 20 Jahren Gewerkschafterin und habe oft genug gesehen, was mit Menschen passiert, die nicht mithalten können, egal warum. Bei einer Erkrankung erntet man vielleicht noch Verständnis, aber wenn jemand sich nicht selbst organisieren kann, wird ganz schnell das Etikett "Will nicht" gezogen - und tschüss.

      Ich will keine Horrorszenarien malen, aber wer sich selbst nach selbstauferlegten Strukturen organisieren kann, ist einfach besser dran. Alle anderen bekommen die Strukturen von Fremden aufgedrückt, das ist dann noch ekliger.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • @Sophie
      Das Interessante an der Sache daran ist aus meiner Sicht, dass man im Büro noch so planungssicher und orientiert sein kann - das muss nciht heißen, dass es für zu hause auch reicht. :rolleyes:
      Mein Arbeitsalltag ist sehr strukturiert. Zeitweise durch Vorgaben, zeitweise aber auch von mir selbst organisiert. Da wird vorausschauend gehandelt, mit Raum für flexible Anpassungen. Und ich hab es wirklich gerne so, dass alles in geordneten Bahnen läuft, sich alle an die Regeln halten, alle an einem Strang ziehen und so weiter.
      Zuhause dagegen... Dinge auf den letzten Drücker erledigen oder aussitzen oder "vergessen" ist da regelmäßig dran. Ab und an wird auch mal was von "der Liste" gemacht, wo verschiedene wichtige Dinge draufstehen. Aber so regelmäßige Sachen wie Hausarbeit, das ist nicht wirklich drin. Natürlich kann man da auch Prioritäten setzen. Wir sind finanziell in der Lage, einen Putzi kommen zu lassen, und machen da selbst nur das Nötigste. Aber bei anderen Dingen muss man schon selbst ran und das ist dann teilweise schwierig.

      Grüße
      Dani
      Fat people have the right to exist in fat bodies regardless of how we got fat, what being fat means, or if we could be thin through some means – however easy or difficult. There are no other valid opinions on this. We have the right to exist without [...] stigmatization, period. (Ragen Chastain)
    • @ Jakob

      Mit "Liste" meinte ich in diesem Fall eigentlich eine Für-und-Wider-Liste bezüglich des Studiums, bezw. Deiner Zukunft und was Du gern tun möchtest.

      Ansonsten was To-Do-Listen anbelangt:

      Ich habe für mich vor längerer Zeit festgestellt, dass es extrem frustrierend ist, wenn man die Listen so lang macht, dass man, egal wie viel man an einem Tag geschafft hat, immer das Gefühl hat, es hat nicht gereicht, den ich konnte nie alles abstreichen.
      Seit dem habe ich - wenn ich denn noch Listen mache - die jeweilige Liste für einen Tag so gekürzt und nach sehr wichtig, weniger wichtig, relativ unwichtig unterteilt, so dass ich am Ende des Tages meistens alles durchstreichen konnte und mit mir zufrieden war.

      Für Dich wäre vielleicht, da Du Dich so ungern terminlich festlegst, wichtig, "Belohungen" für die eher unangenehmen, zu erledigenden Dinge einzuplanen.
      So nimmt das den unangenehmen Dingen die Spitze und man hat auf jeden Fall am Ende etwas auf das man sich freuen kann. Das darf meiner Meinung ruhig auch ein besonderes (anstelle des sonst vielleicht üblichen, normalen) Essen sein. Essen ist ja kein Vergehen, sondern lebensnotwendig und den Genusssinn haben wir ja auch nicht zufällig mitbekommen. ;)
      Wie "dürfen" durchaus genießen!!!

      Was die Ängste vor eventuellen Unannehmlichkeiten anbelangt:

      Okay, einerseits stimmt es schon, das Sprichwort "Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß" aber auch nur Ansatzweise, denn Du "weißt" ja schon... dass Du dies oder jenes tun müsstest und es wird Dir auch wenn Du versuchst zu verdrängen, unterschwellig immer im Nacken sitzen, oder?

