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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Adipositaschirurgie für die Essstörung instrumentalisieren?


Martina
19.07.2006, 21:44
Ich hatte mir ja vorgenommen, mich über die Adipositaschirurgie nicht mehr aufzuregen. Das klappt auch sehr gut, muss ich sagen. Wesentlich emotionsfreier las ich daher in den letzten Tagen in einem AC-Forum und stolperte über jenen schon erwähnten Thread, in dem verzückt über die Vorzüge tagelangen Hungerns berichtet wurde.

Daraufhin habe ich dort zum Thema Essstörungen einmal wesentlich gezielter gelesen, wobei das meiste dazu Verwertbare nicht im Essstörungs-Unterforum steht, sondern irgendwo zwischen den anderen Themen. So findet sich dort u.a. die deutsche Übersetzung dieses Links (http://web4health.info/en/answers/ed-psy-dysfunct-thoughts.htm). Darin wird darauf abgestellt, wie wichtig die Korrektur der Selbstwahrnehmung essgestörter Menschen ist, vor allen Dingen, wie wichtig es ist, sich von den unerreichbaren Idealen, die uns täglich vermittelt werden, zu befreien, um einen realistischen Umgang mit dem Gewicht finden zu können. Als ich das las, fragte ich mich: Ja, und warum wird hier alles, aber auch wirklich alles unternommen, um genau diesem Ideal zu entsprechen? Warum wird dieser vielfach von den Usern gelobte Artikel nicht umgesetzt?

Ich bin in Bezug auf Essstörungen ein ziemliches Naivchen, weil mir diese Essstörungsproblematik so was von fremd ist. Aber je mehr ich nun dieses Forum vom Standpunkt der Essstörungen aus betrachte, desto mehr wird mir etwas klar, was mich wirklich schockt. Deshalb möchte ich hier mal eine sehr provokante These aufstellen. Und es würde mich interessieren, ob Ihr das, so Ihr Euch mit dem Thema beschäftigt, genauso empfindet:

Kann es sein, dass manche Bulimiker und Anorektiker die Adipositas-Chirurgie ganz bewusst instrumentalisieren, um auf vermeintlich akzeptable Weise genau ihrem kranken Ideal so nahe wie möglich zu kommen?

Dieses Problem bei der Diagnostik zu umschiffen, dafür gibt es genügend Anleitungen in den Foren. Dafür spräche auch, dass es nahezu ausgeschlossen ist, in diesem und in anderen AC-Foren das Thema Selbstakzeptanz anzusprechen. Alles ist gut, was man tut, um sich und seinen Körper den vermeintlichen gesellschaftlichen Wünschen anzupassen. Da viele der Betroffenen sich in dem Glauben befinden, alles würde gut, wenn sie erst einmal abgenommen haben, und es für unnötig halten, ihre Probleme mit sich selbst zu lösen (wozu auch, sie lösen sich ja, wenn die Kilos weg sind ...), sehen sie sich dann nach ihrem großen Gewichtsverlust immer noch von ihren Problemen umzingelt und schreien (so empfinde ich das jedenfalls) nun auf andere Weise lauthals um Hilfe, z.B. indem sie sich selbst verhungern lassen.

Wie gesagt, ich bin, was dieses Thema betrifft, sehr naiv. Deshalb bin ich auch einigermaßen geschockt über diese Erkenntnis.

Martina

dramaqueen
24.07.2006, 13:04
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie du diese Frage meinst:
Kann es sein, dass manche Bulimiker und Anorektiker die Adipositas-Chirurgie ganz bewusst instrumentalisieren, um auf vermeintlich akzeptable Weise genau ihrem kranken Ideal so nahe wie möglich zu kommen?
Meinst du damit, dass Leute, die von vorneherein max. leicht übergewichtig bis normalgewichtig oder (z.B. im Fall von Anorexie) sogar untergewichtig sind, sich so einer OP unterziehen, um das ganze auf die Spitze zu treiben? Das scheint mir relativ schwer vorstellbar, da ein Diagnosekriterium für Anorexie ja auch tatsächlich bestehendes Untergewicht ist. Ich hoffe doch sehr, dass wenigstens dieser Umstand für wirklich jeden Arzt eine derartige OP ausschließt!

Ansonsten denke ich aber sehr wohl, dass so eine OP grundsätzlich im Rahmen einer der oben genannten Essstörungen sowie auch der Binge Eating Disorder (und auch anderer psychischer Erkrankungen) funktionalisiert werden kann bzw. sicher auch längst wird.
Gerade wenn eine psych. Störung als (Mit-) Ursache für ein 'Gewichtsproblem' vorliegt, kann man die OP ja praktisch überhaupt nicht als Lösung des ursächlichen Problems begreifen.
Das bedeutet für mich im Umkehrschluss, dass es eine dysfunktionale Verhaltensweise oder Maßnahme darstellt, die ja typisch sind für die meisten psychischen Probleme: Man versucht verzweifelt, mit leider oft ungünstigen Methoden, die Probleme in den Griff zu kriegen und fügt sich dadurch immer weiter oder sogar noch mehr Schaden zu.

Wenn ich da nur bei mir selber hinsehe, wann ich ab und an auf den Gedanken komme, doch wieder zu erwägen, ob eine OP nicht doch vielleicht...

(Es ist für mich schon vorstellbar, dass auch Menschen mit Essstörung o.ä. aufgrund extremer gesundheitlicher Beeinträchtigungen den Weg über eine OP zur schnellstmöglichen Gewichtsabnahme wählen, ohne dass das im Sinne eines Lösungsversuchs für die psychische Störung verstanden werden muss. Das wäre dann wohl eine etwas andere Situation.)

Es gibt ganz bestimmt Menschen, die sich einer solchen OP unterziehen und damit entweder dem allgemeinen (gesellschaftlichen) Druck nachgeben, einem bestimmten Ideal entsprechen zu müssen, oder sogar dem eigenen Druck nachgeben, sich selbst zu schädigen/zu verstümmeln, unter dem Deckmäntelchen sich scheinbar/offiziell was Gutes zu tun...
Ich kann mich hier nur wiederholen und wiedermal sagen, dass es für mich keine Lösung sein kann, ein Symptom isoliert zu bekämpfen, mit allen Mitteln und koste es was es wolle!

Wenn ich Übergewicht als Ergebnis einer grundsätzlichen persönlichen Problematik/Störung oder was auch immer betrachte, dann kann das 'Entfernen' des Gewichtes allein eben keine Hilfe sein und es wird weiterlaufen wie vorher, nur eventuell über andere 'Kanäle'.
Für mich ist Überessen genau wie Hungern eine Ausprägung von selbstschädigendem und dysfunktionalem Verhalten und ein Versuch, dadurch etwas besser aushalten oder bewältigen zu können.
Fällt dieses Mittel weg oder reicht nicht mehr aus (weil die Probleme im Hintergrund mit der Zeit immer größer werden), muss ich andere Wege finden, damit klarzukommen. Und jetzt frage ich mich, wie das dann auf einmal in einem positiven Sinne funktionieren soll, wo es vorher jahrlang nicht ging?
Das spiegelt sich aus meiner Sicht in den beschriebenen Berichten aus den AC-Foren wieder und kann so ziemlich jede erdenkliche Form annehmen, die auch gar nicht mehr mit Essen im Zusammenhang stehen muss.

Ich finde es mehr als fahrlässig, anderen Menschen/sich selber das einzige Mittel 'wegzunehmen', über dass sie verfügen, um ihr momentanes Leben zu bewältigen!
Es muss vorher gesichert sein, dass der/die Betroffene über realistische und machbare Alternativen verfügt und diese auch anwenden kann, wenn es drauf ankommt - und dann ist so eine OP wahrscheinlich in den allermeisten Fällen gar nicht mehr 'notwendig', weil sich das Essverhalten und insgesamt die Selbstfürsorglichkeit verändert.

Hm, ich hoffe, das sind jetzt nicht nur schon tausendmal dagewesene Ausführungen geworden! Find's schwierig, das möglichst kurz und prägnant in Worte zu fassen, aber ich dachte mir, ich trau mich mal trotzdem...

lg,
dramaqueen

GreenTomate
25.07.2006, 08:01
Über dieses Thema kann man meiner Meinung nach gar nicht zuviel schreiben. Leider weiß ich zuwenig darüber und kann auch nicht so differenziert schreiben, aber ich verfolge immer sehr interessiert jegliche Ausführungen die mit dem... ist es ein "Problem"? ..nein, ich schreibe lieber "Zustand" des "dick seins" zu tun haben.

