Freifahrtsschein für Völlerei?

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    • Freifahrtsschein für Völlerei?

      Kaum da, auch schon die erste Frage. :)
      Im Vorstellungsthread hatte ich ja schon kurz erwähnt, dass ich "kurz" (ca. ein Jahr lang) magersüchtig gewesen bin. Dahin gekommen bin ich durch restriktives Kalorienzählen - nicht etwa, wie die Meisten denken, durch einen halben Apfel pro Tag. Ich habe immer meinen Grundumsatz gegessen, aber niemals auch nur ein Fitzelchen mehr. Mittlerweile bin ich zumindest rein optisch geheilt, der Kopf hingegen denkt genauso wie früher - in gutes Essen, böses Essen, in dürfen, in nicht dürfen - aber vor allem in Kontrolle.
      Nach wie vor plane ich meine Tage durch und versuche dabei, eine gewisse Zahl nicht zu überschreiten. Dabei plane ich vor allem für den Abend stets Portionen, von denen wohl mindestens zwei satt werden würden, vermutlich aus Angst vor Hunger und dem daraus resultierenden Essanfall.

      Was ich nach langem Sermon ausdrücken möchte ist Folgendes: Ist es nicht auch eine Form von Völlerei, wenn man so viel isst, dass einem der Magen weh tut, auch, wenn man weiß, dass man "zahlenmäßig" im Rahmen liegt? Das bringt mich nämlich direkt zum Folgeproblem. Gern würde ich normal essen: nach Hunger, nach satt und so weiter. Aber wie kann ich das schaffen, wenn dieser Zählzwang im Kopf ist? Diese Sicherheit im Hinterkopf: Ich hab mich zwar total überfressen, aber zunehmen kann ich nicht. Waren ja bloß xy Kalorien.

      Vermutlich zäume ich mit meiner Erklärung das Pferd am Schwanz auf, aber ich vertraue mal drauf, dass ihr wisst, was ich meine.
    • Alles bereits versucht.
      Seinerzeit schon als ich (ich zitiere) ausgesehen habe wie der Tod auf Latschen und heute auch. Heute finde ich es schlimmer, da mir keiner mehr zu glauben scheint, wie groß der tägliche Kampf ist. Wie groß die Angst vor nie endenden Essattacken, die mir mein oberes Normalgewicht innerhalb von Rekordzeit einbrachten. Letztlich ist mir sogar bewusst, dass mir das Zählen sowieso gar nichts bringt. Entweder die Zahl am Ende des Tages ist tiefrot oder eben nicht.

      Das zentrale Problem ist vermutlich, dass ich einfach auch dauerhaft Angst davor habe, was meine Umwelt (immer noch) denken könnte.
      "Hat sie es ja doch nicht geschafft... guck sie dir an - die Beine, der Hintern..." Der übliche Teufelskreis aus 'eigentlich sind die Menschen mir egal' und 'bloß nicht irgendwie auffallen oder sich zum Gesprächsthema machen'.

      Massenhaft Baustellen irgendwie. :(
    • Asphyxia schrieb:

      Mittlerweile bin ich zumindest rein optisch geheilt, der Kopf hingegen denkt genauso wie früher - in gutes Essen, böses Essen, in dürfen, in nicht dürfen - aber vor allem in Kontrolle.


      Sprich, du bist eben nicht gesund. Aber du bist aus dem kritischen Gewichtsbereich raus, das ist dennoch eine große Errungenschaft.

      Asphyxia schrieb:

      Nach wie vor plane ich meine Tage durch und versuche dabei, eine gewisse Zahl nicht zu überschreiten. Dabei plane ich vor allem für den Abend stets Portionen, von denen wohl mindestens zwei satt werden würden, vermutlich aus Angst vor Hunger und dem daraus resultierenden Essanfall.


      Ja, klingt plausibel.
      Es kann aber noch zusätzlich hinzukommen, dass du eben doch bis abends "darbst", sprich, dich vorher bei keiner Mahlzeit satt isst. Da ist das Verlangen nach ganz viel Essen am Ende des Tages eigentlich völlig normal.
      Dadurch, dass du offenbar auch für den übrigen Tag ein ganz enges Kalorienbudget fest und starr einplanst, bist du da überhaupt nicht flexibel und kannst deinen Bedürfnissen, die von Tag zu Tag völlig unterschiedlich ausfallen können gar nicht gerecht werden.

      Asphyxia schrieb:

      Ist es nicht auch eine Form von Völlerei, wenn man so viel isst, dass einem der Magen weh tut, auch, wenn man weiß, dass man "zahlenmäßig" im Rahmen liegt?


      Ich würde die Wertung da ganz rausnehmen. Du kompensierst abends, das ist Teil der Störung und hat nichts mit Völlerei zu tun.
      Du siehst daran, dass die Zahlen dir nicht dabei helfen, ein für dich sich gut anfühlendes Essverhalten zu erlernen. Magenschmerzen sind ja nichts angenehmes.

      Asphyxia schrieb:

      Gern würde ich normal essen: nach Hunger, nach satt und so weiter. Aber wie kann ich das schaffen, wenn dieser Zählzwang im Kopf ist? Diese Sicherheit im Hinterkopf: Ich hab mich zwar total überfressen, aber zunehmen kann ich nicht. Waren ja bloß xy Kalorien.


      Du kannst es mit dem Zählzwang nicht schaffen, es schließt sich gegenseitig aus. Aber gut daran ist, dass du es als Zwangsgedanken bereits identifiziert hast und es auch so benennen kannst, das ist schon der erste Schritt.

      Asphyxia schrieb:

      Heute finde ich es schlimmer, da mir keiner mehr zu glauben scheint, wie groß der tägliche Kampf ist. Wie groß die Angst vor nie endenden Essattacken, die mir mein oberes Normalgewicht innerhalb von Rekordzeit einbrachten.


      Als ich meine stark unterkalorischen Diäten gemacht habe, hat auch keiner das Leid dahinter erkannt, es haben sich alle für mich gefreut, weil ich abgenommen hatte. Was mich das Ganze an Lebensqualität und Energie gekostet hat, was ich besser in ganz andere Dinge investiert hätte, konnte sich auch niemand so richtig vorstellen.
      Leider sind da auch die Diagnosekritierien für bestimmte Esstörungen auch nicht weitfassend genug.
      Ich bin davon überzeugt, dass man durchaus auch mit Übergewicht magersüchtiges Ess- und Denkverhalten an den Tag legen kann und der psychische Druck ist dabei keinesfalls geringer. Das einzig Positive daran ist, dass der Körper kein lebensbedrohendes Untergewicht erleiden muss, dennoch sind Essattacken und abwechselndes strenges Zügeln des Essverhaltens mit Hungern auch Stress für den Körper.

      Bulimikerinnen geht es übrigens oft ebenso, denn sie haben oftmals Normal- oder auch Übergewicht und deswegen auch mit dem Gedanken zu kämpfen, dass ihre Krankheit deswegen weniger Aufmerksamkeit erhält.

      Asphyxia schrieb:

      Letztlich ist mir sogar bewusst, dass mir das Zählen sowieso gar nichts bringt. Entweder die Zahl am Ende des Tages ist tiefrot oder eben nicht.


      Hier weiß ich nicht ganz, worauf du hinaus willst, meinst du, dass du im Grunde weißt, dass es eher auf dein Sättigunsgefühl und die Abwesenheit von zwanghaftem Essen (das Gegenteil von lustvoller Völlerei) ankäme?

      Asphyxia schrieb:

      Das zentrale Problem ist vermutlich, dass ich einfach auch dauerhaft Angst davor habe, was meine Umwelt (immer noch) denken könnte.
      "Hat sie es ja doch nicht geschafft... guck sie dir an - die Beine, der Hintern..." Der übliche Teufelskreis aus 'eigentlich sind die Menschen mir egal' und 'bloß nicht irgendwie auffallen oder sich zum Gesprächsthema machen'.