      Was ist also das kleinere Übel?
      Das tun was getan werden muss und sich auf die Belohnung freuen?
      Oder tage-wochenlang den Druck der unerledigten Dinge im Nacken haben?

      Und dann eine anderer Gedanke bezüglich "Was ich nicht weiß..."
      Eben!
      Du weißt ja gar nicht, ob Dich etwas Unangenehmes erwartet! Du nimmst es an! Aber wie oft - reflektiere doch mal rückblickend - haben sich die Dinge als halb so schlimm oder sogar überhaupt nicht schlimm heraus gestellt?

      Vieles geht echt leichter, wenn man mit einer positiven Einstellung an die Dinge heran geht.
      Man "darf" ruhig zunächst einmal hoffen, annehmen, wünschen, dass ein vermeintliches Problem gar keines ist, oder nur halb so schlimm wie (zunächst) angenommen.

      Etwas was getan werden muss, muss getan werden. Man kann es sich sehr erschweren indem man sich weiß was für negative Gedanken (ich schaffe das nicht... wer weiß was geschieht... etc.) darum macht, es ewig aufschiebt und damit im Nacken sitzen hat,
      oder man kann es sich total erleichtern indem man positiv daran geht, (das klappt, ich kann das, alles wird gut gehen...etc.) sich für getane Arbeit belohnt und sich freut es geschafft zu haben.:)
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • Itsme schrieb:

      , dass es extrem frustrierend ist, wenn man die Listen so lang macht, dass man, egal wie viel man an einem Tag geschafft hat, immer das Gefühl hat, es hat nicht gereicht, den ich konnte nie alles abstreichen.
      Seit dem habe ich - wenn ich denn noch Listen mache - die jeweilige Liste für einen Tag so gekürzt und nach sehr wichtig, weniger wichtig, relativ unwichtig unterteilt, so dass ich am Ende des Tages meistens alles durchstreichen konnte und mit mir zufrieden war.

      Für Dich wäre vielleicht, da Du Dich so ungern terminlich festlegst, wichtig, "Belohungen" für die eher unangenehmen, zu erledigenden Dinge einzuplanen.

      @Jakob: Vielleicht neigst du auch dazu, dir zu hohe Ziele zu stecken, dir zuviel vorzunehmen, und wenn die Realität den Wunschtraum überholt, bist du verstört und hältst dich für einen Versager. Junge Menschen haben manchmal die Vorstellung, man müsste ununterbrochen irgendwie aktiv und unterwegs sein, aber das ist nicht die Wirklichkeit. So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch die körperlichen und seelischen Bedürfnisse.
      Überladene Listen zu machen, ist genauso kontraproduktiv wie gar keine Listen. Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, hilft nur ausholzen. Itsme beschreibt das sehr schön: aufs Wesentliche reduzieren entlastet ungemein. Die richtigen Prioritäten setzen ist auch eine wichtige Überlebensfähigkeit. Da gilt es die Balance zu halten zwischen "schädlich für mich oder mir wichtige Menschen, wenn nicht gemacht" und "Wohlfühlfaktor" (Geputzte Fenster gehören bei mir zu den ganz hinten angesiedelten Dingen, aber ich freue mich dann doch, wenn die Zimmerpflanzen mal wieder Licht bekommen.)

      Aus Computerspielen kann man übrigens schön fürs Leben lernen: da gibt es die Hauptquest in vielen kleinen Teilquests, dann gibt es Nebenquests - eigentlich nicht zwingend notwendig, aber man kann XP oder Ausrüstungsitems erwerben, mit denen man besser in der Hauptquest dasteht. Und dann gibt es die Randquests, die man einfach aus Neugierde oder zum Abrunden der Story macht. Und manchmal muss man einfach "farmen" gehen....
      1-2 Highlights pro Woche, die "Bosskämpfe" gut und langfristig vorbereitet angehen, den Rest einfach kommen lassen, das reicht doch.

