Solitude
31.10.2005, 01:06
Ich muss sagen, dass ich bestürzt bin wie selbstgerecht und geradezu destruktiv hier mit der Tatsache umgegangen wird, dass sich jemand nach schweren Zeiten mit therapeutischer Hilfe von seiner Essstörung gelöst hat.
Da es sich bei den Hauptkritikern um Leute handelt, die offenkundig des Lesens und Schreibens sehr gut mächtig sind frage ich mich – und auch die Betreiber dieses Forums – ob das in Ordnung sein kann.
Ich war mindestens 30 Jahre essgestört. Ich beschäftige mich seit ungefähr 20 Jahren in Eigenhilfe mit diesem Thema – habe sehr viel theoretische Vorarbeit geleistet als ich mich endlich – dank einer Empfehlung aus einem Dickenforum – an eine Therapeutin wende, mit der ich arbeiten kann.
Schlag auf Schlag verändern sich die Dinge. Sie sagt mir heute, dass sie die ungeheuere Verantwortung gespürt hat als ich gleich nach den ersten Sitzungen beginne, Dinge in meinem privaten Umfeld zu verändern, anzugehen.
Es ist als hätte ich auf einen Startschuss gewartet. Ich spüre den Draht zwischen ihr und mir, das erste Mal in meinem Leben fasse ich – in meinen Grenzen – Vertrauen zu jemandem. Ich kann mit ihr arbeiten. Die Entlastung ist ungeheuer groß.
Ich setze Grenzen gerade im familiären Bereich, der für mich ein Hauptknackpunkt war. Mit ihrer Hilfe bin ich stark genug, eine echte Grenze zu setzen. Nicht nur etwas zu sagen (und nicht wirklich mit allen Konsequenzen zu meinen) sondern ich meine, was ich sage. Und es funktioniert. Ich „gewinne“ diese Auseinandersetzung. Es ist klar, was ich mit mir machen lasse und was nicht.
Stück für Stück muss ich meine miesen Gefühle nicht mehr „wegfressen“.
Meine Träume führen in das dunkelste Kapitel meiner Kindheit. Das ist schmerzhafter als ich das in Worte fassen kann. Aber auch erleichternd – so merkwürdig das klingen mag – weil ich jetzt weiß, wieso ich so bin wie ich bin.
Was mir an Urvertrauen genommen wurde. Das ich nicht daran Schuld bin, misstrauisch zu sein. Meine verkorkste Einstellung zu Männern. Und anderes mehr…
Sie hilft mir durch die schweren Wochen meiner gesundheitlichen Probleme.
Ich beginne die Verantwortung für mich zu übernehmen. Ich lerne gut zu mir zu sein. Und natürlich habe ich an diesem Punkt mich und meine Geschichte akzeptiert. Habe akzeptiert, dass ich nur Dank meiner Essstörung überlebt habe. Dass ich nicht schlecht und disziplinlos bin, sondern Überlebende einer schwierigen Kindheit.
Aber an diesem Punkt habe ich eben auch begriffen, dass ich jetzt als Erwachsene Eigenverantwortung übernehmen kann. Dass ich „die Kleine“ in mir an die Hand nehmen und führen kann. Dass ich mich jetzt selber schützen kann, dass ich meine schlechten Gefühle nicht mehr wegfressen muss, dass ich mich zur Wehr setzen kann. Dass es andere Möglichkeiten gibt mit schlechten Gefühlen und Frust umzugehen.
Und deshalb kann ich hier auch nicht weggehen und es so stehen lassen, dass diese Behauptung stimmt:
„keine Spur von Gesundung, sondern der verzweifelte Versuch, eine innere Verbesserung zu erreichen, indem man äußerlich vermeintlich "bessere" Bedingungen herstellt.“
Sally und das meinst Du daraus ableiten zu können, weil ich mich nicht darum reiße per se in einer Gruppe Dicker irgendwo aufzulaufen? Deshalb stecke ich noch tief im Selbsthass? Aber wieso Selbsthass – ICH bin doch gar nicht mehr so übergewichtig inzwischen. Also Hass auf das, was ich mal war?
Beides falsch. Ich hasse mich nicht für das, was ich mal war. Ich denke im Gegenteil, dass ich sehr stark bin, weil ich überhaupt überlebt habe. Ich finde mehr als legitim, wenn andere oder ich sich eine Schutzschicht zulegen, um unabwendbare Dinge auszuhalten.
