Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zivilcourage
Dralle Deern
23.09.2009, 08:43
Ein Thema, das uns in letzter Zeit wieder einmal mehr beschäftigen sollte. In München wurde ein Mann, der bedrohten Kindern helfen wollte, von den Angreifern zu Tode geprügelt. In Pforzheim wurde ein Mann, der einem älteren Mann beistand, als dieser von jugendlichen Mädchen angegriffen wurde, von diesen zusammen geschlagen und schwer verletzt. In beiden Fällen waren offenbar genug andere anwesend, die diese folgenschweren Eskalationen vielleicht hätten verhindern können.
Gerade sah ich einen Bericht über dieses Thema. Es wurden mit versteckter Kamera Szenen gedreht, in denen ein Mann jeweils ein junges Mädchen angreift. Einige Situationen wirkten wohl auf die Beobachter eher harmlos, etwa als der Mann ein neunjähriges Mädchen ansprach und mit zum Eiswagen nahm. Dass er der Vater des Mädchens war, wusste niemand. Auf die Situation angesprochen antworteten einige Beobachterinnen, sie hätten sich auch gerade gefragt, ob das der gute oder der böse Onkel war.
Richtig krass war die Szene, als die Situation so aussah, als wolle er eine Jugendliche vergewaltigen. Die beiden befanden sich unter einer Fußgängerbrücke, scheinbar würgte er die junge Frau, die lauthals um Hilfe schrie. Ein Passant drehte sich aufgrund der Schreie um, sah sich die Szene kurz an und ging weiter. Auf die Frage, warum er nichts unternommen habe, sagte, er habe nichts gesehen. Man machte ihn drauf aufmerksam, dass er sich umgedreht habe, aber meinte, er kann nicht gut hören. Eine Passantin stand auf der Treppe und beobachtete minutenlang die Szene, ohne zumindest die Polizei anzurufen. Als sie vom Kamerateam gefragt wurde, warum sie da so steht und nichts macht, meinte sie, er habe dem Mädchen ja nichts getan. Zwei junge Männer kamen ebenfalls vorbei, einer ging auch direkt in die Szene rein, aber als der vermeindliche Angreifer sagte, er könne weitergehen, das Mädchen zicke nur ein bisschen rum, ging er tatsächlich wieder weg.
Ob man in bestimmten Situationen selbst dazwischen geht, hängt sicher von der jeweiligen Situation und der körperlichen Konstitution des Einzelnen ab. Aber eines können wir alle tun: die Polizei rufen und andere auf die Szene aufmerksam machen und auffordern, zu helfen.
In München hatte der Mann selbst ja schon während der Fahrt die Polizei gerufen - die kamen leider erst, als es schon zu spät war.
Die Notrufsäulen waren zwar vor 5 Jahren installiert, aber nie angeschlossen worden.
Fraglich also, ob es überhaupt was gebracht hätte anzurufen?
Eingreifen würde ich persönlich nicht, ich hänge zu sehr an meinem Leben, als dass ich mich ein paar kranken Schlägern als Punchingball zur Verfügung stellen würde.
Anrufen klar, nur wenn es dann Stunden dauert, bis die Herren in Grün mal auftauchen ...
Ich halte von diesen gefakten Angriffsszenen übrigens nix. Könnte mir durchaus vorstellen, dass immer mehr Leute denken, dass eh nur wieder 'ne versteckte Kamera wartet und deswegen nicht eingreifen ...
So wie früher beim Feueralarm in der Schule - anfangs war das noch irre aufregend und jeder verließ so schnell wie möglich das Gebäude, in den oberen Schulklassen wären wir im Ernstfall wohl alle verbrannt, weil es keiner mehr ernstgenommen hat.
Ich halte von diesen gefakten Angriffsszenen übrigens nix. Könnte mir durchaus vorstellen, dass immer mehr Leute denken, dass eh nur wieder 'ne versteckte Kamera wartet und deswegen nicht eingreifen ...