      Das sind ganz typische Gedanken, die jeden mal umtreiben, bei dir hat es sich auf deinen Körper manifestiert und sich verselbständigt.
      Diese Gedanken sind so groß geworden, dass sie täglich dein Handeln beherrschen.
      Hier im Forum kannst du allerdings viele Beispiele von gelebtem Leben vorfinden, wo sich von diesen stark einschränkenden Denkweisen befreit werden konnte, das geht, ich verspreche es dir.

      Warum darfst du eigentlich nicht auffallen oder im Mittelpunkt stehen?


      Ich weiß, das hilft dir vielleicht alles erstmal nicht weiter.
      Irgendwann wirst du aber den Schritt gehen müssen und ein Stück Kontrolle aufgeben müssen und dies dann aushalten.
      Lass dir aber auch dabei Zeit und bau da nicht noch zusätzlich Druck auf.

      Hast du eine Idee, welche Kleinigkeit du vielleicht einmal verändern könntest?
      Einmal die Woche ein Frühstück ohne Kalorienzählen, etwas essen, worauf du richtig Lust hast?

      Dir erstmal alles Gute!

      Angelina
      [SIZE=2]Liberté toujours![/SIZE]
    • Hallo Ashphyxia,

      mir geht es wie Dir,
      ich bin zwar im Gegensatz zu Dir dick,
      aber aus dem essgestörten Denken auch nie rausgekommen. Für mich gibt es "gute" und "schlechte" Lebensmittel , ich kenne die Kalorien der meisten Lebensmittel auswendig ( was Ernährungsberaterinnen immer wieder verblüfft )
      und ich habe so einen automatischen Zähler im Kopf, der schon beim Einkauf, aber vielmehr beim Essen "anspringt".
      Anorexie spielt sich meiner Meinung nicht so sehr auf den Hüften ab als im Kopf.
      Warum du dich abends überisst, kann ich Dir sagen: Du isst die Portion auf, weil sie dir zusteht. Du würdest nicht mehr, aber auch nicht weniger essen, als dir zusteht.
      Nur am Rande: Ich war als Kind in einer Lungenklinik, da waren auch einige Kinder, die auf Diät gesetzt wurden. Eines der Mädchen aß ihren Nachtisch und sagte: "Eigentlich habe ich keinen Hunger mehr!" ich darauf: "Dann lass ihn doch weg!" und sie: "Aber er steht mir doch zu!"
      Eigentlich haben sie bei diesem Mädchen in dieser Klinik schon den Grundstein für eine Essstörung gelegt. Nicht das Hungergefühl ist mehr wichtig , sondern das Diktat von außen.
      Wie man davon loskommt, weiß ich nicht. Ich komme davon auch nicht los.
      Es gab aber Momente, ja sogar Jahre in meinem Leben, wo ich diese
      kleine fiese Stimme im Kopf ignorieren konnte.
      -wenn ich allgemein keinen Stress hatte
      - wenn ich im Ausland war: am besten nur mit Essen, das ich nicht kenne -
      dann wußte ich die Kalorien nicht.

      Bei mir ist es eher gefährlich, wenn ich locker lasse. Ich esse dann unkontrolliert und nehme auch unkontrolliert zu. :eek:

      Wie gesagt, ich hätte sehr gerne ein normales Essverhalten, aber bisher noch keinen Weg gefunden.

      Mit freundlichen Grüßen Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • ...so ein langer Text und dann ist er weg.
      Also, noch mal von vorn. :flirt:

      (Da ich das mit dem Zitieren immer nie richtig hinbekomme, lasse ich es direkt.)

      Danke euch erst mal für die Mühe und die Zeit, die ihr euch genommen habt, um mir zu antworten. Das freut mich wirklich sehr, da ich einmal mehr sehe, dass es sich gelohnt hat, mich hier anzumelden. :)

      @Angelina:
      Damit könntest du wohl Recht haben. Denn nach wie vor dürfen Mittag und Frühstück einen bestimmten Kalorienwert nicht überschreiten. Der "große" Rest muss für das Abendessen sein. Vielleicht kommt es daher, weil ich versuche, vorzubeugen. Denn als die Essattacken damals angefangen haben, hatte ich sie fast ausnahmslos abends, wenn ich alleine und -ganz wichtig- unbeobachtet war. (Was mich dazu bringt, dass ich immer noch nicht in Gesellschaft essen kann. Nur mit "ausgesuchten" Personen.) Da ich ja nach wie vor noch unter derlei Attacken leide, versuche ich wohl, mich vorher so voll zu essen, dass kein Platz mehr dafür ist. Wie ihr euch aber sicher denken könnt, klappt das auch nicht immer.

      Ich meinte damit, dass ich mir jegliche Planerei eigentlich sparen könnte. Denn im "Notfall" pfeife ich sowieso drauf, was ich da fein säuberlich zusammen geplant und abgewogen habe. Wenn der Knoten platzt, ist das völlig egal. Dann könnte ich es ja direkt sein lassen. Aber scheinbar brauche ich diese Krücke noch, um zu sehen, wie viel ich in den folgenden Tagen wieder ausgleichen muss. Dass das ein immenser Stress ist, den ich mir damit antue, ist klar. Dennoch reicht diese Form von Leidensdruck aber wohl auch nicht, um damit endlich aufzuhören. Wie oft habe ich meinen Tagebuchaccount gelöscht? Und doch früher oder später wieder reaktiviert.
      Dabei ist es völlig klar, dass solch abstrakte Gebilde wie Zahlen rein gar nichts aussagen. Ich reduziere mein ganzes Dasein auf Zahlen. Stimmen die nicht, läuft was falsch mit mir.

      Ja, diese Beispiele, von denen du sprichst, sind es auch, die mich nicht aufgeben lassen. Die vielen Dinge, die ich hier gelesen habe, motivieren mich ungemein, dass es nicht zu spät ist. Dass man einsehen kann, dass es weitaus Wichtigeres im Leben gibt als irgendein von außen auferlegtes Figurdiktat. Wer sagt denn, dass man sich dem oder dem beugen muss? Niemand. Letztlich sind wir alle unabhängige Individuen.

      Warum ich nie im Mittelpunkt stehen will, kann ich dir leider nicht beantworten. Ich denke sehr oft darüber nach. Aber ich finde keinen Grund. Ich habe generell immer Angst davor, mich lächerlich zu machen, etwas Peinliches zu sagen oder zu tun.Deswegen wirke ich auf Menschen, die mich nicht oder nicht gut kennen, immer arrogant. Ich habe früher z.B. auf irgendwelchen Parties immer nur in der Ecke gesessen und nichts gesagt. Also, nicht von allein. Wenn ich angesprochen wurde, konnte ich stundenlang reden. Aber so? Niemals. Haben die Leute sich dann nicht um mich geschert, weil ich eben so ruhig war, dachte ich wider besseres Wissen, dass sie mich nur nicht beachten, weil ich aussehe wie ich aussehe.

      Die Idee finde ich toll.
      Im winzig Kleinen tue ich das sogar. Allerdings auch nur mit den guten alten "Safe - Foods", die sowieso nicht ins Gewicht fallen würden.
      Fällt dir sonst noch irgendwas ein?
      Manchmal sind die Möglichkeiten so einfach, dass man hätte selbst drauf kommen können. Das habe ich mir hier schon an so vielen Stellen gedacht.

      Übrigens auch bei deinem Betrag, Lisa Cortez.
      Klar, ich esse, weil es mir zusteht. Also, wird gegessen, bis der Teller leer ist. Basta! Unklar, dass mir das so explizit noch nicht selbst in den Sinn kam.

