Kirstin
17.10.2005, 13:28
Das Verhältnis zu meiner Mutter ist von einem immerwährenden Kampf um Anerkennung geprägt. Ich glaube, meine Mutter war nur einmal im Leben wirklich stolz: als ich eingeschult wurde. Denn obwohl ich nicht die Erstgeborene bin, bin ich doch das erste Kind, das schulfähig war.
Von da an kämpfte ich. Und zwar um Anerkennung, um Aufmerksamkeit. Gute Leistungen in der Schule waren Pflicht, kein Grund, gelobt zu werden. Für schlechte Leistungen gabe es Rüffel (am schlimmsten war mal eine 3 in Mathe, auch wenn meine Mutter heute sagt, dass es weniger die 3 als meine Einstellung "na und?" war, die sie wütend gemacht hat. Letztlich war meine Einstellung aber absolut korrekt. Denn ich wusste, das würde ich in der nächsten Arbeit wieder ausbügeln). Einen totalen Anschiss bekam ich, als meine Mutter meinen Berufswunsch mit 12/13 erfuhr (übrigens über die Schule, meine Klassenlehrerin hatte alle Schüler nach ihren Berufswünschen befragt und den Eltern dies am Elternabend mitgeteilt): Ich wollte Straßenbahnfahrerin werden. Noch heute liebe ich Tram fahren, stehe am liebsten so, dass ich sehen kann, was der Fahrer tut.
Nachdem mein jüngerer Bruder (meiner Mutter Lieblingskind, auch wenn sie dies vehement bestreitet) zur Schule kam, kramte ich jedes Jahr meine 4 Jahre alten Zeugnisse raus und verglich mich mit ihm. Immer verglich ich mich mit ihm - heute noch. Er hatte immer die besseren Noten (wobei ich nicht schlecht war, streckenweise war ich sogar Klassenbeste), er spielte Schach im Verein und war da erfolgreich (ich schwamm nur, aber keine Wettkämpfe, dafür war ich nicht gut genug), er war schlank und ich war dick. Die Vorwürfe meiner Mutter sind endlos:
Ich hätte meinem Bruder die Freunde ausgespannt (naja, es war genau eine Freundin, vielmehr eine Klassenkameradin von ihm, die in unserem Haus wohnte und die gern mit mir befreundet sein wollte), letztens war sie der Meinung, ich hätte ihm die Hochzeit verdorben (weil ich fast den ganzen Tag geheult habe, mein Bruder meint aber, ich solle mir da keine Gedanken machen, für ihn und seine Frau war der Tag wunderschön und sie wussten mich mit meinem Kummer bei meiner Schwester in guten Händen), ich habe ihn immer erziehen wollen (welches ältere Geschwisterkind tut das nicht?) usw. Klar, ich habe meinen Bruder auch geärgert, habe ihn gehasst dafür, dass er das beliebte Kind war und ich nicht gegen ihn ankam. Ich hatte keine Chance.
Dann kam meine Schwester und zum ersten Mal ging einer meiner Wünsche in Erfüllung: eine Schwester. Und ich liebte sie wie nichts anderes auf der Welt. Und in dieser Zeit wurde ich wirklich dick. War ich vorher pummelig, ab 12 wurde ich fett. Im Schnitt nahm ich 10 kg pro Jahr zu, nahm das aber nicht wahr. Ich war ja in meinen Augen immer dick gewesen, dass ich jetzt dicker war als früher - das war mir nicht bewusst. Meine Mutter versuchte alles - Verbote, Apelle an meine Vernunft ("Du bist so ein intelligentes Mädchen, aber immer, wenn Du was zu Essen siehst, setzt Dein Verstand aus."), schlechte Vorbilder (sie zeigte mir immer eine Frau, die in unserer Gegend wohnte, welche nach meiner heutigen Erkenntnis auch an irgendeiner Erkrankung litt, aber für meine Mutter waren auch alle Dicken nur verfressen, schließlich war sie selber dick und versuchte alle Nase lang, per Saft-Diät, ein paar Kilo zu verlieren, diese Frau war jedenfalls sehr dick und diese Vorträge endeten meist mit den Worten "So dick wie die willst Du doch mal nicht werden, oder?" Damals war ich 7 oder 8 und wog 5-10 kg zu viel...) - sie versuchte im Laufe der Jahre wirklich alles. Dass ich vielleicht aus anderen Gründen esse, kam ihr nie in den Sinn.
