Ich kann nicht anders, alles muss aufgegessen sein.

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    • Teller leer essen

      Das ist eins meiner ganz großen Probleme.
      Aber ich glaube, dass es bei mir psychisch bedingt ist.
      Ich bin als Kind stark übergewichtig zu sehr schlanken Pflegeeltern gekommen und wurde auf Diät gesetzt. Bis zu meinem Auszug mit 18 Jahren wurde mir das Essen immer zugeteilt.
      Als ich dann ausgezogen War, habe ich gedacht :" jetzt kann ich essen, was und wieviel ich will."
      Ich bin seit dem immer dicker geworden.
      Dann kam irgendwann ein zweiter Gedanke :" ich hab das alles bezahlt, das werfe ich nicht weg."

      Blöd , oder?
    • Bei mir hat sich dahingehend auch nichts geändert (ich schrieb in dem Thread als "Elisabeth").

      Ich muss zwar weiterhin auf Kohlenhydrate achten, aber vollgefüllte Teller, ja, sie befriedigen mich regelrecht.

      Der Anblick und der Gedanke - "das kannst du jetzt alles essen" - erzeugt in mir ein Glücksgefühl.

      Ich esse sogar oft den ganzen Tag nichts, um mir abends eine große Portion Essen, ohne Reue, (Diabetes) gönnen zu können.

      Die Augen müssen alleine schon von der Überfülle befriedigt sein, dann der Geschmack, in direktem Zusammenhang mit dem Gedanken - da ist noch viel auf dem Teller, du kannst noch lange genießen.

      Ich kann partout keine kleine Portionen essen, ich laufe dann den ganzen Tag dauerhungrig herum. Ich hab's probiert - das Ende vom Lied ist, dass ich mir hintereinander 3 kleine Portionen nachhole, was dann keinen Sinn mehr ergibt.

      Ich weiß wie es ist schlank zu sein. Von daher kenne ich beide Seiten der Medaille, aber die Psychopharmaka haben meinen Stoffwechsel nun mal sehr verlangsamt und regen gleichzeitig den Appetit an. Ungünstiger geht es nicht.

      Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich viel lieber wieder schlank als dick, das sage ich ehrlich - da ist nix mit Selbstakzeptanz, alleine auch aus gesundheitlichen Gründen. Dennoch - ich muss damit leben.

      Ich kann ganz prima 3-4kg abnehmen, aber dann geht es nicht mehr weiter, weil mein Körper nach Essen schreit. Ich werde dann äußerst unleidlich und das gefährdet die Stabilität meiner Psyche. Auf diese wacklige Brücke begebe ich mich nicht.
    • Wir sind wer wir sind und stark geprägt von unserm Leben.
      Als wir letztes Jahr in Spanien, Frühstücks und Abendbüffet hatten, ist mein Mann sehr schlank, immer weniger zum Essen gekommen. Er wurde sein Leben lang gemästet und hat immer weniger gegessen, es ist unsere Prägung. Der eine muss große Portionen essen der andere kann nur essen wenn es nicht für ihn gedacht ist.
      Ich mache mir etwas zu Essen und bekomme oft nicht viel davon mit, ok, dann gibts auch Ärger, denn wenn er nichts essen will soll er hungern und nicht meins wegessen.
      Es geht nicht einfach weg.'Also suchen wir einen
      weg gut damit zu leben.
    • ich esse auch diese Teller voll und freue mich immer schon drauf, ihn mir schön zu richten und aufzuessen.
      Ich lege allerdings, um gegenzusteuern, Fastentage ein. Nach spätestens zwei Tagen Essen und Schuldgefühlen sage ich mir: "Morgen esse ich nix." ERst dann kann ich beruhigt einschlafen. Und ich halte das auch durch, das Nix- Essen.
      Am nächsten Tag nehme ich mir vor: "Heute esse ich WENIG", ich habe ja gesehen, dass auch nix essen geht - aber das WENIG essen geht total in die Hose. Ich esse wieder viel zu viel....
      würde ich es schaffen, wenig zu essen, müsste ich keine Fastentage enlegen.
      Essen kommt mir ein bißchen vor wie eine DROGE, ich schaffe zwar den Enzug, jedoch NICHT den verantwortungsbewußten Umgang....
      daher schäme ich mich.