Auch wenn ich nicht bulemisch bin oder dergleichen, habe ich eben auch meine seelischen Schwierigkeiten damit. Viele Sätze sauge ich in mich auf, ohne sie gleich richtig handhaben zu können, aber irgendwann in manchen Situationen blinkt dann das eine oder andere zur richtigen Zeit in mir auf.

Deshalb lese ich neue Gedanken zu alten und neuen Themen immer wieder gerne und bin dankbar, daß andere ihre Gedanken so gut in Worte fassen können um sie auf's Papier zu bringen.

Martina
25.07.2006, 08:48
Liebe Dramaqueen,

ich meinte das nicht so, dass leicht Übergewichtige, Normalgewichtige oder Untergewichtige sich dieser OP unterziehen. So weit ist es - Gott sei Dank - noch nicht, wenngleich es mir so vorkommt, als würde die Gewichtsgrenze für die OP immer weiter sinken. Auf jeden Fall aber habe ich immer wieder auch von nur leicht Übergewichtigen gelesen, dass sie die OP gerne hätten.

Ich habe mir aber erklären lassen und habe es auch an verschiedenen Stellen gelesen, dass ein wesentliches Merkmal einer Essstörung der Wunsch nach Schlankheit ist. Ein unbehandelter essgestörter dicker Mensch hätte Schwierigkeiten damit, z. B. eine Gewichtsabnahme von nur, sagen wir mal 30 kg, zu akzeptieren. Auch wenn es ihm dann körperlich besser ginge, wäre er nach wie vor unzufrieden, da er immer noch nicht schlank wäre und keine Halbheiten hinnehmen kann. Das geht auch aus dem o.g. Link hervor (ich werde heute Abend mal versuchen, mich dazu zu motivieren, den Text zu übersetzen ... habe im Moment abends Probleme, am Schreibtisch zu sitzen, bei dem Wetter).

Ich habe in der Selbsthilfearbeit jede Menge Menschen kennen gelernt, die alle Arten von Essstörungen durch hatten, die zu schlanken Zeiten magersüchtig waren, die, obwohl sie dick waren, Bulimiker waren, die Binge Eating kannten. Ich habe mit dicken Menschen gesprochen, die ihre Magersucht immer noch in sich trugen, die noch genau wussten, wie das damals war, die ihr teilweise nachtrauerten.

Solche Menschen meine ich. Menschen, die irgendwann einmal ihre Magersucht aufgegeben haben, dick wurden und nun den "legalen" oder von mir aus auch gesellschaftlich akzeptierten Weg suchen, wieder der Magersucht "nachgehen" zu können. Es gibt in einem der AC-Foren dazu auch von einer Userin einen Bericht, der zwar nicht damit endet, dass sie nun wieder magersüchtig ist. Der Bericht dient einer ehemals dicken Userin als Warnung, die gerade für alle Welt offensichtlich in die Magersucht rutscht, das aber überhaupt nicht zugeben will und kann. Eine magenoperierte ebenfalls ehemals dicke Userin berichtet ihr von ihren Jahre zurückliegenden Erfahrungen als Magersüchtige.

Wenn man den Usern in den AC-Foren glaubt, so sind schätzungsweise 98 % der Operierten in irgendeiner Weise essgestört. Die meisten erachten die OP als die einzige Möglichkeit, die Essstörung zu dominieren, weil sie im Gegensatz zu anderen Süchtigen auf ihr Suchtmittel aus naheliegenden Gründen nicht verzichten können. Der Gang zum Psychologen erscheint vielen als der blanke Horror ... schon im Vorfeld. Gerade in den AC-Foren lese ich häufig, dass es als Makel empfunden wird, einen Psychologen oder Psychiater (selbst für die Beantragung der OP) aufsuchen zu müssen. Viele sind davon überzeugt, dass sich alle ihre Probleme mit der Gewichtsabnahme lösen werden. Und viele fallen dann in ein sehr tiefes Loch. Deshalb finde ich es z.B. toll, dass Silke begleitend eine Therapie macht. Ich glaube, nur so kann das alles einigermaßen funktionieren.

Ich hoffe, ich konnte nun klarer machen, was ich meinte.

Martina

Marlene
25.07.2006, 12:06
Martina,

ich weiss nicht, ob ich alles richtig verstanden habe, was Du schreibst aber ich sag mal was ich so denke zu dem Thema...
Es gibt genügend Angebote von Ärzten,die Patienten in meiner Gewichtsklasse (130-110 kg) ans Herz legen, sich operieren zu lassen.
Und das ohne dass lebensbedrohliche Krankheiten vorliegen. Und das GANZ OHNE auch nur einmal auf eine bestehende Esstörung eingegangen zu sein! Selbst bei dem Hinweis des Patienten, dass eine bestünde, wird das arrogant wegggefegt.
Ich kenne mehrere Frauen mit dem Gewicht, die das erlebt haben.
Ein Skandal in meinen Augen. Denn mit der passenden Hilfe geht es in dieser Gewichtsordnung früher oder später auch auf normalem Wege- wie auch immer, das richtet sich eben nach der vorliegenden Problematik was Organstörungen oder Psychsiche Probleme angeht. Würden sich mehr Ärzte mehr Mühe mit dem einzelnen Patienten geben, würden Stoffwechselerkrankungen, Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkei ten, Schilddrüsenfehlfunktionen, PCO etc. und auch Esstörungen, postraumatische Störungen, Depressionen etc. früher erkannt und angemessener behandelt werden können ohne dass es zu dramatischen Übergewicht kommt.
Aber das geht meist allen Beteiligten nicht schnell genug... und Ziel scheint es in dieser Gesellschaft nicht zu sein, glücklich mit sich selbst zu leben und das Krankheitsrisiko klein zu halten sondern so schnell als möglich schlank zu sein. Egal wie man sich dann fühlt und ob es einem überhaupt auf der ganzen Linie besser geht.
Und da der Weg über den Kopf und die Seele so viel beschwerlicher ist, gehen sicher viele Menschen die Lösung all ihrer Probleme technisch an. OP, Schmerzmittel, Apetitzügler, Abführmedikamente, etc.
Diese Gesellschaft suggeriert, dass nur der lebensfähig zu sein scheint, der erfolgreich, beliebt und gesund ist.
Wer schlank ist, hat laut Suggestion: einen lukrativen, anerkannten Beruf/Job, einen optimalen Partner, gesunde, wohlgeratenene Kinder, viele Freunde, Zuspruch, Anerkennug, Liebe und ein langes Leben.
Und jeder, der das nicht durchschaut, wird darauf reinfallen und all dem ein Leben lang hinterherjagen. Und das tun nicht nur Dicke, die diesem Bild ähnlich sein wollen.
Die wenigsten Menschen schauen genau hin, was Gott ihnen als Individuum mitgegeben hat, schauen, was sie gut können, was weniger gut, ob sie von ihrer Anlage aus eher schlank, dick, gross, klein, behindert, dunkelhäutig, attraktiv, unattraktiv, intelligent oder einfacher gestrickt sind. Und nehmen das an als etwas das nur sie selbst ausmacht. Jeder ist schliesslich einzigartig. Das zu schätzen ist den wenigsten möglich und daraus resultiert m.E. früher oder später mehr oder weniger Selbshass der dann wiederum zur Selbstablehnung führt.
Könnte man andere Menschen und sich selbst generell so annehmen wie sie sind/man ist, bräuchten weniger Menschen leiden in ihrer Haut und sich somit auch nicht verstümmeln lassen (AC, KOsmetische OPs etc)oder erbrechen nach dem Essen, Alkohol im Übermass trinken, sich selbst verletzen oder Gefühle mit Essen abtöten um einem Ideal gerecht zu werden, das sie als reine Äusserlichkeit auch nicht glücklicher machen wird.

Marlene

(Ich bezieh diese Gedanken auf die genannte Gewichtsgruppe.)

dramaqueen
25.07.2006, 20:38
Hallo Martina,

danke für deine ergänzenden Worte! So hatte ich es auch verstanden.
Ich habe mich übrigens plötzlich motiviert gefühlt, den Text mal zu übersetzen - war schon so lange her, das letzte Mal und es hat richtig Spaß gemacht. :notier:
Hoffe, das kommt so einigermaßen hin und du hast dich jetzt nicht auch schon bemüht!