Ich habe das Glück gehabt, jemanden zu finden, der mit mir an diesen Traumata gearbeitet hat und ich habe Wege gefunden, mich anders zu schützen. Und ich bin immer noch auf dem Weg – nicht angekommen, immer noch auf dem Weg! Aber ein gutes Stück weiter.
Und ich gebe Dir ein anderes Beispiel: eine gute Freundin von mir liebt es, sich ziemlich schrill anzuziehen. Sie ist Designerin und entwirft und näht ihre Klamotten größtenteils selbst. Ich mag sie sehr und auch ihre Verrücktheit. Und mit ihr gehe ich überall hin – egal was sie mal wieder trägt.
Aber wenn Du mich fragst, ob ich mit ihr und einer Gruppe von 20 anderen ähnlich Gekleideten (die ich nicht näher kenne und mit denen mich keine Freundschaft oder so verbindet) in die Oper gehen möchte würde ich mit NEIN antworten.
Und nein - nicht aus mangelndem Selbstbewusstsein.
Mein Selbstbewusstsein ist durchaus groß genug, dass zu tun – aber wenn ich die Wahl habe würde ich es lassen.
Ich finde diese Haltung legitim und bin ziemlich sicher, dass die meisten Leute so denken.
Um auf das Ausgangsbeispiel zurückzukommen: natürlich ertrage ich Dicke um mich herum.
Du schreibst: Schon allein aufgrund dieser Erfahrung erscheint es mir unglaubwürdig, dass ein von einer Essstörung "Gesundeter" keine Dicken mehr um sich herum erträgt.
Das habe ich auch mit keiner Silbe behauptet. Ich habe im Gegenteil geschrieben, dass meine Freunde in allen Gewichtsklassen vertreten sind. Und ich sortiere dicke Menschen auch nicht aus. Das wäre menschenverachtend und bescheuert.
Aber wenn ich doch für mich entschieden habe, nicht mehr z.B. als Dicke oder als Bodybuilder oder als modelmäßig Magere herumzulaufen, warum sollte ich mich dann ausgerechnet in einer Gruppe Dicker/Bodybuilder/Magerer wohl fühlen?
Und noch zu Dir Sopho zum Schluss. Solche Anmerkungen:
Oder mir in glühenden Farben von seiner Gesundung berichtet, während er mir ganz unbeabsichtigt noch so manches Problemfeld in der Beziehung zu sich selbst offenbart.) Solange ich nicht zum selben Selbsthass geführt werden soll, sehe ich mich da nicht zuständig.
offenbaren auch mir so manches Problemfeld bei Dir. Trotzdem würde ich Dir dies hier nicht laienpsychologisch-überheblich mitteilen.
Dies hier ist ein Selbsthilfeforum. Auch wenn Euch der von mir eingeschlagene Weg offenkundig nicht gefällt, so solltet ihr doch die Fairness behalten, Leuten, die hier mitlesen nicht zu vermitteln, dass man mit Hilfe von Therapie nicht aus der Essstörung herausfinden kann, bzw. dass die Gesundung sich nur darin manifestiert, sich (dauerhaft) als Dicke zu akzeptieren. Sich als Mensch akzeptieren, als Mensch, der Hilfe verdient, sich als wertvollen Menschen selbst zu lieben ja. Aber dann fällt jeder die Entscheidung wie er weiterleben möchte. Der eine mit seinem runden Körper, der andere mit einem weniger runden.
Und alle Entscheidungen sind möglich. Keine ist besser oder schlechter. Und anhand der getroffenen Entscheidung jemand um die Ohren zu hauen, er sei nun gesundet oder nicht finde ich fahrlässig.
Und ich finde in einem solch sensiblen Bereich wie der Essstörung es unglaublich enttäuschend, wenn in einem Selbsthilfeforum so unumwunden behauptet wird, man könne einen anderen analysieren, man könne die Tätigkeit der Therapeutin beurteilen, man könne feststellen an welchem Punkt jemand angekommen ist oder nicht.
Und ehrlich, wäre ich nicht da, wo ich heute schon stehe...hätte mich dieser gesammelte Unmut ganz schön getroffen.
Das sollte in einem Selbsthilfeforum nicht passieren. Da geht es nicht um Recht haben, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe. Dachte ich bisher jedenfalls immer;)
Deshalb würde ich mir – gerade auch für Mitleser – mehr Offenheit auch für andere Wege als die, die ihr für opportun haltet wünschen.