      Nicht davon zu reden, dass ie Ausgleichs-Fastentage nicht ausreichen und ich trotzdem dick bin....

      das ist meine Essstörung. Nennt sich "atypisch - Bulimie ohne Erbrechen".
      Bei mir war es nicht die Erziehung, sondern ich bin aus einer Anorexie da reingerutscht.

      Auch mit Psychopharmaka. Hatte immer das Gefühl, die bügeln auch noch das letzte bißchen Kontrolle weg. Wie fremdgesteuert habe ich gegessen.
      Leider ist kein Psychiater auf diese Problematik, die Scham und die Verzweiflung eingegangen, was im Endeffekt dazu geführt hat, dass ich mich vom psychiatrischen System völlig verabschiedet habe.
      Mein Essproblem wurde dort - da ja nicht lebensgefährlich - geflissentlich ignoriert.


      Ich nehme seit drei Jahren KEINE Psychopharmaka mehr, und ich habe auch abgenommen, aber eben nicht auf mein Wohlfühlgewicht.



      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • Tinkerbell schrieb:

      Hat schon jemand probiert einfach Dessertteller zu nehmen, die schauen optisch immer voll aus, ist aber nur die Hälfte davon oben wie auf einen "normal" großen Teller


      Ich weiß aber, dass es nur ein kleiner Teller ist - und auch die Speisen sehen klein aus - jedenfalls für mich. Ich merke es auch daran, dass ich einfach nicht satt werde und mir den kleinen Teller, mehrere male füllen muss.
    • Bianca04 schrieb:

      ...." ich hab das alles bezahlt, das werfe ich nicht weg."

      Blöd , oder?


      Nein, nicht blöd. Ich finde Lebensmittel wegwerfen einfach furchtbar, und auswärts essen kostet auch einiges, der Gedanke, dass die Reste im Müll landen, ist mir unangenehm. Ich habe mir aber, trotz der moralischen und finanziellen Bedenken, abgewöhnt, wenn ich pappsatt bin, weiterzuessen. Was habe ich davon, wenn es mir hinterher nicht gut geht, aber ich dabei ein paar Euro "gespart" habe :eek:
    • Tosca schrieb:

      Ich weiß aber, dass es nur ein kleiner Teller ist - und auch die Speisen sehen klein aus - jedenfalls für mich. Ich merke es auch daran, dass ich einfach nicht satt werde und mir den kleinen Teller, mehrere male füllen muss.


      Große Teller mit überdimensionalen Portionen finde ich unappetitlich.
      Ich mag es überschaubar und lieber lege ich noch ein- oder zweimal nach, wenn ich vom ersten Teller nicht satt geworden bin. :)
    • ist ebenso ein großer vollgeladener Teller lieber, da geht es mir wie Tosca
      im Gasthaus esse ich meist Schnitzel, Alufolie in der Handtasche
      wir gehen selten essen
      panierte Schnitzel gibts nie bei uns, denn einschließlich Schwiegermutter, die bei uns lebt, sind wir 7 Personen
      alles kleingeschnitten, mit Champignons gestreckt Zwiebel in Massen
      Braten öfter
      Nudeln mit verschiedenen Soßen
      großer eigener Gemüsegarten
      wir essen eher nicht so abwechslungsreich
      was ich auflade kenne ich und weiß welche Menge

      mein Post ist leider etwas wirr, bin in Eile

      hoffe ihr versteht, was ich meine
    • Maky schrieb:

      Nein, nicht blöd. Ich finde Lebensmittel wegwerfen einfach furchtbar, und auswärts essen kostet auch einiges, der Gedanke, dass die Reste im Müll landen, ist mir unangenehm. Ich habe mir aber, trotz der moralischen und finanziellen Bedenken, abgewöhnt, wenn ich pappsatt bin, weiterzuessen. Was habe ich davon, wenn es mir hinterher nicht gut geht, aber ich dabei ein paar Euro "gespart" habe :eek:


      In sehr vielen Restaurants kann man sich die Reste einpacken lassen, um sie mitzunehmen.
      [CENTER]Summ summ summ
      [SIZE=1](Honigbiene)[/SIZE][/CENTER]
    • Honigbiene schrieb:

      In sehr vielen Restaurants kann man sich die Reste einpacken lassen, um sie mitzunehmen.


