"Böse" Dicke?

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    • Ich frage mich gerade, ob ich die Gefühle, die Renate in ihrem Eingangsposting beschreibt so auch kenne und stelle dabei fest, dass ich mir selbt gegenüber diese Schuldgefühle nicht kenne. Leider jedoch Außenstehenden gegenüber. Wenn ich zum Beispiel mit meiner Therapeutin rede und „zugeben muss“, dass ich noch nicht wirklich viel abgenommen habe, seitdem ich so stabil bin. Oder wenn ich Bekannte treffe, die von meiner Therapie wissen und es deutlich sichtbar ist, dass ich – obwohl ich das offizielle Ende der akuten Essstörung laut verkündet hatte – immer noch nicht wirklich abgenommen habe.

      Nachdem ich mich die letzten 2,5 Jahre auf der Erklärung „Ich bin essgestört, ich kann nicht einfach so abnehmen“ ausruhen konnte, verspüre ich jetzt zum ersten Mal den Druck, es anderen recht machen zu wollen/müssen. Wie bescheuert!

      Lasst mich überlegen....Ich bin in einem Fitness-Studio angemeldet, war aber seit knapp 2 Monaten nicht mehr da. Erklärungen dafür gibt es viele: erst der Autounfall und das ganze Bohei, dann keine Zeit/Lust/zu warm/andere Termine und dann jetzt der Urlaub. Meine Prioritäten liegen ganz klar nicht beim Sport, obwohl es mir jedes Mal Spaß macht, wenn ich da bin.

      Ernähre ich mich gesund? Hmm... im Moment versuche ich überhaupt erstmal zu lernen, was mein Körper mir mitteilt. Wenn mein Magen ganz laut nach Pizza ruft, schaltet sich mein Kopf sofort ein und sagt: „Na, na, na, du willst dich doch nicht mehr so ernähren.“ Meine Antwort ist dann: „Ja, aber die Dünnen haben doch auch manchmal einfach nur Lust auf Pizza.“ Und zack! beginnt in meinem Kopf ein heilloses Durcheinander. Manchmal endet es mit Pizza, manchmal nicht. Aber warum dieses Durcheinander? Eigentlich nur, weil ich doch endlich mal „Erfolge“ sehen will. Aber will wirklich ich die sehen oder tue ich das mehr für die Umwelt? Ich weiss es nicht, ich bin verwirrt.

      Ich habe bisher eins festgestellt: Je weniger ich übers Essen nachdenke, desto besser geht es mir. Wenn ich das esse, worauf ich Lust habe, fühle ich mich gut. Und besonders am WE und im Urlaub (also wenn ich aus der Tretmühle raus bin) fällt mir eine gute Ernährung nicht schwer. Aber irgendwann bremse ich mich dann doch wieder und denke: „Oh oh, jetzt hast du dich ja gar nicht mehr im Auge behalten. Ab auf die Waage.“ Früher – also noch während der akuten Essstörungszeit – war ich irgendwie relaxter, was mein Gewicht anging. Jetzt hat sich zwar in meinem Kopf vieles getan und ich missbrauche Essen nicht mehr zwangsläufig, aber irgendwas stimmt ja immer noch nicht. Ich will mein Leben doch nicht damit verbringen, ständig über dieses Thema nachdenken zu müssen....

      Babs
    • Stephchen schrieb:

      Es wurde schon oft berichtet, dass man, wenn man z B auswärts isst und man als Dicke(r) "nur" einen Salat isst, dann wird man schief angeschaut und eine Rückmeldung ist oftmals: "Na ja, dann haut sie (er) eben zu Hause wieder richtig zu."


      Und was lernen wir daraus? Dass man zumindest für die geschätzte Außenwelt gar keine "gute" Dicke sein kann, egal, ob man die Pizza genießt oder den Salat mümmelt.

