Freifahrtsschein für Völlerei?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Hier schreiben engagierte Laien. Soweit gesundheitliche Fragen erörtert werden, ersetzen die Beiträge und Schilderungen persönlicher und subjektiver Erfahrungen der Autoren keineswegs eine eingehende ärztliche Untersuchung und die fachliche Beratung durch einen Arzt, Therapeuten oder Apotheker! Bitte wendet Euch bei gesundheitlichen Beschwerden in jedem Fall an den Arzt Eures Vertrauens.

    Bitte beachtet unsere überarbeitete Datenschutzerklärung sowie unsere ebenfalls überarbeiteten Forenregeln.

    • Asphyxia schrieb:



      @Lisa Cortez
      Klar, neue Situation, neue Umstände - keine Zeit für das alte Denken.
      Gemeine Menschen würden das begründen mit "Du hast zu viel Zeit, dir Gedanken um Essen und Figur zu machen. Hättest du nicht so viel Langeweile, sondern mehr um die Ohren, würdest du dich mit so einem Quatsch nicht abgeben." Böser O-Ton, den ich so schon zu hören bekam. Letztlich ist sicher etwas Wahres dran. Trotzdem natürlich alles andere als ein empathischer Weg, derlei auszudrücken. Das dazu.

      Versuchst du denn hin und wieder, aus dem Denken auszubrechen bzw. "tust" du irgendetwas dafür? Oder hast du den Glauben aufgegeben, jemals gesund zu werden? Diese Gedanken mit der Kontrolle und dem trotzdem (fr)essen - wie gut ich das kenne. Aber das habt ihr ja schon gelesen. Kontrolle bringt gar nichts. Kontrolle macht Druck und wie reagieren essgestörte Menschen wie wir auf den Druck? Eben. Da hilft auch kein wohlmeinendes "dann hör doch auf zu zählen". Haha... mehr fällt mir dazu nicht ein. Es ist so traurig, aus diesem Teufelskreis, dieser furchtbaren Spirale, die einem das Leben so eng macht, nicht herauszukommen.
      Ich finde, du solltest nicht aufgeben. Du musst es dir wert sein, weiter zu machen. Irgendwann findet sich ein Weg. Das kann doch nicht alles sein, worauf wir unsere Leben konzentrieren. Dabei geht so viel Lebensfreude und -qualität flöten. Gerade dieses Gefühl davon, dass man meint, man sei in der Sackgasse am Ende angekommen und findet nie einen Weg weiter, macht so viel kaputt. :( Ich wünsche dir wirklich von ganzem Herzen, dass du diesen Weg findest.




      Danke für den guten Wunsch :)

      ich halte Essstörungen jeder Art für untaugliche Problemlösungsversuche,
      die man sich aneignet, um höchst verfahrene Situationen zu bewältigen.
      Bei mir hatte es nicht einmal sooo viel mit der Figur zu tun, sondern: Selbstbeherrschung, mein Leben im Griff haben, "mich im Griff haben" , bei Stress , Prüfungen etc, habe ich aufgehört, zu essen.
      Jetzt fange ich an zu essen.
      Beides führt aber gar nicht zum Ziel.
      Vielleicht könnte man andere Problemlösungsstrategien lernen, die effizienter und auch gesünder sind.

      Finde ich toll, dass du es schon einige Tage geschafft hast, nicht auf die kleine böse Stimme zu hören.
      Falls es zu einem Rückfall kommt - sei nett zu dir selbst ;)

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • Lisa Cortez schrieb:


      ich halte Essstörungen jeder Art für untaugliche Problemlösungsversuche,
      die man sich aneignet, um höchst verfahrene Situationen zu bewältigen.
      Bei mir hatte es nicht einmal sooo viel mit der Figur zu tun, sondern: Selbstbeherrschung, mein Leben im Griff haben, "mich im Griff haben"


      Ich sehe das nicht so. Jede Strategie, die dir beim Überleben hilft, ist erst einmal eine gute Strategie. Das zu akzeptieren, wertzuschätzen kann helfen, sich selbst anzunehmen. Es ist doch der Kampf gegen sich selbst, der einen zerstört. Meiner Meinung nach geht der Weg zur Veränderung nur darüber dass man den Istzustand freundlich annimmt. Sich mit sich selbst versöhnt. Erst wenn man den Kampf gegen sich selbst eingestellt hat, wird Energie frei.
      Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden
      ******Rosa Luxemburg******
    • Lisa Cortez schrieb:


      Finde ich toll, dass du es schon einige Tage geschafft hast, nicht auf die kleine böse Stimme zu hören.
      Falls es zu einem Rückfall kommt - sei nett zu dir selbst ;)


      Dankeschön. :)
      Den ersten Rückfall gab es gestern Abend. Aber ich hab es bewusst so hingenommen. Ich kannte schon kurz bevor es losging den Auslöser und habe erst gar nicht versucht mich zu wehren. Heute früh hatte ich dann zwar wieder die üblichen Probleme, mich nicht zu hassen, aber es ging doch schon ein Müh besser als sonst.
      Ich denke, das Problem unter anderem war, dass ich innerhalb der letzten Tage versucht habe, ZU perfekt - normal zu sein. Im Denken, im Handeln, im Sein. Auch eine Form von Druck, auch nicht gut. Aber hey, das gehört doch irgendwie auch alles zum Lernen dazu, finde ich. Dafür sind wir Menschen.

      Knallfrosch schrieb:

      Ich sehe das nicht so. Jede Strategie, die dir beim Überleben hilft, ist erst einmal eine gute Strategie. Das zu akzeptieren, wertzuschätzen kann helfen, sich selbst anzunehmen. Es ist doch der Kampf gegen sich selbst, der einen zerstört. Meiner Meinung nach geht der Weg zur Veränderung nur darüber dass man den Istzustand freundlich annimmt. Sich mit sich selbst versöhnt. Erst wenn man den Kampf gegen sich selbst eingestellt hat, wird Energie frei.


      Das sehe ich mittlerweile auch so.
      Letztlich will einem der Körper doch irgendwas sagen, wenn er den Drang nach Extremen aussendet - seien es nun Esstörungen oder Süchte jedweder Art. Es hilft erst mal, es beruhigt, es baut Stress ab. Was oder wofür auch immer. Dass es in der Regel kontraproduktiv ist - klar. Aber jede Hilfe ist erst mal eine gute Hilfe.
      Vor noch nicht allzu langer Zeit konnte ich die Aussage, die ich zum Thema Essstörungen mal auf einer Selbsthilfeseite gelesen habe, nicht verstehen: Dass man die Essstörung als eine Art Freundin annehmen soll, da sie einem etwas sagen und uns aufmerksam machen möchte darauf, dass etwas gewaltig schief läuft. Mittlerweile unterschreibe ich das sofort. Auch, wenn ich mir (und da stehe ich sicher nicht alleine da) etwas weniger Subtiles in der Ausdrucksweise gewünscht hätte. :rolleyes:

      Das Wichtigste ist doch, nicht aufzugeben und in jedem Tag eine neue Chance zu sehen.
      Dazu habe ich gestern eine tolle Affirmation gelesen (ich glaube, Affirmationen sind voll mein Ding):
      War der Tag nicht dein Freund, so war er zumindest dein Lehrer.
    • Asphyxia schrieb:

      . Auch, wenn ich mir (und da stehe ich sicher nicht alleine da) etwas weniger Subtiles in der Ausdrucksweise gewünscht hätte. :rolleyes:


      Man darf echt nicht die Perspektive verlieren, denn es geht echt noch schlimmer. Erst kürzlich einen Angehörigen an den Alkohol verloren.