      Ich lass mir oft die Reste einpacken.
      Und Zuhause benutze ich selten einen großen Teller. Trotzdem ist der Teller immer voll. Wenn es in meinem Kopf einen Schalter gäbe, den man umschalten kann, fände ich super. :daumen:
      Gruß von Bianca
    • Maky schrieb:

      Große Teller mit überdimensionalen Portionen finde ich unappetitlich.
      Ich mag es überschaubar und lieber lege ich noch ein- oder zweimal nach, wenn ich vom ersten Teller nicht satt geworden bin. :)


      Das ist sicherlich ein gesünderes Denken und Vorgehen als das meine. Es ist meine Gefräßigkeit, die mich so handeln lässt - anders kann ich es mir nicht erklären.
    • Bitte macht Euch nicht klein, es ist wie es ist und ich bin für mich und mein Leben und Essen verantwortlich aber nicht schuldig. Es dauert Jahre lang erlerntes wie das Essverhalten abzuändern.
      Ich muss dann aufhören zu essen wenn mein Bauch mir das sagt, nicht wenn ich satt bin. Wenn ich weiteresse, bekomme ich so fürchterliche Bauchschmerzen und andere Dinge, dass ich dort brav bin. Es ist aber nicht von mir steuerbar. Überessen geht schon lange nicht mehr, Dick bin ich immer noch.
    • Tosca schrieb:

      Das ist sicherlich ein gesünderes Denken und Vorgehen als das meine. Es ist meine Gefräßigkeit, die mich so handeln lässt - anders kann ich es mir nicht erklären.


      Liebe Tosca,
      natürlich kann ich nicht beurteilen ob es sich in Deinem speziellen Fall tatsächlich um "Gefräßigkeit" handelt?
      Wenn es aber eine Sache ist, die lange besteht, oder gegen Du Dich quasi nicht "wehren" kannst, liegt der Verdacht nahe, daß es ein Überlebensinstinkt ist, der Dich alles aufessen läßt.

      Sehr oft resultiert das Teller-leer-essen-müssen aus einer Mangelsituation.
      Die man zum Beispiel selbst erlebt (hat). "Kann ich mir morgen noch ein Brötchen kaufen?" oder so.
      Oder ein Mangel, den man stellvertretend auslebt. Ältere Engländerinnen berichten, daß sie immer ermahnt wurden, den Teller leer zu essen. "Denk an die armen Soldaten an der Front!"
      Anderen Generationen wurde gesagt "denk an die armen Heidenkinder in Afrika".
      In meiner Jugend war z.B. Biafra ein Thema.
      Gibt sicherlich noch andere Sprüche. Da wurde wegen Mangel-irgendwo-auf-der-Welt der Teller leer gegessen.
      Frage: NÜTZT es irgendeinem Hungernden, wenn ich brav meinen Teller leer esse? Nein. Da müßten sich ganz andere Dinge ändern ...

      Manchmal wurden Kinder sogar für das morgige Wetter verantwortlich gemacht. "Wenn du deinen Teller nicht leer ißt, scheint morgen keine Sonne" ...

      Manchmal stammt der Mangel von Eltern, die gehungert haben. Im Krieg, oder wenn die Eltern arm waren. Auch einer, der Sprüche, die ich hören mußte: "wenn wir damals ... so etwas Gutes gehabt hätten!"


      Drittens will man sich manchmal nicht gegen das gesellschaftliche "Soll" verteidigen, immer alles brav aufessen zu müssen. Man beugt unbewußt Debatten oder Schlimmerem vor - und ißt auf.
      Mir ist es zum Beispiel neulich passiert, daß mir eine Nachbarin die Freundschaft kündigte, weil sie mich mal zum Frühstück ins Café eingeladen hat, und ich habe - wie ich das prinzipiell immer mache - nur das Gelbe vom Ei gegessen. Oh lala, die Dame hat das persönlich genommen, daß ich das Eiweiß, das SIE bezahlt hat, nicht aufgegessen habe. Sie sagte, ich hätte ihr "einen Stich versetzt".