      Ich finde es spannend, dass du sagst, dass du die fiese Stimme über Jahre überhören konntest. Wie ging das? Ich meine, hat es dir keinen Stress gemacht, im Urlaub Dinge zu essen, von denen du keine Ahnung von den Nährwerten hattest? Wie kommst du im "normalen" Leben, das ja nun mal meistens von mehr oder weniger Stress geprägt ist, klar?
      Du sagst zwar, dass du bisher keinen Weg für normales Essverhalten gefunden hast, aber irgendetwas muss es doch gewesen sein, das dich temporär dazu gebracht hat, entspannt mit dem Thema umzugehen.
    • Asphyxia schrieb:

      ...so ein langer Text und dann ist er weg.
      Also, noch mal von vorn. :flirt:
      Du wirst nach 15 Minuten automatisch ausgeloggt. Um das zu verhindern, schau mal hier.
      [SIZE=1][CENTER]Accepting oneself does not preclude
      an attempt to become better.
      — Mary Flannery O'Connor

      You must learn from the mistakes of others.
      You can't possibly live long enough to make them all yourself.
      — Sam Levenson
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    • Hallo,

      nicht so einfach, die Sache mit der Essstörung. Ich selbst habe ähnliche Erfahrungen auch hinter mir. Kein Zählzwang, aber die Essanfälle. Von der Sache her hat es mir geholfen, mir darüber klar zu werden, weshalb ich das veranstaltet habe, was mein Ziel/Bedürfnis war.

      Und geholfen hat auch, dass ich daran gearbeitet habe, diesen Bedürnissen nachzugeben bzw. das eigentliche Ziel zu verfolgen. Das war halt nicht Essen. Um sich klar zu werden, hilft vielen auch ein Tagebuch, allerdings nicht für die Kalorien, sondern für die Gefühle und Gedanken vor, während und nach dem Essen.

      Kalorienzählen ist objektiv gesehen ja nicht so sinnvoll - dir nützt es allerdings etwas. Essen, was einem zusteht, egal wie die eigenen Bedürfnisse sind, ist objektiv ebenso wenig sinnvoll, aber auch das bringt dir irgend einen Nutzen. Hast du schon herausgefunden, welchen Nutzen du daraus ziehst?

      Wenn ich deine widersprüchlichen Aussagen lese, dass du dich auf der einen Seite nicht anpassen willst, auf der anderen Seite aber schon - ich würde an deiner Stelle wissen wollen, woher diese beiden Stimmen in dir kommen. Welches ist deine Stimme, die von dir aus kommt und deine Bedürfnisse widerspiegelt, welche kommt quasi von außen, durch (vielleicht jahrelange) Beeinflussung?

      Ich habe so eine Ahnung, dass es für dich sehr schwierig sein könnte, deine Bedürfnisse klar zu formulieren und zu argumentieren, vor allem gegenüber anderen. Und das, obwohl du das nicht nur darfst, sondern an sich sogar musst. Denn wenn du nicht selbst steuerst, in deinem Leben andere übernehmen lässt, kann das auf der einen Seite bequem sein - auf der anderen Seite aber auch sehr frustrierend. Und andere sind schnell mal dabei, einem zu raten, einem das eigene Weltbild aufzudrängen, es gut zu meinen, Ansichten zu verbreiten, einen überzeugen zu wollen.
      Ich brauche da zum Beispiel für mich eigene Ideen davon, was ich möchte - sonst könnte es leicht mal passieren, dass mich jemand überrennt. Auf der anderen Seite habe ich mittlerweile mehr Realitätsbezug und kann besser Kompromisse eingehen, nehme es nicht mehr so tragisch, wenn ich nicht die Aufmerksamkeit bekomme, die ich teilweise wünsche. Ich habe gelernt, dass ich trotzdem geschätzt werde. Das so als Beispiel von mir.

      Gruß
      Dani
      Fat people have the right to exist in fat bodies regardless of how we got fat, what being fat means, or if we could be thin through some means – however easy or difficult. There are no other valid opinions on this. We have the right to exist without [...] stigmatization, period. (Ragen Chastain)
    • Guten Morgen Nordlicht,

      ist ein Wissen um die Gefühle davor, die ja dann vermutlich der Auslöser für den Essanfall waren, denn wirklich hilfreich? Oftmals kann ich benennen, warum es jetzt unbedingt wieder sein musste - nein, ich kann es immer benennen. Aber das hilft mir in diesem Moment nicht. Ich merke, dass es sich anbahnt und kann es in 90% aller Fälle nicht abwenden.
      Im Buch von Maria Sanchez (vielleicht kennt das jemand - ich glaube, irgendwo hier im Forum war es mal Thema) habe ich gelesen, dass es schön und gut sei, das Warum zu kennen, es aber nichts bringt. Habe ich letztlich auch immer so erfahren.
      Vielleicht ist das Hauptproblem auch, dass ich nicht wüsste, wie ich negative Gefühle sonst kompensieren würde. Wenn es nicht das Essen ist, ist es -und ich schäme mich ehrlich, das zuzugeben- Alkohol in irgendeiner Form. Ich habe quasi die Wahl zwischen Pest und Cholera. :genervt:

      Welchen Nutzen ich letztendlich aus dem 'Essen, weil es mir zusteht' ziehe, weiß ich nicht. Vielleicht ist es auch ganz simpel noch ein Überbleibsel aus meiner Zeit mit Magersucht und schwerem Untergewicht im 16er BMI Bereich. Aber kann das SO lange andauern? Immerhin ging das "nur" ein Jahr. Andererseits ist der Druck nach wie vor da. Die Angst davor, irgendwann die Kontrolle komplett zu verlieren, obschon ich weiß, dass ich sie längst verloren habe, weil ich mich zum Sklaven machen lasse, statt einfach zu sagen (wie ich gestern hier irgendwo so treffend las): Scheiß drauf!

      Ich habe keine Ahnung, woher welche Stimme kommt. Einerseits sind mir die Menschen immer schon am Poppes vorbei gegangen und ich war stets immer nur für mich und zufrieden damit. Andererseits gab es auch oft Momente (vor allem als Kind und Jugendliche), in denen ich schlichtweg neidisch war, weil ich als eine der wenigen aus der Klasse nicht zum Geburtstag von xy eingeladen war. Vermutlich bedingen sich viele Dinge aus meiner Biographie... ohne groß ausholen zu wollen, nur kurz: Meine Eltern haben meine große Schwester und mich immer sehr, sehr kurz gehalten. Wir durften nichts, nicht mit Freunden treffen, keine Jungs - nada. Später haben wir uns unser bisschen Freiheit erlogen. Dazu sei gesagt, dass unsere Eltern einer kleinen, aber sicher vielen Leuten bekannten Religion angehören (die, die gerne mal an der Hauptstraße stehen...). Sicher hat alles das miteinander zutun. Ich habe mir oft den Kopf darüber zermatert, allerdings sehe ich nicht, warum sich das alles in einer Essstörung manifestiert hat. :confused:

      Aber zurück zum Thema - dass ich Bedürfnisse und Wünsche nicht klipp und klar artikulieren kann, damit triffst du definitiv einen sehr richtigen Punkt. Ich eiere, vor allem, wenn es um Gefühle geht, immer nur rum, obwohl ich innerlich genau weiß, was ich will. Aber ich bekomme es nicht heraus. Erst Recht nicht, wenn ich weiß, dass ich den Menschen damit wehtue. Dann verhalte ich mich lieber so, dass allen anderen gedient ist. Eventuell auch eine Sache.

      Viele Baustellen, wie mir scheint.
      Und die ES ist sicher "nur" die Ausdrucksweise dessen.
      Das gute, alte "...mein Körper, das einzige, worüber nur ich die Kontrolle habe...".
    • Hallo Asphyxia, ich empfinde viel Respekt für deine Ehrlichkeit und deinen Mut dich hier zu öffnen.
      Eines vorweg- ich bin normalgewichtig und nicht essgestört und werde daher auf dieses Thema kaum eingehen (können).