      Es liegt also wohl wirklich an uns, was wir uns zugestehen wollen, was wir an uns nicht tolerieren wollen, worauf wir mit Schuldgefühl reagieren. Was mich in der Theorie bestätigt, dass man manchmal keinen größeren Feind hat als sich selbst.
    • Hallo,

      das Thema finde ich sehr interessant, weil mein Handeln mir auch oft so widersprüchlich vorkommt, irgendwie abgekoppelt von meinen Überzeugungen.

      Gesunde Ernährung und Bewegung (nicht unbedingt Sport) sind mir sehr wichtig. Trotzdem setze ich meine Prioritäten oft anders, auch wenn ich genau weiß, dass mir das nicht gut tut. Beispiel: Ich mache Überstunden, auch wenn ich weiß, dass mir dann die Zeit fehlt, mich auszuruhen, zu kochen und noch einen Spaziergang zu machen. Ich handele also wissend gegen meine Bedürfnisse. Anscheinend sind da noch andere Bedürfnisse, die ich in dem Moment höher gewichte, obwohl ich, betrachte ich das aus einer übergeordneten Perspektive, nicht damit einverstanden bin.

      Seit ein paar Monaten (ich beschäftige mich überhaupt erst seitdem ich die dicken Foren kenne, mit den Hintergründen für mein Essverhalten) versuche ich nun, meine wahren Motivationen hinter meinen Handlungen herauszufinden. Das finde ich recht schwierig und nicht immer freue ich mich über die Ergebnisse. Was sind genau meine "wahren" oder "wirklich wichtigen" Bedürfnisse? In welcher Reihenfolge? Und wie kann ich lernen, sie dann auch zu befriedigen? Bin ich wirklich krank geworden, weil ich meine Bedürfnisse immer hinten anstelle? Und warum greife ich dann in den Zeiten des Defizits zu ungesunder Nahrung?

      Fragen über Fragen. Ich glaube, ich bin ein bisschen vom Thema abgekommen. Die Ausgangsfrage (böse Dicke?) habe ich auch oft falsch für mich beantwortet, eigentlich lautet die richtige Antwort (für mich): Ich komme wohl "nur" immer wieder zwischenzeitlich vom richtigen Weg ab. Das sehe ich daran, dass mein Gewicht in Zeiten, wo ich auf mich achte und es mir gut geht, sich immer langsam reduziert, während es in Zeiten, in denen ich "nur funktioniere" und meine Bedürfnisse hinten anstelle, immer ansteigt.

      Viele Grüße
      Lapis
    • Da wollte ich nur mal kurz zum Feierabend in mein Lieblingsforum,
      und jetzt sitze ich hier und mein Kopf raucht.
      Dieses Thema trifft bei mir einen ganz wunden Punkt.

      So lebe ich auch ständig in dem Bewusstsein, eine "böse" oder "schlechte" Dicke zu sein. Denn dick sein an sich ist ja keine Schande, wie ich hier gelernt habe, aber ungesund und ohne Bewegung zu leben schon.



      Ich will die Existenz dieser Gefühle ja gar nicht bestreiten, sind sie da, dann müssen sie natürlich ernst genommen werden. Ich finde nur, dass sie etwas zu Überwindendes sind


      Und da gehen die Schuldgefühle in die nächste Runde. Ich schaffe es leider nicht, diese Gefühle zu überwinden. Und das macht mich auch wieder "böse"
      und unfähig und bisweilen unausstehlich. usw.usw.usw.

      :stirn:
    • milane schrieb:

      Und da gehen die Schuldgefühle in die nächste Runde. Ich schaffe es leider nicht, diese Gefühle zu überwinden. Und das macht mich auch wieder "böse" und unfähig und bisweilen unausstehlich. usw.usw.usw.
      Das war nun allerdings das letzte, was ich wollte... Und vielleicht hätte ich auch nicht gar so normativ formulieren sollen. Was weiß ich denn schon, wer wann was zu überwinden hat?