      Das Problem ist manchmal, daß beim Essen-übrig-lassen moralische Dimensionen ins Spiel kommen. "Du bist undankbar", "Dir ist scheinbar nichts gut genug", "Du bist ein Verschwender", "wegen Dir hungern Andere auf der Welt" ...

      Wenn wir alle diese moralischen Implikationen und das ganze Mangelbewußtsein hinter uns lassen können, können wir es machen, wie meine Katze: schneubisch am Futter lecken, die Sauce gnädig abessen, und den Rest stehen lassen, bis er vergammelt ist oder weggeräumt wurde. Kein Problem.
    • Issi schrieb:

      Liebe Tosca,
      natürlich kann ich nicht beurteilen ob es sich in Deinem speziellen Fall tatsächlich um "Gefräßigkeit" handelt?
      Wenn es aber eine Sache ist, die lange besteht, oder gegen Du Dich quasi nicht "wehren" kannst, liegt der Verdacht nahe, daß es ein Überlebensinstinkt ist, der Dich alles aufessen läßt.

      Sehr oft resultiert das Teller-leer-essen-müssen aus einer Mangelsituation.
      Die man zum Beispiel selbst erlebt (hat). "Kann ich mir morgen noch ein Brötchen kaufen?" oder so.
      Oder ein Mangel, den man stellvertretend auslebt. Ältere Engländerinnen berichten, daß sie immer ermahnt wurden, den Teller leer zu essen. "Denk an die armen Soldaten an der Front!"
      Anderen Generationen wurde gesagt "denk an die armen Heidenkinder in Afrika".
      In meiner Jugend war z.B. Biafra ein Thema.
      Gibt sicherlich noch andere Sprüche. Da wurde wegen Mangel-irgendwo-auf-der-Welt der Teller leer gegessen.
      Frage: NÜTZT es irgendeinem Hungernden, wenn ich brav meinen Teller leer esse? Nein. Da müßten sich ganz andere Dinge ändern ...

      Manchmal wurden Kinder sogar für das morgige Wetter verantwortlich gemacht. "Wenn du deinen Teller nicht leer ißt, scheint morgen keine Sonne" ...

      Manchmal stammt der Mangel von Eltern, die gehungert haben. Im Krieg, oder wenn die Eltern arm waren. Auch einer, der Sprüche, die ich hören mußte: "wenn wir damals ... so etwas Gutes gehabt hätten!"


      Drittens will man sich manchmal nicht gegen das gesellschaftliche "Soll" verteidigen, immer alles brav aufessen zu müssen. Man beugt unbewußt Debatten oder Schlimmerem vor - und ißt auf.
      Mir ist es zum Beispiel neulich passiert, daß mir eine Nachbarin die Freundschaft kündigte, weil sie mich mal zum Frühstück ins Café eingeladen hat, und ich habe - wie ich das prinzipiell immer mache - nur das Gelbe vom Ei gegessen. Oh lala, die Dame hat das persönlich genommen, daß ich das Eiweiß, das SIE bezahlt hat, nicht aufgegessen habe. Sie sagte, ich hätte ihr "einen Stich versetzt".

      Das Problem ist manchmal, daß beim Essen-übrig-lassen moralische Dimensionen ins Spiel kommen. "Du bist undankbar", "Dir ist scheinbar nichts gut genug", "Du bist ein Verschwender", "wegen Dir hungern Andere auf der Welt" ...

      Wenn wir alle diese moralischen Implikationen und das ganze Mangelbewußtsein hinter uns lassen können, können wir es machen, wie meine Katze: schneubisch am Futter lecken, die Sauce gnädig abessen, und den Rest stehen lassen, bis er vergammelt ist oder weggeräumt wurde. Kein Problem.



      Als ich Kind war, wurde ich zur Nachbarin gegeben, weil meine Mutter halbtags arbeiten ging. War damals eher ungewöhnlich. Als Kind war ich dürr, richtiggehend durchscheinend. Ich habe Bilder davon - ein hohlwangiges, kleines Gesicht und ein schmächtiges Körperchen.

      Damals muss ich wohl noch nicht gerne gegessen haben, denn mir wurde permanent Essen in den Mund gezwängt, auch wenn es mich ekelte und ich mich übergab. Das weiß ich noch gut. Ich wurde wirklich gezwungen - von meiner Mutter, wie auch von der Nachbarin, die vormittags auf mich aufpasste.