      Ich mach auch keine "Listen" für mein Alltagsleben, aber eine gewisse Routine habe ich mir antrainiert, damit eben nicht der "innere Schweinehund" ständig das Kommando übernimmt. (Gelegentlich lasse ich dem Tierchen auch seine Freude, vor allem wenn es um meine Steuererklärung geht - da warte ich auch immer, bis die Mahnung vom Finanzamt kommt. Aber wenn das ein Dauerzustand ist, werden mögliche Probleme immer nur noch größer.)
      Am Montag wird die Küche aufgeräumt (da Sonntags der Kochorgien-Tag ist), Freitags eingekauft, Samstags das Bad geputzt, am Monatsanfang werden die Spinnweben aus den Ecken gesaugt, und zweimal im Jahr werden die Fenster geputzt (nämlich wenn ich die Pflanzen in den Garten bringe bzw. wieder reinhole), usw. Das geht in Gewohnheit über wie das tägliche Zähneputzen. Lieber jeden Tag ein kleines bisschen als einmal im Jahr den übermenschlichen Kraftakt. Beim Lernen ist es auch das gleiche. Lieber täglich eine halbe Stunde, als kurz vor der Klausur Bulimie-Lernen (reinstopfen - von sich geben - vergessen). So bleibt auch mehr Zeit, um regelmäßig den Akku aufzuladen und seelennährende Hobbies zu pflegen.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Sophie schrieb:


      Ich will keine Horrorszenarien malen, aber wer sich selbst nach selbstauferlegten Strukturen organisieren kann, ist einfach besser dran. Alle anderen bekommen die Strukturen von Fremden aufgedrückt, das ist dann noch ekliger.


      Genau das ist das Ding... ich hab mich mein ganzes Leben darauf ausgeruht, dass man mir meine Arbeit vorstrukturiert: In Form von Hausaufgaben, Studienarbeiten, Putzplänen, Projektplänen, die einem zugeteilt werden, Leiterrunden-Plänen (Jugendarbeit in der Pfarre).

      Jedes Mal, wenn was abgearbeitet war, war ich einerseits erleichtert... Gleichzeitig war ich aber jedes Mal auch frustriert, dass ich nur stur den Plan abgearbeitet habe und so spät angefangen habe, dass für was anderes auch kaum Zeit gewesen wäre.

      Abgesehen davon, dass die Aufgaben und Zeitpläne dadurch fremdbestimmt werden, sinkt auch irgendwann der Glaube daran, überhaupt mal wieder etwas eigenverantwortlich hin zu bekommen. Und erst recht die Hoffnung, Projekte mal nach eigenen Vorstellungen zu beeinflussen, eigene Normen und Werte einfließen zu lassen und/oder über das notwendige Maß hinaus zu gehen.

      Ich hab im Rahmen des Studiums inzwischen schon 3 Praktika mit einer Länge von 3-6 Monaten gemacht und bekam da deutlich zu spüren, wie sich die Arbeitsphilosophien einzelner Mitarbeiter unterscheiden und dass eigenverantwortliches, selbststrukturiertes Arbeiten langfristig ausgeglichener macht und mehr Erfolge bringt. Inzwischen hab ich für mich realisiert, dass ich es definitiv schaffen möchte, eben diese Selbststrukturierung hin zu bekommen.
      (ich hab übrigens ein Medien- und Informatik-nahes Fach studiert, da sind Projektarbeiten und entsprechend die Notwendigkeit der Selbstorganisation nicht wegzudenken)