So wie früher beim Feueralarm in der Schule - anfangs war das noch irre aufregend und jeder verließ so schnell wie möglich das Gebäude, in den oberen Schulklassen wären wir im Ernstfall wohl alle verbrannt, weil es keiner mehr ernstgenommen hat.Jein. Ich glaube tatsächlich, dass es manchen Leuten peinlicher wäre, vom RTL/Sat 1/Pro7 - Reporter als feige oder gleichgültig entlarvt zu werden, als dass sie in einer realen Situation ein schlechtes Gewissen hätten, weil sie nicht gehandelt haben. Ich selbst war noch nie in einer Situation, wo ich überlegen musste, ob ich eingreifen soll, aber ich muss eingestehen, dass es mir im Ernstfall recht schwerfallen würde. Zum einen natürlich wie Darcy aus Angst, zum anderen aber auch, weil mein erster Impuls sagt: "Nicht in fremder Leute Dinge einmischen!" Ich weiß, dass das falsch ist, aber es ist schwer, bei diesen anerzogenen Mechanismen gegenzusteuern. Ah, doch, gerade fällt mir noch ein Beispiel ein: Ich habe mal die Feuerwehr gerufen, weil ich dachte, in einer Wohnung des großen Mehrfamilienhauses gegenüber brennt es. Draußen und drinnen war alles dunkel, kein Mensch war im Raum, nur eine ziemlich große Flamme war zu sehen. Da habe ich nicht lange gezögert und zum Telefon gegriffen. Es stellte sich dann heraus, dass bei den Nachbarn eine von diesen Fackeln brannte - allerdings nicht im Wohnzimmer, wie ich gedacht habe, sondern auf dem kleinen Balkon davor. Durch die Reflexion in der Scheibe sah sie größer aus und wirkte viel gefährlicher. Peinlich... :rot1:
Dralle Deern
23.09.2009, 11:54
Wieso peinlich?*) Wäre es ein echter Brand gewesen, hättest Du vermutlich einer Menge Leuten das Leben gerettet. In solchen Situationen gilt immer: lieber einmal zuviel als einmal zu wenig.
Die Reportage war übrigens von der ARD :zwinker:
Ich finde schon, dass solche "Inszenierungen" die Bürger sensibilisieren können. Es ist ja nun nicht so, dass man jede Woche Zeuge eines "Übergriffs" wird und am Ende rauskommt, dass es nur ein Test war. Im Bericht kamen auch einige Experten der Polizei und ein Psychologe zu Wort und es wurde gesagt, dass Personen, die in einer für andere gefährlichen Situation nicht eingegriffen haben, sich noch Jahre später deswegen Vorwürfe machen. Um so besser doch, wenn man nur in einem Test nicht reagiert, damit man dann, sollte man tatsächlich in eine echte Situation geraten, angemessen reagieren kann.
Und nein, ich würde mir auch nicht die Knochen brechen lassen, weil ich helfen will. Natürlich weiß ich nicht, wie ich wirklich reagieren würde, wenn ich mich plötzlich in einer Lage befände, in der ein Eingreifen anderer nötig ist, weil man sich ja nie alle Eventualitäten vorher ausmalen kann. Aber trotzdem finde ich es schon wichtig, sich überhaupt mal mit diesem Thema auseinander zu setzen.
*) Peinlich ist, was vor Jahren einer Frau in Lübeck passiert ist, die nachts aufwachte und die Feuerwehr rief, weil es bei ihr brannte. Die Einsatzkräfte schalteten dann den Fernseher aus und der "Brand war gelöscht". Die Frau war nämlich vorm Fernseher eingeschlafen und der laufende Sender zeigte nachts ein Kaminfeuer :-D
Hummelchen
23.09.2009, 13:37
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich ist wenn man die Umstehenden direkt anspricht und konkret bittet einen beim "Einschreiten" zu unterstützen. Dann geht weggucken nicht mehr so einfach und es ist auch nicht so gefährlich für einen selbst.
Ich habe einmal wie ferngesteuert agiert, als Hilfe not tat.
Ich kann nicht sagen, dass ich irgendwie bewusst überlegt hätte. Es war auch keine Situation, in der ich in Gefahr gekommen wäre.
Meine Kinder waren noch recht klein, ca. 6 und 9 Jahre alt. Wir fuhren innerhalb eines Einkaufscenters mit der Rolltreppe in die untere Etage, in der sich der Lebensmittelbereich befand. Auf halbem Weg nach unten sah ich eine Menschentraube. Als wir unten ankamen, hörte ich aufgeregtes Gerede. Ich ging durch die Menschentraube und sehe eine ältere Frau auf einer Holzbank liegen. Aus einem Bein kommt stoßweise viel viel Blut. Irgend etwas war auf der Rolltreppe passiert.