      Meine Mutter hatte wohl Angst, dass ich krank werden könnte, denn damals waren eben nur wohlgenährte Kinder, gesunde Kinder.

      Und die Leute im Dorf, taten ihr übriges. Sie klagten meine Mutter an, sie würde arbeiten gehen und mich im Stich lassen - sie solle sich doch mal anschauen, wie verhungert ich aussähe. Das hatte damals ungeheures Gewicht, was "die Leute" so sagen. Ich musste sogar täglich Lebertran zu mir nehmen. :krank:

      Dann, als ich zur Schule ging, wurde ich langsam moppeliger und als Jugendliche wieder schlank - auch als junge Frau noch. Und klar ist auch, dass ich nicht so dick geworden wäre, wenn ich nicht diese Unmengen an Medis nehmen müsste.

      Ich wäre sicherlich nicht gertenschlank, aber ich hatte vor den gesundheitlichen Schicksalsschlägen, eine tolle, sehr weibliche Figur. Jetzt bin ich eher maskulin geformt - mit einem mächtigen Bauch.

      Fast würde ich mir wünschen, wieder Ekel vorm Essen zu haben, so wie es damals war, als kleines Kind.
    • Essen ist etwas, das tief drin im Saurierhirn verankert ist. Deshlab lässt es sich enfach nicht über den Kopf steuern.
      Ich habe Anorexie hinter mir, also gar nicht essen bzw. eine Mahlzeit pro Woche. Das Wort An-Orexie täuscht. Es bedeutet "ohne Appetit". Das war jedenfalls bei mir nicht so. Ich hatte tierischen Hunger, ich hab vom Essen geträumt, aber ich habe mich zum Nicht-Essen gezwungen. Dann bin ich zu Bulimie geswitcht, und das So-Richtig-Reinhauen-Dürfen war für mich eine Riesen-Erleichterung. Irgendwann habe ich mich gezwungen, das Erbrechen sein zu lassen, aber die Essanfälle blieben für etwa 10 Jahre, mit den entsprechenden Auswirkungen auf mein Gewicht. Seit ungefähr 2009/2010 kann ich halbwegs normal essen, es gibt vielleicht 1x im Monat einen Essanfall. Mein Stoffwechsel ist allerdings total zerschossen, un dich leb von ca 1500 kcal am Tag. Das ist ein Gleichgewicht, das ich dauerhaft halten kann. Jede Reduzierung und jede Abnahme führt allerdings wieder zu Essanfällen.

      Ich habe mich sehr tief ananlysiert. Das "Iss den Teller leer." ist eine anerzogene, kulurell bedingte Verhaltensweise, die noch aus Zeiten stammt, in denen die Menschen so wenig hatten, dass sogar schimmliges Brot und madiger Käse gegessen wurden. Verschwendung gilt als Todsünde, und das ist so tief in uns eingeimpft, dass wir glauben, wir können nicht anders handeln.

      Ist das aber wirklich Nicht-Können, oder nicht vielmehr Nicht-Wollen, oder ein andressiertes Nicht-Dürfen? Wir wollen ein braves Kind sein und tun was Mami sagt. Wir wollen uns nicht versündigen. Wir wollen gute Menschen sein, die in den Himmel kommen. Diese Anti-Verschwendungsgedanken hab ich mir ganz schnell von der Backe gekratzt. Es ist nicht Verschwendung, wenn ich die Nudeln heute nicht aufesse, sondern morgen in der Pfanne brate. Es ist aber Verschwendung, wenn Nahrungspflanzen zu "Öko"-Sprit verarbeitet werden, oder wenn von getöteten Tieren nur das Filet verwendet wird, und der Rest zu Dünger verarbeitet wird. Dagegen ist ein weggeworfener Pizzarest Babykram.