      Deshalb werde ich auch nicht von der 100-Items-Liste abrücken (allerdings als Basis, aus der ich mir dann ein paar Aufgaben für den Tag raus suche). Früher habe ich mich oft darauf beschränkt, nur so über die Runden zu kommen und die nötigen Aufgaben des Tages zu schaffen (Was MUSS ich bis morgen/nächste Woche/Semesterabschluss/Projektende schaffen?). Rückblickend ist dabei aber unglaublich viel auf der Strecke geblieben (beispielsweise hab ich fast 10 Jahre lang kein einziges Hobby wirklich enthusiastisch und regelmäßig betrieben). Oder ich hab ganz viele Dinge als Nicht-in-dieser-Woche-schaffbar abgestempelt und mir deshalb niemals überhaupt vorgenommen.
      Mir ist schon klar: Die 100 auf der Liste stehenden Dinge schaff ich sicher nicht heute und auch nicht diese Woche. Wenn man sich allerdings davon frei macht, das von sich zu erwarten, hat man einen super Überblick darüber, was man so in etwa vielleicht im kommenden Jahr schaffen möchte.
      Ich bin noch recht weit davon entfernt, den absoluten Plan zu haben, aber so einige Meilensteine hab ich so schon erledigt, aus denen sonst nie was geworden wäre... Altersvorsorge, Wandern gehen, Bücher lesen, anderen meine Klaviermusik präsentieren usw...

      Per Zufall hab ich genau dazu gestern eine schöne Geschichte in einem buddhistischen Geschichtenbuch gelesen:
      _________________________
      Was getan wurde, ist fertig

      "Von Juli bis Oktober übernimmt der Monsun das Regiment in Thailand. In dieser Zeit stellen die Mönche ihre Reisen ein, legen alle Projekte und Werkstücke zur Seite und widmen sich ausschließlich dem Studium und der Meditation. Diese Periode wird 'Vassa' genannt, das 'Regen-Retreat'.
      Vor einigen Jahren errichtete ein berühmter Abt in Thailand eine neue Halle in seinem Waldkloster. Zum Zeitpunkt des Regen-Retreats ließ er alle Arbeiten einstellen und schickte die Bauarbeiter nach Hause. Im Kloster war jetzt die Zeit der Stille angebrochen.
      Als ein Besucher ein paar Tage später das halbfertige Gebäude sah, fragte er den Abt, wann die Halle denn fertig sein würde. Ohne zu zögern, antwortete der Abt: 'Die Halle ist fertig.'
      'Was meinst Du damit: Die Halle ist fertig?' fragte der Besucher verblüfft. 'Sie hat kein Dach, keine Fenster oder Türen. Überall liegen Holzstücke und Zementsäcke herum. Soll denn das alles so bleiben? Bist Du verrückt? Was soll das heißen: Die Halle ist fertig?'
      Der alte Abt lächelte und erwiderte gelassen: 'Was getan wurde, ist fertig' Und damit schritt er davon, um zu meditieren.
      Dies ist die einzige Möglichkeit, sich ein Retreat oder eine Pause zu gönnen. Sonst wird unsere Arbeit nie fertig."

      (Ajahn Brahm. Die Kuh, die weinte. 2015)
      _________________________

      Zu Itsme:
      Ja absolut, sehr oft stellt sich eine im Vorheinein unangenehm erwartete Tätigkeit als weit weniger dramatisch heraus; jedenfalls, wenn die geistige Einstellung passt... Ich will nicht wissen, wie viel Zeit ich schon mit Grübeln über die negativen Aspekte einer Aufgabe verbracht habe, während die Arbeit selbst dann in einem Bruchteil der Zeit und ziemlich easy von der Hand ging.

