Martina
10.08.2007, 23:11
Also, den Anfang von diesem Machwerk habe ich noch nicht gesehen. Es überschnitt sich mit etwas anderem, was ich anschauen wollte. Wir haben den Anfang auf Video.
Das, was ich allerdings gesehen habe, war ein so bescheuertes Konstrukt, das man schon fast wieder drüber lachen kann.
Zunächst mal wurde nach jeder Werbung eine Szene aus dem Mittelalter gezeigt, in der ein Mann vor einer üppig gedeckten Tafel saß und sich das Essen reinschaufelte. Zur Erklärung sagte die Hintergrundstimme, dass Völlerei im Mittelalter eine Todsünde gewesen sei, weil es gegenüber den Hungernden als verwerflich galt, sich den Bauch voll zu schlagen. - Und heute? Es gab noch nie so viele Übergewichtige. Die Wissenschaftler suchen fieberhaft nach den Ursachen ...
Es wurde darauf eingegangen, wie Conny in ihrer Kindheit ein Schlüsselerlebnis hatte, als sie von Jungs auf einem Spielplatz gehänselt wurde. Dann wurde gezeigt, wie sie Literaturwissenschaften studierte und als Autorin erfolgreich war. Trotz ihres Erfolges fand sie aber nie einen Partner. Ihre beste Freundin erzählte in eingestreuten Interviewfetzen*, sie meine sich erinnern zu können, Conny habe einmal gesagt, dass es ja wohl auch niemanden geben könnte, der sie liebt, weil sie dick ist. An anderer Stelle sagte die Freundin, dass man einen Menschen, den man wirklich liebt, nicht so sehen möchte.
Irgendwann hat Conny dann im Internet Kontakt zu Männern gefunden und sich schließlich per Mail (das haben die Ermittler nach ihrem Tod festgestellt!) in Mike verliebt. Nach langem Zögern lernte sie ihn schließlich persönlich kennen. Und Mike liebte sie nicht nur trotz ihres Gewichts, sondern er teilte ihre Leidenschaft, das Essen. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass Conny während der gesamten Sendung daueressend dargestellt wurde. Sie aß permanent, während sie ihre Romane schrieb, Schokocroissants oder Schälchen mit Nutella, aus denen sie löffelte und an deren Rand Schokokekse drapiert waren. Mike fütterte sie dann mit so widerlichen (okay, für mich widerlichen) Dingen wie ganzen Haxen. Sie schob sich ein Ding nach dem anderen rein, meist mit den Fingern, die sie anschließend ableckte. Ihr Wachstum dokumentierte Mike im Internet, über Webcams, die er in der gesamten Wohnung installiert hatte.
Irgendwann, sie wog schon über 200 kg, ging sie zum Hausarzt. Der diagnostizierte bei ihr Diabetes, Hypertonie und noch irgendwas. Und er riet ihr dringend zu einer Magen-OP. Daraufhin, das konnte man selbstredend auch auf den Videoaufnahmen verfolgen, gab es zu Hause einen Streit, weil sie begann das Essen zu verweigern. Mike, der auch immer wieder interviewt wurde, allerdings mit verfälschtem Gesicht, erzählte, er sei dann für ein paar Tage verreist, um ihr einen Schreck einzujagen.
Die Video-Aufnahmen zeigten, dass Conny in seiner Abwesenheit unter die Dusche ging. Da klingelte ein Pizzabote an der Tür. Sie verließ die Dusche, rutschte im Bad aus, schlug mit dem Kopf auf dem Waschbecken auf (so was ist noch keinem schlanken Menschen auf dieser Welt passiert :bigno: ) und starb an ihrer Kopfverletzung. Und nun der Schlusskommentar, der Klopper schlechthin:
Am Ende wurde Conny Hoffmann ihre Lust am Essen zum Verhängnis.
Uwe und ich schauten uns an und hatten Mühe nicht los zu prusten. Der einzige Zusammenhang zwischen diesem Tod (der angeblich auf einer wahren Geschichte beruhen sollte) und dem Essen war der Pizzabote, der an der Tür geklingelt hat.
