Wenn das Gewicht irgendwann keine Rolle mehr spielt

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    Hier schreiben engagierte Laien. Soweit gesundheitliche Fragen erörtert werden, ersetzen die Beiträge und Schilderungen persönlicher und subjektiver Erfahrungen der Autoren keineswegs eine eingehende ärztliche Untersuchung und die fachliche Beratung durch einen Arzt, Therapeuten oder Apotheker! Bitte wendet Euch bei gesundheitlichen Beschwerden in jedem Fall an den Arzt Eures Vertrauens.

    • Wenn das Gewicht irgendwann keine Rolle mehr spielt

      Hallöchen,

      ich habe im Arbeitsleben einige Hochs und Tiefs erlebt, aber selten war mein Gewicht dafür ausschlaggebend. Lediglich bei einer Firma habe ich die Erfahrung gemacht, bei Bewerbungen ohne Foto ein Vorstellungsgespräch zu bekommen, bei Bewerbungen mit Foto gab es direkt eine Absage. Einen Vertrag habe ich da bei insgesamt 4 Bewerbungen nie bekommen.

      Bei meinem derzeitigen Arbeitgeber bin ich jetzt seit 37 Monaten. Am Anfang bekam ich eine Absage, dann brauchte der Kunde (bin im Projektgeschäft/Ingenieurs-Dienstleistungen tätig) dringend jemanden mit meiner Qualifikation und ich bekam so eine Chance. Nach Ende dieses Projekts habe ich zum ersten Mal erlebt, dass ein Arbeitgeber sich echt um mich bemüht hat. Ich bekam nicht direkt die Kündigung (war mir bei zwei meiner vorherigen Arbeitgeber so gegangen), sondern einige Angebote, die ich zum Teil wegen (gefühlt) mangelnder Qualifikation abwies (was auch keine Konsequenzen hatte). Seitens meines Arbeitgebers heißt es oft: DU schaffst das schon, da sind wir sicher.

      Was soll ich sagen: Ich werde als Mensch geschätzt für meine Kenntnisse und Fähigkeiten, für die Arbeit, die ich mache und dafür, wie ich gegenüber meinem Vorgesetzten, meinen Kollegen und nicht zuletzt beim Kunden auftrete. Man schätzt meinen Humor, selbst meinen Sarkasmus.

      Und in all der Zeit ist eines nie zur Sprache gekommen: Mein Gewicht. Weder aus (vermeintlich) ästhetischen noch aus gesundheitlichen Gründen wurde mir je nahe gelegt, mein Gewicht zu reduzieren. Und das ist so ein gutes Gefühl, als Mensch für das angenommen zu werden, was ich kann und nicht für das abgelehnt zu werden, was ich vermeintlich nicht kann.

      Vielleicht macht das anderen ja auch Mut. Ich war - trotz Qualifikation - auch schon ganz unten, bei Hartz IV. Hier muss ich meinem Ex-Mann fast noch dankbar sein, er hat mich da (zwei Jahre nach der Scheidung) raus geholt, indem er mich für einen Hungerlohn in seiner Firma anstellte. Aber es war ein wichtiger Schritt für mich dahin, wo ich jetzt stehe.

      Danke für's Lesen.

      Kir
    • KirRoyal schrieb:

      ... , sondern einige Angebote, die ich zum Teil wegen (gefühlt) mangelnder Qualifikation abwies (was auch keine Konsequenzen hatte). Seitens meines Arbeitgebers heißt es oft: DU schaffst das schon, da sind wir sicher.

      Außer bei gaaanz anspruchslosen Aufgaben wird es immer ein Zipfelchen geben, wo man sich nicht 150%-ig sicher ist. In dem Fall sagen Männer: "Ich schaff das schon irgendwie." Frauen sagen: "Ich kann das nicht."
      Deshalb (unter anderem) bekommen Frauen mit der gleichen Qualifikation auch weniger Geld als Männer. Und die Schere geht um so weiter auseinander, je anspruchsvoller die Position ist.
      Ich krieg immer den Aggress, wenn ich sehe, wie topfähige Frauen ihr Licht unter den Scheffel stellen, nur weil sie ein schwaches Selbstwertgefühl anerzogen bekommen haben. Und die Blender und Powerpoint-Artisten ziehen an denen vorbei....

      Wenn dein Chef glaubt, du kannst das, dann solltest du ihm das abnehmen. Er würde nicht bewusst eine unfähige Mitarbeiterin auf ein Projekt ansetzen, es sei denn er will dich loswerden, was er aber einfacher haben könnte.
      Du hast deine Stärken, darauf kannst du stolz sein - wenn dem nicht so wäre, wärst du nicht mehr dort.
      Trau dir ruhig mehr zu. Sag ihm einfach "das und das krieg ich schon hin, aber in dem und dem Gebiet fehlen mir noch Erfahrungen/Fachkenntnisse, da bräuchte ich eventuell Unterstützung von ... /weitere Fachkenntnisse/müsste ich vielleicht öfter nachfragen."
      Dann ist er 1. vorbereitet, dass es in Einzelaspekten vielleicht etwas hakeln kann, 2. hast du guten Willen gezeigt, und 3. kannst du zielgerichtet deine Kompetenzen verbessern.