Dysfunktionale Gedanken bei Essstörungen, über Körperbild, Selbstwertgefühl; psychologische Faktoren von Essstörungen


Frage: Haben Menschen mit Essstörungen realistische Ziele?
Was sind die psychologischen Gegebenheiten von Essstörungen?


Antwort: Menschen, die an Essstörungen leiden, neigen dazu, eine Reihe von dysfunktionalen Gedanken bezüglich ihres Körperbildes zu haben: sie sind unfähig, ihr Gewicht und ihr Körperbild objektiv einzuschätzen.


Aus diesem Grund verbringen diese Menschen einen Großteil ihrer Zeit damit, sich darum zu bemühen, sich einem Körperideal anzupassen, einem Bild, dass oftmals nur in ihren Köpfen existiert und in Wirklichkeit unerreichbar ist, da es weit entfernt von ihrem physiologischen Gewicht liegt.


Eine Theorie über ihre Motivation ist, dass sie mit ihren vernünftigen Verhaltensweisen bei der Gewichtskontrolle beginnen, weil es einfacher ist, Kontrolle über den eigenen Körper auszuüben als Charaktereigenschaften zu verbessern.


Die wichtigste psychologische Störung von Essgestörten ist, dass sie sich selbst nicht mögen und dass für sie die Gewichtskontrolle zu einem Mittel zur Überwindung dieses Mangels an Selbstwertgefühl wird.


Das scheinbar so seltsame Verhalten, dass diese Menschen zeigen, ist eng verbunden mit diesem Mangel an Selbstvertrauen.


Essgestörte denken, sie seien wertlos (haben ein niedriges Selbstbewusstsein, ...) und müssen deshalb versuchen, besonders zu sein. Sie glauben, sie seien schlecht und müssen deshalb immer versuchen, gut und verständnisvoll zu sein. Sie glauben, es mangele ihnen an Selbstbewusstsein und deshalb müssen sie stets versuchen, strenge Kontrolle auf alles und jeden auszuüben. Sie betrachten sich selbst als hässlich und fett und deshalb bemühen sie sich, dies zu überwinden, indem sie so dünn wie möglich werden. Sie akzeptieren keine Halbheiten und wenn sie auf den Gedanken kommen, etwas zu tun, tun sie entweder ganz oder gar nicht. Das heißt, sie leben in einer Welt der Extreme – man ist entweder sehr dünn oder sehr fett.


Die dysfunktionalen Gedanken, an die diese Menschen glauben, erklären für sie all ihr symptomatisches Verhalten. Die Therapie der Essstörungen sollte stufenweise alle Vorurteile abbauen, die gleichzeitig prädisponierende und aufrechterhaltende Einflussfaktoren der Symptomatik sind.
Quelle: http://web4health.info/en/answers/ed-psy-dysfunct-thoughts.htm

Ich glaube, es liegt nicht nur daran, dass nur Extreme akzeptabel erscheinen, wenn ein Essgestörter trotz Gewichtsabnahme weiterhin unglücklich ist. Ich glaube, das kommt nicht zuletzt auch daher, dass das vorherige (Über-) Gewicht nie der wirkliche Grund für das Problem war sondern eben eine Auswirkung.
Wie der Autor schreibt, scheint es aber einfacher und offenbar auch naheliegender, den Körper zu unterwerfen, ihn zu bezwingen, als die inneren Überzeugungen und Einstellungen zu hinterfragen und womöglich zu verändern.
Den Wunsch nach Schlankheit, der irgendwie ja allen Essstörungen gemeinsam zugrunde zu liegen scheint, verstehe ich vor allem auch als Wunsch danach, 'richtig' zu sein, passend und so, wie man eben scheinbar sein sollte, um akzeptiert und geliebt zu werden. Und da scheint es ja mehr als legitim, alle erdenklichen Mittel einzusetzen, um dieses Ziel zu erreichen...

lg,
dramaqueen

Ruberta
25.07.2006, 20:59
"Den Wunsch nach Schlankheit, der irgendwie ja allen Essstörungen gemeinsam zugrunde zu liegen scheint, verstehe ich vor allem auch als Wunsch danach, 'richtig' zu sein, passend und so, wie man eben scheinbar sein sollte, um akzeptiert und geliebt zu werden. Und da scheint es ja mehr als legitim, alle erdenklichen Mittel einzusetzen, um dieses Ziel zu erreichen..."


hmmm.... eigentlich wollte ich zu diesem thema ja nicht mehr mit diskutieren :holy:

aber irgendwie hake ich an deiner aussage immer wieder fest.

bei mir lag/liegt die essstörung in erster linie so, dass ich durch das essen oftmals eine innere leere aufgefüllt habe/auffüllen wollte.

das gefühl zu glauben ich sei schlecht udn müsse deswegen besonders verständnissvoll und gut in allem sein.... das ist mir nicht fremd.

überhaupt kann ich den vorletzen absatz deiner übersetzung voll unterschreiben.

DAS war mein lebensgefühl. :(

im rahmen meiner therapie bin ich jetzt dabei mich mühsam aus den alten mustern zu kämpfen. gerade das thema kontrolle spielt bei mir nach wie vor eine grosse rolle.

nachdenkliche grüsse
Silke

Martina
25.07.2006, 22:25
Liebe Dramaqueen,

vielen Dank! Ich habe es, ehrlich gesagt, vorgezogen, heute Abend mein Abendbrot an das Überlinger Ufer des Bodensees zu verlegen und mit ein paar leckeren Kugeln Fruchteis aus Überlingens Turbo-Eisdiele zu tauschen.

Ich finde es sehr lieb, dass Du mir die Arbeit abgenommen hast.

Liebe Grüße
Martina

Martina
25.07.2006, 22:27
Dieses besser sein wollen als die anderen kenne ich zum Glück nur aus dem Job. Da habe ich mich jahrelang enorm ins Zeug gelegt, um mich zu beweisen. Ich kann das aber nicht nur negativ sehen. Es hat mich auch ganz schön weit gebracht. Wäre ich stromlinienförmig gewesen, hätte ich, so wie ich mich kenne, nicht so viel Ehrgeiz entwickelt. Ein gutes Teil meines heutigen Wohlstandes habe ich diesem "dicken" Ehrgeiz zu verdanken.

Martina

Martina
26.07.2006, 07:53
@ Marlene

Du sprichst mir aus der Seele. Unwissentlich hast Du in Deinem Posting eine Zusammenfassung dessen geliefert, woran ich gerade für unsere Website und auch im Zusammenhang mit einem geplanten Brief an die CDU schreibe. Dein Posting spiegelt genau die Einstellung des Forums wieder. Vielen Dank dafür!

Martina

Lovely Rita
28.07.2006, 10:52
ich möchte mich noch einmal ganz herzlich für den link und die übersetzung bedanken.
ich hab das gestern mit in die therapiestunde genommen - auch die nachfolgende gegenüberstellung von normalem und gestörtem essverhalten (von einem anderen therapeuten).
was da drin steht "wusste " ich natürlich schon. aber diese "nüchterne" beschreibung hat mir so glasklar vor augen geführt, dass es sich tatsächlich um ein krankheitsbild handelt und ich nicht nur verfressen war/bin.

und sie hat für mich unterstrichen, dass der weg aus dieser störung nur die absolute aufmerksamkeit für meine bedürfnisse und wünsche sein kann. natürlich arbeiten meine therapeutin und ich da auch genau dran. und ich habe das gefühl, ich bin jetzt an einem durchbruch.

ein beispiel: ich habe vor meiner gartentür eine kleine holzterasse, wirklich klein. die habe ich liebevoll gestaltet und jedesmal wenn ich an der offenen tür vorbeigehe lacht mein herz. es ist ungefähr genauso, wenn ich meinen kater anschaue, weil ich den halt sehr lieb habe und ich mich immer freu, wenn er daherkommt.
zweites beispiel: ich hab mir einen camcorder gekauft und spiel die ganze zeit damit herum. finanziell unvernünftig, aber ich hab dieses beengende "ich-kann-mir-das-nicht-leisten" denken erfolgreich abgestellt. ich hab mir die kamera nicht aus unvernünftigen gründen gekauft, also über meine verhältnisse gelebt, sondern aus dem vernünftigen grund, weil sie mir große freude bereitet.
ich erlebe, sobald ich etwas für mich tue, hat das viele positive folgewirkungen, alles blüht und gedeiht.