      Die andere Sache, die Tosca als "Gefräßigkeit" bezeichnet, war bei mir irgendwo in einer gefühlten Mangelsituation begründet. Entweder der erfahrene echte Hunger, oder ein anderes Gefühl von Zu-Kurz-Gekommen-Sein. Seit ich mir klar bin, wobei ich das Gefühl habe, ständig zu kurz zu kommen, ständig Zugeständnisse machen zu müssen, ständig meine Bedürfnisse zurüchstellen zu müssen, es ständig anderen recht machen zu müssen, hat sich das mit den Essanfällen drastisch reduziert. Nicht erst wenn der Teller mit Essen vor mir steht (dann habe ich nämlich den eigentlichen Anlass längst vergessen), sondern in dem Moment, in dem ich zu kurz komme, mache ich mir bewusst, welches Bedürfnis von mir gerade nicht erfüllt wird, und dann spreche ich das entweder an, oder ich befriedige es auf angemessene Weise, also nicht mit Essen.

      Ich muss meinen Mitmenschen nicht den Arsch nachtragen, hinterherräumen, deren Fehler ausbügeln. Ich kauf mir kein "Frauenauto" oder eine "Familienkutsche", sondern einen Roadster. Wenn men Mann nicht mit will ins Kino, hock ich mich nicht brav zu Hause hin und esse Pizza, sondern ich gehe alleine, oder mit einer Kollegin. Ich putze die Fenster, das Bad, das Auto, wenn ich es will, nicht wenn Besuch kommt. Dieser Drang, es ständig allen recht zu machen, von allen geliebt werden wollen, sich selbst immer und immer hintenan zu stellen, das mach ich nicht.

      Ach ja: Nietzsche schreibt im Zarathustra: "Weh spricht: vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe tiefe Ewigkeit." Wenn Essen die einzige Lust ist, ist es klar, dass man nicht aufhören will.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • mir und meinem Mann gibt es in unserer langjährigen (30 Jahre) Beziehung Zeiten in denen wir uns sehr nahe stehen

      und andere Zeiten

      dann --> siehe oben

      allerdings überlege ich gerade

      Lust an Kultur (Oper, Ausstellungseröffnungen namhafter Künstler)

      aber mir fehlt der Horizont, um das zu erwägen

      bin halt meiner Lebtag hier auf unserem Bauernhof
    • @Klangola

      Bin mir jetzt nicht sicher, was Du mit "Horizont" meinst?
      Geistig? Intellektuell?

      Aus meiner Perspektive hat Lust kaum etwas mit geistig und intellektuell zu tun. Lust ist mit allen Sinnen, und mit den Gefühlen.

      Es ist wie beim Wein. Da kann doch auf dem Etikett und auf dem Preisschild stehen was will - es kommt doch nur darauf an, ob er dir schmeckt, ob du ihn magst, und ob er dir anschließend bekommt.

      Mit Bildern und Musik ist es genauso. Manchmal geben mir Bilder, Farben, Strickmuster, Bücher, Stoffe auf der Haut, Paßformen von Kleidern, Gerüche ... ein gutes Gefühl oder mehrere gute Gefühle. Dann empfinde ich LUST.

      Und manchmal, wenn ich ein Bild betrachte oder mir eine Musik anhöre, einen bestimmten Stoff anfasse oder mit einer Person spreche ... merke ich auf einmal, wie mir beinahe schlecht wird. Da rebelliert etwas in mir, da ist es keine Frequenz, die mit mir harmoniert. Dann empfinde ich Unlust, will da nur weg ...

      Es geht nur um die Gefühle und die Sinne. Und die hat jeder.
      Ob er nun vom Bauernhof kommt, oder aus dem Kensington Palast, oder sonstwoher.

      Nur Mut, Klangola. Fühle genau hin, und finde genau das, was Dir Lust bereitet und Freude macht ...

      Viel Spaß dabei wünscht Issi
    • Vor 30 Jahren habe ich in diesen Bauernhof eingeheiratet.
      Nebenerwerb
      Täusche dich nicht, das heißt nur, dass du als Bäuerin noch mehr machen musst. Dann die Schwiegereltern . . .
      Sie haben mir zwar viel beigebracht...
      Waren aber auch mehr mit mir und meinen 3 Kindern zusammen und hatten genaue Vorstellungen von mir und wie ich sein soll...
      Ich war immer brav
      Dabei komme ich aus München und war als junge Frau lebhaft und interessiert
      Die 7 Geschwister meines Mannes ihre Kinder und Kindeskinder
      Opas Krebserkrankung
      sein Tod

      Nun seit 10 Jahren die Witwen Trösterin für Oma
      Catering Chefin für allen Besuch

      immer nur in diesem Kaff mit 35 Häusern

      bisschen Verbitterung aber nicht viel bei mir

      meine alten Eltern schütteln oft bedauernd die Köpfe
      unsere kluge Tochter --- hat so einen tollen Beruf erlernt, was will sie nur die ganzen Jahre mit ihrer kleinen Welt, Mama ruft oft Sonntag Mittag an und macht mir Vorschläge

      was wir unternehmen könnten

      oder Klassentreffen

      Waaaas du bist nicht berufstätig, äähm doch wir haben Landwirtschaft ...