      Asphyxia schrieb:

      War der Tag nicht dein Freund, so war er zumindest dein Lehrer


      Gefällt mir gut :)
      Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden
      ******Rosa Luxemburg******
    • Knallfrosch schrieb:

      Man darf echt nicht die Perspektive verlieren, denn es geht echt noch schlimmer. Erst kürzlich einen Angehörigen an den Alkohol verloren.


      Scheiße. Echt.
      Du hast mein vollstes Mitgefühl.
      Auch aus ganz persönlichen Gründen.

      Wenn ich so etwas höre, denke ich mir immer, ob ich mit meiner ES nicht eigentlich "nur" n totales Luxusproblem habe. Das macht mich echt nachdenklich.
    • Mir geht es so ziemlich genauso wie dir...
      Ich habe eine Zeitlang auch Kalorien gezählt und mir für Abends die meisten aufgehoben und mir Portionen gekocht, die auch "eine ganze Familie" satt bekommen hätte.(übertrieben gesagt) Meist bestehend aus Unmengen an Gemüse und ein paar Gramm Fleisch und KH.
      Ich konnte auch nix übrig lassen weil ich zum einen den Gedanken hatte" es passt Kalorienmäßig" und zum anderen weil ich es nicht wegwerfen wollte... weil die übrig gebliebene Portion vielleicht auch zu klein war um sie für den nächsten Tag aufzuheben...dachte ich.. vermutlich hätte es ausgereicht um ein normales Sättigungsgefühl hervorzurufen aber ich habe da völlig das Gefühl für verloren.

      Mit Fressanfällen habe ich auch schon länger zu kämpfen wobei diese momentan weniger aus Zwang hervorgerufen werden.
    • Annaka schrieb:

      aber ich habe da völlig das Gefühl für verloren.


      Logisch.
      Bei allen Diäten bekommt man vorgeschrieben, wie viel genug oder zu viel ist.
      Plötzlich steht man wieder alleine da, ist gewillt, keiner Richtung zu folgen und fühlt sich wie ein kleines Entchen im Wald, das keinen Plan hat. Dann kommt der Kopf dazu, der, von Diäten und Restriktion malträtiert, ständig Angst hat, der Körper verhungert und findet jede landläufig normale Portion zu klein.
      Bei mir selbst geht es schon beim Kochen los. Statt erst mal wirklich absichtlich weniger zu kochen (man könnte ja danach im Bedarfsfall noch eine Kleinigkeit zu sich nehmen), mache ich etwas mehr - aus Angst, Hunger zu haben. Ja, ich denke, das ist auch noch ein Punkt - Panik vor dem Hungergefühl. Weil ich meinem Körper nicht mehr vertraue.
    • Asphyxia schrieb:

      ist ein Wissen um die Gefühle davor, die ja dann vermutlich der Auslöser für den Essanfall waren, denn wirklich hilfreich? Oftmals kann ich benennen, warum es jetzt unbedingt wieder sein musste - nein, ich kann es immer benennen. Aber das hilft mir in diesem Moment nicht. Ich merke, dass es sich anbahnt und kann es in 90% aller Fälle nicht abwenden.
      [...]
      Vielleicht ist das Hauptproblem auch, dass ich nicht wüsste, wie ich negative Gefühle sonst kompensieren würde. Wenn es nicht das Essen ist, ist es -und ich schäme mich ehrlich, das zuzugeben- Alkohol in irgendeiner Form. Ich habe quasi die Wahl zwischen Pest und Cholera. :genervt:

      Nunja, wenn du dir über deine Gefühle innerlich im klaren bist, ist das zumindest schon ein klarer Punkt. Du kannst ja ein kleines Experiment machen: Wenn der dir liebste Mensch auf der Welt solche Gefühle hätte, welches Bedürfnis hätte dieser liebste Mensch und wie würdest du dieses Bedürfnis erfüllen?

      Asphyxia schrieb:

      Welchen Nutzen ich letztendlich aus dem 'Essen, weil es mir zusteht' ziehe, weiß ich nicht. Vielleicht ist es auch ganz simpel noch ein Überbleibsel aus meiner Zeit mit Magersucht und schwerem Untergewicht im 16er BMI Bereich. Aber kann das SO lange andauern? Immerhin ging das "nur" ein Jahr. Andererseits ist der Druck nach wie vor da. Die Angst davor, irgendwann die Kontrolle komplett zu verlieren, obschon ich weiß, dass ich sie längst verloren habe, weil ich mich zum Sklaven machen lasse, statt einfach zu sagen (wie ich gestern hier irgendwo so treffend las): Scheiß drauf!

      So etwas kann einen fürs Leben prägen, vor allem, wenn die Ursachen schon davor da waren.

      Asphyxia schrieb:

      Ich habe keine Ahnung, woher welche Stimme kommt. Einerseits sind mir die Menschen immer schon am Poppes vorbei gegangen und ich war stets immer nur für mich und zufrieden damit. Andererseits gab es auch oft Momente (vor allem als Kind und Jugendliche), in denen ich schlichtweg neidisch war, weil ich als eine der wenigen aus der Klasse nicht zum Geburtstag von xy eingeladen war. Vermutlich bedingen sich viele Dinge aus meiner Biographie... ohne groß ausholen zu wollen, nur kurz: Meine Eltern haben meine große Schwester und mich immer sehr, sehr kurz gehalten. Wir durften nichts, nicht mit Freunden treffen, keine Jungs - nada. Später haben wir uns unser bisschen Freiheit erlogen. Dazu sei gesagt, dass unsere Eltern einer kleinen, aber sicher vielen Leuten bekannten Religion angehören (die, die gerne mal an der Hauptstraße stehen...). Sicher hat alles das miteinander zutun. Ich habe mir oft den Kopf darüber zermatert, allerdings sehe ich nicht, warum sich das alles in einer Essstörung manifestiert hat. :confused:

      So wie ich das lese, hast du also schon früh und ausgiebig Kontrolle erfahren und dich in einem klar definierten Rahmen bewegt, der einfach da war, auch wenn der Rahmen nicht zu deinen Bedürfnissen passte. Genau so etwas hast du doch jetzt auch, oder nicht? Da könnte man schon fast sagen, dass es reine Gewohnheit ist... nur dass der Rahmen nicht von anderen kommt, sondern durch deine eigenen Denkmuster. Konditionierung in der Kindheit kann stark nachwirken.