und da gibts noch viele beispiele, anhand derer ich jetzt täglich erlebe, wie es ist, seine bedürfnisse zu befriedigen, auf sich selbst zu achten.
und ich spüre, bis zum definitiven durchbruch beim essen, ist es nicht mehr weit. wobei das sicher wieder ein längerer prozess werden wird, aber mein essverhalten ist ohnehin schon so viel besser.

was diese texte mir so erfolgreich bestätigt haben, ist, dass es eine lösung gibt, die nicht über das thema essen führt, sondern über die selbstliebe. warum es gerade diese zwei texte waren, die mich von einer noch versteckt vermuteten schuld befreit haben und mir die freiheit gegeben haben, die essstörung zu überwinden, ich weiß es nicht. ich weiß nur, dass die botschaft angekommen ist und dass alles, was ich schon für mich tue, jetzt greift. und ich habe sogar bzw. auch eine aufrichtige einsicht, dass ich diese essstörung ausleben muss (= bis zum ende durchleben muss), um mich weiterzuentwickeln, um ein zufriedener mensch zu sein.

daher also vielen dank fürs posten und übersetzen,

christine

iko66
28.07.2006, 11:58
Essgestörte denken, sie seien wertlos (haben ein niedriges Selbstbewusstsein, ...) und müssen deshalb versuchen, besonders zu sein. Sie glauben, sie seien schlecht und müssen deshalb immer versuchen, gut und verständnisvoll zu sein. Sie glauben, es mangele ihnen an Selbstbewusstsein und deshalb müssen sie stets versuchen, strenge Kontrolle auf alles und jeden auszuüben. Sie betrachten sich selbst als hässlich und fett und deshalb bemühen sie sich, dies zu überwinden, indem sie so dünn wie möglich werden. Sie akzeptieren keine Halbheiten und wenn sie auf den Gedanken kommen, etwas zu tun, tun sie entweder ganz oder gar nicht. Das heißt, sie leben in einer Welt der Extreme – man ist entweder sehr dünn oder sehr fett. Spät, aber dennoch, antworte ich jetzt auch nochmal auf diesen Thread.
Ich weiß nciht genau warum, aber ich hatte die Übersetzung von Dramaqueen nicht gelesen...vielleicht weil ich dachte, was eine ES ist? Jedenfalls bin ich beim Lesen über die Fragestellung nicht hinaus gekommen, habe dann diesen Thread nur noch oberflächlich verfolgt.
Eben las ich dann den Beitrag von Christine, spürte, dass Ihr diese Textübersetzung offensichtlich viel gebracht hat.
Daraufhin las ich die Übersetzung jetzt.
Ich bin ein wenig geplättet, jetzt, oder erschrocken... oder erschüttert. Dieser Text bringt Eingenschaften von mir in einen Kontext mit der ES, den ich bisher noch nicht hergestellt hatte, bzw. zumindest mir nicht bewusst gemacht hatte.
Mir war zwar bewusst, dass ich kein gutes Selbstwertgefühl habe und unterschwellig hatte ich auch das intuitive Gefühl, dass damit auch mein Essverhalten und mein Gewicht zusammenhängt, aber tatsächlich macht der Text es viel klarer mit folgenden 2 Sätzen:
Eine Theorie über ihre Motivation ist, dass sie mit ihren vernünftigen Verhaltensweisen bei der Gewichtskontrolle beginnen, weil es einfacher ist, Kontrolle über den eigenen Körper auszuüben als Charaktereigenschaften zu verbessern.
Die wichtigste psychologische Störung von Essgestörten ist, dass sie sich selbst nicht mögen und dass für sie die Gewichtskontrolle zu einem Mittel zur Überwindung dieses Mangels an Selbstwertgefühl wird. Und auch mit dem Schlussabsatz fühle ich mich sehr erkannt:
Essgestörte denken, sie seien wertlos (haben ein niedriges Selbstbewusstsein, ...) und müssen deshalb versuchen, besonders zu sein. Sie glauben, sie seien schlecht und müssen deshalb immer versuchen, gut und verständnisvoll zu sein. Sie glauben, es mangele ihnen an Selbstbewusstsein und deshalb müssen sie stets versuchen, strenge Kontrolle auf alles und jeden auszuüben. Sie betrachten sich selbst als hässlich und fett und deshalb bemühen sie sich, dies zu überwinden, indem sie so dünn wie möglich werden. Sie akzeptieren keine Halbheiten und wenn sie auf den Gedanken kommen, etwas zu tun, tun sie entweder ganz oder gar nicht. Das heißt, sie leben in einer Welt der Extreme – man ist entweder sehr dünn oder sehr fett.Wie immer, wenn ich etwas oder jemandem in meinem Leben begegne, das/der mich erkennt, sitze ich jetzt gerade hier, ein wenig verängstigt, erschreckt und mit einem Kloß im Hals...

Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass sich alle meine "Macken" zu einem eschossenen Gesamtbild formieren - das ist ein seltsames Gefühl.

Auf jeden Fall scheint dieser Text tatsächlich seine Wirkung zu tun.

Christine: Du hast von zwei Texten gesprochen, welches war der zweite?

Ein wenig erstarrte Grüße
Iko

laure
28.07.2006, 12:11
Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass sich alle meine "Macken" zu einem eschossenen Gesamtbild formieren - das ist ein seltsames Gefühl.

Hoffentlich nicht ;)

Liebe Grüsse,
L., leider auch ziemlich gut beschrieben

iko66
28.07.2006, 12:36
:-D:-D:-D:-D:-D geschlossen war gemeint...:-D:-D:-D:-D:-D

Iko

laure
28.07.2006, 12:38
Ich muss ja zugeben, dass ich bei der ersten Version auch ein "r" hineininterpretiert habe, das - bei zweiter Betrachtung - dort gar nicht steht. Dabei ist es doch heute gar nicht mehr so heiss...

Gruss,
L.

iko66
28.07.2006, 12:41
Gibt es irgendwo schon eine Untersuchtung von orthografischen Fehlern bei schriftlichen Freud'schen Verbrechern???;)
LG
Iko

Lovely Rita
28.07.2006, 12:43
Christine: Du hast von zwei Texten gesprochen, welches war der zweite?


wenn du ans ende des artikels gehst, kannst du da blau anklicken

How people with eating disorders think?

das ist von einem gunnar palme
er macht eine gegenüberstellung und die find ich auch ziemlich erleuchtend.
hier kommst du direkt hin

http://web4health.info/en/answers/ed-psy-versus-normal.htm

du kannst übrigens noch viele andere texte durch weiterklicken finden, aber lies sie besser häppchenweise.

liebe grüße, christine

biggerman
28.07.2006, 12:46
:applaus: Hi, darf ich die Übersetzung und das statement von Martina in meinen im entstehenden adipositas.blog.de integrieren????

iko66
28.07.2006, 12:47
Danke Christine :)

Martina
29.07.2006, 12:12
Hi, darf ich die Übersetzung und das statement von Martina in meinen im entstehenden adipositas.blog.de integrieren????Hi Gerd,

was mein Statement betrifft: Aber gerne!

Dramaqueen muss zur Übersetzung selbst entscheiden. Ggf. schicke ihr doch mal eine PN, um sie zu fragen.

Noch etwas zum Thema AC:

Ich habe in einem anderen Thread einmal geschrieben: Ich möchte Euch Mut machen, Eure Träume zu leben. Man darf es nicht mit der Brechstange tun, aber wenn man erkennt, dass die Zeit für etwas da ist, weil sich alles wie von einer magischen Hand gelenkt, fügt, dann ergreift die Chance, auch wenn es vielleicht bedeutet, dass Ihr kurzfristig Eure Existenz auf's Spiel setzt, denn das habe ich definitiv getan. Vertraut Eurem Schicksal! Tut nichts, wovon Ihr nicht überzeugt seid, aber wenn Ihr von etwas überzeugt seid, dann lasst Euch nicht von Miesmachern davon abhalten. Horcht in Euch hinein und folgt dem, was Ihr dort hört.Das sehe ich zum Beispiel auch in Bezug auf die Adipositaschirurgie so. Wenn jemand davon überzeugt ist, dass das sein Weg ist, muss diese Person das auch durchziehen.