Ich weiß nicht, woher ich wusste, was ich tun muss und ich weiß nicht, wie es kam, dass ich plötzlich Kommandos gab. Aber es lief irgendwie.
So habe ich einen Menschen geschickt, einen Krankenwagen zu rufen, habe gefragt, wer etwas zum Abbinden hat, es kam keine Antwort. Dann "befahl" ich jemandem mir Einkaufbeutel zu holen, die habe ich aufberissen und als Schnüre zum Abbinden verwendet. Habe jemanden ans Fußende gestellt, dass er das Bein hoch hält und ich selber habe dann mit der Frau gesprochen. Wie meine große Tochter später sagte, war ich ganz ruhig. Dann waren plötzlich die Notfallleute da. Da bekam ich Angst, dass ich Mist gebaut habe, aber er lobte mich und meinte, ich hätte alles richtig gemacht.
Irgendwann danach saßen wir in einem Cafe und plötzlich fing ich an zu zittern wie Espenlaub. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich das alles gemacht habe. Eigentlich wusste ich doch gar nicht, was zu tun ist. Trotzdem war alles richtig. Nichts davon habe ich bewusst überlegt. Also muss ich wohl irgendwo im Unterbewusstsein etwas abgespeichert gehabt haben, so dass ich das Richtige tat.
Mit Courage hatte das überhaupt nichts zu tun, denn ich habe gar nicht überlegt. Irgend etwas hat mich einfach handeln lassen. Wäre ich zum klaren Denken fahig gewesen, hätte ich viel zu viel Angst gehabt, etwas falsch zu machen.
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Ich glaube, ich würde in keine Situation eingreifen, in der mein Leben in Gefahr gerät. Damit wäre auch niemandem geholfen.
Aber ich würde immer die Polizei rufen. Und wenn selbst das gefährlich sein würde, würde ich mich irgendwo verbergen und es dann tun.
sombra_blanca
23.09.2009, 15:23
Ich habe schon mehrfach gefragt, ob es ein Problem gibt, wenn sich Leute auf offener Straße gefetzt haben, ich habe schon mehrfach die Polizei gerufen und schon mehrfach Menschen daran gehindert, andere Menschen zu verprügeln.
Das letzte Mal, das ich das tat, bin ich auch zum Opfer geworden - in einem vollbesetzten Zug, wo nur eine weitere Person auch eingegriffen hat.
Der Zugführer stand daneben, als ich bedroht wurde.
Die dazugehörige Gerichtsverhandlung findet nächsten Monat statt.
Ich habe vielleicht den Vorteil, dass ich eine eindrucksvolle Persönlichkeit bin, ich bin sehr groß, sehr dick und schwarz. Und laut. Ich kann mich sehr gut durchsetzen, ich habe physische Präsenz. Ich mag da im Vorteil sein, dennoch habe ich niemals verstanden, wie man -egal wie klein, groß, männlich, weiblich, alt, jung blablabla man ist - nichts machen kann.
Im Zweifelsfalle würde ich immer empfehlen ein wenig herumzubrüllen und die Polizei zu rufen (obwohl ich absurderweise beim letzten Mal da auch nicht dran gedacht habe). Mit Brüllen kann man Menschen ganz einfach verwirren - damit hab ich gute Erfahrungen gemacht.
Wenn ich das nächste Mal in eine solche Situation kommen sollte, werde ich es so machen, wie Hummelchen es beschreibt. Denn das letzte Mal habe ich "nur" gefragt, ob es niemanden interessiert, dass hier ein Mann verprügelt wird und darauf gab es keine Reaktion. Danach haben mir viele Leute gesagt, dass man direkt Leute ansprechen soll, nach dem Motto "Sie da, in dem blauen Mantel", dass es dann wahrscheinlicher wäre, dass auch andere reagieren.
Natürlich weiß ich nicht, wie ich wirklich reagieren würde, wenn ich mich plötzlich in einer Lage befände, in der ein Eingreifen anderer nötig ist,
Das ist aber der Punkt, man kann seine eigene Reaktion nicht vorhersagen. Ich kam vor einigen Jahren einmal dazu, wie 3 Jugendliche auf einen anderen einpügelten, der lag bereits am Boden und sie traten weiterhin auf ihn ein. Zum überlegen war keine Zeit, also bin ich hin und habe sehr laut gesagt, es reicht und sollen sofort aufhören.