      Dieser Satz, denn kenne ich aber trotzdem sehr gut:

      Asphyxia schrieb:

      Ich merke, dass es sich anbahnt und kann es in 90% aller Fälle nicht abwenden.


      Auf einer ganz anderen Baustelle hatte ich genau das gleiche Problem. Nennt sich Teufelskreis. "Scheisse, es passiert! Ich will nicht dass es passiert. Es ist passiert. Ich hasse mich. Warum muss mir das immer passieren?"
      Damals hat mein Therapeut mir folgenden Rat gegeben: "Wundern Sie sich nicht." Wenn es sich anbahnt, wenn es wieder einmal passiert, dann wundere dich nicht. Es passiert. Okay. So sei es. Weiteratmen.

      Vielleicht kannst du damit gar nichts anfangen. Für mich war es damals wie eine Befreiung. Ich wollte unbedingt dass ich nicht immer wieder in der mir verhassten Situation lande. Ich wollte alles tun, um dies zu vermeiden. Es ist mir nie gelungen. Es hat mich unglücklich gemacht und verkrampft. Mit diesem Rat habe ich es dann anders angegangen. Es passierte, ich wunderte mich nicht und auf einmal fühlte ich mich frei. Die Situation zu akzeptieren bedeutete dass meine Anspannung von mir fiel und meine Angst. Es war ein Schritt dahin, mich selbst mehr zu akzeptieren. Denn eine Sache vergessen wir sehr gerne. Wir haben alle unsere Baustellen! Kein Mensch ist perfekt. Niemand. Wir haben individuelle Strategien entwickelt, miot unserern Ängsten umzugehen. Bei manchen ist es Essen oder Kalorienzählen oder Rauchen oder Nägelkauen, Putzen, Alkohol, Sport etc. Das ist nicht verwerflich! Es ist total normal. Es hilft dir beim Überleben.

      Nur Mut, es gibt hier sehr viele wunderbare Menschen im Forum die dir gerne beistehen möchten.

      Liebe Grüße
      Knallfrosch
      Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden
      ******Rosa Luxemburg******
    • Knallfrosch schrieb:

      Hallo Asphyxia, ich empfinde viel Respekt für deine Ehrlichkeit und deinen Mut dich hier zu öffnen.


      Ganz lieben Dank. :)
      Aber wenn nicht hier -in einer gewissen Atmosphäre der Anonymität- wo dann? Abgesehen davon lese ich in diesem Forum schon sehr lange von außen mit und war mir demnach sicher, mich hier durchaus öffnen zu können.

      Knallfrosch schrieb:

      Es passiert. Okay. So sei es. Weiteratmen.


      Das habe ich mir oft gesagt und tue es immer noch. Aber es ist schwer, das nicht nur rational zu verstehen, sondern den Schritt weiter zu tun und es auch tatsächlich zu verinnerlichen.
      Wie hast du das geschafft? Vom logischen Denken her, ist so vieles klar, das Empfinden und das folgende Handeln sind dann wieder zwei völlig andere paar Schuhe - leider.

      Knallfrosch schrieb:

      Ich wollte unbedingt dass ich nicht immer wieder in der mir verhassten Situation lande. Ich wollte alles tun, um dies zu vermeiden. Es ist mir nie gelungen. Es hat mich unglücklich gemacht und verkrampft.


      Damit sprichst du mir sehr aus der Seele. Es erinnert mich doch sehr daran, dass ich fast täglich irgendwelche Ersatzhandlungen suche, so dämlich oder unsinnig sie auch sein mögen. Hilft es? Nö. Es macht mich, wie du sagst, nur noch verkrampfter und mitunter fixierter auf genau das, wovon ich mich ja so tunlichst ablenken will.

      Manchmal erscheint mir eine gesunde "Scheiß drauf!" - Einstellung doch am konstruktivsten. Einfach mal diese fürchterlich ermüdende Gedankenachterbahn zum Anhalten bringen. Wem nützt denn die viele Grübelei? Niemandem, schon gar nicht einem selbst. Es macht einen nur noch unsicherer und wahnsinnger, als man sowieso schon ist. Aber auch hier gilt: Der Geist ist ja so willig...

      (Jetzt bin ich gespannt, ob das mit dem Zitieren geklappt hat. :) )
    • Hallo Aspyxia!

      Ich bin selbst essgestört (in die Richtung Esssucht / Binge Eating) und habe auch schon die Erfahrung gemacht dass man sogar mit Essanfällen abnehmen kann wenn nur die Kaloriendichte gering genug ist. Mir war das damals auch total bewusst dass etwas falsch läuft. Mein Plan war erst mein Gewichtsproblem zu lösen und dann das Essproblem. Hat natürlich nicht geklappt! Aber vielleicht hat es diese Erfahrung gebraucht, um zu verstehen, dass meine Probleme nicht gelöst sind wenn ich nur endlich schlank wäre.

      Ich mache jetzt seit 3 Jahren Therapie und kann bestätigen dass es nicht ausreicht, nur zu wissen warum man essen möchte. Davon geht der Eßdrang nicht weg, und es hilft auch nicht sich irgendeine andere Kompensation zu suchen. Im Lauf der letzten 3 Jahre habe ich erkannt, dass mein Essproblem nur ein Symptom ist, die Probleme liegen viel tiefer. Seither arbeite ich an den eigentlichen Baustellen, aber auch konkret mit dem Thema dass bei mir unangenehme Gefühl zu Essdruck führen.

      Ich kann nur sagen, es ist ein langer Weg, und ich merke erst jetzt so allmählich wie die Therapien beginnen zu greifen (ich kombiniere hier mehrere Maßnahmen). Für mich war es wichtig, professionelle Hilfe zu bekommen, da ich dort hilfreiche Techniken lernen konnte, und der Rest ist ganz viel selbst damit arbeiten was ich gelernt habe.

      Alles Gute für dich!


      Claudia
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]
    • claudiathomas schrieb:


      Im Lauf der letzten 3 Jahre habe ich erkannt, dass mein Essproblem nur ein Symptom ist, die Probleme liegen viel tiefer.


      Hallo liebe Claudia!

      Genau so ist es. Das erst mal zu erkennen, ist ein großer Schritt, wie ich finde. Das war mir damals, als ich noch magersüchtig war, nicht klar. Ich dachte immer: Ich bin doch dünn. Warum zum Henker bin ich nicht glücklich? Oder noch krasser: Warum bin ich unglücklicher als damals, als ich noch weit im Übergewichtsbereich war? Ich habe mir mein Übergewicht oft zurück gewünscht, da ich damals unbeschwert und glücklich war. Heute grüble ich zu sehr, ich analysiere mich und ich denke 24/7 nach, statt es einfach mal laufen zu lassen.
      Die Gründe für das Schlankseinwollen liegen bei mir auch völlig woanders. Es ist tatsächlich das typische Klischee: Um zu genügen. Nicht mir - nein, den Anderen. Denen, die mir eigentlich sowieso egal sind oder die ich ohnehin nicht ausstehen kann. Warum aber? Warum will man denen gefallen? Ich weiß es nicht, aber immerhin ist es für mich persönlich wieder ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, erkannt zu haben, dass ich nicht für mich schlank sein will bzw. wollte, sondern immer nur für andere. Für den "richtigen" Mann, für die "richtigen" Freunde, dafür, geliebt zu werden. Reichlich, dämlich. :(

      Mein Plan ist es, dieses Denken nach und nach abzulegen. Ich sehe ja am deutlichsten hier im Forum, dass es geht. Dass man gelassen sein kann und glücklich - ohne von außen aufgezwungene Modelmaße. Ein Mensch wird von viel mehr ausgemacht. Das möchte ich für mich lernen. Im Moment sind mein Mut und mein Ansporn sehr hoch und das nutze ich aus. Ich lese aktuell auch ein wirklich tolles Buch, das mir zusätzlich Mut macht ("Ich fülle mein hungriges Herz mit Liebe, statt mit Nahrung.") Ich zwinge mich quasi, mir wieder zu vertrauen - und ich habe vor, es auszuhalten, wenn es sich wieder schlecht anfühlt. Muss doch machbar sein. :)

      Darf ich fragen, was für eine Art Therapie du machst? Und auch immer ganz spannend für mich: Wie lange hat es gebraucht, ehe du diesen Platz bekommen hast? Ich hatte mich vor geraumer Zeit mal intensiv nach Therapeuten umgesehen und bin überall nur die nächsten Monate vertröstet worden.
    • Liebe Asphyxia,

      Asphyxia schrieb:

      Ich habe mir mein Übergewicht oft zurück gewünscht, da ich damals unbeschwert und glücklich war. Heute grüble ich zu sehr, ich analysiere mich und ich denke 24/7 nach, statt es einfach mal laufen zu lassen.


