Sally
29.01.2006, 17:48
Zu dem Thema gab es am Wochenende einen ganzseitigen Bericht im Magazin der Frankfurter Rundschau (Deutschland-Ausgabe). Leider stehen die Artikel aus dem Magazin nicht online. Aus meinem Leserbrief lässt sich aber erkennen, wohin die Richtung ging.
N.b.: Dies ist keine Kritik an der Klinik an sich, sondern an diesem Zeitungsartikel. Die Klinik und ihre Methoden kenne ich zu wenig, um sie beurteilen zu können.
Artikel "du darfst" von Lena Rosenthal im FR-Magazin (Kinderseite "Magazinchen") am 28. Januar 2006
Sehr geehrte Damen und Herren,
unter der Überschrift „du darfst“ (die Herstellerfirma freut sich sicher über die kostenlose Werbung) berichten Sie von einer Kur für dicke Kinder in der Spessartklinik. Die Kinder sollen lernen, „wie man sich satt essen kann, ohne fett zu werden“.
Das Adjektiv „fett“ benutzen Sie sowohl in der Überschrift als auch schon in Hinweisen vorn auf dem Magazin und auf der FR-Titelseite. Halten Sie dieses Adjektiv für eine zutreffende Beschreibung, die man auch den Betroffenen gegenüber verwenden kann? Oder sollen Kinder (immerhin ist es ein Artikel auf der Kinderseite) und womöglich auch noch ihre Eltern sich in der richtigen Wortwahl bestätigt finden, wenn sie dicke Kinder als „fett“ titulieren? Meine Meinung ist, dass dieser Begriff überhaupt nicht für Menschen verwendet werden sollte, da er die gleiche Haltung – nämlich Verachtung – impliziert wie beispielsweise der Begriff „Zwerg“ für einen kleinen Menschen, „Schwuchtel“ für einen Homosexuellen oder „Nigger“ für einen dunkelhäutigen Menschen. Diese Meinung teilen im übrigen alle dicken Menschen, die ich kenne.
Das Mädchen Diana, immer schlank, hat vor zwei Jahren begonnen zuzunehmen. „Vielleicht aus Langeweile“ meint die Mutter lakonisch und setzt ihre Tochter einfach auf Diät. Hallo? Hat irgendjemand sich mal die Mühe gemacht nachzufragen, was vielleicht der Grund war für das „Zuviel“? Welche familiäre und/oder schulische und/oder emotionale Situation dahintersteckt? Nein. Mit dem Zählen von Fettpunkten wird sich das Problem ja schon lösen. Das ist ungefähr so effektiv als würde man einem Junkie täglich einen Vortrag über die Gefahren des Drogenmissbrauchs halten. Dabei pfeifen es bei vielen Psychologen bereits die Spatzen von den Dächern: Ernährungsberatung richtet bei Essstörungen nichts, aber auch gar nichts aus. Die Jo-Jo-Karriere ist vorprogrammiert. Dazu kommen Leid und Schuldgefühle.
Der Junge Mo hat, da steht es, immer Sport getrieben, hat sogar in einer Jugendmannschaft Football gespielt. Er hat vom Cortison zugenommen, ist aber ansonsten gesund. Hänseleien kennt er nicht, er hatte keine Probleme mit sich. Aber ihm wird so lange eingeredet, er werde krank, wenn er nicht abnimmt, bis er es schließlich selbst glaubt. 22 kg Gewichtsabnahme in 7 Wochen? Wie lange wird er wohl brauchen, bis er das – plus ein paar Bonuskilos – wieder drauf hat? Und mit steigendem Versagensbewusstsein dann auch endlich anfängt unglücklich zu werden?
Dazu zeigen Sie das Foto eines dicken Jungen in Sportkleidung. Daneben das Foto einer Paprikaschote sowie einer Handvoll Chips. Glauben Sie, die Welt ist so einfach? Paprikaschote statt Chips und schon sind alle schlank? Das kann nicht ihr Ernst sein.
Sie haben den Kindern mit diesen Beispielen und Ihrem Bericht einen Bärendienst erwiesen. Den schlanken Kindern, weil sie sich in ihrer (grundfalschen) Meinung bestätigt fühlen, Dicke seien nur zu doof, um das Richtige zu essen und zu faul, sich zu bewegen („manche geben sich beim Fangen-Spielen keine Mühe, denn wer gefangen wird, darf auf der Bank sitzen“). Und den dicken Kindern, weil sie sich als Versager fühlen müssen, die erst dann ein Recht auf Leben (hübsche Kleidung, Ausgehen, eine/n Freund/in haben) zu haben glauben, wenn sie schlank sind. Schaffen sie es nicht, sind sie selbst schuld und verdienen nichts Besseres als die vielbeschworenen „psychosozialen Probleme“ (was heißt das eigentlich? Diskriminierung, Ausgrenzung, Hohn, Spott, Mobbing? Wieso stellt solches Verhalten gegenüber anderen eigentlich keiner mal gründlich in Frage ... zum Beispiel auf der Kinderseite?).