      Mit jeder schwierigen gelösten Aufgabe wächst das Selbstwertgefühl und der Respekt der Anderen. Wenn du den schwierigen Aufgaben ausweichst, hat das zwar keine direkten offensichtlichen Konsequenzen, aber es entsteht irgendwann der Eindruck "Naja, sie ist fleißig und willig, aber zu den Leistungsträgern gehört sie halt nicht." Und schon wird jemand anders befördert - in der Regel ein Mann, der halt einfach mal macht und schaut was dabei rauskommt.

      Am Anfang ist die Nachsicht gegenüber Fehlern einfach viel größer. Wenn du dich nie an richtig knackige Aufgaben rantraust, erwirbst du aber die nötigen Kompetenzen viel zu langsam, wenn überhaupt, und wenn du dann später mal Bockmist baust, wiegt das viel schwerer in Chef-Augen.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Sophie schrieb:

      Außer bei gaaanz anspruchslosen Aufgaben wird es immer ein Zipfelchen geben, wo man sich nicht 150%-ig sicher ist. In dem Fall sagen Männer: "Ich schaff das schon irgendwie." Frauen sagen: "Ich kann das nicht."
      Deshalb (unter anderem) bekommen Frauen mit der gleichen Qualifikation auch weniger Geld als Männer. Und die Schere geht um so weiter auseinander, je anspruchsvoller die Position ist.
      Ich krieg immer den Aggress, wenn ich sehe, wie topfähige Frauen ihr Licht unter den Scheffel stellen, nur weil sie ein schwaches Selbstwertgefühl anerzogen bekommen haben. Und die Blender und Powerpoint-Artisten ziehen an denen vorbei....

      Wenn dein Chef glaubt, du kannst das, dann solltest du ihm das abnehmen. Er würde nicht bewusst eine unfähige Mitarbeiterin auf ein Projekt ansetzen, es sei denn er will dich loswerden, was er aber einfacher haben könnte.
      Du hast deine Stärken, darauf kannst du stolz sein - wenn dem nicht so wäre, wärst du nicht mehr dort.
      Trau dir ruhig mehr zu. Sag ihm einfach "das und das krieg ich schon hin, aber in dem und dem Gebiet fehlen mir noch Erfahrungen/Fachkenntnisse, da bräuchte ich eventuell Unterstützung von ... /weitere Fachkenntnisse/müsste ich vielleicht öfter nachfragen."
      Dann ist er 1. vorbereitet, dass es in Einzelaspekten vielleicht etwas hakeln kann, 2. hast du guten Willen gezeigt, und 3. kannst du zielgerichtet deine Kompetenzen verbessern.


      Du kannst mir glauben, dass ich recht gut einschätzen kann, was ich kann und was nicht. Im konkreten Fall wurden Elektronik-Kenntnisse vorausgesetzt. Außer, dass ich in der Schule mal ein paar Schaltkreise zusammen gebastelt habe, habe ich da NULL Kenntnisse. Mein Vertriebler (der der Meinung ist, ich könne alles) meinte, ich könnte das sicher schnell lernen und versprach dem Kunden gegen meine Einwände, ich hätte 70% Vorkenntnisse in Elektonik-Themen. Es kam, wie es kommen musste: Ein telefonisches Vorstellungsgespräch beim Kunden. Der hat schnell gemerkt, dass ich wirklich keine Kenntnisse habe und stimmte mit mir überein, dass es wenig sinnvoll sei, mich in das Projekt zu holen, wenn ich nicht sofort zu 100% einsatzfähig sei. Die 2-3 Monate, die mein Vertriebler zur Einarbeitung haben wollte, hatte das Projekt nicht. Ich habe das an der Ausschreibung erkannt, er offenbar nicht.

      Und was den Rest angeht: Bei uns gibt es 7 Gruppen von Mitarbeitern: Von wenig qualifizierten Bandarbeitern bis zum hochspezialisierten Ingenieur. Und dann gibt es noch die sogenannten "Astronauten" (8.Gruppe), die "Universalgenies". Ich gelte bei meinen Vorgesetzten als "Astronaut". Als ich vor einem Jahr hier im Projekt neu anfing und bislang NULL Erfahrungen in BMW-Software in mit der verwendeten Testsoftware hatte, war man seitens des Kundens seeeeehr skeptisch, ob ich passend bin. Heute werde ich explizit vom Kunden beauftragt, wenn das Projekt verlängert wird. Und bzgl. Gehaltsverhandlungen: Ich habe bei den letzten Verhandlungen eine fast doppelt so hohe Erhöhung bekommen, als ich gefordert hatte.