Wahrscheinlich hatte ich einfach Glück, dass die mir nicht auch eine gedonnert haben, sondern so verblüfft waren, dass sie tatsächlich unter schreien, johlen und Beschimpfungen gegen mich das Weite suchten.
Hummelchen
23.09.2009, 15:35
Natürlich sollte man sich nicht in Lebensgefahr begeben - aber in den meisten Fällen besteht die doch gar nicht - und wenn man sich Verbündete sucht erst recht nicht.
Viele gucken doch einfach nur weg, nicht weil Sie um ihr Leben fürchten, sondern um sich "rauszuhalten" und keine Scherereien zu bekommen.
Wer - ohne Not - einfach wegschaut macht sich meiner Meinung nach mitschuldig.
Irgendwie bin ich grad sehr froh, dass ich ausschließlich mein Auto benutze und die öffentlichen Verkehrsmittel, aber auch Menschenmassen generell meiden kann.
Ich kann mich nicht erinnern, dass mir in den letzten 10 Jahren solche Situationen passiert sind ...
Dralle Deern
23.09.2009, 18:13
Irgendwie bin ich grad sehr froh, dass ich ausschließlich mein Auto benutze und die öffentlichen Verkehrsmittel, aber auch Menschenmassen generell meiden kann.Geht mir aber auch so. Deshalb habe ich auch in Berlin auf mein eigenes Auto bestanden und sehe zu, dass ich nur Adressen ansteuere, die ich mit dem Fahrrad oder Auto erreichen kann. Und man findet mich äußerst selten auf irgendwelchen Veranstaltungen; ich glaube, das letzte Mal, dass ich auf einer "Großveranstaltung" war, war 2001 der Hamburger Dom nachmittags.
Ich benutze oft öffentliche Verkehrsmittel, als Studentin sogar ausschließlich. Und ich muss leider sagen, dass die Situationen wirklich immer übler werden. Anscheinend steigt der Anteil an "Gesocks" unter den Passagieren immer mehr an - die Normalen benutzen wohl immer mehr das Auto. Mittlerweile achte ich darauf, nach 20 Uhr nicht mehr mit der Bahn zu fahren. Ich bin kein Angsthase, aber die Pöbeleien werden in der Tat immer krasser, und die Typen werden auch schneller handgreiflich. Gab es vor ca 10 Jahren nur blöde Sprüche, wird heute gerempelt und geboxt, Stichwort "Happy Slapping". Ich könnte kotzen. Denn gerade die Schwächsten: Kinder, Rentner, Behinderte, sind auf den ÖPNV angewiesen.
Das ist jetzt schon 20 Jahre her, da bin ich auch abends in der vollbesetzten S-Bahn von Neonazis angegriffen worden (ich sehe sehr südländisch aus), aber jeder hat höchst angestrengt aus dem Fenster ins Dunkel gestarrt oder seine Füße gezählt. Niemand hat mir geholfen. Nun ja, ich kann auch zuschlagen. Aber diese Erfahrung hat mich so betroffen gemacht, dass ich einfach nicht mehr zusehen kann, wenn jemand belästigt wird. Mein Zorn ist größer als die Angst. Würde ich einfach wegsehen, könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen.
Hummelchen
24.09.2009, 09:08
Würde ich einfach wegsehen, könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen.
Ich könnte das auch nicht...
Natürlich sollte man sich nicht in Lebensgefahr begeben - aber in den meisten Fällen besteht die doch gar nicht - und wenn man sich Verbündete sucht erst recht nicht.Ja, das hat der Mann, der totgeprügelt wurde, wahrscheinlich auch gedacht. Versteht mich nicht falsch, ich will hier sicher kein Plädoyer für's Wegschauen halten, im Gegenteil. Ich bin einfach nur entsetzt, wie weit Menschen gehen können und das hilft natürlich nicht gerade, um in solchen Situationen mutig zu sein. Zum Glück habe ich sowas noch nie erlebt.