Nichtsdestotrotz stehe ich der Einrichtung "Adipositaschirurgie" extrem kritisch gegenüber. Gäbe es sie nicht, müssten die Betroffenen nach anderen Wegen zu ihrem Glück suchen und wenn sie es wollten, würden sie sie dann auch finden. Es ist die Sache, die ich kritisiere, nicht die Menschen, die sie nutzen (außer denen vielleicht, die sie glorifizieren). Und ich persönlich glaube eben auch, dass das Glück, das sie verspricht, eine recht schlüpfrige Angelegenheit ist.

Martina

dramaqueen
29.07.2006, 12:39
@biggerman: klar, kannst du gerne benutzen!

Martina
05.08.2007, 03:34
Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich einmal diesen Thread hier begonnen. Inzwischen finde ich meine oben geschilderten Eindrücke umso intensiver bestätigt. Hier habe ich einen Thread [Link entfernt, da ungültig, s.u. in Beitrag #31] gefunden, der meine obigen Gedanken voll und ganz bestätigt. Ich finde das alles sehr beunruhigend.

Martina

Smutje
05.08.2007, 08:31
Ich finde die Aussagen auch sehr beunruhigend und auch bei welchem Gewicht operiert wird. Meiner Ansicht müssen dort erst andere Maßnahmen greifen bevor man zum Messer greift.

Lovely Rita
05.08.2007, 13:01
ein Magenband mit 115 Kilo,
ein Magenbypass mit 79 Kilo!

Schrecklich.
Auch wenn ich an die zwei Freundinnen denke, die ich in der endokrinologischen Ambulanz gesehen habe und die am 14. August beide in der Rudolfstiftung einen Magen-Bypass bekommen, wird mir übel.
Sie freuen sich darauf wie 15jährige auf ein Konzert von Tokio Hotel.

biggerman
05.08.2007, 15:18
und d. ist mein gutes Recht.
Auf der einen Seite die Bestätigung (die übrigens für fast alle AC operierten gilt) des "Spuckens; auf der anderen Seite die beruhigende Vorstellung Magenspiegelung war/ist in Ordnung.
Dauerhaftes "Spucken" führt zur Reizung der Magenschleinhäute und all den negativen Folgen. Aus diesem >Grunde kann eine Magenspiegelung niemals einen normalen Wert zeigen. meint der master of disaster aller AC-<Operierten.

Martina
05.08.2007, 17:18
Es ist schon erstaunlich, welche Erkenntnisse sich plötzlich breit machen: [Link entfernt, da ungültig, s.u.]

Insbesondere Gerd, aber auch alle anderen, ich erinnere mich noch genau, wie ich mit meinen Argumenten vor ein, zwei Jahren noch vollkommen abgebügelt wurde, weshalb ich nicht länger bereit war, diesen Leuten meine wertvolle Energie zu widmen.

Wahrscheinlich ist tatsächlich was daran, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss.

Martina

Smutje
05.08.2007, 18:36
Liebe Martina leider muss man im Forum angemeldet sein um den Artikel zu lesen.

Martina
05.08.2007, 18:41
Sorry. In diesem Thread wurde eine Grafik der Bundeszentrale für gesundheitlichen Aufklärung verlinkt, in der die Zusammenhänge zwischen Diäten und Essstörungen dargestellt wurden. ... mit dem Hinweis, dass diese Zusammenhänge auch auf die AC zutreffen.

Sally
06.08.2007, 12:24
Wenn das Ich will perfekt sein und zwar nicht nur auf der Arbeit, sondern in jeder Hinsicht - auch körperlich gesehen. die Motivation für AC ist, kann es eigentlich nur schiefgehen. Das ist eine traurige Geschichte, finde ich. Vermutlich hätte eine ordentliche Therapie, die von völlig überzogenen perfektionistischen Ansprüchen an sich selbst wegführt, mehr bewirkt. Und vor allem Besseres.

Das eigentlich Schlimme aber - da stimme ich mit Lovely Rita absolut überein - ist, bei welchem Gewicht hier AC-Maßnahmen durchgeführt werden. Man sollte eigentlich erwarten, dass ein Arzt jemanden, der mit 79 kg Gewicht einen Bypass haben will, nach Hause schickt. Aber hier scheinen auch die letzten Anflüge von Moral und Verantwortungsgefühl den (Geld-) Bach hinuntergegangen zu sein.

Martina
06.08.2007, 22:32
Na ja, es handelte sich ja in diesem Fall um einen Umbau, um das mit dem Magenband erzielte Ergebnis zu retten. Ich denke nicht, dass bei diesem Gewicht Erst-OPs durchgeführt werden.

Es ist ja nicht nur dieses Thema, das plötzlich in der AC-Szene Raum greift. Anderswo begann man kürzlich, sich Gedanken darüber zu machen, ob die Dicken nicht zu sehr dazu neigen, alle Probleme aufs Dicksein zu schieben. Ach nee, habe ich gedacht, auch schon wach???

Man muss bedenken, dass die AC nun auf eine gewisse Geschichte zurückblicken kann. Vor fünf Jahren wurde sie als der Königsweg verkauft und es war unmöglich, irgendetwas dagegen zu schreiben. Auch heute noch ist es eigentlich nicht möglich. Man hatte und hat oft den Eindruck, dass das, worum es uns hier geht, gar nicht verstanden wird und auch gar nicht verstanden werden will.

Umso spannender finde ich es, dass die Themen unseres Forums (Essstörungen, Selbstakzeptanz usw.) nun mehr und mehr auch Themen in der AC-Szene werden. Meine Bedenken gegen die AC finde ich immer öfter in den Aussagen und Zweifeln vieler Operierter bestätigt.

Hinzu kommt die Schuldfrage, die wir ja schon in dem Dickenhammer-Thread (http://www.das-dicke-forum.de/forum/showthread.php?t=3652) diskutieren. Diese wird nämlich auf die AC-Versager vielfach genauso angewandt wie auf die Diät-Versager. Das wiederum setzt diesen schlimmen Kreislauf in Gang, der dann in Essstörungen endet.

Es tut mir aufrichtig leid, dass so viele Menschen in diese Falle rennen. Aber wie ich oben schon schrieb: Anscheinend muss doch jeder seine eigenen Erfahrungen machen.

Martina

Martina
07.08.2007, 10:03
Inzwischen wurde der oben in Beitrag #22 verlinkte Thread entfernt. Daher hier eine kurze Zusammenfassung: Es handelte sich um das Bekenntnis einer Operierten, auch nach Erreichen des Zielgewichts noch deutlich essgestört zu sein bzw. die Essstörung verlagert zu haben. Es folgte eine Diskussion, in der zum einen der Mut, dies zuzugeben, bewundert wurde, zum anderen aber auch andere Diskutanten sich zu dem Problem bekannten. Außerdem ging es um Maßnahmen, die Essstörung in den Griff zu bekommen.

Ich finde es schade, dass der Thread entfernt wurde, weil ich es als einen Hoffnungsschimmer angesehen habe, dass mit dem Thema dort nun ebenso offen umgegangen wird wie bei uns. Wir wissen von unseren Operierten, dass die Dinge nicht so einfach sind, wie sie in den AC-Foren dargestellt werden und dass die Essstörung nicht einfach wegoperiert werden kann. Daher danke ich insbesondere Silke an dieser Stelle noch einmal für ihre schonungslose Offenheit.

Ich glaube, ich stünde der AC nur halb so kritisch gegenüber, wenn in dieser Szene nicht diese "heiklen Themen" (wie sie sie selbst nennen) so nachhaltig unter den Tisch gekehrt würden. Jeder von uns weiß, dass bereits eine Gewichtsabnahme von wenigen Kilogramm manche Probleme aus der Welt schaffen kann. Meine Akzeptanz der AC wäre besser, wenn es tatsächlich um die Gesundung des Körpers ginge und nicht um seine Perfektionierung. Leider wird die Gesundung in den allermeisten Fällen als Deckmäntelchen für die Perfektionierung missbraucht.