Mit 18 machte ich unter ärztlicher Aufsicht die wohl schlimmste "Diät" meines Lebens: 300 kcal täglich. Nach 4 wochen Klinik machte ich daheim weiter, nach einer Not-OP (die damit nichts zu tun hatte) lebte ich wochenlang von 1000 kcal am Tag. Aber dies war nicht schnell genug, ich wollte wieder auf Station und so kam ich noch mal auf die Station zu 300 kcal täglich, aber das Gewicht sank nur spärlich, so dass ich vom Stationsarzt auf eine wechseltägliche Nulldiät gesetzt wurde (ein Tag 300 kcal Flüssignahrung, den nächsten nix und das im Wechsel). Nach insgesamt 9 Monaten war ich 40 kg und meinen Verstand los. Ich war die "erste dicke Magersüchtige", die mein Bruder kannte. Es drehte sich alles nur noch ums Essen bzw. nichtessen. Kurze Zeit später erlitt ich einen Zusammenbruch in dessen Folge mein Gewicht wieder stieg. Nach 3 Jahren waren die 40 kg wieder da. Ohne Freunde! Immerhin. Zu der Zeit lernte ich dann meinen Mann kennen.
Irgendwann später schaute meine Mutter alte Fotos aus der Zeit an und entdeckte eines aus der Klinik - ich mit ca. 84 kg. "Ach, damals warst Du schön schlank, warum musstest Du denn wieder zunehmen." Meine patzige Antwort lautete nur: "Dann hätte ich aber D. nicht kennengelernt."
Und dies, genau dies, schmierte sie mir doch neulich mal wieder aufs Brot. "Du bist ja auch noch stolz drauf, so fett zu sein. Dir macht es ja Spaß, zuzunehmen." Auf meine Bemerkung hin, dass sie nichts, aber auch gar nichts verstehe oder je verstanden habe, kam dann dieses Beispiel. Ich würde ja nichts tun, um abzunehmen. Da habe ich dann echt geheult und sie gefragt, ob sie wisse, wie es sei, wenn man alles mögliches versucht und nichts hilft. Wenn man wochenlang hungert und dann doch nichts runter geht. Wenn man bei den Weight Watchers jede Woche voller Angst auf die Waage steigt (und dafür auch noch 10 € bezahlt - was für eine kranke Welt) und betet, es sei nicht mehr geworden - obwohl man sich streng an die Vorgaben und seine Points hält.
Meine Mutter hat in all den Jahren nichts verstanden. Sie weist jegliche Mitschuld von sich, alles, alles wäre meine Schuld. Ich habe immer nur gefressen, gefressen und gefressen. Niemals hat sie nach dem Warum? gefragt. Und fragt es auch heute nicht. Auch bei meiner Schwester, die zwar nicht dick, aber dafür psychisch so angeschlagen ist, dass sie selbst verzweifelt, weist meine Mutter jede Schuld von sich. Meine Schwester sei selbst schuld, sie habe ja niemals was gesagt.
Verdammt, warum kann meine Mutter nicht einsehen, dass auch sie maßgeblich meine Kindheit und die meiner Schwester mit geprägt hat und dass wir unter der (von ihr verleugneten) Bevorzugung unseres Bruders gelitten haben.
Ich liebe meine Mutter, aber wenn sie mich auf mein Gewicht anspricht, dann kommt all dieser Unmut, diese Wut und diese Trauer wieder in mir hoch. Und wenn ich sehe, wie meine Schwester leidet, dann werde ich richtig wütend. Der lachende Dritte ist - wie immer - mein Bruder. Zum Glück, Gott sei Dank, ist er nicht der Typ, der das ausnutzt.