      Was ich eigentlich zu sagen versuchte: Ich bin ja eigentlich ein kleiner Kontrollfreak (Ich war versucht zu sagen: "von Natur aus"; aber wenn ich recht darüber nachdenke, dann ist das wohl kein "natürliches" Verhalten.). Ich hätte gern einhundertfünfzigprozentige Kontrolle über das, was passiert. Und über das, was ich denke. Oder fühle. Und überhaupt.

      Ich bin zum Beispiel ganz toll im Zeitpläne erstellen, denen ich dan hinterherjage. Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich einmal darauf aufmerksam gemacht, dass ich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen ständig irgendeine Arbeit auf dem Programm stehen habe. (Kennt jemand Irmgard Keuns Gilgi? Genau so.) Und hey, natürlich bewältige ich das nicht alles, und natürlich entsteht dadurch ein Gefühl des Versagens vor den eigenen Ansprüchen.

      Ich fand allerdings, dass das so nicht weitergehen kann. Deswegen habe ich mich (mit ein wenig Unterstützung eines ganz bestimmten Löwen) zu zwei schweren Beschlüssen durchgerungen. Erstens: Ich bin nicht perfekt. Und zweitens: Das ist in Ordnung so.

      Das umzusetzen, das kriege ich natürlich auch nicht immer hin. Aber da ich ja nun mal nicht perfekt bin und das so in Ordnung ist... Nun ja. Seither fällt es mir viel leichter, mit mir zu leben.
    • Sophonisbe schrieb:

      Ich hätte gern einhundertfünfzigprozentige Kontrolle über das, was passiert.

      Kein Zufall, glaube ich, dass diese Aussage jetzt auch hier auftaucht, genauso wie sie im "Selbstsabotage"-Thread aufgetaucht ist. Da hat sie Roland in die Runde geworfen und ich habe mich damit sehr identifizieren können.

      Wie geht es den anderen? Kann es sein, dass uns (Dicke? Essgestörte?) dieser übertriebene Perfektionismus und Kontrollzwang verbindet?
    • Sally schrieb:

      Kann es sein, dass uns (Dicke? Essgestörte?) dieser übertriebene Perfektionismus und Kontrollzwang verbindet?
      Zwei Seelen, ein Gedanke, Sally. :five: Diese Frage stellte ich mir auch gerade.

      Liebe Grüße, Sopho (geht nachdenken)
    • Zitat von Sally
      Kann es sein, dass uns (Dicke? Essgestörte?) dieser übertriebene Perfektionismus und Kontrollzwang verbindet?

      Also bei mir ist das ganz sicher so. Sogar Narkoseärzte haben mir bestätigt, daß ich sogar dann um Kontrolle kämpfe. Das muß aber schon länger so sein. Als ich als 3-jährige die Mandeln herausoperiert bekam, mußten mich 3 Männer bändigen. Und ich fürchte mich entsetzlich die Kontrolle bei einer Narkose an andere übergeben zu müssen.

      Heute versuche ich sehr wohl anderen einzugestehen, daß ich einen Fehler gemacht habe (das war nicht immer so), aber mir selbst verzeihe ich das trotzdem noch immer selten. Ich könnt mich so ärgern, wenn ich was vergessen habe.

      Ich war mal in einer Tanztheraphie für essgestörte Frauen, da waren Magersüchtige, Bulemikerinnen und auch (ganz wenige) Adipöse. Und wir alle hatten diesen Kontrollzwang. Da muß was dran sein.

      Seit Jahren versuche ich zu lernen, auch mal loslassen zu können. Gelingt mir fast nie *seufz*.
      :stay:
      lg
      Renate

      Ein Freund ist jemand, der dich mag, obwohl er dich kennt. (Dr. Eckhart von Hirschhausen)
    • Wie geht es den anderen? Kann es sein, dass uns (Dicke? Essgestörte?) dieser übertriebene Perfektionismus und Kontrollzwang verbindet?
      Klares ja. :bigja: Und das macht es nicht unbedingt leichter; es ist nun mal schlicht unmöglich, alles perfekt zu machen und überall die Kontrolle zu haben. Aber wem sag ich das? :flirt:
    • Sally schrieb:



      Wie geht es den anderen? Kann es sein, dass uns (Dicke? Essgestörte?) dieser übertriebene Perfektionismus und Kontrollzwang verbindet?


