Kinder in der Spessartklinik

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    • Kinder in der Spessartklinik

      Zu dem Thema gab es am Wochenende einen ganzseitigen Bericht im Magazin der Frankfurter Rundschau (Deutschland-Ausgabe). Leider stehen die Artikel aus dem Magazin nicht online. Aus meinem Leserbrief lässt sich aber erkennen, wohin die Richtung ging.

      N.b.: Dies ist keine Kritik an der Klinik an sich, sondern an diesem Zeitungsartikel. Die Klinik und ihre Methoden kenne ich zu wenig, um sie beurteilen zu können.


      [font=arial,helvetica,sans-serif]Artikel "du darfst" von Lena Rosenthal im FR-Magazin (Kinderseite "Magazinchen") am 28. Januar 2006

      Sehr geehrte Damen und Herren,

      unter der Überschrift „du darfst“ (die Herstellerfirma freut sich sicher über die kostenlose Werbung) berichten Sie von einer Kur für dicke Kinder in der Spessartklinik. Die Kinder sollen lernen, „wie man sich satt essen kann, ohne fett zu werden“.

      Das Adjektiv „fett“ benutzen Sie sowohl in der Überschrift als auch schon in Hinweisen vorn auf dem Magazin und auf der FR-Titelseite. Halten Sie dieses Adjektiv für eine zutreffende Beschreibung, die man auch den Betroffenen gegenüber verwenden kann? Oder sollen Kinder (immerhin ist es ein Artikel auf der Kinderseite) und womöglich auch noch ihre Eltern sich in der richtigen Wortwahl bestätigt finden, wenn sie dicke Kinder als „fett“ titulieren? Meine Meinung ist, dass dieser Begriff überhaupt nicht für Menschen verwendet werden sollte, da er die gleiche Haltung – nämlich Verachtung – impliziert wie beispielsweise der Begriff „Zwerg“ für einen kleinen Menschen, „Schwuchtel“ für einen Homosexuellen oder „Nigger“ für einen dunkelhäutigen Menschen. Diese Meinung teilen im übrigen alle dicken Menschen, die ich kenne.

      Das Mädchen Diana, immer schlank, hat vor zwei Jahren begonnen zuzunehmen. „Vielleicht aus Langeweile“ meint die Mutter lakonisch und setzt ihre Tochter einfach auf Diät. Hallo? Hat irgendjemand sich mal die Mühe gemacht nachzufragen, was vielleicht der Grund war für das „Zuviel“? Welche familiäre und/oder schulische und/oder emotionale Situation dahintersteckt? Nein. Mit dem Zählen von Fettpunkten wird sich das Problem ja schon lösen. Das ist ungefähr so effektiv als würde man einem Junkie täglich einen Vortrag über die Gefahren des Drogenmissbrauchs halten. Dabei pfeifen es bei vielen Psychologen bereits die Spatzen von den Dächern: Ernährungsberatung richtet bei Essstörungen nichts, aber auch gar nichts aus. Die Jo-Jo-Karriere ist vorprogrammiert. Dazu kommen Leid und Schuldgefühle.

      Der Junge Mo hat, da steht es, immer Sport getrieben, hat sogar in einer Jugendmannschaft Football gespielt. Er hat vom Cortison zugenommen, ist aber ansonsten gesund. Hänseleien kennt er nicht, er hatte keine Probleme mit sich. Aber ihm wird so lange eingeredet, er werde krank, wenn er nicht abnimmt, bis er es schließlich selbst glaubt. 22 kg Gewichtsabnahme in 7 Wochen? Wie lange wird er wohl brauchen, bis er das – plus ein paar Bonuskilos – wieder drauf hat? Und mit steigendem Versagensbewusstsein dann auch endlich anfängt unglücklich zu werden?

      Dazu zeigen Sie das Foto eines dicken Jungen in Sportkleidung. Daneben das Foto einer Paprikaschote sowie einer Handvoll Chips. Glauben Sie, die Welt ist so einfach? Paprikaschote statt Chips und schon sind alle schlank? Das kann nicht ihr Ernst sein.

      Sie haben den Kindern mit diesen Beispielen und Ihrem Bericht einen Bärendienst erwiesen. Den schlanken Kindern, weil sie sich in ihrer (grundfalschen) Meinung bestätigt fühlen, Dicke seien nur zu doof, um das Richtige zu essen und zu faul, sich zu bewegen („manche geben sich beim Fangen-Spielen keine Mühe, denn wer gefangen wird, darf auf der Bank sitzen“). Und den dicken Kindern, weil sie sich als Versager fühlen müssen, die erst dann ein Recht auf Leben (hübsche Kleidung, Ausgehen, eine/n Freund/in haben) zu haben glauben, wenn sie schlank sind. Schaffen sie es nicht, sind sie selbst schuld und verdienen nichts Besseres als die vielbeschworenen „psychosozialen Probleme“ (was heißt das eigentlich? Diskriminierung, Ausgrenzung, Hohn, Spott, Mobbing? Wieso stellt solches Verhalten gegenüber anderen eigentlich keiner mal gründlich in Frage ... zum Beispiel auf der Kinderseite?).