Vielleicht ist es ganz gut, dass ich keine Kinder habe, denn ich weiß nicht, ob ich für meine Kinder eine gerechte Mutter sein könnte.
Kirstin
Von da an kämpfte ich. Und zwar um Anerkennung, um Aufmerksamkeit. Gute Leistungen in der Schule waren Pflicht, kein Grund, gelobt zu werden. Für schlechte Leistungen gabe es Rüffel (am schlimmsten war mal eine 3 in Mathe, auch wenn meine Mutter heute sagt, dass es weniger die 3 als meine Einstellung "na und?" war, die sie wütend gemacht hat. Letztlich war meine Einstellung aber absolut korrekt. Denn ich wusste, das würde ich in der nächsten Arbeit wieder ausbügeln). Einen totalen Anschiss bekam ich, als meine Mutter meinen Berufswunsch mit 12/13 erfuhr (übrigens über die Schule, meine Klassenlehrerin hatte alle Schüler nach ihren Berufswünschen befragt und den Eltern dies am Elternabend mitgeteilt): Ich wollte Straßenbahnfahrerin werden. Noch heute liebe ich Tram fahren, stehe am liebsten so, dass ich sehen kann, was der Fahrer tut.
Nachdem mein jüngerer Bruder (meiner Mutter Lieblingskind, auch wenn sie dies vehement bestreitet) zur Schule kam, kramte ich jedes Jahr meine 4 Jahre alten Zeugnisse raus und verglich mich mit ihm. Immer verglich ich mich mit ihm - heute noch. Er hatte immer die besseren Noten (wobei ich nicht schlecht war, streckenweise war ich sogar Klassenbeste), er spielte Schach im Verein und war da erfolgreich (ich schwamm nur, aber keine Wettkämpfe, dafür war ich nicht gut genug), er war schlank und ich war dick. Die Vorwürfe meiner Mutter sind endlos:
Ich hätte meinem Bruder die Freunde ausgespannt (naja, es war genau eine Freundin, vielmehr eine Klassenkameradin von ihm, die in unserem Haus wohnte und die gern mit mir befreundet sein wollte), letztens war sie der Meinung, ich hätte ihm die Hochzeit verdorben (weil ich fast den ganzen Tag geheult habe, mein Bruder meint aber, ich solle mir da keine Gedanken machen, für ihn und seine Frau war der Tag wunderschön und sie wussten mich mit meinem Kummer bei meiner Schwester in guten Händen), ich habe ihn immer erziehen wollen (welches ältere Geschwisterkind tut das nicht?) usw. Klar, ich habe meinen Bruder auch geärgert, habe ihn gehasst dafür, dass er das beliebte Kind war und ich nicht gegen ihn ankam. Ich hatte keine Chance.
Dann kam meine Schwester und zum ersten Mal ging einer meiner Wünsche in Erfüllung: eine Schwester. Und ich liebte sie wie nichts anderes auf der Welt. Und in dieser Zeit wurde ich wirklich dick. War ich vorher pummelig, ab 12 wurde ich fett. Im Schnitt nahm ich 10 kg pro Jahr zu, nahm das aber nicht wahr. Ich war ja in meinen Augen immer dick gewesen, dass ich jetzt dicker war als früher - das war mir nicht bewusst. Meine Mutter versuchte alles - Verbote, Apelle an meine Vernunft ("Du bist so ein intelligentes Mädchen, aber immer, wenn Du was zu Essen siehst, setzt Dein Verstand aus."), schlechte Vorbilder (sie zeigte mir immer eine Frau, die in unserer Gegend wohnte, welche nach meiner heutigen Erkenntnis auch an irgendeiner Erkrankung litt, aber für meine Mutter waren auch alle Dicken nur verfressen, schließlich war sie selber dick und versuchte alle Nase lang, per Saft-Diät, ein paar Kilo zu verlieren, diese Frau war jedenfalls sehr dick und diese Vorträge endeten meist mit den Worten "So dick wie die willst Du doch mal nicht werden, oder?" Damals war ich 7 oder 8 und wog 5-10 kg zu viel...) - sie versuchte im Laufe der Jahre wirklich alles. Dass ich vielleicht aus anderen Gründen esse, kam ihr nie in den Sinn.