      Ja, gut möglich!
      Bei mir ist es so, dass ich versuche immer das allerbeste zu geben, immer am schnellsten zu sein und am weitesten... Und das alles, obwohl ich eigentlich total faul bin...-.-
      Allerdings beschränkt sich das bei mir auf ein paar Bereiche, Schule ist ein ganz wichtiger davon.
      Nun, auf Grund meiner Depression schaffe ich es nicht mehr, alles genau so hinzubekommen, wie ich es mir gedacht habe...-.-
      Ich bin zwar dennoch gut (Durchschnitt 1,6), aber es reicht mir nicht, was mich dann wieder runterzieht... Vicious circle...

      Ich habe mal festgestellt, dass es sich alles um Kompensation dreht - bei mir jedenfalls. Ich versuche all meine (vermeintlich?) schlechten Eigenschaften mit all meinen guten Leistungen zu kompensieren. Ich kompensiere mein Übergewicht, indem ich "beweise", dass ich nicht dem Klischee entspreche und *nicht* faul, sondern extrem engagiert bin, ich kompensiere meine eigentlich doch existente Faulheit durch ehrenamtliche Arbeit... Alles nur, damit ich mein "Versagen" = mein Übergewicht, meine schlechte Laune, meine 4 in BVWL, mein unaufgeräumtest Zimmer... ausgleichen kann.

      Lange rede, kurzer Sinn: Also, ja, was mich betrifft schon.

      Liebe wortreiche Grüße,

      Sombra
      [Body] Shaming doesn’t make people thin, or healthy. It just makes them hurt.
      [SIZE=1](Miss Rosie, Blogger)[/SIZE]
    • Ohne viele Worte zu machen (die in den letzten 2 Tagen geposteten Beiträge machen mir momentan heftig zu schaffen) - ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen. Kontrollzwang und Überkompensation - das trifft es ziemlich genau.


      Darcy - die nun wieder untertaucht :cool2:
    • @Sophonisbe:
      Keine Sorge, dass warst Du nicht. Der Gedanke kennt mich schon länger.
      Passte nur grad`hier hin.

      Ich habe mal festgestellt, dass es sich alles um Kompensation dreht - bei mir jedenfalls. Ich versuche all meine (vermeintlich?) schlechten Eigenschaften mit all meinen guten Leistungen zu kompensieren. Ich kompensiere mein Übergewicht, indem ich "beweise", dass ich nicht dem Klischee entspreche und *nicht* faul, sondern extrem engagiert bin,


      Da sagst Du was wahres, sombra_blanca.


      Ich möchte den Gedanken noch ein wenig weiter drehen:

      Ich habe es verdient, dick zu sein, als Ausgleich für mein in anderen Bereichen übermäßiges Talent (besondere Fähigkeiten/gute Eigenschaften...)
      So à la "Man kann nicht alles haben im Leben"

      Schon klar, dass das Quatsch ist, aber in meiner frühen Jugend habe ich mir mein Leben so zusammengereimt, und irgendwo schlummert dieser Gedanke halt noch.
    • Wie geht es den anderen? Kann es sein, dass uns (Dicke? Essgestörte?) dieser übertriebene Perfektionismus und Kontrollzwang verbindet?


      An dieser Stelle nur ein kurzes klares "Ja" von meiner Seite!

      Und nicht wenige Male habe ich auch über den Zusammenhang mit meiner Esssucht nachgedacht...

      Deli - im Lexikon zu finden unter "Lebenslanges Streben nach Perfektion"