      Bzgl. Belohnungen: Ich hab da ein sehr gespaltenes Verhältnis zu. Gewissermaßen glaube ich, dass eben diese Belohnungen ein Stück weit zu meinem gestörten Essverhalten (und auch sonstigem Konsumverhalten -- Alkohol, Gras, Technik, ...) beigetragen haben. In der Familie wurden wir immer zu Geburtstagen, zum Wochenende, anderen Festen usw. mit tollem Essen belohnt. Oder bekamen Geschenke für erfolgreich abgeschlossene Arbeiten, Studium usw...
      Bei mir hat das nicht selten dazu geführt, dass ich während der Arbeit (oder beim sonstigen Warten auf die Belohnung) ständig nur an eben diese Belohnung gedacht habe, und umso unerfreulicher erschien mir die Arbeit dann selbst... 'Muss schon ne ganz schön blöde Arbeit sein, wenn ich mich dafür mit etwas Außergewöhnlichem belohnen/entschädigen muss'. Dazu hat es über die Jahre eine gewisse innere Einstellung geschürt: Je doller, besonderer, exklusiver ein Essen, ein Gegenstand, eine Unternehmung ist, desto wohler werde ich mich dabei fühlen. Und umso schlechter geht es mir im Umkehrschluss, wenn ich einfach 'nur' auf mich selbst gestellt bin.

      Das ganze wird in der Psychologie 'Korrumpierungseffekt' genannt und ist mehr als nur eine fixe Idee meinerseits ;)

      Es mag auch sein, dass ich nie das richtige Maß gefunden hab und mich phasenweise zu sehr gequält habe, phasenweise zu große Belohnungen anvisiert habe usw. Ich behaupte also nicht, dass Belohnungen generell schlecht sind; nur, dass sie bei mir nicht so funktionieren, wie bei anderen vielleicht.

      Auch, wenn es erstmal wenig zweckdienlich erscheint, versuche ich deshalb mittlerweile genau das Gegenteil: Nämlich an der Arbeit selbst Freude zu empfinden und sie mir so gestalten, dass eben doch etwas Erfreuliches dran zu finden ist. Oder aber, Unangenehmes einfach 'ertragen'; währenddessen kann ich trotzdem zuversichtlich sein, dass danach etwas Angenehmeres kommen wird.

      Da mein Leben momentan nicht absolut rund läuft, kann ich nicht sagen, dass es ein tolles Patentrezept ist; dennoch denke ich, dass es langfristig eine gute Marschrichtung ist.

      Dieser Beitrag wurde bereits 7 mal editiert, zuletzt von Jakob ()

    • Achso, bzgl. Belohnungen noch kurz: Ganz ohne Belohnungen kommt man natürlich nicht aus; durch irgendwas werden unsere Hormone ja stimuliert und das kann man ja durchaus auch für sich nutzen. Allerdings merke ich immer wieder mal, dass das genauso gut, vielleicht sogar noch besser, mit immateriellen Dingen klappt: Gute Gefühle nach Erledigen der Arbeit (Erleichterung, Stolz, Freude, Nachlassen der Anspannung usw.). Wenn ich da noch eine materielle Belohnung drauf packen würde, würde die Freude ansich ein Stück weit in den Hintergrund treten.

      Und auf der anderen Seite hab ich Phasen gehabt, wo ich wenig erledigt bekommen habe und habe mir alle möglichen Dinge verboten, da ich sie mir als Belohnungen aufheben wollte. Als Folge dessen hab ich mich selbst quasi runtergewirtschaftet. Es ging mir eh schon nicht gut, weil ich wegen aufgeschobener Aufgaben frustriert war und dazu kam dann noch, dass ich mir keine Genüsse gönnte. Insofern denk ich auch da inzwischen anders rum... Um ne schwierige Aufgabe oder Phase zu überstehen, sind Glücksgefühle essentiell, deshalb gönne ich mir konstant was, um die Stimmung hoch zu halten, klar denken zu können, mit Elan an die Arbeit zu gehen.

      Naja, aufs richtige Maß kommt's wohl an.