      Du arme, arme Frau

      Nein, nicht arm, mir gehört der halbe Hof und wenn mein Gatte vor mir stirbt, gehört mir der ganze Hof ...

      Horizont ist leider eng bei mir, was Kultur, Sport und weggehen betrifft.


      Doch mein Hirn arbeitet ausgezeichnet, abgesehen, dass ich meine Worte selbst als geschraubt empfinde und oft befürchte ich kann mich nicht verständlich machen.

      Ich rede halt nicht viel pro Tag, nur wenn mich jemand anruft. Da rostet das ein. Und schriftlich kapieren oft die Leute nicht, was ich genau meine.

      Bereue nicht, was in meinem 51jährigen Leben bisher war, Ehe und Kinder, gesund bin ich auch leidlich, mein Glaube gibt mir Halt

      Was du anmerkst, Issi, ist völlig richtig, werde es beherzigen

      :five:
    • Ich bin ein Genussesser und ich mag reichliche Portionen.

      Am liebsten mag ich, wenn sich ein Essen länger hinzieht, weil ich dann länger genießen kann. Das alles allerdings nur, wenn ich wirklich Ruhe habe und das ist im Grunde eigentlich erst am Abend, wenn alles getan ist und keiner mehr was von mir will.
      Krankheitsbedingt muss ich weitgehend auf Fett verzichten, aber man wird mit der Zeit so erfindungsreich, dass es trotzdem super schmeckt.;)

      All denen die sich andauernd Vorwürfe machen, möchte ich einmal Folgendes zu bedenken geben:

      Wir haben einen Geschmackssinn deshalb mitbekommen, damit wir genießen können.
      Das ist keine Sünde, das ist ganz richtig so.
      Unser Körper will einfach nur genügend Nahrung - unsere Seele erfreut der gute Geschmack.

      Genügend...
      Was ist Genügend?

      Das ist mit Sicherheit bei jedem Menschen anders. So, wie wir ja auch sonst unterschiedlich sind. Wenn der Teller voll sein muss um uns zufrieden zu machen, dann ist das eben so.

      Unnatürlich oder krank finde ich es erst dann, wenn man so viel essen muss, bis einem schlecht wird oder es wieder raus kommt. Dann braucht man Hilfe und die gibt es heutzutage Gott sei Dank.

      Ansonsten finde ich, dass das Thema Essen viel zu sehr mit negativen Gedanken wie z. B. einem schlechten Gewissen, belastet wird.

      Esst doch so wie Ihr mögt, was Ihr mögt und wann Ihr mögt und genießt, dass Ihr das könnt.

      Erst wenn mein Essverhalten mich krank machen würde - ich also körperlich zu spüren bekomme, dass ich da etwas falsch mache, würde ich handelt.

      Ansonsten würde ich mit Genuss essen, weil das gut und gesund und richtig ist!
      Nur Du selbst bist Herr Deiner Gedanken.

      [SIZE=1]Von Itsme[/SIZE]
    • @Klangola

      Verstehe. Irgendetwas in Dir hat einmal entschieden, daß Du lieber dort auf dem Bauernhof, mit genau diesen Menschen leben möchtest, als im Büro in der Stadt.

      Und nun schlägt die Arbeit, schlagen die Anforderungen manchmal geradezu über Dir zusammen?

      Wenn ich das wäre, könnte ich auf keinen Fall noch zusätzliche Anforderungen von außen gebrauchen, etwa nach dem Motto, du "könntest" eigentlich mal dies unternehmen, oder "müßtest" eigentlich mal jenes machen, oder hättest können müssen sollen ...
      und auf keinen Fall solltest du den Teller leer essen, weil du ja Kalorien sparen mußt, aber andererseits solltest du den Teller auf jeden Fall leer essen, weil das Essen ja schließlich Geld gekostet hat ...