Ich bin einfach nur entsetzt, wie weit Menschen gehen können und das hilft natürlich nicht gerade, um in solchen Situationen mutig zu sein. Zum Glück habe ich sowas noch nie erlebt.Da kann ich mich nur anschließen. Es ist einfach, Menschen, die sich in solchen Situationen nicht selbst gefährden wollen, Feigheit vorzuwerfen. Aber wenn ich nur mal von mir ausgehe: Ich bin nur 1,55 m groß, ich bin eine Frau, ich bin dick und damit per se "verachtenswert", ich bin kurz gesagt ein potenzielles Opfer* für solche Leute und ich würde mich nicht unbedingt der Gefahr aussetzen, zu einem tatsächlichen zu werden. Dralle Deern (die noch kleiner ist als ich) hat mal in einem Interview sinngemäß gesagt: "Ich bin die Person, auf die die Jugendlichen nur warten." Eben!
Was ich in speziell diesem Fall skandalös finde, ist, dass die Notrufsäule am Tatort seit Jahren wegen eines bürokratischen Streits seit ihrer Installation immer abgeschaltet war und die Polizei zu lange brauchte um am Ort zu sein. Die Forderung nach mehr flächendeckender Polizeipräsenz - und damit verbunden nach besserer personeller und materieller Austattung - finde ich richtig, denn die sind u. a. bewaffnet, nicht kriminelle Bürger sind es in der Regel nicht. Daher frage ich mich manchmal auch, ob die Forderung nach mehr Zivilcourage nicht eine Ersatzdiskussion dafür ist, warum Bürger immer mehr** Gewalt und immer weniger Schutz durch staatliche Organe erfahren. So wie ich auch Überwachungskameras eher als eine Verlegenheitslösung sehe - Polizisten können eingreifen und Straftaten verhindern, Kameras können diese nur aufzeichnen. Obwohl: Dann können sich die Täter später auf RTL & Co. im Fernsehen selbst bewundern und als leuchtendes Vorbild fungieren, ist doch auch nett. :ironie:
*Der Begriff "Opfer" wird mittlerweile gerne als Schimpfwort von gewalttätigen Jugendlichen benutzt. Das sagt schon viel aus, finde ich.
**Hier halte ich "immer mehr" für durchaus angebracht.
Ich bin nur 1,55 m groß, ich bin eine Frau, ich bin dick und damit per se "verachtenswert"
Und trotzdem kannst auch du die Polizei rufen, oder Erste Hilfe leisten oder schreien oder sonst was tun...
Wenn man es so will, hätte jede/r gute Gründe wegzuschauen. Die einen sind zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu arm, zu reich ... es findet sich immer was Passendes. :rolleyes:
, ich bin kurz gesagt ein potenzielles Opfer* für solche Leute und ich würde mich nicht unbedingt der Gefahr aussetzen, zu einem tatsächlichen zu werden.
Statistisch gesehen, sind die wahren potentiellen Opfer von Straftaten -also die Gruppe, deren Mitglieder das größte Risiko haben, Opfer von Straftaten zu werden - junge Männer der Unterschicht. Also diejenigen, die jede/r von uns eher als potentiellen Täter ansehen würde.
Verkehrte Welt, oder?
Was ich in speziell diesem Fall skandalös finde, ist, dass die Notrufsäule am Tatort seit Jahren wegen eines bürokratischen Streits seit ihrer Installation immer abgeschaltet war und die Polizei zu lange brauchte um am Ort zu sein.
Da hast du völlig recht. Das ist durch nichts zu entschuldigen und der wahre Skandal dabei!
Hummelchen
24.09.2009, 13:09
Da hast du völlig recht. Das ist durch nichts zu entschuldigen und der wahre Skandal dabei!
genauso skandalös finde ich, dass offenbar genügend Unbeteiligte "zugesehen" haben wie der Mann totgeprügelt wurde. Die Jugendlichen waren nicht bewaffnet - gegen eine Gruppe die ihnen geschlossen entgegen getreten wäre hätten Sie nichts ausrichten können und vielleicht würde der Mann noch leben...
Versteht mich nicht falsch, ich rate niemandem dazu sich in Todesgefahr zu begeben - aber ich bleibe dabei, dass viel zu viele -ohne Not - einfach garnichts tun (nicht mal die Polizei alarmieren).
Ich denke auch, dass es weniger Übergriffe geben würde, wenn die Täter damit rechnen müssten, dass Ihnen Gegenwind droht.