      Und ich hab's schon wieder vergessen gehabt... bzgl. der Für-und-Wider-Liste bzgl. des Studiums: Ja, das ist ne Sache, die ich in Listen- und/oder Gedankenform oft hin und her wälze. Anhand dessen, wie viel ich hier immer runter schreibe, kannst man sich vielleicht vorstellen, wie viel in meinem Kopf hin und her titscht... entsprechend schwer find ich's, da Ordnung rein zu bekommen. Ich bin da aber auf jeden Fall dran...
    • Nur mal so ein paar hingeworfene Gedanken:

      Pausen sind absolut notwendig, aber durch Pausen allein wird keine Arbeit fertig...

      Arbeit ohne Pausen ist mit der Zeit unmöglich, da sie ansonsten krank macht...

      Was ist das richtige Mittelmaß zwischen Arbeiten und Pausen...

      und wie kann man in der Lage sein, die Zeiträume dafür
      und ebenso für selbststrukturiertes Arbeiten in beruflicher Hinsicht selbst zu bestimmen...

      braucht es bis dahin zunächst einmal einen Weg auf dem man die Zähne zusammen beißen muss...

      Glücksgefühle... sind sie konstant zu erhoffen, erarbeiten, realistisch zu wünschen, oder sind sie eher die besonderen Ausnahmemomente, die das alltägliche Leben erleichtern und verschönern...

      und ist das alltägliche Leben nicht schlicht und ergreifend ein täglicher Kampf...

      ein Kampf, den jeder erwachsene Mensch bewältigen muss...

      sich aber auch auf die "Auszeiten", die Zeiten in denen er wirklich über sich und seine Zeit bestimmt, die er faul oder aktiv sein darf, freuen kann...

      ist nicht jeder - es sei denn er lebt allein und absolut autark auf einer Insel - eingebunden in Pflichten...

      von denen so manche kein Zuckerschlecken sind, aber eben normal zum Leben dazu gehören...

      und wie viel Zeit bleibt einem, ohne Ende über all dies nachzudenken, was ja viel Zeit benötigt, wenn man das tägliche Leben meistern will...
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • Itsme schrieb:

      und ist das alltägliche Leben nicht schlicht und ergreifend ein täglicher Kampf...

      ein Kampf, den jeder erwachsene Mensch bewältigen muss...


      Genau damit möchte ich mich nicht abfinden, weshalb ich meine freie Zeit öfters mal nutze, um alles gedanklich nochmal umzuwälzen, um doch wieder ein bisschen mehr Freude rein zu bringen.

      Auch, dass Glücksmomente besondere Ausnahmemomente sind, möchte ich nicht glauben. Angenommen, ich kann meine innere Einstellung bewusst beeinflussen und ohne äußeren Anlass positiv darauf einwirken: Dann kann ich mir auch bewusst Glücksmomente bescheren; zum Beispiel Dinge wertschätzen, die ich früher als selbstverständlich hingenommen habe; oder Dingen, die mich total nerven, irgendwie doch noch etwas Positives abgewinnen.

      WIE ich das konkret mache, das ist mir auch noch nicht ganz klar (habe aber anhand von Selbsthilfe-Literatur, Therapie, Meditation, Reflektion usw. einige Fortschritte gemacht und weiß somit auf jeden Fall, dass man Unterschiede bewirken kann). Und ich möchte auch nicht ignorieren, dass leider nicht jeder Mensch grenzenlos Zeit und Ressourcen zur Verfügung hat, und man in Zeiten von Stress und Anspannung nicht alle geistigen Mittel zur Verfügung hat, sich neu zu motivieren, die Dinge positiver zu sehen, auch mal rechts und links zu schauen. Aber es abzuhaken mit "Ich bin jetzt erwachsen und seriös und kämpfe mich nur noch so durch"... nein Danke, dann bleib ich lieber der Träumer, der ich bin ;)
    • Jakob schrieb:

      Genau damit möchte ich mich nicht abfinden, weshalb ich meine freie Zeit öfters mal nutze, um alles gedanklich nochmal umzuwälzen, um doch wieder ein bisschen mehr Freude rein zu bringen.