      Und ich zeige meinem Arbeitgeber regelmäßig, dass ich bereit bin, Neues zu lernen und zu machen. Ich schlage Weiterbildungen/Zertifizierungen vor, die ein gutes Stück weg von dem liegen, was ich bislang gemacht habe. Wird dankbar und wohlwollend angenommen. Aber wenn ich etwas nicht machen will (etwa letztes Jahr, als ich für 4 Wochen Testfahrer machen sollte (und ich wusste aus meinem vorherigen Projekt, was für ein bescheidener Job das ist, da ich in besagtem Projekt in der Regel auf dem Beifahrersitz neben dem Testfahrer gesessen und die Messtechnik bedient habe)), dann sage ich das und ich ernte damit Verständnis. Man rechnet mir hoch an, dass ich sowas sage und nicht unwillig und todunglücklich jedes Projekt mache, das mir unter die Nase gehalten wird. Eben weil ich weiß, was ich kann und was ich will.
    • Naja, weil du betont hattest "gefühlte" fehlende Qualifikation, dachte ich, du leidest wie 90% aller mir bekannten Ingenieurinnen (ich bin selber so eine) an mangelndem Selbstvertrauen.
      Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, den Schmerz und die Angst zu durchleben, kann niemand wachsen. (Erich Fromm)
    • Nicht nur Ingenieurinnen leiden an mangelndem Selbstvertrauen.

      Ich kenne eine Drehbuchautorin, eine Lehrerin, eine PTA, eine Gebäudereinigungs-Fachfrau, eine Bibliothekarin und noch andere, die Alle an dem gleichen "weiblichen" Syndrom leiden: mangelndes Selbstvertrauen ...

      Ich finde es gut, daß Du uns hier immer wieder so den Rücken stärkst, liebe Sophie!

      Dank & Gruß
    • Sophie schrieb:

      Naja, weil du betont hattest "gefühlte" fehlende Qualifikation, dachte ich, du leidest wie 90% aller mir bekannten Ingenieurinnen (ich bin selber so eine) an mangelndem Selbstvertrauen.
      Manchmal ist es ja auch eher ein "will ich nicht" als ein "kann ich nicht". Dass in Stellenbeschreibungen maßlos übertrieben wird, weiß ich seit vielen Jahren. Als ich Anfang 2000 einen befristeten Vertrag nicht verlängern wollte, wurde meine Stelle neu ausgeschrieben. Ich war erstaunt, was man alles können sollte, um meine Arbeit zu machen. Ich hätte mich damals auf die beschriebene Stelle nicht beworben.

      Ich habe vor 18 Jahren mein Studium abgeschlossen. Seither habe ich noch einige Jahre gebraucht, um meinen Platz in der Arbeitswelt zu finden. Also eine Arbeit, die ich kann und die mir Spaß macht. Was ich vorher gemacht habe, konnte ich auch, aber erst seit fünfeinhalb Jahren habe ich die Branche gefunden, in der ich das machen kann, was ich am Besten kann und was mir Spaß macht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal als Softwaretesterin glücklich werde. Ich hielt das immer für minderwertige Arbeit. So kann man sich irren ;)

      Mein berufliches Selbstvertrauen habe ich im Übrigen erst hier bei meinem aktuellen Arbeitgeber gefunden. Ich erhalte zum ersten Mal positives Feedback, ich werde gelobt. (Und das in Bayern, wo ja bekanntermaßen "nicht geschimpft genug gelobt" sei. Habe ich jedenfalls schon oft gehört.) Und ich werde darin bestärkt, mich weiter zu entwickeln. Nach Ende meines ersten Projekts habe ich tierischen Schiss gehabt, wieder gekündigt zu werden, weil ich das bislang immer so erlebt hatte. Dass dem nicht so war, hat mir sehr gut getan.
    • Hei Kir Royal, es ist schön dass du uns an deinem Erfolg teilnehmen lässt. Ist das nicht klasse wenn man einen Job machen kann, der den eigenen Fähigkeiten und Talenten entspricht, dich fordert und dir Anerkennung einbringt. Super. :daumen:
      Als nicht-dicke musste ich bei deinem Beitrag denken – wie blöd ist es dass man etwas eigentlich Selbstverständliches hier lobend erwähnen muss. Ich möchte auch über mich selbst denken, dass es keinen Unterschied macht, ob mein Kollege dick oder schlank ist. Aber natürlich stimmt es, der erste Eindruck, den jemand bekommt , ist total subjektiv und sehr oft total ungerechtfertigt. Ich beispielsweise bin super in Vorstellungsgesprächen (bin eher Marke Rampensau). Mir wird viel zugetraut dabei bin ich echt kein Überflieger und manchmal total schwer von Begriff. Das hat dann auch schon mal für Ernüchterung seitens meiner Vorgesetzten geführt, nachdem sie mich eingestellt hatten. :rolleyes:
      Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden
      ******Rosa Luxemburg******