      über diese Aussage habe ich länger nachgedacht.
      War es so, dass du, als du übergewichtig warst, normal gegessen hast, oder gab es da auch schon überproportional häufig den Hang mit Essen Druck zu kompensieren? Vielleicht hat es für dich damals einfach so funktioniert, du warst ausgeglichen ohne das Schuldgefühl, was bei Essstörungen dann u.a. diesen Teufelskreis einleitet, dass man durch kompensieren irgendwann andere schlechte Gefühle bekommt, die dann wieder neuen Druck auslösen.

      Von mir kenne ich es allerdings auch, dass ich in der Retrospektive manchmal bestimmte Lebensphasen verkläre und mir dann wünsche, die Zeit zurückdrehen zu können. Aber ich muss auch sagen, unbeschwert war ich selbst leider nie, ich konnte das Leben niemals auf die Leichte Schulter nehmen, auch wenn das von außen betrachtet vielleicht anders wirken mag.


      Du hattest mich oben gefragt, ob ich noch mehr Techniken oder Ideen kenne, wie man sanft etwas am Essverhalten "rumschrauben" kann.

      Dazu möchte ich sagen, ich habe mich vom "Alles-oder-Nichts-Denken" verabschieden müssen. Also davon, dass es immer gleich gut funktionieren muss und ich mich nur an meine Regeln halten müsste, und dann würde alles gut. Dennoch brauche ich eine gewisse Gleichmäßigkeit in meinen Abläufen, damit ich mich sicher fühle.

      Kontrolliertes Essen, so wie du, kenne ich auch, aber meist war es bei mir eher ein pendeln zwischen Extremen, also z.B. über mehrere Tage fast gar nichts essen und dann wieder Essanfälle.
      Dann habe ich irgendwann wieder anfgefangen sehr regelmäßig zu essen und bin dann wieder an den Punkt gekommen, wo ich zwanghaft wurde.
      Ich habe dann versucht zu lernen, dass es auch Ausnahmen geben darf und sogar muss, und mir diese zugestanden.
      Das kam dann von außen betrachtet vielleicht einem kleineren Essanfall gleich, aber es war von mir bewusst inszeniert. Ich habe mir erlaubt, soviel wie ich will von etwas zu essen, was sonst nicht zum meinem Speiseplan gehört hat. Anfangs waren dass dann meist größere Mengen und so ganz ohen Schuldgefühl hat es auch nicht immer funktioniert.
      Ich habe das aber dennoch immer wieder so durchgezogen, bis sich langsam eine gewisse entspanntere Haltung dazu eingestellt hat.

      Und ich kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern, wo ich völlig ohne Schuldgefühl eine große Menge an Süßigkeiten gegessen habe, einfach aus großer Lust darauf, das war ein total befreites und schönes Gefühl.

      Kalorien spielen bei meiner Ernährung gar keine Rolle, ich esse mitlerweile drei Mahlzeiten am Tag und es sind schon meist ähnliche Mengen, aber ich esse das, worauf ich Lust habe.
      Ich frühstücke zweimal, weil mir Frühstück das liebste ist, einmal morgens mit Partner etwas Müsli und dann am späten vormittag Brote und Obst, B völlig nach Lust und Laune, egal ob Camembert, Aufschnitt, Honig, Ei...Bananen, Erdbeeren, Äpfel, Vollkornbrot, Weißbrot, Rosinenbrot..
      Ich habe somit einen Rahmen, in dem ich mich wohlfühle, aber kann dennoch alles einbauen, was ich gerne mag.
      Den Gedanken, dass ich aber doch besser nur leichtes essen sollte, habe ich mitlerweile gar nicht mehr, ich höre auf meine Gelüste.

      Abends habe ich am Anfang immer nach Rezept gekocht (ganz normale Rezepte auch Kochmagazinen und Büchern, keine Diätrezepte), auch das hat mir wieder einen Wohlfühlrahmen gegeben. Auch hier, alles, worauf wir Lust haben.
      Ich habe dann geschaut, ob ich mich zu satt oder noch hungrig danach gefühlt habe und dann manchmal die Mengen dementsprechend verändert, also mich mehr und mehr an meinen Bedürfnissen orientiert.

      Ich habe auch geschaut, wenn ich Essdruck ohne Hunger verspürt habe, was nun los ist. Das hat zwar anfangs auch nichts dagegen geholfen, mich aber im Bezug auf das Wahrnehmen meiner Bedürfnisse sensibler werden lassen.
      Wenn akut das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann konnte ich mich manchmal eine zeitlang ablenken und habe dann einen meiner bewusst inzenierten Essanfälle gemacht, manchmal auch erst am nächsten oder übernächsten Tag, es mir also zugestanden, aber nicht gänzlich die Kontrolle darüber abgeben.

      Letztlich funktioniert es ohnehin nur darüber, mein Leben so zu gestalten, dass ich weniger Stress empfinde, das ist alles ganz und gar nicht leicht und hat auch viel mit meinem Denken zu tun, das zu verändern, ist aber ein langer Prozess.
      Was mir super hilft mich besser entspannen zu können, ist Yoga. Da merkt man auch sehr schnell, wenn man sich selbt überfordert und unter Druck setzt, weils dann mit dem rhytmischen Atmen nicht mehr klappt, ein ganz wichtiger Punkt für mich, da ich selbst gern meine Grenzen überschreite.

      Das war jetzt viel, ich weiß, und das was ich hier aufgeschrieben habe ist auch das Ergebnis von drei Jahren üben, Erfahrungen sammeln, Try and Error. Das klappt nicht alles reibungslos aber eben doch soweit, dass ich mich sehr viel wohler und zufriedener fühle und auch mehr Dinge tun kann, die mir Freude machen, weil ich Energie dazugewonnen habe.

      Wenn du noch etwas bestimmtes wissen möchtest, frag ruhig.

      Gruß,

      Angelina
      [SIZE=2]Liberté toujours![/SIZE]
    • Hallo Aspyxa,

      ich mache keine typische Therapie. Ich habe es in meinem Leben dreimal mit einer Psychotherapie versucht. Das erste Mal schon mit 17, mir war damals schon klar dass mein Essverhalten mit meiner Psyche zu tun hat und ich habe ohne das Wissen meiner Eltern (war mir zu peinlich) auf eigene Faust eine Therapeutin gesucht . Die Kopplung von Essen und Gefühlen konnte leider bei keiner der drei Therapien behoben werden.