Und trotzdem kannst auch du die Polizei rufen, oder Erste Hilfe leisten oder schreien oder sonst was tun... Ja klar, einfach zu- oder wegsehen ist auch nicht mein Ding. Was ich meinte ist: Ich würde es mir sehr genau überlegen, ob ich direkt, verbal oder körperlich irgendwo eingreifen würde.
Statistisch gesehen, sind die wahren potentiellen Opfer von Straftaten -also die Gruppe, deren Mitglieder das größte Risiko haben, Opfer von Straftaten zu werden - junge Männer der Unterschicht. Also diejenigen, die jede/r von uns eher als potentiellen Täter ansehen würde.
Verkehrte Welt, oder?Mir ist ähnliches aus den USA bekannt, da ist die gleiche gesellschaftliche Gruppe (junge männliche Afro-Afrikaner) sowohl in der Statistik der potenziellen Täter als auch der potenziellen Opfer von Gewalttätern vertreten (falls mein Wissen noch aktuell ist). Aber Statistik nützt in den konkreten Fällen wenig. Ich glaube kaum, dass sich die Angehörigen der Opfer damit trösten können, dass es nur eine statistische Ausnahme war.
genauso skandalös finde ich, dass offenbar genügend Unbeteiligte "zugesehen" haben wie der Mann totgeprügelt wurde. Die Jugendlichen waren nicht bewaffnet - gegen eine Gruppe die ihnen geschlossen entgegen getreten wäre hätten Sie nichts ausrichten können und vielleicht würde der Mann noch leben...Das stimmt natürlich theoretisch. Theoretisch dürfte auch ein Löwe gegen eine Gruppe Zebras keine Chance haben, aber den Zebras ist das einfach nicht klar. Natürlich sind wir keine Zebras, aber Angst ist ein sehr starker Instinkt, der manchmal unsere Logik blockiert. Ich für meinen Teil verstehe, wie so etwas geschehen kann. Ich entschuldige es nicht, aber ich verstehe es.
Hummelchen
24.09.2009, 13:50
Das stimmt natürlich theoretisch. Theoretisch dürfte auch ein Löwe gegen eine Gruppe Zebras keine Chance haben, aber den Zebras ist das einfach nicht klar. Natürlich sind wir keine Zebras, aber Angst ist ein sehr starker Instinkt, der manchmal unsere Logik blockiert. Ich für meinen Teil verstehe, wie so etwas geschehen kann. Ich entschuldige es nicht, aber ich verstehe es.
Natürlich verstehe ich das auch...Ich habe ein interessantes Interview mit einem Psychologen gesehen, der mit gewaltbereiten Jugendlichen gearbeitet hat. Er fordert, dass die Kinder bereits in der Schule lernen sollten wie man sich am besten in solchen Situationen verhält, wie man Mobbing vermeidet und sich selbst und andere vor solchen Übergriffen schützen kann. Ich finde das keinen schlechten Ansatz!
Theoretisch dürfte auch ein Löwe gegen eine Gruppe Zebras keine Chance haben, aber den Zebras ist das einfach nicht klar. Natürlich sind wir keine Zebras, aber Angst ist ein sehr starker Instinkt, der manchmal unsere Logik blockiert.Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass der eigentliche Grund für dieses Verhalten tiefer liegt und argumentativ sowie logisch schwer zugänglich ist. Deshalb fände ich es absolut gut, wenn man sich irgendwie in kursen darauf vorbereiten könnte. Die reale Situation ist immer noch anders, aber man wäre vielleicht nicht so hilf-und ratlos.
genauso skandalös finde ich, dass offenbar genügend Unbeteiligte "zugesehen" haben wie der Mann totgeprügelt wurde.Da stimme ich dir zu, spätestens als einer einmal den Mut gefunden hatte einzugreifen, hätten ihm andere irgendwie helfen müssen. Es gibt immer eine Grenze, wo man ein bestimmtes Gruppenverhalten durch nichts mehr rechtfertigen kann.
Ich habe mal folgendes erlebt: Als wegen eines technischen Defekts meine S-Bahn an einem Bahnhof stillgelegt wurde, fiel ein älterer Mann beim Aussteigen so unglücklich, dass er mit dem Unterkörper zwischen Bahnsteig und Wagen rutschte, auf dem Bahnsteig standen noch alle Fahrgäste rum, da sie ja auf die Ersatzbahn warteten - im Berufsverkehr auch erheblich mehr als in Solln. Ohne Zweifel war ich nicht die einzige, die den Vorfall bemerkte, aber wäre ich nicht entschieden auf den Mann zugegangen und hätte im Vorbeigehen Leuten direkt ins Gesicht gesehen, hätte er wohl noch lange so da hängen können. Alleine hätte ich ihn nicht da raus gekriegt, trotzdem hätte ich es auf jeden Fall versucht.