Solitude
P.S. Besonders gefreut habe ich mich über ein tolerantes Feedback per pn. Danke dafür...es hat mich ausserordentlich gefreut:)
Da es sich bei den Hauptkritikern um Leute handelt, die offenkundig des Lesens und Schreibens sehr gut mächtig sind frage ich mich – und auch die Betreiber dieses Forums – ob das in Ordnung sein kann.
Ich war mindestens 30 Jahre essgestört. Ich beschäftige mich seit ungefähr 20 Jahren in Eigenhilfe mit diesem Thema – habe sehr viel theoretische Vorarbeit geleistet als ich mich endlich – dank einer Empfehlung aus einem Dickenforum – an eine Therapeutin wende, mit der ich arbeiten kann.
Schlag auf Schlag verändern sich die Dinge. Sie sagt mir heute, dass sie die ungeheuere Verantwortung gespürt hat als ich gleich nach den ersten Sitzungen beginne, Dinge in meinem privaten Umfeld zu verändern, anzugehen.
Es ist als hätte ich auf einen Startschuss gewartet. Ich spüre den Draht zwischen ihr und mir, das erste Mal in meinem Leben fasse ich – in meinen Grenzen – Vertrauen zu jemandem. Ich kann mit ihr arbeiten. Die Entlastung ist ungeheuer groß.
Ich setze Grenzen gerade im familiären Bereich, der für mich ein Hauptknackpunkt war. Mit ihrer Hilfe bin ich stark genug, eine echte Grenze zu setzen. Nicht nur etwas zu sagen (und nicht wirklich mit allen Konsequenzen zu meinen) sondern ich meine, was ich sage. Und es funktioniert. Ich „gewinne“ diese Auseinandersetzung. Es ist klar, was ich mit mir machen lasse und was nicht.
Stück für Stück muss ich meine miesen Gefühle nicht mehr „wegfressen“.
Meine Träume führen in das dunkelste Kapitel meiner Kindheit. Das ist schmerzhafter als ich das in Worte fassen kann. Aber auch erleichternd – so merkwürdig das klingen mag – weil ich jetzt weiß, wieso ich so bin wie ich bin.
Was mir an Urvertrauen genommen wurde. Das ich nicht daran Schuld bin, misstrauisch zu sein. Meine verkorkste Einstellung zu Männern. Und anderes mehr…
Sie hilft mir durch die schweren Wochen meiner gesundheitlichen Probleme.
Ich beginne die Verantwortung für mich zu übernehmen. Ich lerne gut zu mir zu sein. Und natürlich habe ich an diesem Punkt mich und meine Geschichte akzeptiert. Habe akzeptiert, dass ich nur Dank meiner Essstörung überlebt habe. Dass ich nicht schlecht und disziplinlos bin, sondern Überlebende einer schwierigen Kindheit.
Aber an diesem Punkt habe ich eben auch begriffen, dass ich jetzt als Erwachsene Eigenverantwortung übernehmen kann. Dass ich „die Kleine“ in mir an die Hand nehmen und führen kann. Dass ich mich jetzt selber schützen kann, dass ich meine schlechten Gefühle nicht mehr wegfressen muss, dass ich mich zur Wehr setzen kann. Dass es andere Möglichkeiten gibt mit schlechten Gefühlen und Frust umzugehen.
Und deshalb kann ich hier auch nicht weggehen und es so stehen lassen, dass diese Behauptung stimmt:
„keine Spur von Gesundung, sondern der verzweifelte Versuch, eine innere Verbesserung zu erreichen, indem man äußerlich vermeintlich "bessere" Bedingungen herstellt.“
Sally und das meinst Du daraus ableiten zu können, weil ich mich nicht darum reiße per se in einer Gruppe Dicker irgendwo aufzulaufen? Deshalb stecke ich noch tief im Selbsthass? Aber wieso Selbsthass – ICH bin doch gar nicht mehr so übergewichtig inzwischen. Also Hass auf das, was ich mal war?
Beides falsch. Ich hasse mich nicht für das, was ich mal war. Ich denke im Gegenteil, dass ich sehr stark bin, weil ich überhaupt überlebt habe. Ich finde mehr als legitim, wenn andere oder ich sich eine Schutzschicht zulegen, um unabwendbare Dinge auszuhalten.
Ich habe das Glück gehabt, jemanden zu finden, der mit mir an diesen Traumata gearbeitet hat und ich habe Wege gefunden, mich anders zu schützen. Und ich bin immer noch auf dem Weg – nicht angekommen, immer noch auf dem Weg! Aber ein gutes Stück weiter.