      Asphyxia schrieb:

      Aber zurück zum Thema - dass ich Bedürfnisse und Wünsche nicht klipp und klar artikulieren kann, damit triffst du definitiv einen sehr richtigen Punkt. Ich eiere, vor allem, wenn es um Gefühle geht, immer nur rum, obwohl ich innerlich genau weiß, was ich will. Aber ich bekomme es nicht heraus. Erst Recht nicht, wenn ich weiß, dass ich den Menschen damit wehtue. Dann verhalte ich mich lieber so, dass allen anderen gedient ist. Eventuell auch eine Sache.

      Viele Baustellen, wie mir scheint.
      Und die ES ist sicher "nur" die Ausdrucksweise dessen.
      Das gute, alte "...mein Körper, das einzige, worüber nur ich die Kontrolle habe...".

      Auch dies passt aus meiner Sicht dazu... ein vorgegebenes Muster, eine Erwartungshaltung, die durchgesetzt wurde und die du verinnerlicht hast - du weißt, wie du dich fühlst, gibst dir aber selbst vor, dass du die Gefühle nicht haben oder ausleben darfst.
      Die interessierte Frage, die sich mir dann stellt: Was würde denn passieren, wenn du anderen gegenüber ehrlich wärst? Die Strategie mit dem Lügen/Mogeln hat dir in der Vergangenheit offenbar geholfen (Stichwort "Freiheit"), nur: hast du das jetzt immer noch nötig? Ich mein... Es geht meist nicht ohne Verletzungen anderer, manchmal sind andere einfach verletzt.
      Ein gewisser Fremdschutz ist ok, Selbstschutz ist in meinen Augen aber genauso wichtig. Und so eine Art Voraussetzung für Selbstschutz ist für mich auch eine gewisse Ehrlichkeit gegenüber anderen. Wenn keiner weiß, wie es mir geht, kann auch keiner angemessen Rücksicht auf mich nehmen, es ist unbeabsichtigt sehr viel leichter für andere, mich dann zu verletzen.

      Zu dem Satz mit der Kontrolle: Das Erschreckende daran ist ja, dass man gerade über den eigenen Stoffwechsel so gut wie gar keine Kontrolle hat - oder vielleicht auch gar nicht haben sollte. Der gesunde Körper weiß ja selbst, was ihm gut tut, und beauftragt einen, Stoff ranzuholen, der ihm gut tut. Erst mal eine einfache Sache. Ob die Psyche da mitspielt, steht auf einem anderen Blatt.

      Gruß
      Dani
      Fat people have the right to exist in fat bodies regardless of how we got fat, what being fat means, or if we could be thin through some means – however easy or difficult. There are no other valid opinions on this. We have the right to exist without [...] stigmatization, period. (Ragen Chastain)
    • Vielen Dank, Nordlicht, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Aussagen und Gedanken ein bisschen auseinander zu nehmen - das lässt mich wieder einiges klarer sehen.
      Dein Experiment erinnert mich an das viel Zitierte 'Betrachte dich, wie dich ein Mensch betrachten würde, der dich liebt'. Kann ich soweit durchaus nachvollziehen und natürlich auch den Sinn dahinter. Aber es fällt mir doch schwer, es anzunehmen. Das ist ähnlich wie die Art Übung, die ich kürzlich in einem Buch las, sich nackt vor einen Spiegel zu stellen und sich mit den Augen eines Kindes zu betrachten, das noch nicht von den Dogmen der Gesellschaft und der Medien versaut wurde. Es ist mir schlichtweg nicht möglich.
      Es funktioniert auf einer oberflächlichen Ebene, aber der Aha - Knall bleibt aus. Allerdings erwarte ich damit vielleicht auch zu viel? Oder die Zweifel mir gegenüber sind einfach zu immens groß.

      Mir ist schon seit geraumer Zeit bewusst, dass ich die Kontrolle, die ich durch mein Elternhaus erfahren habe, bis ich mit 19 ausgezogen bin, nach wie vor lebe. Das beginnt bei ganz profanen und eigentlich komplett bescheuerten Dingen wie: Du muss um xy Uhr im Bett sein! Morgen früh ist die Nacht zu Ende! Schaffe ich es mal doch nicht, macht sich das schlechte Gewissen breit. Und derlei Gewohnheiten, wie du sie so treffenderweise nennst, ziehen sich im Großen wie im Kleinen durch mein ganzes Leben. Ich habe früher aus Spaß mal gesagt, ich wäre sicherlich der perfekte Nazi gewesen, weil ich Strukturen und Regeln brauche. Nun, abgesehen vom Vergleich, ist das leider alles andere als witzig, sondern mein bitteres Leben.
      Manchmal trifft es das Bild vom Hamster im Laufrad.
      Das ist nicht nur limitiert auf mein verqueres Essverhalten (das derzeit aber mit ein bisschen Anstrengung und eurer Hilfe hier halbwegs gut läuft), sondern auf mein tägliches Leben, Denken, Handeln.

      Das mit dem Geradeheraus sein übe ich gerade fast täglich und es fällt mir verdammt schwer. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich ehrlich sagen möchte, wenn ich etwas nicht will, mir im Kopf aber wieder irgendeine Ausflucht zusammen spinne. Tatsächlich hat das Ganze kürzlich auch dazu geführt, dass ich jemandem, der mir eigentlich etwas bedeutet, vor den Kopf stoßen musste. Allerdings muss ich doch sagen, dass das durchaus eine Befreiung war. Abgesehen davon habe ich am letzten Wochenende auf die ganz harte Tour lernen müssen, was passieren kann, wenn man nicht ehrlich und gerade heraus ist. Das hat mir zu denken gegeben. Irgendwie muss ich wohl doch mal den Absprung vom Kind von früher, das so gelebt hat, wie es das eben tat, schaffen und die erwachsene Frau sein, die ich bin. Vermutlich noch ein langer Weg.
    • Asphyxia schrieb:

      Das ist ähnlich wie die Art Übung, die ich kürzlich in einem Buch las, sich nackt vor einen Spiegel zu stellen und sich mit den Augen eines Kindes zu betrachten, das noch nicht von den Dogmen der Gesellschaft und der Medien versaut wurde. Es ist mir schlichtweg nicht möglich.
      Es funktioniert auf einer oberflächlichen Ebene, aber der Aha - Knall bleibt aus. Allerdings erwarte ich damit vielleicht auch zu viel? Oder die Zweifel mir gegenüber sind einfach zu immens groß.