Direkt vergleichbar ist die Situation zwar nicht, denn es wurde ja niemand angegriffen, aber es bestätigt, dass Menschen gerade dann nicht bereit sind zu helfen, wenn es noch mehr Menschen gibt, die es aus prinzipiell auch könnten. Und soweit sollten wir uns wirklich vom Zebra unterscheiden, dass wir das nicht tun.
Ich habe ein interessantes Interview mit einem Psychologen gesehen, der mit gewaltbereiten Jugendlichen gearbeitet hat.War es vielleicht das Interview bei Beckmann (http://www.daserste.de/beckmann/sendung_dyn%7Euid,ktns3z08g53h f7a7ml7by1uo%7Ecm.asp)? Ich finde das durchaus sehenswert.
In einer Fernsehsendung, die dies thematisierte, hieß es, je mehr Menschen sich im Umkreis einer Gewalttat aufhalten, desto eher greift keiner ein. Man nimmt an, dass dies daran liegt, dass dann umso eher jeder denkt, wieso sollte ich eingreifen, es sind ja genug andere da, die dies tun können.
Hummelchen
Er fordert, dass die Kinder bereits in der Schule lernen sollten wie man sich am besten in solchen Situationen verhält, wie man Mobbing vermeidet und sich selbst und andere vor solchen Übergriffen schützen kann. Ich finde das keinen schlechten Ansatz!
Und schon ab dem Kindergarten soziales Verhalten und gewaltlösungsorientiertes Denken und Handeln. Das geht tatsächlich, denn meine Tochter praktiziert das, indem sie die Kleinen sehr ernst nimmt und im Falle von Konflikten, die Beteiligten Kinder bittet, selber nach Lösungen zu suchen, die es ermöglichen einen Streit ohne körperliche Gewalt zu schlichten.
Einer der Vorschläge kam von einem kleinen Jungen, der ein Mädchen mutwillig geschubst hatte. Er hatte richtig gegrübelt und dann freudestrahlend verkündet: "Ich werde morgen meine bunte Zipfelmütze aufsetzen" Das wird......... freuen!"
Natürlich ging die Geschichte noch weiter. Ich wollte damit nur zeigen, dass schon so kleine Kinder vieles verstehen und annehmen. Je früher, dest besser. Immerhin können Kindergarten und Schule eine Menge Einfluss nehmen.
dicke Mama
24.09.2009, 15:40
Natürlich verstehe ich das auch...Ich habe ein interessantes Interview mit einem Psychologen gesehen, der mit gewaltbereiten Jugendlichen gearbeitet hat. Er fordert, dass die Kinder bereits in der Schule lernen sollten wie man sich am besten in solchen Situationen verhält, wie man Mobbing vermeidet und sich selbst und andere vor solchen Übergriffen schützen kann. Ich finde das keinen schlechten Ansatz!
Da kann ich dir nur beipflichten, beim meinem Sohn in der 1. Klasse hat gerade so ein Projekt begonnen. Die Kleinen lernen sich zu berhaupten und richtig zu wehren.
Was mich aber eher noch betroffen macht, warum sind Menschen insbesondere Kinder und Jugendliche so brutal und gewaltbereit. Wie kann man auf einem am Boden liegenden noch eintreten, was läuft da falsch. Meine Meinung ist ja, dass da oft, nein ich sage sogar immer, die Elternhäuser schuld sind, aber auch Erzieher und Lehrer die wegschauen, wenn sie sehen, das etwas falsch läuft.
Ich gehe ja auch soweit, dass Kinder noch öfter aus ihren Familien heraus geholt werden sollten, wenn die Eltern sich nicht helfen und belehren lassen. Denn Kinder haben ein Recht auf eine vernünftige Erziehung und auch auf eine gute Bildung. Und in vielen Kindern schlummern Talente, die nie zum Vorschein kommen, wenn sie nicht herausgelockt und gefördert. Man muss da unbedingt präventiv etwas tun, damit Gewalt nicht zum Alltag wird.