Allerdings sehe ich, dass die Erkenntnisse, die ich schon seit Jahren habe, langsam aber sicher auch in den Köpfen der Betroffenen ankommen. Ich bin gespannt, wie viele Jahre es noch dauern wird, bis die Selbsthilfe zur AC zu einer Selbsthilfe gegen die AC wird. In Amerika, wo jährlich Hunderttausende operiert werden, hat dies längst begonnen. Dort gibt es Blogs, die die frauenfeindlichen Aspekte der AC herausstreichen (eine AC-Maßnahme ist die moderne Form der Beschneidung der Frau). Ich werde mich gelegentlich mal etwas intensiver mit diesem Thema beschäftigen.

Wie gesagt, es ist schade, dass die guten Ansätze nun wieder in der Versenkung verschwinden. Letztlich macht das aber nichts. Zumindest wir hier werden das Thema Essstörungen mit und ohne AC weiterhin diskutieren.

Martina

mica
08.08.2007, 06:23
Inzwischen wurde der oben in Beitrag #22 verlinkte Thread entfernt.
Martina

Hier isser (http://www.adipositasverband-international.de/forum/thread.php?threadid=29172)

Nun schleiche ich schon seit einiger Zeit um diesen Thread herum… Nachdem ich seit knapp vier Wochen auch zu den AC-Operierten gehöre wollte ich mich eigentlich zurückhalten.

Allerdings glaube ich, dass Martina absolut Recht hat. In den AC-Foren werden die Komplikationen, insbesondere die möglichen Folgen von nicht oder nicht ausreichend behandelten ES absolut verschwiegen. Und wenn denn mal so was auftaucht verschwindet es ganz schnell wieder oder die Leute werden runter gebügelt. Manchmal liest man schon etwas über körperliche Folgen – aber die seelischen…? Schweigen. Die Psychologischen Gutachten werden in den Kliniken mit erledigt, die die OP anbieten. So wird denn nach einem halbstündigen Gespräch bestätigt, dass keine ES vorliegt. Über die seriösen Psychologen/Psychiater, die das ablehnen wird geschimpft. Und ich habe auch den Eindruck, dass das Einstiegsgewicht für die OPs immer weiter fällt. Bei 110 Kilo ohne Nebenerkrankungen wäre ich nie auf die Idee gekommen, so was machen zu lassen.

In diesem Thread (http://das-dicke-forum.de/forum/showthread.php?t=3078) #5 und folgende waren diese Auswüchse der AC-Szene schon mal Thema und ebenso das in die Sucht gleitende Verhalten.

Mir ist die Entscheidung für die OP sehr schwer gefallen. Vorher habe ich versucht auf anderem Wege den Teil der Kilos los zu werden der mich ins Bett gezwungen hat. Ich habe einen Ärztemarathon hinter mich gebracht und die Hormone kontrollieren lassen, Schilddrüse und was noch so alles dazu gehört. Leider hat die richtige Einstellung mit Ernährungsumstellung aufgrund der fehlenden Bewegung – trotz hoher Morphiumdosen waren die Rückenschmerzen nicht mehr in den Griff zu bekommen – nicht zum Verschwinden der Kilos geführt. Seit ein paar Tagen hab ich dann auch die Info, dass Opiate den Stoffwechsel generell verlangsamen. Hat mir auch kein Arzt gesagt.

Nun habe ich nie zu den Dicken gehört, die kein Selbstbewusstsein haben. Die komische Idee, alles sei besser, wenn ich denn erst schlank bin ist mir genauso fremd wie die Vorstellung nur dann einen Partner oder beruflichen Erfolg zu haben oder was es denn sonst noch so für Ausreden gibt am Leben jetzt und heute nicht teilzuhaben. Oder die Verantwortung für sein Glück und sein Leben zu übernehmen. Ich habe auch nicht den Anspruch gertenschlank zu werden. Mir reicht es wenn ich das Gewicht so weit runter bekomme, dass ich wieder Fahrrad fahren kann und mich selber wieder aktiver bewegen kann. Das geht jetzt schon besser, das Morphium konnte ich schon reduzieren. Mein Diabetes hat sich auch schon fast abgemeldet.

Vorher habe ich mich mit den negativen Seiten beschäftigt, mit dem Risiko trotz des Bypasses nicht abzunehmen. Meine Psychotherapien sind einige Jahre her, ich habe/hatte seit 20 Jahren keine akute ES. Ich esse einfach gerne. Trotzdem habe ich mir eine Therapeutin gesucht die mich auf dem Weg begleitet. Ich sehe die Gefahr, dass Stolperfallen auftauchen oder ich Dinge völlig falsch einschätze. Oder mich falsch einschätze.

Der Gedanke mich selber zu perfektionieren wäre mir allerdings nicht gekommen. Ich halte mich nicht für ein Gesamtkunstwerk. Die Spuren des Lebens gehören zu uns. Sie machen uns zu dem was wir sind. Ich finde, sie machen uns schön. Egal bei welchem Gewicht.

mica

Martina
08.08.2007, 08:27
Hi mica,

man kann ihn aber nur sehen, wenn man dort angemeldet ist. Er ist in einen für stille Leser nicht sichtbaren Bereich verschoben worden und dient somit nicht mehr der allgemeinen Information über mögliche Begleiterscheinungen der AC.

Dass mit Deiner OP habe ich gar nicht mitbekommen *schäm*. Ich habe ja auch nicht grundsätzlich etwas gegen die OPs. Es gibt sicher berechtigte Fälle. Wir hatten hier ja schon die lange Diskussion mit Silke. Wenn es gar nicht anders geht und die Lebensqualität so massiv eingeschränkt ist, wie es bei Euch der Fall war, dann ist die OP sicher eine Alternative, die man bedenken sollte. Wenn man es dann auch noch angeht wie Du und Silke ... also eben nach mehr Gesundheit strebt, nicht aber nach stromlinienförmiger Schönheit, dann ist es für mich völlig in Ordnung.

Ich sehe das mit den Spuren des Lebens genauso wie Du. Und wenn ich von Selbstakzeptanz spreche, meine ich nicht, dass Dicksein toll ist und dass ich mich aufgebe, sondern ich meine in erster Linie, dass ich erst einmal akzeptiere, dass es mein Schicksal ist, in meinem Fall eine Erkrankung zu haben, die mich dick gemacht hat. Dazu gehört auch die Akzeptanz, dass das in diesen Ausmaßen zu verhindern gewesen wäre, hätte ich nur die richtigen Informationen 10, 20 Jahre früher gehabt. Mit der Akzeptanz des Letzteren tue ich mich deutlich schwerer als mit der Akzeptanz der Tatsache, dass ich ein dicker Mensch bin.

Aber diesen wichtigen ersten Schritt tun viele Leute in der AC-Szene gar nicht erst. Sie möchten am liebsten einen Schalter haben, den sie umlegen und der sie auf einen Schlag schlank macht. Nun ist die AC ja in vielen Fällen einem solchen Schalter vergleichbar. Jedenfalls kann man mit keiner anderen Methode in so kurzer Zeit so viel abnehmen. Hat man sich aber vorher nicht mit seinem bisherigen Schicksal auseinander gesetzt und es akzeptiert, wird sich das rächen. Das kann man hundertfach in den Foren lesen.

Das ist bei Nicht-Operierten nicht anders. Wer den Kopf in den Sand steckt, wird nie mit seiner Situation zurecht kommen, egal wieviel er oder sie wiegt.

Aber aus welchen Gründen auch immer, wird beim Anblick unseres Forums häufig davon ausgegangen, hier würde das Dicksein glorifiziert. Gestern fand ich bei einer Recherche ein Forum, in dem unser Forum einem Pro Ana-Forum als "das andere kranke Extrem" gegenüber gestellt wurde. Früher hätte mich so was wirklich genervt und ich hätte dort etwas dazu geschrieben. Heute freue ich, dass unser Forum dort verlinkt ist und dass auf diese Weise vielleicht der eine oder andere Hilfe bei uns findet. Trotzdem habe ich ein Problem mit dieser Oberflächlichkeit, die man auch in der AC-Szene antrifft, z.B. in dem Thread über meinen Auftritt bei Maischberger. Da wurde auch selbstverständlich negativ über mich geredet. Mir ist das in Bezug auf meine Person so was von egal, aber diese dümmlichen Forderungen, ich hätte auf die AC aufmerksam machen sollen, damit all die armen Dicken im Land endlich Hilfe finden ... neee, das wäre dann doch ein bisschen viel verlangt. Sie sollten dankbar sein, dass ich nicht die Wahrheit über die AC gesagt habe. In diesem Thread jedenfalls kam es auch wieder, dieses Kopfschütteln über ein Forum wie unseres, weil die Akzeptanz des eigenen Schicksals als Glorifizierung des Dickseins angesehen wird. Es tut mir leid, dass ich das so sagen muss, aber irgendwie hat das dann auch mit einem gewissen Mangel an Intellekt zu tun.