      Mit freundlichen Grüßen

      [/font]

    • Martina schrieb:

      Klasse, Sally! Scharf wie ein Solinger Messer ... :daumen:


      ... und präzise wie eine Remscheider Kneifzange. :)

      Die Leserbriefe sind online zu lesen, ich weiß allerdings nicht, ob alle. Deinen habe ich leider noch nicht gesehen. Man darf gespannt sein. Du hälst uns doch auf den Laufenden, falls sich eine Leserbrief-Diskussion entwickelt? Das wäre wirklich spannend.
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    • Lunix schrieb:

      Die Leserbriefe sind online zu lesen, ich weiß allerdings nicht, ob alle. Deinen habe ich leider noch nicht gesehen.
      Grundsätzlich stehen bei der FR alle Leserbriefe online, die auch in der Printausgabe veröffentlicht werden.

      Aaaaber: Mein Brief bezieht sich auf einen Artikel im Magazin. Leserbriefe zu den Artikeln im Magazin erscheinen in der Regel auch nur dort. Das heißt, wie das gesamte Magazin nur in einer Printversion. Lei.der.

      Sollte sich irgendetwas tun, halte ich euch natürlich auf dem Laufenden.

      "... den Laufenden" hätte ich bei dir als Tippfehler durchgehen lassen ...:cool2:
      sagt
      das Zwiebelfischchen.
    • Das:
      [font=arial,helvetica,sans-serif]Unter der Überschrift „du darfst“ (die Herstellerfirma freut sich sicher über die kostenlose Werbung) berichten Sie von einer Kur für dicke Kinder in der Spessartklinik. Die Kinder sollen lernen, „wie man sich satt essen kann, ohne fett zu werden“.
      Das Adjektiv „fett“ benutzen Sie sowohl in der Überschrift als auch schon in Hinweisen vorn auf dem Magazin und auf der FR-Titelseite. Halten Sie dieses Adjektiv für eine zutreffende Beschreibung, die man auch den Betroffenen gegenüber verwenden kann? Oder sollen Kinder (immerhin ist es ein Artikel auf der Kinderseite) und womöglich auch noch ihre Eltern sich in der richtigen Wortwahl bestätigt finden, wenn sie dicke Kinder als „fett“ titulieren? Meine Meinung ist, dass dieser Begriff überhaupt nicht für Menschen verwendet werden sollte, da er die gleiche Haltung – nämlich Verachtung – impliziert wie beispielsweise der Begriff „Zwerg“ für einen kleinen Menschen, „Schwuchtel“ für einen Homosexuellen oder „Nigger“ für einen dunkelhäutigen Menschen.[/font]
      haben sie als Leserbrief im aktuellen Wochenendmagazin veröffentlicht. Natürlich bin ich damit nicht zufrieden, weil es impliziert, ich habe mich nur wegen des einen Wortes aufgeregt.
      Schade, aber das Risiko brachialer redaktioneller Eingriffe hat man natürlich immer.
    • Pandora schrieb:

      Die eigentliche Message geht bei dieser radikalen Kürzung leider verloren. Wirklich schade.

      Ich frage mich, ob das Methode hat. Spielen vielleicht finanzkräftige Anzeigenkunden für Schönheits- oder Schlankheitsprodukte eine Rolle? Oder will man nicht mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert werden?
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    • Lunix schrieb:

      Ich frage mich, ob das Methode hat. Spielen vielleicht finanzkräftige Anzeigenkunden für Schönheits- oder Schlankheitsprodukte eine Rolle? Oder will man nicht mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert werden?
      Die FR hat als Tageszeitung sehr wenig Werbung, und wenn, dann nicht für derlei Produkte. Im Wochenendmagazin (das auch ein ganz normales Zeitungsbuch aus Zeitungspapier ist, nur im Farbdruck) gibt es gar keine Werbung. Das kann also nicht der Grund sein.

      Ich denke, dass sich in dem Artikel die Haltung der Autorin gespiegelt hat. Mein Brief stellt diese Haltung insgesamt in Frage. Das hat keiner gern. Autorin und Redaktion fühlen sich sicher im Recht, da der Artikel ja eine Mehrheitsmeinung wiederspiegelt.

      Mit der Heraushebung und dem Abdruck lediglich der Einleitung fühle ich mich allerdings vorgeführt. Beim Leser muss der Eindruck entstehen, nur dieser Aspekt sei mir wichtig gewesen. Dabei war es mehr oder minder ein Nebenschauplatz - in dem sich aber die Haltung der Autorin bereits gespiegelt hat, meine ich. Die Einleitung ohne den Rest des Textes taugt gar nichts.