      Ganz unumwunden: Ja, ich denke du erwartest zu viel, vor allem von dir selbst.
      Du schreibst es weiter unten bereits sinngemäß: Es ist ein langer, schwieriger Weg.
      Ich finde ohnehin, dass es oft eher kleine, zunächst kaum merkliche Fortschritte sind. Und wenn man es zu sehr will, dann geht manchmal gar nichts.
      Du hast vermutlich sehr hohe Ansprüche an dich, auch jetzt wieder, auf dem Weg zu dir. Ich bewundere sehr, wie bemüht und arbeitsbereit du da bist. Aber loslassen und es mal "gut sein lassen" gehört auch dazu. Vermutllich der allerschwierigste Punkt, zumindest habe ich das so erlebt und erlebe es noch.

      Ich habe ein Erlebnis gehabt, auf dass ich gern zurückgreife, wenn ich zu mir finden möchte:
      Ich lag an meinem letzten Studienort nach meinem allwöchentlichen Schwimmtraining im Freibad auf der Wiese. Ich war bei weitem dicker als jetzt und neben mir lagen ein paar Jugendliche.
      Es gibt da einige unschöne Erinnerungen an frühere Zeiten, wo ich nur darauf gewartet habe, dass jetzt losgelästert wird und ich fühlte mich sonst generell unwohl in meiner Haut und beobachtet sowie bewertet in vergleichbaren Situationen.
      Und in diesem einen Moment war da auf einmal nichts außer Zufriedenheit und Wohlgefühl, als mir die Sonne auf den Körper schien.
      Daran denke ich immer wieder gern zurück. Und ab und an kann ich dieses Gefühl auch wieder abrufen, wenn ich es brauche. Klappt auch manchmal vor dem Spiegel im Bad, aber erzwingen lässt sich das nicht.


      Asphyxia schrieb:

      Ich habe früher aus Spaß mal gesagt, ich wäre sicherlich der perfekte Nazi gewesen, weil ich Strukturen und Regeln brauche. Nun, abgesehen vom Vergleich, ist das leider alles andere als witzig, sondern mein bitteres Leben.
      Manchmal trifft es das Bild vom Hamster im Laufrad.
      Das ist nicht nur limitiert auf mein verqueres Essverhalten (das derzeit aber mit ein bisschen Anstrengung und eurer Hilfe hier halbwegs gut läuft), sondern auf mein tägliches Leben, Denken, Handeln.


      Das kenne ich auch von mir. In Stresszeiten flammt das auch wieder auf, es ist dann wie ein enges Korsett, was mich zwar strukturiert aber kaum atmen lässt.
      Bei mir gibt es allerdings auch eine andere, wildere Seite, die dann sehr egoistisch und chaotisch reagieren kann. Früher war das noch um einiges extremer.
      Ich brauche manchmal Unordnung und ja, Schlampigkeit, ich möchte mich gehen lassen, das kann das Essen und Trinken betreffen oder meinen Haushalt oder mein Sozialverhalten.
      Das kann dann auch destruktive Tendenzen haben, aber heute weiß ich, es war und ist Kompensation gegen die Zwanghaftigkeit.
      Eigentlich mag ich Ordnung und Strukturen sehr, aber sie können mich auch kaputt machen, wenn sie starr und unnachgiebig werden.
      Langsam finde ich da aber zu einger gewissen Balance, ich kriege mich schneller wieder in den Griff und die Wellen schlagen nicht mehr so hoch.
      Das kann einfach heißen, dass ich mir sage, so, klar könntest du jetzt noch dies oder das tun, aber für heute reicht es, du musst nich noch die zwei Gläser in die Spüßmaschine räumen, das kannst du auch morgen früh tun. Klingt furchtbar banal, aber es hilft.
      [SIZE=2]Liberté toujours![/SIZE]

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Angelina () aus folgendem Grund: Fehler korrigiert.

    • Angelina schrieb:


      Du hast vermutlich sehr hohe Ansprüche an dich, auch jetzt wieder, auf dem Weg zu dir. Ich bewundere sehr, wie bemüht und arbeitsbereit du da bist. Aber loslassen und es mal "gut sein lassen" gehört auch dazu.


      Damit triffst du es wohl.
      Vermutlich ist das für mich subjektiv empfunden das Einzige, das ich in der Hand habe. Wenn ich mir sonst schon vorkomme, wie ein Versager - klingt selbstmitleidig, ist es aber gar nicht. Das ist ein Gedanke, den ich schon von Kindheitsbeinen an mit mir rumtrage - faul in der Schule gewesen, unordentlich zu Hause, schlechte Noten und so weiter. Heute versuche ich mich auf der Arbeit zu bemühen und mache trotzdem Fehler. Da reicht etwas Kleines wie den Tippfehler erst zu sehen, wenn der Brief ausgedruckt ist, schon aus, um mir stundenlang im Kopf rumzugeistern und mir zu sagen, dass ich selbst dazu zu dämlich bin. Vermutlich klar, dass ich dann wenigstens mit mir selbst und meinem Inneren perfekt agieren möchte. Geht regelmäßig nach hinten los in jeder Hinsicht - ich weiß also, was du meinst.
      Ein sich Bemühen um das 'mal loslassen' ist vermutlich auch wieder so eine Sache. Ich schätze, sobald ich mich bemühen muss, laufe ich Gefahr, dass doch wieder Murphys Gesetz zuschlägt. Wann habe ich nur verlernt, einfach zu leben?

      Das Erlebnis auf der Wiese, das du schilderst, hat bei mir sofort ein beruhigendes Bild hervorgerufen, da ich mir sehr gut vorstellen kann, wie du dich gefühlt haben musst. Manchmal sind es eben doch die selbstverständlichen Dinge, die einen glücklich machen.




      Angelina schrieb:


      Ich brauche manchmal Unordnung und ja, Schlampigkeit, ich möchte mich gehen lassen, das kann das Essen und Trinken betreffen oder meinen Haushalt oder mein Sozialverhalten.
      Das kann dann auch destruktive Tendenzen haben, aber heute weiß ich, es war und ist Kompensation gegen die Zwanghaftigkeit.