Dir, mica, wünsche ich, dass Dir die OP wirklich hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe heute Morgen schon eine eMail von einer stillen Leserin erhalten, die sich lobend über Dein Posting geäußert hat, weil es so reflektiert und so vernünftig ist. Ich dachte, das freut Dich vielleicht.

Liebe Grüße
Martina

Na_Ich
08.08.2007, 08:42
Nunja, meine Einstellung zu diesem ganzen OP-Kram kennt man ja, also werde ich ihn gar nicht wieder hervorkramen. *hüstel* Dir, Mica, wünsche ich, dass Dein Leben wieder an Qualität gewinnt und Du von Nebenwirkungen verschont bleibst.

@Martina: Ich denke, dass unsere Forum mit Glorifizierung in Verbindung gebracht wird, liegt einfach daran, dass es der einfachste Weg ist, diese Aussage zu treffen, als sich wirklich damit auseinander zu setzen. Dazu gehört, dass viele Menschen einfach nicht in der Lage sind, andere Meinungen zu akzeptieren sondern ihre Meinung anderen immer aufzwingen wollen als die einzig Wahre! Ich denke, da wir dies hier nicht tun, sondern andere Meinungen durchaus gleichberechtigt behandeln, sind wir schon einen ganzen schritt weiter als andere. Klar, wir schießen auch zum rechten Zeitpunkt los, wenn uns der Kragen platzt. Wir sind auch nur Menschen, denen irgendwann die Geduld ausgeht. Aber viele können eben einfach nur angreifen und beleidigen und drehen Dir dann, wenn Du darauf eingehst, das Wort im Mund rum, so dass Du Dich ärgerst, überhaupt was gesagt zu haben.

Es gibt da so ein schönes Sprichwort "Never argue with idiots. They just drag you down to their level, then beat you with experience." Für alle nicht Englisch-sprecher: Streite niemals mit Idioten. Die ziehen Dich nur runter auf ihr Level und schlagen Dich dann mit ihrer Erfahrung.

Oder so...und es stimmt. Manchmal muss man einfach der Klügere sein, der nachgibt. Abgesehen davon, manche Leute haben ein Niveau, soweit können wir uns gar nicht runterbeugen.

Deswegen finde ich es gut, dass auch "dumme" Leute uns verlinken, uns als lächerlich hinstellen und gar nicht kapieren, dass sie DAMIT auch noch - und zum Teil sogar gute - Werbung für uns machen.

Sesan
08.08.2007, 09:09
Diese Gesellschaft suggeriert, dass nur der lebensfähig zu sein scheint, der erfolgreich, beliebt und gesund ist.
Wer schlank ist, hat laut Suggestion: einen lukrativen, anerkannten Beruf/Job, einen optimalen Partner, gesunde, wohlgeratenene Kinder, viele Freunde, Zuspruch, Anerkennug, Liebe und ein langes Leben.
Und jeder, der das nicht durchschaut, wird darauf reinfallen und all dem ein Leben lang hinterherjagen. Und das tun nicht nur Dicke, die diesem Bild ähnlich sein wollen.
Die wenigsten Menschen schauen genau hin, was Gott ihnen als Individuum mitgegeben hat, schauen, was sie gut können, was weniger gut, ob sie von ihrer Anlage aus eher schlank, dick, gross, klein, behindert, dunkelhäutig, attraktiv, unattraktiv, intelligent oder einfacher gestrickt sind. Und nehmen das an als etwas das nur sie selbst ausmacht. Jeder ist schliesslich einzigartig. Das zu schätzen ist den wenigsten möglich und daraus resultiert m.E. früher oder später mehr oder weniger Selbshass der dann wiederum zur Selbstablehnung führt.
Könnte man andere Menschen und sich selbst generell so annehmen wie sie sind/man ist, bräuchten weniger Menschen leiden in ihrer Haut und sich somit auch nicht verstümmeln lassen (AC, KOsmetische OPs etc)oder erbrechen nach dem Essen, Alkohol im Übermass trinken, sich selbst verletzen oder Gefühle mit Essen abtöten um einem Ideal gerecht zu werden, das sie als reine Äusserlichkeit auch nicht glücklicher machen wird.:applaus: also schöner hätte ich das jetzt nicht sagen können. Da setzte ich meine volle Unterschrift drunter. :five: bravo. Leider hab ich, um da noch einen drauf zu setzten, das Gefühl, dass es in den letzten Jahren immer schlimmer wird. Leider!! Aber vielleicht setzt ja auch bei denen "normalen" - ich bin schlank bei mir stimmt alles" das Hirn ein. Ach dicke, kleine, große schwarze weisse sind auch Menschen? nein...Gefühle die? nein...*g sorry. Wer weiss ich bin ja Optimistin *:-D
lg Sesan

Himbeere
05.02.2008, 22:27
Hallo Martina,
Dein Eingangsbeitrag ist ja schon etwas länger her.
Also, ich bin ja ausschliesslich durch meine Essstörung Binge Eating und Depressionen adipös geworden. Und für mich kommt genau aus diesem Grund AC nicht in Frage (wie es bei lebensbedrohlichem(!) ÜG dann wäre, also wenn ich nochmal sehr viel noch zulegen würde (hab derzeit Gr. 54), kann ich jetzt in der Theorie nicht sagen, da würd ich dann wohl Risiko gegen Risiko abwägen...).
Ich meine mich auch erinnern zu koennen, dass ich wo gelesen habe, dass Essstörung ein definitives Ausschlusskirterium für AC sein "müsste".

Mir wäre es viel zu riskant, der blose Gedanke nach einer Magenband-OP etc dann Essanfälle in der derzeitigen Form zu haben und dass da innerlich dann was kaputtgeht ist für mich schon der blanke Horror und Grusel.

Ich hab den Gedanken an die Überwindung meiner Essstörung noch nicht aufgegeben. Eine Gewichtsabnahme käme dann bei mir - vermutlich - von selber (falls die letzten Jahre als Folgeschaden meiner Essstörung nicht auch mein Stoffwechsel sich bereits krankhaft verändert haben sollte, was ich derzeit nicht annehme). Mir machen eher die dann todsicher auftretende überschüssige Haut und Fettschürze, etc gedanklich zu schaffen. Der Kampf um die Kostenübernahme mit einer privaten KV soll nach dem, was ich so hörte, noch viel schlimmer sein als bei den Gesetzlichen mit dem Mediznischen Dienst und fast aussichtslos was Fettschürze angeht....

Was mich ein wenig erschreckt auf den AC-Foren (war erst vor wenigen Tagen das erste Mal auf einer), dass da sich welche schon bei 100-110 kg oder so AC-operieren lassen. Finde ich ein wenig daneben, dass Ärzte sowas machen. Überrascht war ich auch, dass meinem Eindruck nach nach einer AC-OP die Versicherungen wohl EHER(!) eine Hautreduktionsplastik zahlen (als wie wenn man beispielsweise durch Diät oder Überwindung von Binge Eating extrem abnimmt und Hautüberschuss hat).

Ich verurteile keinen, der, wie mica, nach reiflicher Überlegung und Abwägung sich bei wirklich hohem Übergewicht AC-operieren lässt, weil er seelisch, nervlich oder körperlicxh sein Gewicht nicht mehr "ertragen" kann und alle anderen Versuche gescheitert sind.
Aber wer ohne reifliche Überlegung in so eine OP mehr oder minder gedankenlos wie zu einem Facelift geht, dem ist eh nicht zu helfen....leider tun dies aber immer noch einige, wenn ich in den Foren so lese.

Martina
17.03.2011, 19:13
Was ich immer noch nicht so ganz begreife ist, das bei einer anderen Sucht (Z.B. Alkohol) die Krankheit gesehen wird, während man als dicker Mensch = faul, undiszipliniert und doof ist. Unfassbar!:mad:Wobei festzuhalten bleibt, dass nicht alle Dicken essgestört/ süchtig sind!Ich nehme den oben zitierten Dialog mal zum Anlass, diesen alten Thread wieder hoch zu holen.