      Um mal Sophie zu zitieren: die ganzen Anforderungen und Meinungen von außen, die dich zusätzlich belasten, würde ich mir in diesem Fall möglichst schnell "von der Backe kratzen".

      Es geht nur um DICH.
      Was DU willst, was DIR Spaß macht, woran DU Freude findest ...

      Wenn man lange Zeit nur funktioniert und die eigenen Gefühle nicht beachtet, ist es manchmal sehr schwer herauszufinden, was man wirklich möchte, und woran man wirklich Spaß hat. Die eigenen Wünsche wieder "auszugraben".

      Trotzdem - es lohnt sich.
      Jede Woche etwas Zeit reservieren für das, was man WIRKLICH gerne tun oder unternehmen möchte ... wozu man LUST hat ...

      Nur Mut, Klangola!
    • Da kann ich mich Issi nur voll und ganz anschließen.
      Es geht um dich, um dein Leben, und die anderen stecken nicht in deinen Schuhen. Du bist der einzige Experte für das was dir gut tut.

      Auf dem Dorf ist vielleicht nicht viel los, aber dafür ist es in der Stadt viel anonymer. Viele Menschen haben genau die gleichen Probleme in der Stadt, sind einsam, wissen nicht was sie tun sollen allein. Oder Leute suchen das Grün und die Ruhe auf dem Land, weil sie den Trubel satt haben. Über all der Arbeit und dem Angebundensein hat die Landwirtschaft doch auch schöne Seiten. Man sieht etwas wachsen, ist mehr oder weniger abhängig von der Natur, das hat etwas Archaisch-Wunderbares für mich. Ganz anders als irgendwelche Projekte, bei denen man ken Ergebnis sieht.

      Wenn du das Verlangen nach "schönen Dingen hast", kannst du diese Dinge heim holen ins Dorf, oder du kannst zu ihnen hin gehen.
      Mal ein Tagesausflug ins Museum, mal ein Konzertbesuch. Muss ja nicht Operngala sein, es gibt auch im ländlichen Bereich viele kleine Veranstaltungen, vom Stabat Mater zu Ostern in der Dorfkirche bis zum örtlichen Posaunenverein. Das ist vielleicht nicht perfekt, aber die Hingabe der Künstler bereitet schon an sich Freude.
      Oder du hörst zu Hause schöne Musik, oder du schreibst ein Buch - warum nicht über das Leben auf dem Land?
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Dem möchte ich mich anschließen. Wer es immer allen anderen recht machen will, wird immer mindestens einen Menschen übergehen - sich selbst.

      Hör damit auf! Deine "armen Eltern" können stolz auf dich sein und das, was du erreicht hast. Du hast prima Kinder, du hast 30 Jahre lang einen Bauernhof am Leben gehalten, du hast die gesamte Familie gemanagt und noch so viel mehr geleistet, das du uns noch gar nicht erzählt hast.

      Du selber kannst stolz auf dich sein. Deine Leistung kann man nicht in Gold aufwiegen. Also mach dich nicht unnötig klein. Viele Menschen träumen von einem Leben auf dem Land, scheuen aber die viele Arbeit und bleiben im Stadtleben gefangen.

      Natürlich ist das Leben auf dem Dorf anders als in der Stadt. Aber wie Sophie so schön schreibt, hat alles seine Vor- und Nachteile. Leider sehen wir selber immer am liebsten die Nachteile und das Gras auf der Nachbarweide war sowieso schon immer viel grüner und saftiger...

      Es ist verständlich, dass du Lust an Kultur hast. Gib ihr nach und hol dir das zu dir nach Hause, was du brauchst. Heute kann man sich die ganze Welt per Internet nach Hause holen. Du musst dazu noch nicht mal vor die Tür. Wenn dir danach ist, mach dich fein und fahr zu einem Theaterabend oder zu was auch immer in die nächste Kreisstadt oder gleich noch weiter. Wenn deine Familie nicht mitzieht ist es auch gut. Dann brauchst du kein schlechtes Gewissen wegen der Tiere zu haben, für die sorgen dann die Daheimgebliebenen.