      Bei der letzten Therapie, das war sogar bei einem Suchtmediziner, sollte ich den Essdruck schlichtweg aushalten (ähnlich wie bei einem Alkoholiker sollte ich abstinent sein, und zwar vom Essen über die Sättigung hinaus). Das war vermutlich auch eine wichtige Erfahrung für mich, denn da konnte ich lernen, das Aushalten auf Dauer keine Lösung für mich ist. Ich konnte den Essdruck nur aushalten, weil der Druck eine „gute“ Patientin zu sein, noch stärker war als der Essdruck. So nahm ich einiges ab, hatte auch Phasen wo der Essdruck nachließ (ich schätze das war durch zwischenzeitliche Euphorie), aber mit der Zeit (gut ein Jahr) ging es mir psychisch immer schlechter.

      Ich bin ein sehr verletzlicher Mensch und es fühlte sich damals an, als ob ich permanent mit einer offenen Wunde herumlaufen müsste. Ich hatte halt nicht mehr die abdämpfende Wirkung des Essens. Letztendlich ging es auch körperlich bergab. Nach Ende Therapie fing ich wieder an zu essen. Die körperlichen Beschwerden und die starke Verletzlichkeit verschwanden, aber natürlich war ich sehr unglücklich alles wieder zuzunehmen.

      Was ich da verstanden habe: Aushalten des Essdrucks (das was man landläufig unter „Disziplin“ und „Willensstärke“ versteht, da könnte ich kotzen) ist kein Weg für mich. Mich mit der Esssucht abfinden war auch keine Option für mich. Ich habe dann weiter gesucht und für mich die Seminare von Frau Sanchez gefunden. Das was ich dort gelernt habe ist das Herzstück meines neuen Weges.

      Ein weiter wichtiger Bestandteil meines Wegs ist eine körperorientierte Traumatherapie bei einer heilpraktischen Therapeutin in der Nähe (keine Wartezeit, da Selbstzahler). Die Methode nennt sich Somatic Experiencing und entscheidend dabei ist, dass auch hier (so wie bei Frau Sanchez) der Körper mit eingebunden ist.
      Als dritte Komponente habe ich für mich Familienaufstellung entdeckt, ich habe eine Empfehlung bekommen wo das seriös und in einem guten Rahmen gemacht wird. Sowohl die Aufstellung (der Herkunftsfamilie) an sich als auch die liebevolle Gemeinsamkeit mit der jeweiligen Gruppe empfinde ich als sehr heilsam.

      Zu den Familienaufstellungen habe ich dann auch meinen Mann „mitgeschleppt“ (er ging aber freiwillig mit und empfindet es als genauso hilfreich), denn es gibt da bei uns noch die heftige Baustelle „Familienleben/Kindererziehung“. Für diese Baustelle habe ich auch Familienhilfe beim Jugendamt angefordert, und darüber bin ich sehr froh, denn in den letzten Jahren hat sich unser Zusammensein von „zum davonlaufen“ zu „nur noch ganz normaler Wahnsinn ;) “ entwickelt.

      Einzelne hilfreiche Puzzlesteinchen picke ich mir dann noch aus Büchern (z.B. „The Work“ und „Ich muß mich nicht für alles verantwortlich fühlen“) oder aus einzelnen Seminaren zu Work-Life-Balance, die ich als Fortbildung vom Arbeitgeber aus besuchen darf.

      Vielleicht klingt das jetzt so, als würde ich von einem Seminar zum anderen springen und überall Hilfe suchen weil ich mir selbst nicht helfen kann. Falls der Eindruck entsteht, kann ich ihn korrigieren. Ich bin ein „Macher“, vertraue zu 100% auf mich (und nur auf mich!), habe mein sonstiges Leben gut im Griff. Nur dass sich mein Essproblem eben nicht mit Logik und Tatkraft lösen ließ.

      Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, wie viel effektiver es ist, sich von anderen Menschen eine Technik beibringen zu lassen, ich bin ein großer Freund von Seminaren geworden. Die Hauptarbeit an meiner Therapie findet aber allein zu Hause durch mich selbst statt, indem ich mit dem arbeite was ich gelernt habe.

      So, das war jetzt sehr lang, siehe Zitat.

      Viele Grüße

      Claudia
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]
    • @Angelina:

      Ich erinnere mich nicht, dass ich seinerzeit Gefühle oder negative Erlebnisse mit Essen kompensiert habe. Das Wort Essanfall kannte ich nicht mal. Ich habe mich nie für Essen auf diese Weise interessiert. Klar, habe ich sicherlich zu viel gegessen, sonst wäre ich ja nicht dick gewesen. Aber ich verbinde nichts Negatives damit. Ich wusste ja nicht mal irgendwas über Ernährung, Diäten waren mir fremd - schlichtweg, weil es mich kein Stück tangiert hat.
      Letztlich wurde mir auch von meiner Familie bestätigt, dass ich damals ein komplett anderer Mensch war. Fröhlich, lustig, nie gestresst oder unter Druck. Heute ist es so, dass die Leute zu mir sagen, ich sei sehr introvertiert. Offenbar war es damals also wirklich so, dass ich tatsächlich unbeschwert war.

      Deinen Ansatz finde ich toll - das ist so viel Normalität, wie ich mir wünsche. Das Leben ist ja auch nie schwarz oder weiß, wieso also die Grautöne bei etwas so Elementarem wie dem Essen ausblenden wollen? Und dann auch noch mit Gewalt. Ich beneide grade sehr, was du schilderst. Andererseits zeigt es mir aber auch, dass es machbar ist. Sicher - auch mit Disziplin. Aber eine gute Form davon, wie ich finde.
      Ich schätze, dass es "Try & Error" perfekt beschreibt. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Das macht uns ja letztlich auch aus und zu Individuen.
      Im Übrigen beschreibst du die Vorstellung davon, wie ich das Ganze angehen möchte - ohne Druck und immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass ich noch hundertmal hinfallen werde. Aber ich denke, dass ich, umso mehr ich mir gewisse Dinge als schlichtweg falsch für mein Leben und mein Wohlfühlen eingestehe (Dinge, die mein Privatleben betreffen), desto näher kann ich meinem Ziel kommen. Es gibt so vieles, das man für richtig und schlichtweg unumstößlich hält, das einem nicht guttut. Eine große Sache habe ich bei mir persönlich identifizieren können. Die Erkenntnis war sehr schmerzlich, aber um ein Vielfaches befreiender als es der Schmerz je sein könnte.
      Ich danke dir auf jeden Fall für deine Schilderungen und komme mit Sicherheit noch auf dich und deine Erfahrungen zurück, da ich denke, dass ich, nachdem, was ich gelesen habe, viel von dir lernen kann.

      @claudiathomas
      Mit meinem bescheidenen Wissen bisher, klingt das bei dir auch sehr nach einem Zudecken von etwas sehr Schmerzhaften oder Schlimmen durch (Über)Essen. Was soll Disziplin da bringen? Ich finde es unverantwortlich, einem wie auch immer gearteten Essgestörten nahezulegen, er solle doch nur genug Disziplin aufbringen! Das erscheint mir mehr als nur mittelalterlich. Gerade Leute "vom Fach" müssten doch wissen, dass hinter einer Esssucht viel mehr steckt als die schiere Gier nach zu viel. Wer findet Bauchweh schon toll? Sogar Borderliner bekommen eine Art Werkzeuge in die Hand, um Druck abzubauen (nur Halbwissen, das ich mal von einem betroffenen Bekannten erfuhr). Aber "die Dicken" können sich ja ruhig zusammenreißen?! Huch... ich schweife ab.

      Dass du die Therapie von Maria Sanchez erwähnst, lässt mich gerade aufhorchen. Ich habe ihr Buch gelesen und ich mochte es total. Wäre das nicht alles so fürchterlich weit weg - ich wäre schon längst zu ihr ins Seminar gegangen. Du hast das also mitgemacht? Wow. Allein ihre Ausführungen haben mich beeindruckt, da sie das Gegenteil von den üblichen Ablenkungstipps waren. Ich habe oft versucht, das Gelesene umzusetzen. Aber das ist sicher nur schwer möglich, ohne, dass man quasi an die Hand genommen wird.