Inzwischen sind noch mal drei Jahre vergangen und die Stimmung in der AC-Gemeinde hat sich weiter verändert.

Während, wie oben ausgeführt, früher Essstörungen komplett unter den Tisch gekehrt wurden, ist es mittlerweile so, dass alle Dicken essgestört, genauer gesagt, esssüchtig sind. Auf dieser Basis wird dann die Tatsache, dass die OP oftmals von den Krankenkassen nicht bewilligt wird, als totale Ungerechtigkeit empfunden. Schließlich wird anderen Süchtigen ja in aller Selbstverständlichkeit geholfen.

Zum Thema Esssucht hier zwei Zitate:Esssüchtige leiden unter Heißhungeranfällen: Sie verschlingen zwanghaft sehr große Nahrungsmengen in kurzer Zeit. Man geht davon aus, dass ca. fünf Prozent der Adipösen esssüchtig sind.

Quelle: gesund-in-schwaben.de (http://lexikon.gesund-in-schwaben.de/content/a664e9c85ab102604b2e8b44a12d49 b0#behandlungE) - Hervorhebung durch michEsssüchtige essen zwanghaft und denken dauernd an „Essen“ und an die Folgen für ihren Körper. Sie essen entweder zu viel oder sie kontrollieren ihr Gewicht mit komplizierten Systemen von Essen, Diäten, Fasten und Bewegung.

Quelle: Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Esssucht#Esssucht)Und wehe jemand macht wie Hummelchen in dem anderen Thread darauf aufmerksam, dass die wenigsten Dicken esssüchtig sind!

Und damit schließt sich für mich die Schleife zum Ausgangsposting dieses Threads: Wenn man nämlich genauer hinschaut, dann findet man heraus, dass die Vorstellung vorherrscht, Essen sei per se Suchtverhalten. Faktisch ist das ja noch nicht mal falsch, denn schließlich müssen wir alle essen. Unser Körper verlangt das von uns und zeigt so etwas wie Entzugserscheinungen, wenn wir das Essen komplett einstellen, was lebenswichtig ist.

Deshalb bin ich der Meinung, dass die Auffassung, Essen sei per se eine Sucht, essgestört ist.

Orien
17.03.2011, 20:19
Äh. Aber ist (nicht behandelte / "aktive") Esssucht nicht ein Ausschlusskriterium für die Adipositaschirurgie?!?

Zumindest für die, die von der Krankenkasse übernommen werden soll.

Martina
17.03.2011, 20:31
Schon lange nicht mehr.

Siehe auch die S3-Leitlinie: Chirurgie der Adipositas (http://www.adipositas-gesellschaft.de/leitlinien.php), Seiten 9, 15, 37 (Entwicklung post-operativer Essstörungen)Die Binge-Eating-Störung, psychische Erkrankungen oder kindliche Missbrauchserfahrung
stellen heute keine generelle Kontraindikation gegen bariatrische Maßnahmen mehr dar [EL 4]
[Herpertz et al. 2004, de Zwaan et al. 2010, White et al. 2009]. Instabile psychopathologische
Zustände, aktive Substanzabhängigkeit und eine unbehandelte Bulimia nervosa werden als
Kontraindikationen bewertet. Psychische Erkrankungen können aber behandelt werden und in
einen stabilen Zustand übergeführt werden: Dann sollte eine Re-Evaluation stattfinden [BEL 2b]
[Black et al. 2003, Schrader et al. 1990].

Hummelchen
18.03.2011, 10:59
I
Während, wie oben ausgeführt, früher Essstörungen komplett unter den Tisch gekehrt wurden, ist es mittlerweile so, dass alle Dicken essgestört, genauer gesagt, esssüchtig sind.

Ja, genauso wie einem (fast) niemand glaubt, dass man mit Übergewicht ein glückliches Leben und sich selbst akzeptieren kann, wird einem nicht geglaubt, dass man dick sein kann, ohne eine Essstörung zu haben.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Sophie
20.03.2011, 15:45
Aber ehrlich gesagt, ist es mir noch lieber, wenn man mir nachsagt, ich hätte eine ES (und die habe ich zufällig!), als wenn ich einfach nur als doof und gefräßig abqualifiziert werde.

Hummelchen
21.03.2011, 11:12
Aber ehrlich gesagt, ist es mir noch lieber, wenn man mir nachsagt, ich hätte eine ES (und die habe ich zufällig!), als wenn ich einfach nur als doof und gefräßig abqualifiziert werde.

Mir nicht - weil beides nicht auf mich zutrifft

Knallfrosch
21.03.2011, 11:54
Mir nicht - weil beides nicht auf mich zutrifft

Eben. Und wer sagt eigentlich, dass Dicke per se ein Problem haben müssen. Und ich stimme Martina zu, dass die Dicken oft ihr größter Feind sind. Das geht soweit, dass meine dicke Freundin keinen Mann will, der Rundungen mag.:eek:

Es sollte selbstverständlich sein, dass es kranke Dicke und gesunde Dicke gibt, normale (?) Dicke und merkwürdige Dicke, kluge und doofe, glückliche und unglückliche, dicke mit und ohne ES, Vater- oder Mutterkomplexe undsoweiterundsoweiter.

bobi
21.03.2011, 17:54
Ich möchte Euch Mut machen, Eure Träume zu leben. Man darf es nicht mit der Brechstange tun, aber wenn man erkennt, dass die Zeit für etwas da ist, weil sich alles wie von einer magischen Hand gelenkt, fügt, dann ergreift die Chance, auch wenn es vielleicht bedeutet, dass Ihr kurzfristig Eure Existenz auf's Spiel setzt, denn das habe ich definitiv getan. Vertraut Eurem Schicksal! Tut nichts, wovon Ihr nicht überzeugt seid, aber wenn Ihr von etwas überzeugt seid, dann lasst Euch nicht von Miesmachern davon abhalten. Horcht in Euch hinein und folgt dem, was Ihr dort hört.


Liebe Martina,
es hat gar nichts mit dem Thema hier zu tun (du kannst es gerne verschieben), aber ich muss dir einfach sagen wie wunderbar diese Ermutigung für mich ist. Ich steh grad zitternd vor der Schwelle und trau mich nicht drüber. Danke das du mich mit deinen Worten drüber trägst.

Liebe Grüße
Nicole

Martina
21.03.2011, 19:15
Liebe Nicole,

ich hoffe nur, dass ich Dich nicht in den OP trage. ;)

Liebe Grüße
Martina

bobi
21.03.2011, 21:58
Oh, auf was für Gedanken bringe ich da.:nee:

Nein um solche Dinge geht es gar nicht. Es geht darum, dass ich die Entfaltung meines Lebensentwurfs und damit meiner Persönlichkeit, seit langer Zeit schon blockiere, weil ich immer zweifle und den Zweiflern zuhöre und das Risiko scheue. Und derzeit vor der Schwelle stehe, darauf nun endlich zu vertrauen und die Entfaltung, wie auch immer sie aussehen mag, möglich zu machen. Genauer kann ich das leider nicht erklären, da es sehr komplex ist und ich es noch nicht wirklich in Worte fassen kann. Und es außerdem überhaupt nicht in diesen Thread gehört, weil es ein ganz anderes Thema ist.

Liebe Grüße
Nicole

Claudel112
23.03.2011, 09:50
Also bevor ihr mich kreuzigt, muss ich sagen ich haben die Beiträge zum Teil nur überflogen.
Ich bin eine operierte und kann nur sagen, das entweder vor der OP oder dnach eine Verhaltenstherapie empfohlen wird. Ich sag ja immer, man wird ja nicht am Kopf operiert.
Die KK gibt das ok zur OP nur wenn psychologische Gutachten vorliegen, das man eben nicht psychatrisch erkrankt ist. Ich musste sogar zwei vorlegen.
Die Leute die sich operieren lassen weil das all ihre Probleme lösen soll, sind meiner Mainung nach die absolute Ausnahme. Die personen die ich kennenlernen durft, habe sich doch sehr mit diesem Schritt auseinandergesetzt und das alles nicht einfach so entschieden.
LG
Claudel

Hummelchen
23.03.2011, 13:18
Also ich kenne zwei Frauen die die Genehmigung bekommen haben, obwohl bekannt war, dass sie an einer Essstörung leiden. Eine davon ist meine Freundin die momentan psychisch ein Wrack ist...Zugenommen hat sie inzwischen auch wieder