      Aber wie schaffst du es, den Deckel drauf zu halten?
      Ich meine, dass nicht das eine oder andere Extrem hoch kocht?
      Zumindest nicht in großer Häufigkeit.
      Allein dein Beispiel mit den Gläsern ist der Klassiker: So etwas kann ich nicht stehen sehen. Glas = Spülmaschine oder Spüle. Stehen lassen? Nie! Das ist unordentlich. Und so fallen mir tausende Dinge ein. Vermutlich habe ich das alles von meiner Mutter übernommen, die selbst den berühmten Knick ins Kissen auf der Couch machen muss und wehe, jemand wagt es sich, sich dort hinzusetzen. Als Jugendliche habe ich das immer belächelt. Jetzt stelle ich in so vieler Hinsicht fest, dass ich ein perfektes Abziehbild ihrer Person bin.
    • Diese ganze Geschichte "du musst perfekt sein, sonst mag dich keiner" kenne ich auch von früher. Wenn ich eine 2 in Latein geschrieben hatte, gab es Senge, weil eine 1 natürlich besser gewesen wäre. Dass ich die Einzige in der Klasse mit einer 2 war, war da Nebensache. "Wir wollten doch nur das Beste für dich, mein Kind." Gut gemeint ist aber oft bös getan. Die Genitalverstümmelung von Mädchen in einigen afrikanischen Gegenden passiert auch nicht aus Sadismus, sondern in bester wohlmeinender Absicht.
      Es hat bei mir etliche Jahre gedauert, bis ich den Vollkommenheitswahn so ziemlich abgelegt habe. Ein Burnout ist keine Spaßveranstaltung...

      Warum muss man denn perfekt sein? Ist man dann ein schlechter Mensch? Meine muslimischen Freunde sagen immer: "Nur Allah ist vollkommen."
      Ein Mensch, der keine Fehler hat, ist nicht liebenswert, sondern einfach nur gruselig und ein lebender Vorwurf an die 99,999% aller Menschen, die nicht perfekt sind.

      Du wirst nie alle Menschen jederzeit zufriedenstellen können. Im Gegenteil: wenn du sagen wir mal ein bestimmtes Kleid anziehst, sagen 30%: "Boah wie langweilig mainstreamig, was für eine Spießerin!"
      30% andere sagen: "Meine Güte, wie kann man nur so ausgeflippt rumlaufen!"
      Weitere 15% finden das Kleid zu sexy, 15% meinen, die Farbe steht dir nicht, und weiteren 5% ist es egal. Nur 5% werden vielleicht vorbehaltlos deine Meinung teilen.

      Was ich sagen will: allein schon weil die Geschmäcker und Weltanschauungen so verschieden sind, wird es zwangsläufig nur eine geringe Zahl von Menschen sein, die du zu einem gewissen Zeitpunkt mit einem gewissen Verhalten absolut zufriedenstellen kannst. Am nächsten Tag sind das dann wieder Andere.

      Deine Eltern haben dich ja ganz schön zu einem fügsamen braven Mädchen abgerichtet. Klar, dass irgendwo tief drin die Rebellion schlummert, und sich bei dir durch unkontrolliertes Essen aufbäumt. Andererseits - so war es jedenfalls bei mir - ist Hungern auch eine Möglichkeit, (körperliche) Schwäche zeigen zu können, ohne als Versager abgestempelt zu werden

      In meinen Studentenbuden war ich auch immer extrem pingelig, was das Aufräumen angeht. Mit der Berufstätigkeit und 10-Stunden-Arbeits-Tagen ging das ziemlich schnell vorbei, und neue Routinen mussten zwangsläufig eingeübt werden.
      Eigentlich bin ich ja tief drin eine Anti-Hausfrau, und nachdem ich aus Zeit- und Erschöpfungsgründen nicht mehr so perfekt war, stellte ich fest, dass ich trotzdem am Leben blieb, und dass ein staubiges Bücherregal, ein ungemachtes Bett oder ungeputzte Fenster nicht weh tun. Im Gegenteil. Das Bett lüftet den ganzen Tag aus, und an der dreckigen Fensterscheibe schlagen sich keine Vögel den Schädel ein. Die Kaffeetasse wird nach Gebrauch kurz ausgespült, und dann wieder auf den Tisch gestellt und mehrmals benutzt. Schont die Umwelt.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Vielen Dank für deine Worte, Sophie.
      Vor allem der letzte Abschnitt hat mich wirklich zum schmunzeln gebracht. Einfach, weil du so absolut Recht hast. Punkt. Ohne Wenn und Aber. Und ich wünsche mir wirklich sehr, dass ich mit meinem Denken auch da hin komme, wo du bist. Bis dahin ist es sicher noch ein langer Weg. Aber Aufgeben ist keine Option, nicht wahr?

      Auch, was du hinsichtlich dessen sagst, dass man es niemals 100% der Menschen Recht machen kann - klar. Warum sollte man das auch wollen? Immerhin sind mir auch nicht 100% der Menschen recht. Höchstens vielleicht 20%. Was jucken mich also die Anderen? Das alles ist mir so bewusst und doch fühlt es sich immer an die ein unangenehmes Pieksen irgendwie im Rücken, wenn ich den Eindruck habe, dass man sich mit mir nur abgibt, weil man es muss, z.B. auf der Arbeit.
      Ich habe absolut keinen Schimmer, wieso mich das stört. Und vor allem habe ich ja mit denselben Menschen erlebt, wie es ist, wenn ich dünn war. Als ich knorrig und wie der Tod auf Latschen aussah waren sie auch nicht netter und fanden mich auch nicht sympathischer. Im Gegenteil - sie haben sich genauso das Maul zerrissen wie jetzt.

      Alles vom Verstand her glasklar.
      Nur das Herz kommt nicht hinterher. :(
    • Erst mal stellt sich die Frage: zerreisst man sich wirklich das Maul, oder ist das nur eine mehr oder weniger begründete Befürchtung von dir?
      Und wenn ja, was sind denn die Themen? Ist überhaupt dein Äußeres der Anlass, oder mehr eine bestimmte Verhaltensweise? Wenn die Anderen etwas an deinem Verhalten auszusetzen haben, wäre es totaler Quatsch, sich an Figur oder Klamotten abzuarbeiten.

      Schätze, hinzu kommt noch ein weit verbreitetes Problem von Frauen im Beruf: Frauen suchen häufig "beste Freundinnen" bei der Arbeit, Männer wollen einfach "gut zusammenarbeiten". Wenn sich dann nicht alle liebhaben, ist für Frauen die Welt nicht mehr "gut", und die Männer fragen sich, was jetzt wieder los ist.

      Ich bin da mehr der männlich sozialisierte Typ: ich kann hervorragend mit Leuten zusammenarbeiten, die ich nicht besonders leiden kann, solange sich alle an die gleichen Spielregeln halten. Ich will die ja nicht heiraten, sondern meinen Arbeitsalltag möglichst stressarm hinter mich bringen. Leider vermischen da oft auch besonders Frauen Spielregeln für das Privatleben mit Spielregeln am Arbeitsplatz, und wundern sich, dass sie anecken. Da hilft häufig ein offenes Wort, und kein indirektes Herumgeeiere ("Die müssen doch wissen, was ich denke, aber niemals ausspreche... Gedankenlesen kann doch jeder!").
      Mit Frauen, die alles immer auf die Beziehungsebene ziehen, kann ich auch nicht gut zusammenarbeiten, selbst wenn ich sie privat noch so nett finde. Es ist einfach zu ressourcenzehrend, jedes Wörtchen auf Hintergedanken abzuklopfen und Andeutungen zu errätseln.

