Meine Eßstörung war eine regelrechte Sucht

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    • Meine Eßstörung war eine regelrechte Sucht

      Also nur sich überessen oder Binge-Eating genannt, ist es, wenn man wahllos den Kühlschrank plündert oder die Speisekammer. Man isst, was einem vor die Nase kommt, so mein Bild davon. Bei mir war es folgendermaßen: Ich war süchtig nach Salzgebäck. Ich wusste, dass ich mir Zahnfleisch, Darm und Gewicht ruiniere, und dass es ungesund ist und ich immer fetter werde, aber ich konnte das Essen dieser Sachen trotzdem nicht kontrollieren. Zunächst war es immer, wenn ich ein schönes Buch lesen oder einen Film im Fernsehen sehen wollte, auch habe ich damals noch geraucht. Es gehörte zur Gemütlichkeit, und die Zeiten, in denen ich Diäten machte, das waren Zeiten der Abstinenz, die ich höchstens 5 Monate durchhielt, denn dann kam der Rückfall in die alten Essgewohnheiten und somit der Jojo-Effekt plus Zinsen.

      Die Kioskverkäuferin fragte mich mal, als sie keine Erdnussflips hatten: „Wieso, wozu brauchen Sie die denn?“ Das fand ich reichlich unverschämt und habe gepampt, das geht sie nichts an. Trotzdem hätte ich mir damals schon eingestehen müssen, dass ich das Zeug brauche und süchtig bin, aber ich wollte das einfach nicht sehen, glaub ich.

      Das Rauchen praktizieren ja viele Leute, unabhängig davon, ob sie seelische Probleme haben oder nicht. Aber das mit dem Essen hat so ne Art Tradition. Es war wie ein Ritual, um mir zu signalisieren, dass ich liebenswert bin, und andererseits brauchte ich den Schutzpanzer gegen die sexuellen Übergriffe von Schutzbefohlenen. Die Geschichte will ich nicht weiter ausführen, nur dass es in meiner Kindheit begründet liegt, warum ich esse, z. B. meine Mutter keine Ahnung hatte, wie sie mir sonst zeigen sollte, dass sie mich lieb hat.

      Weshalb ich drauf komme, dass mein damaliges Essverhalten eine Sucht war, ist, ich konnte mein Gehirn nicht einschalten, als ich auf dem Weg zum Supermarkt war, um Salzgebäck zu kaufen. Da war es bereits zu spät, der Anfall kam und hinterher das schlechte Gewissen, ich kaufte auf Vorrat z. B. Samstag, und ich hielt höchstens 5 Monate durch – genau wie beim Rauchen. Da „brauchte“ ich spätestens endlich mal wieder meine geliebten Kippen.

      Nun rauche ich seit 10 Jahren nicht mehr, und seit 3 Jahren habe ich keine Chips oder Erdnussflips gekauft. Manchmal wache ich morgens mit ner Sehnsucht danach auf oder ich habe im Schlaf was gegessen und glaube es ist was im Haus. Was aber nicht stimmt, und wenn ich dann ganz wach bin, verschwindet sofort der Appetit und der Verstand schaltet sich ein. Heute bin ich immer wieder froh darüber, nicht mehr so eine willenlose Sklavin meiner Sucht zu sein. Es war hart, sich einzugestehen, dass ich ein Problem habe. Es gibt anonyme Alkoholiker und das Methadon-Projekt usw., aber es gibt keine anonymen Ess-Süchtigen oder Erdnussflips- und Chipssüchtigen. Klar es gibt wohl ne Gruppe für Essgestörte aber hauptsächlich Magersüchtige gehen da hin. Es war mal wieder wie damals mit dem Rauchen. Die Raucher, die ich kannte, wollten nicht aufhören. Und die, die wollten, dass ich aufhöre, waren Nichtraucher. Ich wollte dann nur noch deshalb aufhören, weil ich das Buch von Allen Carr gelesen hatte und mir das Geld schon damals zu schade geworden war dafür, ich es immer nur versucht hatte, aber nie geschafft.