Und ich gebe Dir ein anderes Beispiel: eine gute Freundin von mir liebt es, sich ziemlich schrill anzuziehen. Sie ist Designerin und entwirft und näht ihre Klamotten größtenteils selbst. Ich mag sie sehr und auch ihre Verrücktheit. Und mit ihr gehe ich überall hin – egal was sie mal wieder trägt.
Aber wenn Du mich fragst, ob ich mit ihr und einer Gruppe von 20 anderen ähnlich Gekleideten (die ich nicht näher kenne und mit denen mich keine Freundschaft oder so verbindet) in die Oper gehen möchte würde ich mit NEIN antworten.
Und nein - nicht aus mangelndem Selbstbewusstsein.
Mein Selbstbewusstsein ist durchaus groß genug, dass zu tun – aber wenn ich die Wahl habe würde ich es lassen.
Ich finde diese Haltung legitim und bin ziemlich sicher, dass die meisten Leute so denken.
Um auf das Ausgangsbeispiel zurückzukommen: natürlich ertrage ich Dicke um mich herum.
Du schreibst: Schon allein aufgrund dieser Erfahrung erscheint es mir unglaubwürdig, dass ein von einer Essstörung "Gesundeter" keine Dicken mehr um sich herum erträgt.
Das habe ich auch mit keiner Silbe behauptet. Ich habe im Gegenteil geschrieben, dass meine Freunde in allen Gewichtsklassen vertreten sind. Und ich sortiere dicke Menschen auch nicht aus. Das wäre menschenverachtend und bescheuert.
Aber wenn ich doch für mich entschieden habe, nicht mehr z.B. als Dicke oder als Bodybuilder oder als modelmäßig Magere herumzulaufen, warum sollte ich mich dann ausgerechnet in einer Gruppe Dicker/Bodybuilder/Magerer wohl fühlen?
Und noch zu Dir Sopho zum Schluss. Solche Anmerkungen:
Oder mir in glühenden Farben von seiner Gesundung berichtet, während er mir ganz unbeabsichtigt noch so manches Problemfeld in der Beziehung zu sich selbst offenbart.) Solange ich nicht zum selben Selbsthass geführt werden soll, sehe ich mich da nicht zuständig.
offenbaren auch mir so manches Problemfeld bei Dir. Trotzdem würde ich Dir dies hier nicht laienpsychologisch-überheblich mitteilen.
Dies hier ist ein Selbsthilfeforum. Auch wenn Euch der von mir eingeschlagene Weg offenkundig nicht gefällt, so solltet ihr doch die Fairness behalten, Leuten, die hier mitlesen nicht zu vermitteln, dass man mit Hilfe von Therapie nicht aus der Essstörung herausfinden kann, bzw. dass die Gesundung sich nur darin manifestiert, sich (dauerhaft) als Dicke zu akzeptieren. Sich als Mensch akzeptieren, als Mensch, der Hilfe verdient, sich als wertvollen Menschen selbst zu lieben ja. Aber dann fällt jeder die Entscheidung wie er weiterleben möchte. Der eine mit seinem runden Körper, der andere mit einem weniger runden.
Und alle Entscheidungen sind möglich. Keine ist besser oder schlechter. Und anhand der getroffenen Entscheidung jemand um die Ohren zu hauen, er sei nun gesundet oder nicht finde ich fahrlässig.
Und ich finde in einem solch sensiblen Bereich wie der Essstörung es unglaublich enttäuschend, wenn in einem Selbsthilfeforum so unumwunden behauptet wird, man könne einen anderen analysieren, man könne die Tätigkeit der Therapeutin beurteilen, man könne feststellen an welchem Punkt jemand angekommen ist oder nicht.
Und ehrlich, wäre ich nicht da, wo ich heute schon stehe...hätte mich dieser gesammelte Unmut ganz schön getroffen.
Das sollte in einem Selbsthilfeforum nicht passieren. Da geht es nicht um Recht haben, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe. Dachte ich bisher jedenfalls immer;)
Deshalb würde ich mir – gerade auch für Mitleser – mehr Offenheit auch für andere Wege als die, die ihr für opportun haltet wünschen.
Solitude
P.S. Besonders gefreut habe ich mich über ein tolerantes Feedback per pn. Danke dafür...es hat mich ausserordentlich gefreut:)