      Traumatherapie klingt, als ginge es dort vordergründig darum, schlimme Erlebnisse, aus denen die Essstörung resultiert, aufzuarbeiten? Oder bin ich da grade total falsch?

      Auf mich macht das keineswegs den Eindruck, als seiest du ein Seminarhopper. Im Gegenteil. Vielmehr finde ich, dass es von Stärke und Willenskraft zeugt, nicht aufzugeben, sondern weiter zu machen und sich in gewisser Weise belehren zu lassen. Irgendetwas nimmt man doch immer für sich und seinen weiteren Weg mit. Bei dir sind es Seminare, bei mir sind es massenhaft Bücher zu diesen Themen, vordergründig natürlich zum Thema Essstörung. Aber auch das ist hilfreich, wenn man denn will. Oder aber: Wenn der Leidensdruck so groß ist, dass man weder ein noch aus weiß und schon an ganz andere drastischere Möglichkeiten gedacht hat.

      In diesem Sinne - danke euch, für eure Offenheit noch mal.
      Ich verabschiede mich erst mal ins lange Pfingstwochenende, eventuell schau ich die Tage noch mal rein und gebe Laut. Ansonsten lasst es euch gut gehen. :)
    • @Asphyxia
      Maria Sanchez hat seit Anfang des Jahres eine Ratgebersendung namens „Durch dick und dünn“ beim Nordwestradio von Radio Bremen, die Sendungen kann man auch nachhören. radiobremen.de/nordwestradio/s…ch-dick-und-duenn110.html
      Vielleicht magst du mal reinhören, da kann man sich auch ohne Seminare schon was hilfreiches mitnehmen, finde ich.

      Traumatherapie klingt so dramatisch, aber ich habe kein Trauma im klassischen Sinn. Es ist vielleicht eher die Summe von kleinen Situationen, die ich als Kind nicht gut verarbeiten konnte. Es hat viel mit beschämt werden und Angst vor geschimpft werden zu tun. Im Alltag wirkt sich das so aus, dass ich in Gegenwart anderer Menschen immer extrem angespannt und wachsam bin um keinesfalls jemanden zu verärgern. Also in Richtung soziale Angst. Keine extreme Form, denn ich habe gelernt alle Gefühle (Ängste) wegzudrücken und nicht aufzufallen. Aber das führt zu großer Spannung, die sich für gewöhnlich durch Essanfälle entlädt.
      Z.B. waren für mich Seminare mit Gruppen bis vor wenigen Monaten noch Situationen, in denen ich extrem angespannt war. Nichts mit geschützter Rahmen, für mich war das eine permanente Ausnahmesituation, sehr anstrengen. Das hat sich erst vor kurzem geändert, und ich glaube hier hat mir sehr die Traumatherapie geholfen.

      Auch dir schöne Pfingsttage!

      Viele Grüße

      Claudia
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]
    • Asphyxia schrieb:

      .



      Übrigens auch bei deinem Betrag, Lisa Cortez.
      Klar, ich esse, weil es mir zusteht. Also, wird gegessen, bis der Teller leer ist. Basta! Unklar, dass mir das so explizit noch nicht selbst in den Sinn kam.

      Ich finde es spannend, dass du sagst, dass du die fiese Stimme über Jahre überhören konntest. Wie ging das? Ich meine, hat es dir keinen Stress gemacht, im Urlaub Dinge zu essen, von denen du keine Ahnung von den Nährwerten hattest? Wie kommst du im "normalen" Leben, das ja nun mal meistens von mehr oder weniger Stress geprägt ist, klar?
      Du sagst zwar, dass du bisher keinen Weg für normales Essverhalten gefunden hast, aber irgendetwas muss es doch gewesen sein, das dich temporär dazu gebracht hat, entspannt mit dem Thema umzugehen.


      Hallo Aphyxia,
      es lag bestimmt daran, dass ich mit meinem Mann und meinem Kind in diesen Jahren in Südamerika gelebt habe. Neue Sprache, neues Land, neuer Job - ich hatte - so seltsam es sich anhört - so viel um die Ohren, so viele neue atemberaubende Eindrücke - da war der Hunger weg.
      Ich erinnere mich daran, dass ich eigentlich alles gegessen habe - auch Pizza, Kuchen, süße einheimische Limonaden - ohne dass ich Gewichtsprobleme bekam.
      ich hatte sozusagen beschlossen "Ferien vom Ich" zu machen. Ich war nie zufrieden mit mir, wie ich war ( nicht nur äußerlich nicht, sondern auch innrerlich) - jetzt bekam ich die Chance, mich " neu zu erfinden".
      Ich wollte mutig, abenteuerlustig, witzig sein - einen gewissen Schönheitsbonus hatte ich als blonde "gringa" ohnehin - und schaffte es tatsächlich, die Esszwänge zu ignorieren.
      Leider holte mich hier das alte "Ich" wieder ein, als ich wieder in Deutschland war. Ich wurde psychisch krank, bekam Neuroleptika - und durch diese Medikamente in wenigen Monaten eine Gewichtszunahme von 50 kg. Ich war so geschockt, angeekelt und entsetzt über mich selbst- und rauschte voll wieder in die Essstörung.
      Seitdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht kontrolliert esse - ich bleibe dick.
      Das kontrollierte Essen löst bei mir FA aus. - ein einziger Teufelskreis.
      Das anorektische Denken, die kleine böse Stimme, ist wieder da.

      ich habe schon mehrere Male versucht mit Ärzten über das Problem zu sprechen, aber außer "Essen Sie weniger und bewegen Sie sich mehr"
      nichts gehört, befürchte sogar, es gibt gar keine Lösung. :(

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • gleich mal abonniert. Ist total spannend zu lesen.

      Moin erstmal,

      Lisa, die Lösung liegt in deinem Beitrag. ;)

      Deutschland ist nicht Südamerika, nüch? MIr schwant, dir fehlt die Herausforderung, das Aktive, das atemberaubende Leben. Blond sind wir hier in D, mehr oder weniger alle. Das fällt nicht auf, nüch ?

      Du brauchst ein pulsierendes Leben. Das füllt dich aus und sättigt dich.
      Vielleicht hilft es dir, hier in D, etwas mehr Abenteuer zu suchen und zu finden. Wie auch immer das aussieht. Das wünsche ich dir.
      Oder aber du solltest dich fragen, warum du dieses aufregende Leben brauchst. War deine Kindheit evtl. auch so aufregend?

      Ansonsten, finde ich es deshalb hier so spannend, weil man sehr wohl genau lesen kann, das egal welche Essstörung vorliegt, das Problem fast das Gleiche ist. Alles hat einen "tieferen" Sinn. ;)

      Vielen Dank für den Tipp mit der Sanchez.
      [CENTER][SIZE=1]But if nobody loves you
      And you feel like dust
      On an empty shelve
      Just remember
      You can love yourself

      (Keb'Mo' aus dem Song:"You can love yourself")



      [/SIZE]
      [/CENTER]
    • Ja, liebe Conny, hast absolut Recht.

      ich bin hier leider nach nur 4 Jahren so massiv psychisch und körperlich erkrankt, das ich das reinste Wrack bin.

      Das heißt, mein altes buntes Leben bekomme ich nicht zurück.
      ich habe aber auch noch kein neues gefunden.

      Hänge ziemlich in einem Loch - und dieses Loch schließe ich mit Essen :eek:

      und dann schäme ich mich dafür und faste wieder

      dann kommt ein FA und so weiter....

      du hast Recht, das hinter jeder Essstörung eine Geschichte steckt.

      Daher greifen so Ratschläge wie: "Weniger essen und Sport treiben!"
      überhaupt nicht,

      denn genau das ist es ja, was ich nicht kann.

      liebe Grüße Lisa
      Für jedes komplexe Problem
      gibt es immer eine einfache Antwort,
      die klar ist, einleuchtend und falsch.