      Wie ich das jetzt geschafft habe, mit dem mir Hineinschaufeln von Chips & Konsorten aufzuhören, ist mir heute rätselhaft. Ich habe eine Liste gemacht, mit den Vor- und hauptsächlich Nachteilen meines Chipskonsums. Dabei wurde mir klar, dass ich eigentlich gar keinen triftigen Grund dafür habe, dieses Zeug zu essen. Es war wie das Rauchen: Überflüssig und ungesund. Es ist immer wieder die Vernunft, die siegen muss, denn die Gefühle gaukeln einem Hunger vor, wo man einfach nur Entzugssymptome hat. Vor 2 Jahren gelang es mir dann mithilfe der Ernährungsumstellung und eine Umstellung der Medikamente, 12 kg abzunehmen. Seitdem habe ich nicht mehr zugenommen und versuche nun, durch mehr Bewegung weiter abzunehmen. Wahrscheinlich schaffe ich es nicht, aber es ist mir gelungen, vor 2 Jahren die Diät-Notbremse zu ziehen. Wer weiß, wie fett ich geworden wäre, hätte ich damals den Absprung von Sucht-Entzug-Jojo-Effekt nicht geschafft und wär wieder nach einer Rücklage dicker geworden. Also wenn ich es nicht schaffe abzunehmen: Zier ist ohne dir, bescheiden geht es.
    • Hej,
      wenn man Binge Eating hat, hat das sehr wohl einen Suchtcharakter. Man muß es aber nicht Binge Eating nennen, sondern man kann auch einfach "Esssucht" dazu sagen. Und eine Gruppe dafür gibt es auch. Wenn du etwas wie die Anonymen Alkoholiker suchst, dann geh am besten zu den Overeaters Anonymous (Anonyme Überesser). Ansonsten gibt es für den "Hausgebrauch" auch Selbsthilfegruppen im Internet, zum Beispiel auf www sehnsuchtshunger de. Es ist schön, dass du mittlerweile "clean" bist, um mal einen Suchtbegriff zu gebrauchen, aber weg ist die Sucht dadurch ja nicht, wie du selbst sagst. Wenn du allerdings eine echte Esssucht hast, steckt immer etwas hinter dieser Essucht, was mit Gefühlen zu tun hat, sei es Traumata aus früheren Zeiten oder Depressionen oder was anderes. Es kann auch einfach sein, dass du Salzgebäck/Knabbereien nicht verträgst und deshalb Heißhunger darauf kriegst. Und dass nun, wo du es geschafft hast, davon loszukommen, dich sporadisch der Appetit danach überfällt, wenn du Nährstoffe brauchst, die darin enthalten sind.
      Mit einer Esssucht zu leben ist auf jeden Fall nicht einfach.
    • Ich vermute, dass es sich bei der Sucht nach Knabberzeug auch um die darin enthaltenen Geschmacksverstärker dreht. Ich habe selbst bemerkt, dass das Zeug einen "Can't-stop-it"-Effekt auslöst. Dann habe ich gefressen, bis alles weg war. Wenn man einmal für ein paar Wochen konsequent Fertigprodukte wie Tütensuppen, Mikrowellenfraß und Fertigpizzen weglässt, vergeht der Gibber. Nach längerer "Abstinenz" schmeckt einem das Zeug gar nicht mehr. Ich finde den Geschmack jedenfalls zu penetrant.

      Andererseits versuchen viele, zu "entschlacken", sprich nehmen entwässernde Tees, oder trinken zuviel (auch hier ist "genug" nicht das gleiche wie "zuviel"). Dann kann es sein, dass der Körper schlicht Salzmangel hat, besonders, wenn man wegen Bluthochdruck auf Salz verzichtet oder entwässernde Medikamente nimmt, oder eine schweißtreibende Tätigkeit ausgeführt hat.

      Wenn ich merke, dass ich einen diffusen Gibber auf Salziges habe, esse ich etwas Gemüse mit einer Prise Salz, z.B. Radieschen oder Sellerie oder lecke zur Not ein paar Körnchen Meersalz aus der Hand.
      Ich finde es auch sehr angenehm, wenn beim gemütlichen Beisammensein mit Freunden abends statt Chips und Flips kleingeschnipselte Paprika, Gurke, Champignons, Karotten und dergleichen auf dem Tisch stehen, vielleicht mit ein paar leckeren selbstgerührten Dips. Klar macht das etwas Arbeit, und teurer als Chips ist es auch. Aber ich habe dann das Bewusstsein, dass ich nicht diesen Industriemüll in mich reinstopfe. Und man bekommt nicht solchen Durst und trinkt nicht soviel Bier.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Krümelchen schrieb:

      Also nur sich überessen oder Binge-Eating genannt, ist es, wenn man wahllos den Kühlschrank plündert oder die Speisekammer. Man isst, was einem vor die Nase kommt, so mein Bild davon.