      Wenn du das Gefühl hast, dass man sich mit dir nicht gerne abgibt, ist das vielleicht ein kulturell begründeter Irrtum. Wenn du zum Beispiel erwartest, dass sich (ich übertreib mal) morgens alle mit großem Hallo um den Hals fallen und private Beziehungen bis ins letzte Detail ausdiskutieren, aber in der Arbeitsgruppe eher ein sachlicher Stil mit Fokus auf die Aufgabe herrscht, mag man dich nicht weniger, es wird nur nicht so ausgedrückt, wie du dir das wünschst.

      Du glaubst gar nicht, wie oft ich angebliche "Mobbingfälle" als schlichten Unterschied in der Kommunikationskultur geklärt habe.
      Ich kann allen Interessierten das Buch "Du kannst mich nicht verstehen" von Deborah Tannen ans Herz legen. Ich werde mal was dazu in "Dick und Lesen" posten.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Es ist eine Mischung aus beidem.
      Ich weiß, dass man sich mehrmals über mich beschwert hat, weil ich nicht lächle, weil ich ernst bin und unfreundlich. Vorgesetzte lachen die sich Beschwerenden mit der Begründung aus "...wie es in den Wald hinein ruft...". Kurioserweise ist es mir vollkommen schnuppe, ob mich jemand unfreundlich oder schlichtweg blöd findet, weil ich mich verhalte, wie ich es tue.
      Ich trage immer noch dieses Denken mit mir rum, dass die sich lustig machen, weil ich vor zwei Jahren mal klapperdürr war und es heute nicht mehr bin. Vermutlich erinnern sie sich nicht mal mehr dran oder es ist ihnen vollkommen gleich. Wenn ich aber darüber denke, sehe ich immer nur die Verbindung aus Frau xy (ich) = magersüchtig = was ist mit der passiert? Hat sie es ja doch nicht geschafft, schlank zu bleiben.
      Vermutlich einer meiner verqueren Glaubenssätze.

      Letztlich sehe ich das mit den Kollegen wie du: Mir doch egal, ob Frau Schulze nach Feierabend gerne in den Strickkurs geht oder Bridge spielt. Hauptsache, ich kann vernünftig mit ihr arbeiten. Was sie tut, sobald ich das Gebäude verlasse, ist mir egal. Ob sie am Wochenende in den Swingerclub geht oder von früh bis spät in die Kirche. Lässt mich kalt.

      Ich glaube, dieses sich-dauernd-liebhaben-müssen ist ohnehin ein völliges Frauenproblem. Viele Frauen (vornehmlich bei mir auf der Arbeit) kommen scheinbar so gar nicht damit klar, wenn man keine große Lust oder schlichtweg keine Zeit hat, sich mit ihnen über den Kurztripp vom Wochenende oder ihre Wehwehchen am Rücken zu unterhalten.
      In der Form ist mir das bisher eher unbewusst aufgefallen. Aber es ist unter Garantie ein ausschlaggebender Faktor, auch, wenn ich da so an den Umgang zwischen mir und den Damen auf der Arbeit denke. Erschwerend hinzu kommt vermutlich auch noch, dass ich gerade mal die 30 winken sehe, sie allerdings schon die Rente. Sicherlich alles Punkte, die zusammen treffen.
    • Asphyxia schrieb:

      Es ist eine Mischung aus beidem.
      Ich weiß, dass man sich mehrmals über mich beschwert hat, weil ich nicht lächle, weil ich ernst bin und unfreundlich. Vorgesetzte lachen die sich Beschwerenden mit der Begründung aus "...wie es in den Wald hinein ruft...".

      Von jungen Frauen wird halt ein grenzdebiles Dauergrinsen erwartet... Kenn ich. Ich gelte auch als "ruppig". das kultiviere ich dann gerne.
      Solange deine Vorgesetzten von deiner Kompetenz überzeugt sind, so what? Anscheinend kennen die ja auch schon ihre Pappenheimer (Giftspritzen). Du kannst dir die Mühe machen, jeden Tag 5 Minuten Freundlichkeit zu heucheln, oder einfach aussitzen. Die gehen früher in Rente als du. Un dvielleicht kriegst du bald einen besseren Job.
      Kann ja sein, dass die einfach nur neidisch sind?
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Sophie schrieb:

      Von jungen Frauen wird halt ein grenzdebiles Dauergrinsen erwartet... Kenn ich. Ich gelte auch als "ruppig". das kultiviere ich dann gerne.
      Solange deine Vorgesetzten von deiner Kompetenz überzeugt sind, so what? Anscheinend kennen die ja auch schon ihre Pappenheimer (Giftspritzen). Du kannst dir die Mühe machen, jeden Tag 5 Minuten Freundlichkeit zu heucheln, oder einfach aussitzen. Die gehen früher in Rente als du. Un dvielleicht kriegst du bald einen besseren Job.
      Kann ja sein, dass die einfach nur neidisch sind?


      Das mache ich sogar - und zwar genauso, dass sie merken, dass es alles andere als ernst gemeint ist. Die Blicke: unbezahlbar. :D
      Aber es nervt halt eben auf Dauer doch, sich verstellen zu müssen.
      Und ja, ich hatte das mit dem Neid auch vermutet, fand es aber zu kurz gedacht. Worauf sollten sie neidisch sein? Weil sie meine Großmütter sein könnten? Letztlich bringen mich derlei Giftspritzen (der Ausdruck gefällt mir) aber dazu, mich einmal mehr darüber zu freuen, wenn ich von anderen Kolleginnen mal etwas ehrlich nett Gemeintes höre. Davon zehre ich dann richtig lange.
    • Betrachte die Situation mal wie ein Außenstehender, z.B. durch die Brille eines Affenforschers von einem fremden Planeten.

      Als "Neuzugang" in einer gewachsenen sozialen Gruppe stößt man zunächst normalerweise auf Widerstand. Die Alteingesessenen beäugen den Neuzugang mit einer Mischung aus Neugier und Ablehnung. Alles Fremde macht erst mal Angst, das ist biologisch begründet und normalerweise ganz sinnvoll.

      Und dann kommen (begründete oder unbegründete) Ängste der Art hinzu: Wird der/die Neue meinen Status, meinen Platz in der Hackordnung bedrohen? Das hat nichts mit der formalen bürokratischen Hierarchie zu tun, sondern eher mit Beliebtheit, Aufmerksamkeit vom Oberaffen, wer den Ton bei was angibt etc.
      Manchmal hilft da schon, sich etwas bei der Leithenne einzuschleimen, immer mal um deren Meinung fragen, sich mal für was bedanken (ach das hat mir jetzt sehr geholfen, vielen Dank blabla), Komplimente verteilen (das ist aber eine chice Bluse...).