Die gesamte Reportage war von Schnipseln aus Interviews mit Wissenschaftlern gespickt. Die betroffen-ernst-dramatische Hintergrundstimme kommentierte die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die genetische Komponente als eine beliebte Ausrede der Dicken. Einige Argumente, die Dicke haben, wurden erwähnt, aber stets mit den Attributen "scheinbar", "meinen sie", "denken sie" versehen, also in Frage gestellt. Es gäbe sogar Dicke, die behaupteten, sie fühlten sich wohl in ihrer Haut, aber Wissenschaftler hätten festgestellt, dass das nicht stimmt.
Zum Schluss wurde noch der ermittelnde Kommissar gezeigt, der darüber sprach, dass es wohl in gewisser Weise in diesem Fall eine Schuldkomponente gegeben habe, diese aber strafrechtlich nicht relevant sei. :batsch::batsch::batsch:
Ein dickes Ding (im wahrsten Sinne des Wortes) waren Kernspin-Bilder der Dopaminsysteme eines suchtfreien Menschen, eines Kokain-Abhängigen, eines Alkohol-Abhängigen und - jetzt kommt's - nicht etwa eines Esssüchtigen, nein, eines "chronisch Übergewichtigen".
Die "wissenschaftliche" Seite wurde abgedeckt durch das Adipositas-Zentrum der Uni Tübingen (davon wohne ich gerade mal 60 km entfernt), die wohl auch diese oben erwähnten Bilder beigesteuert haben.
Und nun, nachdem ich diese Sendung gesehen habe, werde ich in Bezug auf diese Sendung nicht die Landesmedienanstalt kontaktieren, sondern das Adipositas-Zentrum Tübingen, und zwar, wenn möglich, im persönlichen Gespräch.
Martina
* Insgesamt war das Ding (anders kann ich es kaum bezeichnen) in seiner Machart ziemlich stark von den ZDF-Geschichtsreportagen abgekupfert, wohl auch um ihm eine seriöse Aura zu verleihen. Das war allerdings vergebliche Liebesmüh.
Das, was ich allerdings gesehen habe, war ein so bescheuertes Konstrukt, das man schon fast wieder drüber lachen kann.
Zunächst mal wurde nach jeder Werbung eine Szene aus dem Mittelalter gezeigt, in der ein Mann vor einer üppig gedeckten Tafel saß und sich das Essen reinschaufelte. Zur Erklärung sagte die Hintergrundstimme, dass Völlerei im Mittelalter eine Todsünde gewesen sei, weil es gegenüber den Hungernden als verwerflich galt, sich den Bauch voll zu schlagen. - Und heute? Es gab noch nie so viele Übergewichtige. Die Wissenschaftler suchen fieberhaft nach den Ursachen ...
Es wurde darauf eingegangen, wie Conny in ihrer Kindheit ein Schlüsselerlebnis hatte, als sie von Jungs auf einem Spielplatz gehänselt wurde. Dann wurde gezeigt, wie sie Literaturwissenschaften studierte und als Autorin erfolgreich war. Trotz ihres Erfolges fand sie aber nie einen Partner. Ihre beste Freundin erzählte in eingestreuten Interviewfetzen*, sie meine sich erinnern zu können, Conny habe einmal gesagt, dass es ja wohl auch niemanden geben könnte, der sie liebt, weil sie dick ist. An anderer Stelle sagte die Freundin, dass man einen Menschen, den man wirklich liebt, nicht so sehen möchte.