      Dann stimmt dein Bild aber nicht so ganz mit der Realität überein.
      Die Binge Eating Störung ist eine komplexe Störung, die gerade auch diesen Kontrollverlust oder auch Suchtcharakter beinhaltet, den du beschreibst.
      Die diagnostischen Kriterien für Binge Eating wurden in den 1990er Jahren von der Psychiatrischen Vereinigung in den USA aufgestellt:

      • mindestens zwei Essanfälle pro Woche über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten
      • Kontrollverlust während der Nahrungsaufnahme mit Verlust des Sättigungsgefühls
      • sehr hohe Kalorienzufuhr bei einem Essanfall
      • extrem hastiges Essen (schlingen)
      • Essen bis zu einem starken Völlegefühl
      • der Essanfall wird nicht durch starken Hunger ausgelöst
      • nach dem Essanfall treten Schuld- und Schamgefühle auf, teilweise bis zur Depression
      • die Betroffenen leiden unter den Essanfällen

      Bei unkontrollierten Essattacken werden meistens fettreiche und süße Lebensmittel gegessen, die viele Kalorien enthalten.
      Im Gegensatz zu Bulimikern ergreifen Binge Eater nach dem Essen keine Maßnahmen wie Erbrechen oder exzessives sportliches Training, um eine Gewichtszunahme durch die überhöhte Kalorienzufuhr zu verhindern.
      Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Binge_Eating

      Es freut mich für dich, wenn du dein Problem mit dem Rauchen und auch dem Essen von Salzgebäck in den Griff bekommen hast.
      Allerdings würde ich dir nach dem was du so geschrieben hast über dich und deine Erfahrungen trotzdem empfehlen, dir professionelle Unterstützung zu holen oder aber nochmal genauer nach einer Selbsthilfegruppe zu suchen. Natürlich kommt es drauf an, wo du wohnst, aber eigentlich gibt es wie hier ja auch schon gesagt wurde inzwischen wirklich ziemlich viele Angebote für Menschen mit den verschiedensten Essstörungen.
      [CENTER]★ [SIZE=1]I am fat. And I have this radical idea that I am allowed to exist.[/SIZE] ★
      [SIZE=1]by Fat Grrrl A[SIZE=1]ctivism[/SIZE][/SIZE]
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    • Bei mir ist es genauso. Seit meiner Kindheit bin ich süchtig nach solchem Kram. Ich kann Kruemelchen echt gut verstehen.
      Schon als Kind futterte ich gern beim lesen. Heute löese ich immer noch viel, und es fehlt mir was, wenn ich nix zu knabbern dabei habe.
      In der Zeit als ich abgenommen habe, habe ich keine Chips mehr gegessen, nur noch Nüsse, Reis-Cracker oder Cracker.
      Damals habe ich mir geschworen nie wieder damit anzufangen, leider hielt der Vorsatz nur ca. zwei Jahre. :(
    • Wallküre schrieb:

      Schon als Kind futterte ich gern beim lesen. Heute löese ich immer noch viel, und es fehlt mir was, wenn ich nix zu knabbern dabei habe.

      Das ist nichts weiter als eine (selbst) andressierte Gewohnheit. So wie bei den berühmten Pawlowschen Hunden, die anfingen zu sabbern, wenn ein Glöckchen ertönte. Gerade was man sich als Kind angewöhnte, bleibt oft fest im Hirn verdrahtet. Es fängt an, dass man neben dem Essen liest, weil es so spannend ist und man nicht unterbrechen möchte. Oder man isst neben den Hausaufgaben, weil man eh spät dran ist und keine Zeit hat. Oder es ist sooo spannend, da muss etwas zur Spannungsabfuhr geknabbert werden. Und irgendwann fühlt es sich falsch an, wenn man es nicht tut. So wie wenn man die Hände andersrum faltet (statt rechten Daumen oben mal linken Daumen oben - das fühlt sich total verstörend an...)