Mit freundlichen Grüßen
N.b.: Dies ist keine Kritik an der Klinik an sich, sondern an diesem Zeitungsartikel. Die Klinik und ihre Methoden kenne ich zu wenig, um sie beurteilen zu können.
Artikel "du darfst" von Lena Rosenthal im FR-Magazin (Kinderseite "Magazinchen") am 28. Januar 2006
Sehr geehrte Damen und Herren,
unter der Überschrift „du darfst“ (die Herstellerfirma freut sich sicher über die kostenlose Werbung) berichten Sie von einer Kur für dicke Kinder in der Spessartklinik. Die Kinder sollen lernen, „wie man sich satt essen kann, ohne fett zu werden“.
Das Adjektiv „fett“ benutzen Sie sowohl in der Überschrift als auch schon in Hinweisen vorn auf dem Magazin und auf der FR-Titelseite. Halten Sie dieses Adjektiv für eine zutreffende Beschreibung, die man auch den Betroffenen gegenüber verwenden kann? Oder sollen Kinder (immerhin ist es ein Artikel auf der Kinderseite) und womöglich auch noch ihre Eltern sich in der richtigen Wortwahl bestätigt finden, wenn sie dicke Kinder als „fett“ titulieren? Meine Meinung ist, dass dieser Begriff überhaupt nicht für Menschen verwendet werden sollte, da er die gleiche Haltung – nämlich Verachtung – impliziert wie beispielsweise der Begriff „Zwerg“ für einen kleinen Menschen, „Schwuchtel“ für einen Homosexuellen oder „Nigger“ für einen dunkelhäutigen Menschen. Diese Meinung teilen im übrigen alle dicken Menschen, die ich kenne.
Das Mädchen Diana, immer schlank, hat vor zwei Jahren begonnen zuzunehmen. „Vielleicht aus Langeweile“ meint die Mutter lakonisch und setzt ihre Tochter einfach auf Diät. Hallo? Hat irgendjemand sich mal die Mühe gemacht nachzufragen, was vielleicht der Grund war für das „Zuviel“? Welche familiäre und/oder schulische und/oder emotionale Situation dahintersteckt? Nein. Mit dem Zählen von Fettpunkten wird sich das Problem ja schon lösen. Das ist ungefähr so effektiv als würde man einem Junkie täglich einen Vortrag über die Gefahren des Drogenmissbrauchs halten. Dabei pfeifen es bei vielen Psychologen bereits die Spatzen von den Dächern: Ernährungsberatung richtet bei Essstörungen nichts, aber auch gar nichts aus. Die Jo-Jo-Karriere ist vorprogrammiert. Dazu kommen Leid und Schuldgefühle.
Der Junge Mo hat, da steht es, immer Sport getrieben, hat sogar in einer Jugendmannschaft Football gespielt. Er hat vom Cortison zugenommen, ist aber ansonsten gesund. Hänseleien kennt er nicht, er hatte keine Probleme mit sich. Aber ihm wird so lange eingeredet, er werde krank, wenn er nicht abnimmt, bis er es schließlich selbst glaubt. 22 kg Gewichtsabnahme in 7 Wochen? Wie lange wird er wohl brauchen, bis er das – plus ein paar Bonuskilos – wieder drauf hat? Und mit steigendem Versagensbewusstsein dann auch endlich anfängt unglücklich zu werden?
Dazu zeigen Sie das Foto eines dicken Jungen in Sportkleidung. Daneben das Foto einer Paprikaschote sowie einer Handvoll Chips. Glauben Sie, die Welt ist so einfach? Paprikaschote statt Chips und schon sind alle schlank? Das kann nicht ihr Ernst sein.
Sie haben den Kindern mit diesen Beispielen und Ihrem Bericht einen Bärendienst erwiesen. Den schlanken Kindern, weil sie sich in ihrer (grundfalschen) Meinung bestätigt fühlen, Dicke seien nur zu doof, um das Richtige zu essen und zu faul, sich zu bewegen („manche geben sich beim Fangen-Spielen keine Mühe, denn wer gefangen wird, darf auf der Bank sitzen“). Und den dicken Kindern, weil sie sich als Versager fühlen müssen, die erst dann ein Recht auf Leben (hübsche Kleidung, Ausgehen, eine/n Freund/in haben) zu haben glauben, wenn sie schlank sind. Schaffen sie es nicht, sind sie selbst schuld und verdienen nichts Besseres als die vielbeschworenen „psychosozialen Probleme“ (was heißt das eigentlich? Diskriminierung, Ausgrenzung, Hohn, Spott, Mobbing? Wieso stellt solches Verhalten gegenüber anderen eigentlich keiner mal gründlich in Frage ... zum Beispiel auf der Kinderseite?).
Mit freundlichen Grüßen