Mit 18 machte ich unter ärztlicher Aufsicht die wohl schlimmste "Diät" meines Lebens: 300 kcal täglich. Nach 4 wochen Klinik machte ich daheim weiter, nach einer Not-OP (die damit nichts zu tun hatte) lebte ich wochenlang von 1000 kcal am Tag. Aber dies war nicht schnell genug, ich wollte wieder auf Station und so kam ich noch mal auf die Station zu 300 kcal täglich, aber das Gewicht sank nur spärlich, so dass ich vom Stationsarzt auf eine wechseltägliche Nulldiät gesetzt wurde (ein Tag 300 kcal Flüssignahrung, den nächsten nix und das im Wechsel). Nach insgesamt 9 Monaten war ich 40 kg und meinen Verstand los. Ich war die "erste dicke Magersüchtige", die mein Bruder kannte. Es drehte sich alles nur noch ums Essen bzw. nichtessen. Kurze Zeit später erlitt ich einen Zusammenbruch in dessen Folge mein Gewicht wieder stieg. Nach 3 Jahren waren die 40 kg wieder da. Ohne Freunde! Immerhin. Zu der Zeit lernte ich dann meinen Mann kennen.
Irgendwann später schaute meine Mutter alte Fotos aus der Zeit an und entdeckte eines aus der Klinik - ich mit ca. 84 kg. "Ach, damals warst Du schön schlank, warum musstest Du denn wieder zunehmen." Meine patzige Antwort lautete nur: "Dann hätte ich aber D. nicht kennengelernt."
Und dies, genau dies, schmierte sie mir doch neulich mal wieder aufs Brot. "Du bist ja auch noch stolz drauf, so fett zu sein. Dir macht es ja Spaß, zuzunehmen." Auf meine Bemerkung hin, dass sie nichts, aber auch gar nichts verstehe oder je verstanden habe, kam dann dieses Beispiel. Ich würde ja nichts tun, um abzunehmen. Da habe ich dann echt geheult und sie gefragt, ob sie wisse, wie es sei, wenn man alles mögliches versucht und nichts hilft. Wenn man wochenlang hungert und dann doch nichts runter geht. Wenn man bei den Weight Watchers jede Woche voller Angst auf die Waage steigt (und dafür auch noch 10 € bezahlt - was für eine kranke Welt) und betet, es sei nicht mehr geworden - obwohl man sich streng an die Vorgaben und seine Points hält.
Meine Mutter hat in all den Jahren nichts verstanden. Sie weist jegliche Mitschuld von sich, alles, alles wäre meine Schuld. Ich habe immer nur gefressen, gefressen und gefressen. Niemals hat sie nach dem Warum? gefragt. Und fragt es auch heute nicht. Auch bei meiner Schwester, die zwar nicht dick, aber dafür psychisch so angeschlagen ist, dass sie selbst verzweifelt, weist meine Mutter jede Schuld von sich. Meine Schwester sei selbst schuld, sie habe ja niemals was gesagt.
Verdammt, warum kann meine Mutter nicht einsehen, dass auch sie maßgeblich meine Kindheit und die meiner Schwester mit geprägt hat und dass wir unter der (von ihr verleugneten) Bevorzugung unseres Bruders gelitten haben.
Ich liebe meine Mutter, aber wenn sie mich auf mein Gewicht anspricht, dann kommt all dieser Unmut, diese Wut und diese Trauer wieder in mir hoch. Und wenn ich sehe, wie meine Schwester leidet, dann werde ich richtig wütend. Der lachende Dritte ist - wie immer - mein Bruder. Zum Glück, Gott sei Dank, ist er nicht der Typ, der das ausnutzt.
Vielleicht ist es ganz gut, dass ich keine Kinder habe, denn ich weiß nicht, ob ich für meine Kinder eine gerechte Mutter sein könnte.
Kirstin