      Auch, dass Glücksmomente besondere Ausnahmemomente sind, möchte ich nicht glauben. Angenommen, ich kann meine innere Einstellung bewusst beeinflussen und ohne äußeren Anlass positiv darauf einwirken: Dann kann ich mir auch bewusst Glücksmomente bescheren; zum Beispiel Dinge wertschätzen, die ich früher als selbstverständlich hingenommen habe; oder Dingen, die mich total nerven, irgendwie doch noch etwas Positives abgewinnen.



      Jakob,
      da eine schließt das Andere ja nicht aus.
      Auf der einen Seite (an-) erkennen, dass das Leben ein täglicher Kampf ist, aber trotzdem, oder gerade deshalb zu den Dingen eine positive Einstellung zu haben.

      Beispiel:

      Jemand hat einen nicht gerade geliebten Job. Es kann nun täglich mit schlechter Laune zur Arbeit gehen, sich immer wieder vor Augen halten, dass er diese Arbeit nicht mag, sich ständig darüber ärgern und grämen.

      Er kann aber auch anders denken (und handeln). Er kann froh sein eine Arbeit zu haben, denn ansonsten müsste er in welcher Form auch immer, anderen auf der Tasche liegen. Er kann stolz sein, das er seinen Lebensunterhalt selbst erarbeitet und es steht im völlig frei, sich weiterhin nach einer Arbeit umzuschauen, die ihm mehr zusagt.

      Ziemlich unrealistisch wäre es dagegen, auf einen Traumjob zu warten der alle Wünsche bis ins kleinste Detail erfüllt und zu sagen "Ich will das aber".... nur werden die Träume davon nicht realer.
      Trotzdem kann man das natürlich tun, aber wer, wenn er nicht gerade Rockefeller ist, kann sich das schon erlauben?

      Es ist nun einmal so, dass das Leben kein Wunschkonzert ist, auch wenn man dies noch so sehr möchte. Jeder von uns trägt ein gewisses Päckchen. Vor allem aber wird einem nichts geschenkt.
      Aus dem was real ist und was man real haben kann, das Beste zu machen, positiv da heran und damit umzugehen, dass sind in meinen Augen die (positiv denkenden) Lebenskünstler.
      Mit Verlaub Jakob, aber die Träumer sind es nicht, auch wenn es angenehm und schön ist zu träumen.
      Unrealistische Träume die sich so wie man es sich vorstellt, nie erfüllen, können ja auch keineswegs glücklich machen.

      Irgendwann kommt einfach der Zeitpunkt in dem man einen Teil seiner (vielleicht kindlichen) Träume Träume sein lassen und sich dem realen Leben stellen muss.

      Nicht böse sein Jakob, aber ein bisschen habe ich das Gefühl, dass Du nicht wirklich erwachsen werden möchtest...;)
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • Itsme schrieb:

      Aus dem was real ist und was man real haben kann, das Beste zu machen, positiv da heran und damit umzugehen, dass sind in meinen Augen die (positiv denkenden) Lebenskünstler.
      Mit Verlaub Jakob, aber die Träumer sind es nicht, auch wenn es angenehm und schön ist zu träumen.
      Unrealistische Träume die sich so wie man es sich vorstellt, nie erfüllen, können ja auch keineswegs glücklich machen.

      Irgendwann kommt einfach der Zeitpunkt in dem man einen Teil seiner (vielleicht kindlichen) Träume Träume sein lassen und sich dem realen Leben stellen muss.