Irgendwann hat Conny dann im Internet Kontakt zu Männern gefunden und sich schließlich per Mail (das haben die Ermittler nach ihrem Tod festgestellt!) in Mike verliebt. Nach langem Zögern lernte sie ihn schließlich persönlich kennen. Und Mike liebte sie nicht nur trotz ihres Gewichts, sondern er teilte ihre Leidenschaft, das Essen. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass Conny während der gesamten Sendung daueressend dargestellt wurde. Sie aß permanent, während sie ihre Romane schrieb, Schokocroissants oder Schälchen mit Nutella, aus denen sie löffelte und an deren Rand Schokokekse drapiert waren. Mike fütterte sie dann mit so widerlichen (okay, für mich widerlichen) Dingen wie ganzen Haxen. Sie schob sich ein Ding nach dem anderen rein, meist mit den Fingern, die sie anschließend ableckte. Ihr Wachstum dokumentierte Mike im Internet, über Webcams, die er in der gesamten Wohnung installiert hatte.
Irgendwann, sie wog schon über 200 kg, ging sie zum Hausarzt. Der diagnostizierte bei ihr Diabetes, Hypertonie und noch irgendwas. Und er riet ihr dringend zu einer Magen-OP. Daraufhin, das konnte man selbstredend auch auf den Videoaufnahmen verfolgen, gab es zu Hause einen Streit, weil sie begann das Essen zu verweigern. Mike, der auch immer wieder interviewt wurde, allerdings mit verfälschtem Gesicht, erzählte, er sei dann für ein paar Tage verreist, um ihr einen Schreck einzujagen.
Die Video-Aufnahmen zeigten, dass Conny in seiner Abwesenheit unter die Dusche ging. Da klingelte ein Pizzabote an der Tür. Sie verließ die Dusche, rutschte im Bad aus, schlug mit dem Kopf auf dem Waschbecken auf (so was ist noch keinem schlanken Menschen auf dieser Welt passiert :bigno: ) und starb an ihrer Kopfverletzung. Und nun der Schlusskommentar, der Klopper schlechthin:
Am Ende wurde Conny Hoffmann ihre Lust am Essen zum Verhängnis.
Uwe und ich schauten uns an und hatten Mühe nicht los zu prusten. Der einzige Zusammenhang zwischen diesem Tod (der angeblich auf einer wahren Geschichte beruhen sollte) und dem Essen war der Pizzabote, der an der Tür geklingelt hat.
Die gesamte Reportage war von Schnipseln aus Interviews mit Wissenschaftlern gespickt. Die betroffen-ernst-dramatische Hintergrundstimme kommentierte die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die genetische Komponente als eine beliebte Ausrede der Dicken. Einige Argumente, die Dicke haben, wurden erwähnt, aber stets mit den Attributen "scheinbar", "meinen sie", "denken sie" versehen, also in Frage gestellt. Es gäbe sogar Dicke, die behaupteten, sie fühlten sich wohl in ihrer Haut, aber Wissenschaftler hätten festgestellt, dass das nicht stimmt.
Zum Schluss wurde noch der ermittelnde Kommissar gezeigt, der darüber sprach, dass es wohl in gewisser Weise in diesem Fall eine Schuldkomponente gegeben habe, diese aber strafrechtlich nicht relevant sei. :batsch::batsch::batsch:
Ein dickes Ding (im wahrsten Sinne des Wortes) waren Kernspin-Bilder der Dopaminsysteme eines suchtfreien Menschen, eines Kokain-Abhängigen, eines Alkohol-Abhängigen und - jetzt kommt's - nicht etwa eines Esssüchtigen, nein, eines "chronisch Übergewichtigen".
Die "wissenschaftliche" Seite wurde abgedeckt durch das Adipositas-Zentrum der Uni Tübingen (davon wohne ich gerade mal 60 km entfernt), die wohl auch diese oben erwähnten Bilder beigesteuert haben.
Und nun, nachdem ich diese Sendung gesehen habe, werde ich in Bezug auf diese Sendung nicht die Landesmedienanstalt kontaktieren, sondern das Adipositas-Zentrum Tübingen, und zwar, wenn möglich, im persönlichen Gespräch.
Martina
* Insgesamt war das Ding (anders kann ich es kaum bezeichnen) in seiner Machart ziemlich stark von den ZDF-Geschichtsreportagen abgekupfert, wohl auch um ihm eine seriöse Aura zu verleihen. Das war allerdings vergebliche Liebesmüh.