      Möglicherweise haben die Alteingesessenen auch eine niedrigere formale Qualifikation, und haben sich "hochgearbeitet". Jemand, der mit der gleichen Position einsteigt, die sie sich eventuell nach Jahren mühevoll erarbeitet haben, stößt bitter auf und lässt einen sich wie Alteisen vorkommen. Reif für den Schrott. Überflüssig. Wenn man da genau in diese Kerbe haut und denen mal zeigt, wie man es richtig macht, kann man sich nachhaltig die Zusammenarbeit vergiften. "Richtig" ist relativ. Was über Jahre funktioniert hat, hat aus einem bestimmten Grund funktioniert. Wenn den Alten das Gefühl gegeben wird, dass sie gebraucht werden, dass ihre Erfahrungen geschätzt werden und dass ihre Lebensleistung anerkannt wird anstatt abgewertet, gewinnt man als Neuling im Gegenzug deren Anerkennung.

      Der Neuling muss sich an den vorherrschenden "Stil" anpassen. Das hat nichts mit "Verbiegen" zu tun, wird aber gerne damit verwechselt. Es hat vielmehr mit Respekt zu tun. Wenn ich Respekt erwarte, muss ich auch bereit sein, Respekt zu zeigen, und zwar auf eine Weise, die der Gegenüber auch versteht - sonst empfindet der nur Respektlosigkeit und ist aus seiner Sicht zu recht verärgert.

      Anpassung ist nicht Selbstaufgabe. Wenn du nach Italien fährst, sagst du auch "Buon giorno" und nicht "Grüß Gott." In Teheran wirst du keine Hot-Pants auf der Straße tragen. Je dauerhafter der Aufenthalt, umso stärker muss die Anpassung sein.

      Leider erlebe ich oft, dass in der Anfangsphase von beiden Seiten Fehler ghemacht werden - das hat auch wieder nichts mit Schuld oder Bosheit zu tun, sondern in 99% aller Fälle mit mikrokulturellen Unterschieden. Aber wenn sich erst mal ein Konflikt gebildet und vertieft hat, wird es immer schwerer, aus so blöden Spielchen rauszukommen.

      Du scheinst ja schon etwas länger in diesem Team zu arbeiten, aber noch scheint eine Verbesserung der Zusammenarbeit möglich. Es ist deine Entscheidung, ob du alles beim alten lassen willst, oder ob du versuchst, in kleinen Schritten auf deine Kolleginnen zuzugehen. Love it, change it, or leave it. Wobei ist der Leidensdruck auf Dauer am erträglichsten? Es nützt dir am wenigsten, wenn du immer weniger Spaß an der Arbeit hast, und durch Essen oder Alkohol oder sonstwas Erleichterung suchst.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Asphyxia schrieb:

      Das mache ich sogar - und zwar genauso, dass sie merken, dass es alles andere als ernst gemeint ist. Die Blicke: unbezahlbar. :D
      Aber es nervt halt eben auf Dauer doch, sich verstellen zu müssen.
      .


      Sorry, das halte ich für absolut unklug.
      Wieso ist es es ein "Sich verstellen", wenn Du mal freundlich bist zu Deinen älteren Kolleginnen?
      Wieso willst Du es sie auch noch besonders merken lassen, dass das von Dir eh nicht ernst gemeint ist?

      Kindisch finde ich das.

      Möchtest Du Ihnen wirklich lieber ins Gesicht sagen:
      "Ich, die Asphyxia, bin - ätschebätsche - klüger, kompetenter, besser und sowieso jünger als Ihr alle?"

      Kopfschüttelnde Grüße von Thea
    • Thea schrieb:

      Sorry, das halte ich für absolut unklug.
      Wieso ist es es ein "Sich verstellen", wenn Du mal freundlich bist zu Deinen älteren Kolleginnen?
      Wieso willst Du es sie auch noch besonders merken lassen, dass das von Dir eh nicht ernst gemeint ist?

      Kindisch finde ich das.

      Möchtest Du Ihnen wirklich lieber ins Gesicht sagen:
      "Ich, die Asphyxia, bin - ätschebätsche - klüger, kompetenter, besser und sowieso jünger als Ihr alle?"

      Kopfschüttelnde Grüße von Thea


      Das möchte ich in der Tat nicht.
      Ich gebe lediglich zurück, was sie mich spüren lassen, seit ich dort arbeite. Mit Freundlichkeit und zuvorkommendem Verhalten bin ich gegen Wände gelaufen. Man bietet den Leuten etwas an, das nicht dem Aufgabenbereich entspricht? Ja, super - wird angenommen. Beim nächsten Mal jedoch wird es verlangt und sich beschwert, wenn man es nicht tut, weil man keine Zeit hat. Ich könnte tausende begründende Beispiele bringen, weshalb diese Damen mein ehrliches Lächeln definitiv nicht wert sind. Aber ich spare es mir.

      @Sophie
      Zu deinem Beitrag eine Erwiderung, wenn ich mehr Zeit habe. Es wäre schade, das jetzt nur so kurz zu kommentieren, da mir deine Beiträge hier mit die Hilfreichsten sind.
    • Sophie schrieb:

      Wenn ich Respekt erwarte, muss ich auch bereit sein, Respekt zu zeigen


      Bingo - genauso sehe ich das auch.
      Ich trete jedem Menschen, ob er mir nun optisch oder von seinen wie auch immer gearteten Vorlieben passt oder nicht, zunächst mal neutral und tendenziell nett gegenüber. Ich habe ja keinen Grund, das nicht zutun. Abgesehen davon kenne ich Ablehnung nur aufgrund von Aussehen aus meiner ehemaligen Gothiczeit noch und auch heute passiert es mir oft: Wenn man gepierct und tätowiert ist, landet man automatisch in einer Schublade. Um micht nicht auf dasselbe Niveau herabzulassen und oberflächlich zu sein, bemühe ich mich eben, erst mal zu gucken, wer mein Gegenüber ist.
      Hat auf der Arbeit nicht funktioniert. Vielfache Versuche, nett zu sein, freundlich, zuvorkommend - gescheitert. Da bleibt mir bis jetzt irgendwie nur noch das völlig neutrale und emotionsarme Miteinander. Ich arbeite mit ihnen, aber sobald die Tür hinter mir zugeht, ich in mein Auto steige und heim fahre, sind sie nichts weiter als Namen. Punkt.


      Sophie schrieb:


      Leider erlebe ich oft, dass in der Anfangsphase von beiden Seiten Fehler ghemacht werden - das hat auch wieder nichts mit Schuld oder Bosheit zu tun, sondern in 99% aller Fälle mit mikrokulturellen Unterschieden. Aber wenn sich erst mal ein Konflikt gebildet und vertieft hat, wird es immer schwerer, aus so blöden Spielchen rauszukommen.