      Nicht böse sein Jakob, aber ein bisschen habe ich das Gefühl, dass Du nicht wirklich erwachsen werden möchtest...;)


      Nunja, es gibt verschiedenste Ansichten dessen, was 'erwachsen' sein bedeutet. Ich persönlich finde es sehr schade, wie dieser Begriff teilweise behandelt wird. Ohne Dich, Itsme, damit zu meinen (dafür kenn ich Dich nicht gut genug), wird oft allgemein davon ausgegangen, dass man sich im Zuge des 'Erwachsenwerdens' auf eine bestimmte Art zu leben, auf eine Persönlichkeit, ein Ego fest legt und sich dann darauf ausruht, sich damit rechtfertigt, sich daran fest klammert. "Ich" habe feste Meinungen, "Ich" habe die und die Erfahrungen und hab deshalb die Welt (oder meine Art zu leben) verstanden, "Ich" mache dies und jenes immer so, denke so und so über die Welt. "Ich" bin erwachsen und Erwachsensein fühlt sich demnach so und so an. Dies und jenes ist "meine Meinung" und das ist nunmal so und wird nicht hinterfragt, "so bin ich halt".

      Das hat aber nichts mit der Realität zu tun bzw. macht einem meiner Meinung nach teilweise das Leben langfristig schwerer. Unser Hirn hat lebenslang die Fähigkeit, sich zu wandeln und zu verändern. Offensichtlich ist das beim Lernen, beim Erinnern der Fall. Genauso trifft das aber auch auf Gedankenmuster und Persönlichkeitsanteile zu. Da gibt es keinen festen Zeitpunkt, an dem man sagen könnte: "Ich (mein Gehirn) bin jetzt erwachsen". Als Konzept oder eigene Einstellung: Klar. Aber rein medizinisch gibt es dafür keine Notwendigkeit. Dementsprechend nutzlos finde ich es auch, vom Erwachsenwerden zu sprechen oder damit bestimmte Hoffnungen und Ängste zu verknüpfen.

      Wenn wir hingegen von Verantwortung sprechen: Das ist ein ganz wichtiger Wert und Baustein des Lebens. Ich finde es sehr wichtig, sich seiner Verantwortung bewusst zu sein, und diese wahrzunehmen. Das strebe ich auch an: Im Kreis der Familie, der Freunde, der Arbeit, der Gesellschaft, global. Wenn ich 'anstreben' sage, meine ich damit aber weder, dass ich momentan total verantwortungslos wäre oder dass ich Perfektion erreichen wollen würde. Ich meine damit, dass es auch dort auf ein ständiges Hinterfragen des eigenen Denkens, Fühlens, und Verhaltens ankommt. Ich kann mit 20 etwas als total verantwortungsvoll bezeichnen und merke 5 Jahre später, dass es total leichtsinnig war. Wenn ich mich mit 30, 50 oder 70 Jahren feststelle, dass etwas in meiner Lebensweise unverantwortlich war, dann muss ich in der Lage sein können, mir das einzugestehen und entsprechend Konsequenzen ziehen. Sei es zum Wohl meiner eigenen Person oder zum Wohl meines Umfelds oder der Gesellschaft als Ganzes.

      Kurzum, worauf ich hinaus möchte: Ich denke, es dürfte offensichtlich sein, dass ich beispielsweise hier im Forum aktiv bin, um mich auszutauschen und Erfahrungen zu teilen. Der Sinn des Ganzen ist (für mich jedenfalls) ganz natürlich der, dass ich es anstrebe, zu reifen und besser im Leben klar zu kommen. Ansonsten würde ich die Zeit eher mit Computerspielen und Fernsehen verbringen. Insofern lese ich jeden Eurer Beiträge sehr aufmerksam, nehme mir das Geschriebene zu Herzen und bin sehr dankbar für die reghafte Beteiligung hier. Allerdings finde ich es schade, wenn das Ganze dann so sehr pauschalisiert wird.

      Natürlich rechne ich nicht damit, dass all meine Träume in Erfüllung gehen. Ansonsten würde ich sie Pläne nennen, nicht Träume. Träume eigenen sich wunderbar, um von ihnen zu abstrahieren und Teilaspekte davon ins eigene Leben zu übernehmen. Aber Träume, Wünsche, Visionen per se als kindlich und unerwachsen abzustempeln, bedeudet meiner Meinung nach, einem Großteil der eigenen Kreativität den Garaus zu machen.