      Ich ertappe mich auch gelegentlich dabei, dass ich morgens beim Zeitungslesen etwas futtern will, aber das hat nur zur Folge, dass ich gar nicht wahrnehme, ob, was und wieviel ich gegessen habe. Ich habe dann gar nicht das Gefühl "genug, satt, lecker". Abgesehen von der Kalorienzufuhr habe ich also gar nichts vom Essen gehabt. Das ist aber doch nicht Sinn der Sache.
      Es fühlt sich manchmal zwar irgendwie "nicht richtig" an, wenn ich nichts beim Lesen esse, aber ich trenne seit einiger Zeit ganz bewusst: Lesen im Wohnzimmer, Essen nur in der Küche oder am Esstisch. Das hilft auch gegen Krümel und Flecken an Stellen, wo sie nichts zu suchen haben.;)
      Oder, wenn es ganz schlimm ist, besonders wenn ich so ein rastloses Gefühl habe, kaue ich Kaugummi, dann kann ich wenigstens etwas mit den Zähnen malmen.

      Wallküre schrieb:

      In der Zeit als ich abgenommen habe, habe ich keine Chips mehr gegessen, nur noch Nüsse, Reis-Cracker oder Cracker.
      Damals habe ich mir geschworen nie wieder damit anzufangen, leider hielt der Vorsatz nur ca. zwei Jahre. :(

      Naja, "nie wieder" und "gar keine" tragen schon das Scheitern in sich. Was ich mir absolut verbiete, trage ich als heimliche Sehnsucht immer im Hinterkopf. Ich verbiete mir keine Chips. Wenn ich Gibber drauf habe, esse ich halt eine Tüte. Aber nicht jeden Tag. Viel wirksamer als Verbote, war für mich die Erkenntnis, was alles z.B. in Kartoffelchips drin ist: billigste gehärtete und hocherhitzte Fette, Röststoffe, Salz, Aromen, Geschmacksverstärker. Die Kartoffeln sind eigentlich nur die Trägersubstanz dafür - man könnte genausogut gehäckseltes Altpapier nehmen (ich bin mir nicht sicher, ob das nicht schon gemacht wird).
      Wenn ich also Gibber auf Chips habe, nehme ich die Tüte in die Hand, und dann überlege ich, was mir jetzt wichtiger ist. Will ich mich mit Industriemüll vollstopfen oder will ich knabbern. Wenn ich knabbern will, so what - dann kaufe ich eben eine Tüte (eine kleine, nicht die Jumbo-Anstaltspackung) und esse die Chips. Aber ehrlich: das kommt bei mir mittlerweile nur noch etwa alle drei Monate vor, und das ist nicht besonders tragisch.

      Was geben dir die Chips? Ist es das fettige Gefühl, das Krachen und Knuspern oder das Salz, oder die Gewürze? Die Explosion von Aromen auf den Geschmacksknospen ist chemisch gesteuert, und es ist im Interesse der Lebensmittelkonzerne, dass die Konsumenten sozusagen "süchtig" werden. Es werden ganze Doktorarbeiten geschrieben über das Thema, wie man das Krachgeräusch besonders attraktiv machen kann.
      Als mir diese Zusammenhänge klar wurden, war es für mich kein großes Thema mehr, mich gegen diese Fremdsteuerung zu wehren. Mittlerweile lassen mich die Chipsregale im Supermarkt kalt.

      Mach doch mal Chips selber: rohe geschälte Kartoffeln mit dem Gemüsehobel in dünne Scheiben hobeln, mit etwas Öl (Erdnussöl gibt einen tollen Geschmack) besprühen, es gibt so Sprühflaschen für Öl. Dann mit Salz und Gewürzen (Pfeffer, Chili, Curry, chin. 5-Gewürze, was einem schmeckt) bestreuen und etwas durchmischen, dann bei 180 Grad ca. 45 Minuten auf dem Backblech goldbraun backen. Da muss man etwas experimentieren mit Temperatur und Dauer.

      OK - der Biss ist nicht so kross wie bei gekauften Chips, aber das wird in der Industrie nur durch die ungesunden Transfette erreicht. Dafür schmeckt es viel besser, und ich weiß was drin ist. Daraus kann man dann eine echte Mahlzeit machen. Bei Zwischendurch-Geknabber isst man einfach viel zu viel, weil man das Essen gar nicht richtig wahrnimmt.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)