      Absolut.
      Vor allem auch dann, wenn die betreffenden Leute aus gänzlich anderen -ich nenne es mal überspitzt- historischen Hintergründen kommen. Da werden Männer oder Frauen, die um einiges jünger sind, einfach mal nicht ernst genommen. In der Gegend hier liegt das sicher an deren Biographie - ehemalige DDR halt. Ich schätze, du weißt, was ich meine.

      Fazit für mich nach der ganzen Zeit auf der Arbeit: Bis zur Rente bleibe ich ohnehin nicht. Das ist das Eine. Das Andere ist - ich bleibe weiterhin neutral. Keine blöden Sprüche, keine Witzchen, kein Geplänkel. Semi-professionelles Miteinander, soweit es allen nützt. Nicht mehr, nicht weniger.

      Im Übrigen finde ich deine Betrachtungsweise bzw. die Verbildlichung einer solchen Situation, die vermutlich täglich stattfindet, wo auch immer, sehr gut. Das hilft mir doch, das Ganze ein wenig anders zu sehen.
      Vor allem auch, nicht alles direkt persönlich zu nehmen - was auch eines meiner Probleme ist, aus dem wiederum meine Unsicherheit und mein nicht vorhandenes Selbstvertrauen nebst Selbstliebe resultieren.
    • Es ist auch oft so, dass das Verhalten, was Person A als nett, höflich, zuvorkommend meint, von Person B nicht unbedingt als nett, höflich und zuvorkommend erkannt wird. Klassisches Beispiel der junge Mann aus einem islamischen Land. Für ihn ist es normal und höflich, Leuten nicht in die Augen zu sehen. Das ist für ihn die einzig vorstellbare Art, höflich zu sein. In Deutschland wird er als unaufrichtig, verlogen, im besten Fall als schüchtern "gelesen", weil hier in die Augen zu sehen als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Das ist jetzt ein offensichtlicheres Beispiel. Bei feineren Nuancen wird es noch unverständlicher.

      Person A redet schnell und mit kurzen Pausen und ärgert sich schwarz darüber, dass die doofe Kuh Person B einfach keinen Mucks von sich gibt. Boah muss die blöd sein! Bin ich der Alleinunterhalter? Person B redet langsamer und erwartet lange Pausen und ärgert sich schwarz, dass die Schnepfe A sie nicht zu Wort kommen lässt...

      Person A ist einen lauten Gesprächsstil gewöhnt, Person B eher leisere Töne. In einer Diskussion versucht Person A, den Partner aus der Reserve zu locken, indem A noch lauter wird, Person B wird aber noch leiser, um Person B zu dämpfen. Wenn keiner das Thema mal erkennt, endet es damit, das A herumbrüllt und B für begriffstutzig hät, und B hält A für ein vorlautes A**loch.

      Solche Beispiele gibt es etliche in dem Buch von Deborah Tannen. Ich hatte teliche Aha-Erlebnisse. Selbst wenn es schwer fällt, seine eigene Kommunikation zu ändern, kann man doch verstehen, dass eine andere Verhaltensweise nicht immmer böse gemeint ist.
      Vielleicht leigen euren Differenzen ja auch derartige Kulturunterschiede zugrunde.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Sophie schrieb:


      Vielleicht leigen euren Differenzen ja auch derartige Kulturunterschiede zugrunde.


      Noch nicht mal unbedingt das, denke ich.
      Ich schätze viel mehr, dass der Generationenunterschied ein Problem ist. Profan ausgedrückt: Die "Alten" erwarten von den "Küken", dass sie knicksen und buckeln. Mag bei manchem funktionieren, ich allerdings habe eine Aversion dagegen. Zumal wenn sie mir keineswegs überstellt sind.

      Letztlich verstehe ich aber natürlich, was du damit sagen willst.
      Meine Oma würde es vermutlich mit "Jedem Tierchen sein Plaisirchen" ausdrücken. Einfach, aber durchaus passend.

      Maky schrieb:

      Uiiii, arbeiten bei euch Siebzigjährige ??? :D


      Dir ist der literarische Begriff Hyperbel vertraut?
    • Nein, es hat nichts mit "Plaisirchen" zu tun, also Geschmackssachen, sondern mit echten kulturellen Unterschieden.
      Bei Geschmäckern oder Vorlieben ist jedem klar, wie subjektiv das ganze ist, und beim Anderen so akzeptiert.
      Kulturelle Eigenarten werden aber absolut gesehen - meine Weltsicht ist die einzig Richtige, und alle anderen müssen so ticken wie ich selbst, andernfalls sind sie doof/böse/minderwertig/lächerlich. In einem gewissen Maße kann man kulturelle Unterschiede einfach ignorieren, aber wenn beide Seiten auf ihrer Sicht der Welt bestehen, führt es irgendwann zu einem eskalierenden Konflikt, oder man geht sich aus dem Weg.
      Privat kann man um Leute, die einem nicht "passen", einen Bogen machen, am Arbeitsplatz ist man auf Gedeih und Verderb aneinandergebunden.

      Für dich ist es "knicksen und buckeln" (was ist es denn genau für ein Verhalten, das von dir erwartet wird?), für die Kolleginnen ein Mindestmaß an Respekt. Aus deinen Äußerungen lese ich eine verächtliche Grundhaltung gegenüber deinen Kolleginnen heraus - muss nicht wirklich so sein - aber vielleicht kommt das auch bei denen so an, dass du dich als etwas "Besseres" fühlst.

      Die Frage ist, was war zuerst, die Henne oder das Ei, aber wenn nicht eine Seite den Anfang macht, endet das in einem ewigen Kriegszustand, fast so wie in dem 4000 Jahre alten Konflikt Israel/Palästina. Jeder sagt, ich hab Recht. Aber jeder hat auch seinen Anteil an dem Konflikt, und das gehört auch mal hinterfragt. Zum Tangotanzen gehören immer zwei.

      Sich jetzt zurücklehnen und sagen, nee ich, pass mich nicht an, weil ich hab ja Recht, meine Sicht der Welt ist die allereinzige wahre, bringt dich keinen Schritt nach vorne, sondern macht dich langfristig gesehen an diesem Arbeitsplatz unglücklich. Im schlimmsten Fall könnte die Situation so eskalieren, dass du auch die Unterstützung des Chefs verlierst, das wäre fatal.

      Wo könntest du mit Empathie und Respekt (nochmal: hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun, sondern mit Wertschätzung!) deinen Kolleginnen einen Schritt entgegenkommen?
      Oder gefällt dir eine unterkühlte, feindselige Atmosphäre? Kann ja auch sein.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)