Im heutigen Stern wird der Fall von Solln sehr detailliert dargestellt - es gab sehr wohl etliche Anrufe von Augenzeugen bei der Polizei - die standen blöderweise auf dem anderen Bahnsteig, in den jeden Moment der Zug einfahren sollte, sodass man also nicht einfach rüberrennen konnte.
Ein junger Mann rannte über die Fußgängerbrücke rüber und leistete zusammen mit 2 anderen Leuten noch erste Hilfe - leider umsonst.
Die Polizei kam übrigens so spät, weil sie den Notruf von Hr. Brunner nicht als Notruf gewertet hatten, da er als Anwalt am Telefon sehr sachlich den Vorfall schilderte und auch gleich noch die Paragraphen der Straftaten nannte.
Hätte er hysterisch ins Handy gekreischt, wären die vielleicht schneller ausgerückt.
Insgesamt kanns jedoch nicht sein, dass von den Bürgern immer mehr Zivilcourage gefordert wird, weil der Staat die Kohle lieber raffgierigen Bankern in den A**** steckt als seine Polizisten gescheit zu bezahlen und auszustatten.
Nicht-Eingreifen hat vielleicht zum Teil mit Bequemlichkeit (warum ich, es sind doch genug andere da) oder Angst (nachher verhauen die mich auch noch) zu tun. Ich glaube aber auch, dass viel Unsicherheit und Unwissen über die eigenen Möglichkeiten besteht. Viele wissen oft gar nicht was zu tun ist, und in einer Stresssituation kann man auch nicht mehr logisch überlegen.
Da halte ich Kurse wirklich für eine gute Idee. Wenn eine Handlung oft genug geübt wird, ist sie automatisch parat, ohne großes Nachdenken. Und man hat dann auch mehr Selbstvertrauen, das strahlt ja auch nach außen und beeinflusst Zuschauer und Angreifer.
Ich habe vor Jahren einen Selbstverteidigungskurs mitgemacht. Es wurde sehr realistisch mit gepolsterten Polizisten geübt. Die durften wir richtig verhauen! Da wurde auch resolutes Dazwischengehen oder Hilfe einfordern geübt. Wenn so Kurse flächendeckend angeboten würden, z.B. im Rahmen des Erste-Hilfe-Kurses für den Führerschein, würden sich wahrscheinlich mehr Menschen aufraffen.
Was mich übrigens gewundert hat, war das Verhalten der meisten (!) teilnehmenden Frauen. Sie lächelten erstmal den Angreifer an. Das sollte wohl so ein Beschwichtigungsverhalten sein - "tu mir nichts, ich tu dir auch nichts, sei bitte lieb zu mir". Aber ein echter z.B. Vergewaltiger würde sich dadurch nur ermutigt fühlen - "die wollte das doch, die hatte doch Spaß dabei".
Und richtig schreien konnte auch kaum eine. Die haben nur etwas gefiepst oder gekeucht und mit den Händchen gewedelt. Als Unbeteiligter könnte man da tatsächlich den Eindruck bekommen, dass es nur eine harmlose Kabbelei unter Freunden wäre. Wäre ich auf der Straße Augenzeuge von so einer Szene gewesen, wäre ich auch weitergegangen. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Opfer selber schuld sind, aber richtiges Wehren muss oft auch erst (wieder) gelernt werden. Mädchen werden leider immer noch viel zu oft dazu erzogen, nicht zu schreien, nicht zu hauen und immer freundlich zu sein, auch bei den größten A***löchern.
Sonnenkuss
25.09.2009, 11:00
Sehr bewegende Schilderung eines Mädchens (http://nachrichten.aol.de/maedchen-schildert-attacke-gegen-dominik-brunner/artikel/2009091905495433576297) dass von Dominik Brunner verteidigt wurde.
Gott hab ihn selig und beschütze und begleite seine Familie.
sombra_blanca
25.09.2009, 11:50
Wenn eine Handlung oft genug geübt wird, ist sie automatisch parat, ohne großes Nachdenken. Und man hat dann auch mehr Selbstvertrauen, das strahlt ja auch nach außen und beeinflusst Zuschauer und Angreifer.
Zum Thema "Mut Proben" gab es vor Jahren mal diesen Spot (http://www.youtube.com/watch?v=3lrjr6ouHNM) im Kino.
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