      H.L. Mencken
    • @claudiathomas

      Oh - danke, für den Tip.
      Da mache ich mich doch direkt mal über die Sendezeiten schlau. Ich mochte die Art von Maria Sanchez schon in dem Interview, das ich mal auf einer Internetseite über Essstörungen gesehen habe. Sehr warmherzig und liebevoll.

      Was zu beschreibst -mit der Angst vor dem ausgeschimpft werden- kann ich sehr gut verstehen. Da ziehe ich direkt Paralellen zu meiner Kindheit und es macht für mich dann auch Sinn, wenn ich heute von mir sage, nicht auffallen zu wollen. Klar, wer soll mit mir schimpfen? Ich bin ja erwachsen. Aber so gewisse Dinge sind und bleiben eben leider drin. Das ist mit großer Sicherheit eine Nuance.

      @Lisa Cortez
      Klar, neue Situation, neue Umstände - keine Zeit für das alte Denken.
      Gemeine Menschen würden das begründen mit "Du hast zu viel Zeit, dir Gedanken um Essen und Figur zu machen. Hättest du nicht so viel Langeweile, sondern mehr um die Ohren, würdest du dich mit so einem Quatsch nicht abgeben." Böser O-Ton, den ich so schon zu hören bekam. Letztlich ist sicher etwas Wahres dran. Trotzdem natürlich alles andere als ein empathischer Weg, derlei auszudrücken. Das dazu.

      Versuchst du denn hin und wieder, aus dem Denken auszubrechen bzw. "tust" du irgendetwas dafür? Oder hast du den Glauben aufgegeben, jemals gesund zu werden? Diese Gedanken mit der Kontrolle und dem trotzdem (fr)essen - wie gut ich das kenne. Aber das habt ihr ja schon gelesen. Kontrolle bringt gar nichts. Kontrolle macht Druck und wie reagieren essgestörte Menschen wie wir auf den Druck? Eben. Da hilft auch kein wohlmeinendes "dann hör doch auf zu zählen". Haha... mehr fällt mir dazu nicht ein. Es ist so traurig, aus diesem Teufelskreis, dieser furchtbaren Spirale, die einem das Leben so eng macht, nicht herauszukommen.
      Ich finde, du solltest nicht aufgeben. Du musst es dir wert sein, weiter zu machen. Irgendwann findet sich ein Weg. Das kann doch nicht alles sein, worauf wir unsere Leben konzentrieren. Dabei geht so viel Lebensfreude und -qualität flöten. Gerade dieses Gefühl davon, dass man meint, man sei in der Sackgasse am Ende angekommen und findet nie einen Weg weiter, macht so viel kaputt. :( Ich wünsche dir wirklich von ganzem Herzen, dass du diesen Weg findest.


      Ich schätze, das Grundproblem ist immer in irgendeiner Weise das Gleiche. Das Leben an sich füllt die Menschen mit Essstörung nicht aus oder es füllt sie zu sehr, es überfordert. Die Einen kompensieren mit Drogen, die Anderen mit Sex, wieder Andere mit Essen oder nicht-Essen. Das Ding ist wohl einfach die fehlende Selbstakzeptanz und -liebe (weswegen ich ja hier bin - um genau das zu lernen). Im Augenblick fühle ich mich auf einem halbwegs guten, weil neuen, Weg. An anderer Stelle hier im Forum, bei den Buchtipps, hatte ich ja bereits erwähnt, welches Buch ich im Moment lese ("Ich fülle mein hungrigers Herz mit Liebe statt mit Nahrung"). Das in Kombination mit dem, was ich hier lese und meinem eigenen Leidensdruck, der in letzter Zeit verstärkt da war, haben mich dazu gebracht, das Wagnis einzugehen, und aufzuhören. Aufhören mit Zählen, aufhören mit Druck. Wofür auch? Letztlich geht es mir nicht darum, dünn zu sein, sondern mich selbst anzunehmen. Wenn ich mich zurück erinnere habe ich das in dünn und knorrig nie getan, in dick ebenso wenig, aktuell in normalgewichtig auch nicht. Wann also, wenn nicht jetzt? Zwischenstand ist, dass ich seit 4 Tagen nichts mehr gezählt, sondern einfach gegessen habe, was ich wollte, wann und solange, bis es genug war. Die kleine anorektische Stimme ist erstaunlich ruhig, wenn auch nicht still. Aber es fühlt sich nach dieser kurzen Zeit schon befreiend an. Obgleich mir natürlich klar ist, dass es nicht immer so ein Hoch bleiben wird. Schlechte Tage gehören sicher dazu. Aber die gibt es bei nicht essgestörten Menschen genauso. Deswegen verbuddeln die sich nicht auch gleich oder leben irgendein Extrem aus. Deshalb: weiterfahren, beobachten und lernen. :daumen:
    • claudiathomas schrieb:



      Traumatherapie klingt so dramatisch, aber ich habe kein Trauma im klassischen Sinn. Es ist vielleicht eher die Summe von kleinen Situationen, die ich als Kind nicht gut verarbeiten konnte.

      Das nennt man "kumulative Traumata" und kann in der Auswirkung genau das selbe machen wie ein "großes" Trauma.

      Die Traumatherapie "kennt" diese Form schon seit 1963 (Khan) [meine ich].

      Tante Google und Verwandte finden unter dem Begriff ganz viel. Nur so als Einschub.
      [Body] Shaming doesn’t make people thin, or healthy. It just makes them hurt.
      [SIZE=1](Miss Rosie, Blogger)[/SIZE]
    • Meine Traumatherapeutin nannte es heute "Entwicklungstrauma". Wir haben intensiv daran gearbeitet, warum ich unter so einem starken innerlichen Druck stehe (Ergänzung: hier geht es um den Druck alles möglichst gut zu machen, das betrifft vor allem die Kinderversorung/Haushaltsführung). Früher habe ich diesen Druck gar nie wahrgenommen. Ich mußte erst einige "Schichten" darüber abtragen bzw. erst einmal stabil genug werden, damit meine Psyche überhaupt zulassen kann, dass ich den Druck wahrnehme.

      An diesem Punkt bin ich sehr froh meine Therapeutin an der Seite zu haben, die mir zeigt wie ich in meinem Körper Stabilität finden kann, so dass ich von der Stabilität ausgehend immer wieder ganz vorsichtig zu der bedrohlichen Situation pendeln kann.
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]

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    • @Asphyxia
      Obwohl ich heute erwachsen bin, ist es für mich mit die bedrohlichste Situation, wenn andere Menschen sauer (auf mich) sind. Oder auch nur abweisend.
      Ich kann mich hier noch nicht so gut schützen, es geht alles noch weitgehend ungefiltert durch. Dann bin ich wieder die 4-jährige, die "stirbt" (im Körper ist das dieser Schockzustand der Gefühllosigkeit, den Jungtiere bei Gefahr einnehmen, da sie weder fliehen noch sich wehren können, und es bewahrt sie vor dem Schmerz beim Getötet werden).

      Um zu vermeiden, dass andere sauer auf mich werden und dieser so bedrohliche Zustand eintritt, habe ich schon als Kind extrem feine Antennen dafür entwickelt wie die Stimmung ist und von wo "Gefahr" drohen könnte. Um dann so zu handeln, dass ich möglichst kein Ärgernis errege. Das ist ein enorm kraftaufwändiger Spannungszustand, der mich besonders im Berufsalltag begleitet. Und der Grund warum zu Hause dann die totale Erschöpfung und der Eßdruck kommen.

      Inzwischen kann ich mich dank Traumatherapie aber schon wenigstens in Anwesenheit freundlicher Menschen weitgehend sicher fühlen.
      "Kurz" kann ich nicht. ;)

      [SIZE=1]Von claudiathomas[/SIZE]

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